In letzter Sekunde holt Darren Coogan den verletzten Fahrer aus dem brennenden Wrack

Amandeep Kaur warf ihrem Mann einen beschwörenden Blick zu, als das Telefon klingelte: Heute bitte nicht! In zwei Tagen wollten sie in ein größeres Haus umziehen, und alles war entweder bereits in Kisten verpackt oder musste noch verstaut werden. Gurjas, die zweijährige Tochter des Paares, rannte mit scheinbar unerschöpflicher Energie umher, und Sohn Meharvan war erst knapp zwei Wochen alt. Sie hatten schon mehr als genug zu tun. Es war kurz vor 22 Uhr am Samstag, dem 11. November 2006.

„Ich weiß, ich weiß“, seufzte Satwinder Singh Bajwa, während er in seine Arbeitskleidung schlüpfte. „Ich muss trotzdem hin.“ Der 28-jährige Lastwagenmechaniker und Pannenhelfer erhielt pro Woche bis zu 60 Anrufe. Dieser kam von einem Transporterfahrer, der etwa 45 Fahrminuten entfernt nach einem Defekt stehengeblieben war.

Der gebürtige Inder stieg in seinen weißen Ford-Lieferwagen mit dem großen Kastenaufsatz. Beladen mit Generatoren und Batterien sowie mit Behältern voller Diesel, Öl und Benzin, rollte der Wagen in Richtung Highway 407. Die gebührenpflichtige, sechsspurige Autobahn verläuft im Norden der kanadischen Metropole Toronto quer durch die Stadt.

Auf der 407 fuhr Bajwa dann in östlicher Richtung, wechselte auf die linke äußere Spur, überholte einen blauen VW Jetta und nahm dann das Tempo etwas zurück. Der Verkehr war nicht besonders dicht, die Straße war trocken, und die Temperatur lag über dem Gefrierpunkt: Mit ein bisschen Glück wäre er in etwa zwei Stunden wieder zu Hause.

Plötzlich nahm er auf der linken Seite eine Bewegung wahr. Ein Hirsch, der auf dem begrünten Mittelstreifen gestanden hatte, sprang plötzlich auf die Straße, direkt vor Bajwas Wagen. Er hatte keine Zeit zu bremsen; der Aufprall schleuderte seinen Lieferwagen nach rechts. Einige Fahrzeuglenker hinter ihm konnten im letzten Augenblick ausweichen. Der Wagen rutschte über drei Spuren hinweg über den Asphalt und krachte dann auf dem Seitenstreifen gegen einen Pfosten.

Im Laderaumdes Lieferwagens lösten sich Treibstoffkanister und Schweißgasflaschen aus ihrer Halterung. Bajwa flog der Turban vom Kopf, er verlor seinen rechten Schuh, Blut strömte aus einer Wunde an seinem Kopf. Durch seine Benommenheit hindurch spürte er einen brennenden Schmerz in der rechten Hüfte.

Die Stoßstange des Fahrzeugs hatte sich in den Beifahrersitz gebohrt, der Motorwar in den Innenraum gedrückt worden und klemmte den Fahrer ein. Im Wagen roch es nach Diesel, und die Tür ging nicht auf.

Durch einen etwa 20 Zentimeter breiten Spalt zwischen der oberen Türkante und dem Dach der völlig verbogenen Fahrzeugkabine versuchte Bajwa, sich nach draußen zu zwängen. Aber die Lücke war zu klein. Zu Bajwas Füßen züngelten Flammen. Die Ladung konnte jeden Augenblick explodieren.

Bajwa sah einen Mann heranrennen. „Holen Sie mich hier raus!“, schrie er. Beide Männer versuchten, die Tür zu öffnen, aber sie gab nicht nach. Der Helfer war Darren Coogan. Ähnlich wie Bajwa verdiente der 29-Jährige seinen Lebensunterhalt auf Torontos Straßennetz. Auch er war auf dem Weg zur Arbeit gewesen und hatte dabei unterwegs per Handy mit seiner Freundin Tracey telefoniert, als Bajwa seinen Jetta überholte.

Coogan fuhr ein paar Hundert Meter hinter Bajwa, als der Hirsch auf die Fahrbahn sprang. Er sah, wie sich einige Autos bei Ausweichmanövern auf der Straße drehten. Und als der weiße Kastenwagen gegen den Pfosten krachte, dachte er: „Der Fahrer ist mit Sicherheit tot.“ Eigentlich hätte Coogan gar nicht unterwegs sein sollen, aber er hatte eine zusätzliche Schicht – bei doppelter Bezahlung – angenommen, um Straßenmarkierungsarbeiten zu beaufsichtigen.

Leicht verdientes Geld, hatte er gedacht, vor allem, da Weihnachten nicht mehr weit war. Aber jetzt zögerte er keinen Augenblick. Das Schicksal hatte ihn wohl in diesem Augenblick hierher bestellt, und er wollte deshalb alles tun, um dem Verunglückten zu helfen.

Nachdem er die Notrufnummer gewählt und den Unfall gemeldet hatte, rannte er los und erreichte als Erster das Autowrack. Die Beifahrerseite war komplett eingedrückt, aber zu Coogans Verwunderung lebte der Fahrer. Durch den dichten Qualm hindurch konnte er einen blutenden Mann mit dunklem, schulterlangem Haar erkennen, der sich durch einen Spalt zu zwängen versuchte.

„Feuer!“, schrie Bajwa. Coogan hatte die Flammen auf der Beifahrerseite auch schon bemerkt. Inzwischen hielten weitere Autofahrer auf dem Seitenstreifen an, darunter auch ein Pannenhelfer. Aber die meisten blieben aus Angst vor einer Explosion dem Unfallfahrzeug fern. Nur einer, Steve Hudson, eilte Coogan zur Hilfe. „Laufen Sie zum Abschleppwagen und holen Sie mir ein Montiereisen oder so was!“, rief Coogan ihm zu.

Bajwa dachte, er würde gleich sterben. Seit er 1992 von Indien nach Kanada ausgewandert war, hatte er sich vom schüchternen Teenager zum zielstrebigen Unternehmer entwickelt. Während er als Sikh einerseits stolz auf seine Kultur und Religion war und stets seinen Turban, Armreif und zeremoniellen Dolch trug, hatte er andererseits auch all die Möglichkeiten bereitwillig angenommen, die ihm seine neue Heimat bot. Jetzt begann er um göttliche Eingebung zu beten, damit er dem Tod mit Mut und Würde begegnete, so wie es seine Religion lehrte.

Noch während Steve Hudson losrannte, erkannte Coogan, dass keine Zeit mehr war, um auf Werkzeug zu warten oder selbst danach zu suchen. Er musste versuchen, das Fenster mit dem Ellbogen einzuschlagen. Mit 1,70 Meter war Coogan zwar nicht gerade groß gewachsen, aber das Tragen von Presslufthämmern und anderem schweren Gerät hatte ihn stark gemacht. Die Mitte des Fensters befand sich in einer Höhe von knapp 1,70 Meter. Coogan, der neben dem Fahrzeug in einem Graben stand, musste also den Armweit nach oben recken, bevor er ausholen konnte.

Beim ersten Versuch prallte sein Ellbogen einfach zurück. Es war schwierig, aus dieser Position mit Wucht zuzuschlagen. Er versuchte es erneut, ohne Erfolg. Als die Flammen höher schlugen und der Rauch dichter wurde, fürchtete Coogan, er würde es nicht schaffen. Er biss die Zähne zusammen, holte tief Luft und schlug dann ein drittes Mal mit aller Kraft zu. Das Fenster zerbarst in einem Schauer aus Glassplittern. Coogan packte Bajwa mit beiden Armen, stemmte die Beine gegen die Tür und zog aus Leibeskräften.

Die Schmerzen in seiner gebrochenen Hüfte ließen Bajwa aufschreien, aber endlich war er draußen. Die beiden Männer fielen zu Boden. Coogan zog Bajwa ein Stück den Abhang hinauf, dann erschien Hudson und half ihm. Innerhalb von nur einer Minute stand der Lieferwagen in Flammen, und kurz darauf explodierten die Kanister im Wagen. Ganz und gar nicht wie im Film, dachte Coogan; es war eher ein dumpfer Knall.

Coogan schaffte es an diesem Abend nicht mehr zur Arbeit. Mit einem großen Bluterguss am Ellbogen kehrte er nach Hause zurück. „Ich konnte eine Woche lang nicht schlafen“, sagte er drei Monate später, als er selbst, seine Eltern, seine Freundin Tracey und deren Sohn sich zu einem Wiedersehen im neuen Heim von Bajwas Familie trafen, wo Bajwas Frau Amandeep ihnen ein Currygericht servierte.

„Das ganze Ereignis lief immer und immer wieder vor meinem geistigen Auge ab“, erklärte Coogan. „Ich musste mir vom Arzt Schlaftabletten verschreiben lassen, so schwirrte mir der Kopf.“ Bajwa und Coogan sind Freunde geworden und haben gemeinsam den Schrottplatz besucht, wo Coogan Bajwa half, möglichst viel von seinem Werkzeug zu retten. Ein paar Fotos von dem Autowrack haben sie auch gemacht. Wenige Wochen nach dem Unfall wurde Coogan in den Tempel von Bajwas Gemeinde eingeladen und dort wurde er für seine Tapferkeit geehrt.

„Er war mein Schutzengel“, sagt Bajwa, während er indisches Fladenbrot herumreicht. Amandeep läuft derweil hinter ihrem Töchterchen her, das in der Küche herumwirbelt, während ihr kleiner Bruder in den Armen seiner Tante schläft. Bajwa, dessen einzige größere Verletzung die gebrochene Hüfte war, verbrachte drei Tage im Krankenhaus und erholte sich danach acht Wochen lang zu Hause. Jetzt hinkt er kaum noch und schaut sich immer wieder die Bilder des brennenden Fahrzeugs an, die Coogan damals in der Novembernacht mit seinem Handy gemacht hat.

In der Einfahrt parkt ein nagelneuer weißer Lieferwagen; Satwinder Singh Bajwa hat seine Arbeit wiederaufgenommen. „Darren hat mir das Leben gerettet“, sagt er. „Jetzt weiß ich, dass meine Zeit noch nicht gekommen war. Es war ein Zeichen, um den Wert des Lebens zu erkennen.“

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