Wenn mir jemand erzählt hätte, ich könnte nach 28 Ehejahren meinen schnarchenden, übergewichtigen und gesundheitlich angeschlagenen Mann gegen einen jünger aussehenden, schlanken und gesunden „Nichtschnarcher“ eintauschen, hätte ich geantwortet: „Führ mich nicht in Versuchung.“ Das blieb mir erspart, denn eines Morgens wachte mein Mann auf und entschied, dass es Zeit war, etwas gegen sein Übergewicht und für seine Gesundheit zu tun.
Terry liebt das Essen, wie die meisten Männer. Für ihn ist jedes Essen und jeder Wein ein Genuss. Das hinterließ Spuren. Sein Kampfgewicht
stieg auf 116 Kilogramm, außerdem waren seine Cholesterin- und Blutdruckwerte erhöht. Das war ein heilsamer Schock, den er brauchte, um aktiv zu werden. Und er packte es an.
Terry ist Schriftsteller, genauer gesagt Restaurantkritiker, und Essen ist sein Lebensinhalt. Er ist der hungrigste Mann, der mir je begegnet ist. Wir haben uns kennengelernt, als wir beide als Werbetexter arbeiteten und er mich zu einem Mittagessen einlud, das sich bis Mitternacht hinzog. Gemeinsam lernten wir alles über Essen und Trinken, Köche und Kochen, Einkaufen und Wein. Als Restaurantkritiker, Kochbuchautoren und Journalisten wurden wir die ultimativen Gourmets der 80er- Jahre. Parallel zu unserem Wissen steigerte sich unser Gewicht.
Im Jahr 2000 zogen wir von Sydney nach London, wo ich bei der Times eine Stellung als Redakteurin für das Ressort Kochen antrat. Die Auswirkungen ließen nicht lange auf sich warten: In kälteren Klimazonen isst man nicht nur mehr, sondern auch reichhaltigere Nahrung. Mein Mann und ich waren zusammen dick geworden, nun wollten wir auch zusammen fit und gesund werden.
Für uns als Gourmets war es undenkbar, plötzlich auf körnigen Frischkäse umzusteigen. Das Wort "Diät" war bei uns tabu. Wir sprachen ganz positiv davon, fit und gesund zu werden, statt negativ ans Abnehmen zu denken. Das brachte die Wende. Das Gefühl der Entbehrung oder des ständigen Kalorienzählens kam gar nicht erst auf, was uns half, uns gesünder zu ernähren.
Wir entwarfen einen Plan – keine Diät, bei der wir das Gefühl hatten, uns fehle etwas. Das bedeutete, wir fingen an, "leichter" zu essen. Wir nahmen weniger Schweinefleisch, rotes Fleisch und fertig gegartes Fleisch zu uns und aßen stattdessen mehr Fisch, Geflügel und Gemüse. Mein Mann schränkte seinen Bierkonsum ein und trank nur noch eines zum Abendessen.
Wir fingen an, im Winter Haferbrei und im Sommer Birchermüsli zum Frühstück zu essen, denn beides setzt die aufgenommene Energie nur langsam frei. Wir lernten, Nahrungsmittel auszuwählen, die gesund sind, und nicht solche, die angeblich die Gewichtsabnahme fördern. Wir entschieden uns, dass Tee, Kaffee, Rotwein und dunkle Schokolade in Maßen gut für uns waren – weil wir einfach nicht ganz darauf verzichten konnten. Baguette und geschnittenes Weißbrot dagegen wurden durch Natursauerteig- und dunkles Roggenbrot ersetzt, was sowohl das Essen als auch die Verdauung verlangsamt.
Nach und nach stellte ich meine Küche um: von großen Fleischportionen und kohlenhydratreichen Nudeln und Kartoffeln auf leichtere Fischgerichte, Getreideprodukte, Suppen, Salate, Obst und Gemüse. Für zwischendurch gab es frisches und getrocknetes Obst sowie Nüsse.
Als Köchin und Schriftstellerin stellte ich fest, dass unsere neue Lebensweise mich nicht einschränkte. Im Gegenteil, sie lehrte mich eine natürlichere und kreativere Kochkunst. Denn ich musste herausfinden, wie ich Gerichten eine cremige Note verlieh, ohne Sahne zu verwenden, und wie Speisen knusprig werden, ohne sie zu frittieren. Ich habe vielerlei Tricks gelernt, zum Beispiel, wie aus Bananen
wundervoll cremiges Eis wird ohne Sahne, Eier oder Zucker oder wie man beim Braten mit weniger Öl auskommt (Öl in eine Spritzflasche umfüllen und immer zuerst die Pfanne heiß werden lassen).
Ich habe Berichte moderner Ernährungswissenschaftler gelesen, das meiste davon ignoriert und nur das übernommen, was mir passend erschien. Dazu gehört zum Beispiel, sich zu 80 Prozent vernünftig und zu 20 Prozent unvernünftig zu ernähren. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass ich Nahrungsmittel meiden soll, die im Supermarkt als „fettreduziert“ angepriesen werden. Sie enthalten meistens künstliche Süßstoffe und Geschmacksverstärker, damit sie nach etwas schmecken. Nüsse, ölhaltige Fischsorten und Avocados dagegen sind zwar fetthaltiger, aber ihre Fette sind gesund, denn sie fördern die Aufnahme anderer gesunder Nährstoffe. Der Körper braucht Fett, um diese wertvollen Stoffe zu erschließen.
Ich habe gelernt, weniger zu kochen, damit nicht so viel übrig bleibt. Außerdem haben wir das Essen bei Tisch durch eine einfache Regel „entschleunigt“: Solange der Mund voll ist, greifen wir nicht nach demnächsten Bissen auf dem Teller. Das gibt dem Gehirn genügend Zeit, um dem Körper mitzuteilen: „Ich bin satt.“
Deshalb essen wir nach dem Hauptgericht meist einen schön angerichteten grünen Salat. Auch das verlangsamt die Nahrungsaufnahme und hat häufig den Effekt, dass wir uns kein zweites Mal bedienen. Natürlich geht es nicht nur ums Essen. Auch der Alkohol spielt eine Rolle. Terry trank zu jeder Gelegenheit Bier, zum Mittag- und zum Abendessen Wein und die Reste zwischendurch. Ich trank gern einen Cocktail und ging dann zum Pinot Noir über.
Für meinen Mann war es ein enormer Fortschritt, als er den Alkohol auf einen Aperitif nach der Arbeit und auf ein Glas Wein zum Abendessen beschränkte. Die Wirkung blieb nicht aus. Innerhalb von zwei Jahren nahm Terry 38 Kilogramm ab. Er schnallte seinen Gürtel erst ein Loch enger, dann zwei, dann drei – dann brauchte er einen neuen Gürtel. Sein Arzt überwachte seine Cholesterin-, Blutdruckund Harnsäurewerte und sah dabei so zufrieden aus, als hätte er die Leistung selbst vollbracht.
Mein Gewicht pendelte sich schon bald beim einem Normalwert ein, und meine frühere Energie kehrte zurück. Mit der Zeit aßen wir weniger, tranken mehr Wasser und genossen unser Leben intensiver. Es war sehr angenehm, morgens zu wissen, dass nicht die Waage meine Laune für den Tag bestimmen würde.
Da sich unsere Essgewohnheiten und Vorlieben nach und nach geändert haben und wir Zeit hatten, unsere schlechten Gewohnheiten durch gute zu ersetzen, ist die Gefahr eines Rückfalls gering.
Früher hat sich Terry immer ein belegtes Brot gemacht, sobald er unter Stress stand oder deprimiert war – selbst nach einer ausgiebigen Mahlzeit oder einem Testessen im Restaurant. Heute hat er nachmittags Appetit auf einen knackigen Apfel und macht gern lange Spaziergänge. Wir schlafen inzwischen auch viel besser, besonders seit Terry nicht mehr schnarcht.
Ich versichere Ihnen: Wenn wir als "leidenschaftliche Esser" mit unserer anhaltenden Vorliebe für Wein es geschafft haben, dann kann es jeder schaffen. Der Trick besteht darin, niemals das Gefühl zu haben, man mache eine Diät. Terrys Kommentar dazu lautet: „Ich habe festgestellt, dass, seit ich mich gesund ernähre, für das ungesunde Zeug kein Platz mehr ist.“
Unsere Liebe zum Essen, die uns ursprünglich unser Übergewicht eingetragen hat, sollte sich als unsere Rettung erweisen. Wir mögen heute das, was uns guttut, und nicht mehr das, was uns schadet.
Ich bin jetzt davon überzeugt, dass Menschen mit einer Vorliebe für gutes Essen bessere Aussichten auf ein langes, gesundes Leben haben. Sie können wirklich kochen, die Vielfalt der Jahreszeiten spiegelt sich in ihrem Speiseplan, und sie geben sich große Mühe beim Vorbereiten der Speisen. Mein neuer Ehemann liebt gutes Essen genauso, wie es der alte tat – und mit ein bisschen Glück bleibt der neue Mann noch lange an meiner Seite.