Kein Mitläufer
Rockstar Jon Bon Jovi über Politik, Courage und den Sinn von Kopfhautmassagen
Von Marcel Anders
Reader’s Digest: Eigentlich wollten Sie 2009 eine längere Pause einlegen. Warum liegt jetzt mit „The Circle“ ein komplettes neues Album vor?
Jon Bon Jovi: Weil ich ein Lügner bin. (lacht) Aber es stimmt: Wir wollten dieses Jahr nur zwei oder drei Stücke für eine „Greatest Hits“-Scheibe aufnehmen. Aber dann hat sich im letzten Oktober die wirtschaftliche Situation der Welt verändert, und im November wurde in den USA ein neuer Präsident gewählt. Also eine Menge interessanter Stoff, sodass wir plötzlich nicht genug Songs schreiben konnten. Ehe wir uns versahen, hatten wir Stücke für ein komplettes neues Album.
RD: Das ganz anders klingt als Ihre Veröffentlichungen der letzten 20 Jahre. Allein wegen der sphärischen Gitarrensounds, die man eher mit Bands wie Coldplay assoziieren würde.
JBJ: Aber gleichzeitig sind da immer noch Hymnen wie We Weren’t Born To Follow – also wenn das nicht nach Bon Jovi klingt! Wobei ich ein richtiges Rock-Album aufnehmen wollte, mit Texten, die sich damit befassen, dass es plötzlich nicht mehr so wichtig ist, immer größer und reicher zu werden, immer nur an sich zu denken. Nach acht Jahren Bush glauben die USA endlich wieder an Veränderungen und sind bereit, sich auf die Ideen eines neuen Präsidenten einzulassen.
RD: Ist die Euphorie, die Obama zu Beginn seiner Amtszeit ausgelöst hat, denn immer noch dieselbe?
JBJ: Sie ist definitiv nicht mehr so groß wie im November letzten Jahres. Was mich persönlich sehr enttäuscht. Denn es gibt Menschen, die auf der anderen Seite des politischen Zauns stehen und genau wissen, wie sie die Angst in den Köpfen ihrer Landsleute schüren können, die nicht mit der Materie vertraut sind. Die können sie über die Medien ganz leicht beeinflussen.
RD: Nennen Sie doch mal ein Beispiel.
JBJ: Die Gesundheitsreform, die der Präsident gerade durchzusetzen versucht. Millionen von Menschen in den USA sind nicht krankenversichert. Aber natürlich gibt es Interessengruppen, die gutes Geld im (bestehenden; Anmerkung der Redaktion) Gesundheitsmarkt verdienen: Hersteller von Medikamenten, Ärzte und Versicherungen. Was ja legitim ist. Was ich nicht akzeptiere, sind Lügen wie: „In Kanada oder Großbritannien funktioniert das auch nicht.“ Und noch schlimmer ist der Blödsinn, den manche Medien verbreiten. Die gehen soweit, zu behaupten, Obama wolle die ältere Bevölkerung im Land loswerden – in Anlehnung an das Euthanasie-Konzept im Dritten Reich, nach dem angeblich „unwertes“ Leben getötet werden sollte. Es gibt nicht wenige Amerikaner, die ernsthaft glauben, der Präsident hätte genau das vor.
RD: Wäre es Hillary Clinton, die Sie im Wahlkampf unterstützt haben, ebenso ergangen?
JBJ: Aber natürlich! Jeder hätte dasselbe Problem gehabt. Und würde jetzt ein Republikaner im Weißen Haus sitzen, wäre die Linke genauso ausgerastet. Und das ist das Problem mit der Politik: Wir haben diese Hemmschwelle verloren, die es noch gab, als Kennedy im Amt war. Als man dem Präsidenten Respekt entgegenbrachte – selbst, wenn man seine Meinung nicht teilte. Inzwischen sind wir an einem Punkt, wo auf allem herumgehackt wird, was Clinton, Bush jr. oder Obama machen. Wir haben alle Hochachtung vor dem Amt verloren, und viele meinen, sie müssten in irgendwelchen Internet-Blogs Kommentare über die Kleidung, die Frisur oder was auch immer des Präsidenten abgeben. Das ist doch verrückt.
RD: Was thematisiert Ihre neue Single „We Weren’t Born To Follow?“
JBJ: Sie bezieht sich auf Ereignisse wie die Wiederwahl von Mahmud Ahmadinedschad im Iran. Der Song soll den Menschen Mut machen, die sich engagieren. Menschen wie die junge iranische Demonstrantin Neda, die (im Juni 2009) für ihre Überzeugung gestorben ist. Sie war keine Mitläuferin, sondern eine Anführerpersönlichkeit.
RD: Hätten die USA im Iran einmarschieren sollen?
JBJ: Sie haben es bislang nicht getan, und hoffentlich bleibt es auch dabei. Es ist wichtig, die Kulturen, die Regierungen und auch den Glauben anderer Länder zu respektieren. Und bei Typen wie Ahmadinedschad sollte man besonders vorsichtig sein, nur einen Schritt nach dem anderen machen.
RD: Sollten Politiker und Militärs vielleicht ein bisschen mehr reisen – zumindest einen Bruchteil von Ihrem Pensum?
JBJ: (lacht) Das stimmt natürlich. Gott, stell dir vor: Nicht einmal ein Drittel aller Amerikaner hat einen Reisepass. Während wir als Band in den letzten 26 Jahren an so viele unterschiedliche Orte gereist sind, wie wir konnten. Wir sind ja quasi als Botschafter der amerikanischen Popkultur unterwegs. Und das bereits seit den Zeiten der Mauer und des Kalten Kriegs. Damals traten wir schon in den Ostblockländern auf und haben dort die Popkultur vertreten.
RD: Könnten Sie sich vorstellen, in die Politik zu wechseln?
JBJ: Machen Sie Witze? Dafür ist meine Haut zu dünn!
RD: Also beschränken Sie sich auf das, was Sie seit 26 Jahren tun – einer weltweit erfolgreichen Band vorzustehen?
JBJ: Genau. Denn es ist schwer, in so eine Band reinzukommen – und noch schwerer, sie zu verlassen. Ich habe mehr Zeit meines Lebens mit diesen Jungs verbracht als mit meiner Frau und meinen Kindern.
RD: Die Band, eine Art Ehe ohne Sex?
JBJ: (kichert) Ja, sie ist deine Familie, dein Ehepartner. Und das ist gut so.
RD: Fragen Sie sich manchmal, wie lange Sie den Job noch machen können?
JBJ: Ich habe nicht vor, der nächste Mick Jagger zu werden und das noch mit Ende 60 zu machen. Aber momentan sehe ich keinen Grund aufzuhören.
RD: Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?
JBJ: Es fällt mir schwer zu glauben, dass ich schon 47 bin – weil ich mich immer noch fühle, als ob ich 18 wäre. Aber ich bin mir sicher, dass es vielen Männern meines Alters so geht.
RD: Und wie viele Männer Ihres Alters haben Sie Haarprobleme. Die britische Boulevardpresse berichtet von Kopfhautmassagen, mit denen Sie Ihre Sturmfrisur konservieren. Stimmt das?
JBJ: Ich wollte, das wäre so. Aber meiner Frau brauche ich damit nicht zu kommen, und mir von einem jungen Ding die Kopfhaut massieren zu lassen, wäre mir peinlich. Zumindest habe ich meine Haare noch. Sie werden lediglich grau. Das kommt durch den vielen Stress.
RD: Wobei Sie ja scheinbar gar nicht genug machen können. Haben Sie einen solchen Geltungsdrang?
JBJ: Vielleicht liegt es wirklich daran. Auf jeden Fall habe ich mich nie auf meinem Erfolg ausgeruht. Er motiviert mich vielmehr, neue Herausforderungen zu finden.
RD: Wobei es zumindest ein Feld gibt, auf dem Sie Ihr persönliches Waterloo erlebt haben: die Schauspielerei.
JBJ: Damit bin ich fertig. Ich bewundere diese Kunstform zu sehr, um noch Filme zu drehen, die niemand ansieht.
RD: Und wie denken Sie heute über Ihren allerersten Job als Schuhverkäufer? Ist er Ihnen peinlich?
RD: Waren Sie denn ein guter Verkäufer?
JBJ: Eher ein schrecklicher! Ich habe die meiste Zeit damit verbracht, Schachteln in Regale zu stapeln und die Toilette zu reinigen. Aber die Momente, in denen ich vor irgendwelchen hübschen Frauen gekniet bin, waren schon etwas Besonderes!
Jon Bon Jovi lebt mit seiner Frau Dorothea in New Jersey, USA. Das Paar hat drei Söhne und eine Tochter. Ab Frühjahr 2010 ist der 47-Jährige mit seiner Band Bon Jovi und ihrem neuen Album „The Circle“ auf Welttournee.
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1 Kommentare |
| on 07 February 2010 ,12:03 |
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