Ernährung


Home / Gesundheit / Ernährung

Auszeit für Körper und Seele: So fasten Sie richtig
© Getty Images
Aus der
aktuellen
Ausgabe

ErnährungGesundheit

Auszeit für Körper und Seele: So fasten Sie richtig

Nehmen Sie sich eine Auszeit vom Essen – Ihrem Körper und Ihrer Seele zuliebe. Was es bringt und worauf Sie achten sollten, finden Sie hier...

Ausgabe: Februar 2017 Autor: Anke Nolte

Das erste Mal fastete Birgit Blumenschein (48) aus Neugier. Die Diätassistentin mit eigener Praxis in Münster wollte wissen, wie ihr selbst eine Auszeit vom Essen bekommt. Der Selbstversuch vor 16 Jahren war ein voller Erfolg: Mittlerweile plant sie dreimal im Jahr eine Fastenwoche ein. „Das macht mich jedes Mal körperlich und geistig richtig fit. Meine Gelenke werden beweglicher, und ich fühle mich glasklar im Kopf“, berichtet sie.

Der zeitweilige Verzicht auf Nahrung hat eine lange Tradition – und liegt heute wieder im Trend. Gerade in den ersten Monaten des Jahres haben viele Menschen das Bedürfnis nach einem inneren Großreine­machen: Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2014 erwog rund jeder Zehnte in Deutschland, sich von Aschermittwoch bis Ostern – also während der traditionellen christlichen Fastenzeit – im Nahrungsverzicht zu üben. Oder zumindest Alkohol oder Süßigkeiten wegzulassen. Mancher nannte dafür religiöse Motive, rund die Hälfte der Befragten aber wollte vor allem dem Körper etwas Gutes tun.

Ständiges essen hat die Natur nicht vorgesehen

In den westlichen Gesellschaften ist die Versuchung groß, von morgens bis abends zu essen. „Doch um den Körper zu entlasten, ist es wichtig, ab und zu Nahrungspausen einzulegen“, erklärt Professor Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus und Professor für klinische Naturheilkunde an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Sich ständig Nahrung zuzuführen ist von der Evolution auch gar nicht vorgesehen.“ Schließlich hing es früher vor allem von der Jahreszeit ab, wie viel Nahrung zur Verfügung stand. Im Winter war sie naturgemäß be­sonders knapp.

Verzicht auf Nahrung beugt Krankheiten vor

Regelmäßig zu diesem Rhythmus aus Fülle und Mangel zurückzukehren, scheint gesund zu sein. „Immer mehr Studien belegen, dass Fasten einer ganzen Reihe von Krankheiten wirksam vorbeugen und sie auch gut bekämpfen kann“, sagt Michalsen. Die Fastentherapie-Leitlinien der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung nennen mehr als 40 Indikationen: darunter Diabetes Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Herzschwäche, Arterienverkalkung (Arteriosklerose), Arthrose oder Rheuma, auch Schmerzsyndrome, Hauterkrankungen und Allergien. Neue Studien legen sogar nahe, dass selbst Krebspatienten profitieren könnten. In einer Studie vertrugen die Probanden nach zweitägigem Fasten die Chemotherapie besser.

Auch die Seele profitiert

Die Auszeit vom Essen hat nicht nur körperliche Auswirkungen. „Durch das Fasten hellt sich meistens die Stimmung auf“, berichtet Michalsen. „Es werden zum Beispiel vermehrt sogenannte Glückshormone ausgeschüttet.“ Die einen fühlen sich konzentrierter und klarer. Andere erfahren regelrechte Hochgefühle. Kein Wunder, dass Ärzte mittlerweile Fasten auch zur Behandlung von leichten Depressionen und Burnout einsetzen. Hinzu kommt: Vielen fällt es nach einer Fastenkur leichter, sich gesünder zu ernähren und sich mehr zu bewegen. „Es steigt die Motivation, Veränderungen in Angriff zu nehmen“, betont Michalsen. „Weil die Ernährungs­gewohnheiten durchbrochen werden, sich Krankheitssymptome während des Fastens schnell bessern und die Pfunde schmelzen.“

Streitpunkt Entschlackung

Positive Studienergebnisse und klinische Erfahrungen haben dafür gesorgt, dass das naturheilkundliche Verfahren auch in der etablierten Ernährungsmedizin immer mehr Anerkennung findet. Umstritten allerdings ist die Vorstellung, sich mit dem Fasten zu „entschlacken“, also von Altlasten im Körper zu befreien. Kritiker bestreiten, dass sich im Körper „Schlacken“ ansammeln wie Verbrennungsrückstände in einem Ofenrohr. „Richtig ist: Schlacken in diesem Sinne gibt es im Körper nicht“, sagt Dr. Michael Boschmann, Stoffwechselexperte am Experimental & Clinical Research Center, einer Forschungseinrichtung in Berlin. „Richtig ist aber auch: Fasten führt zu einer Reihe positiver Veränderungen im Stoffwechsel.“ Das fängt mit Fetten und Zucker im Blut an – erhöhte Werte lassen sich durch einen Nahrungsverzicht regulieren. Dazu kommt: „Schädliche Zucker-Eiweiß-Verbindungen im Blut, sogenannte AGEs, werden mit dem Fasten verstärkt ausgeschieden. Sie stehen im Verdacht, Arterienverkalkung und Alterungsprozesse zu beschleunigen“, berichtet Boschmann. Und der Körper zapft während des Fastens vor allem seine Fettreserven an. „Das Fettgewebe ist das größte hormonbildende Organ im Körper – und die Hormone, die es produziert, haben fast nur negative Effekte“, erläutert der Experte. „Sie können die Entstehung von Bluthochdruck begünstigen und die Ausbildung von Diabetes fördern.“

Es gibt viele Formen des Fastens

Heilfasten nach Buchinger, die Schrothkur, die auf den Fuhrmann Johann Schroth zurückgeht, und Fasten nach dem österreichischen Arzt F. X. Mayr – das sind die beliebtesten traditionellen Fastenformen in Deutschland. Gemeinsam ist ihnen, dass es sich jeweils nicht um eine Nulldiät handelt. Während beim Buchinger-Fasten die Patienten ausschließlich flüssige Nahrung in Form von Gemüsebrühe, Obst- und Gemüsesuppen sowie etwas Honig zu sich nehmen, folgt bei Mayr nach einer Phase nur mit Tee und Wasser eine Semmel-Milch-Diät. Die Schrothkur setzt auf eine reizarme Kost mit gedünstetem Gemüse und Obst, Reis, Graupen, Hafer und Grieß.

„Dadurch, dass die Fastenden eine kleine Menge Kalorien zu sich nehmen, soll verhindert werden, dass zuviel Muskeleiweiß abgebaut wird“, erklärt Professor Michalsen aus Berlin. Denn der Körper plündert auf der Suche nach Energie zwar hauptsächlich Fettdepots, bedient sich bei Nahrungsmangel aber auch am Muskeleiweiß. Eine geringe Menge zu essen, kann zudem typischen Fastenbeschwerden wie Müdigkeit, Kopfschmerzen und Kreislaufproblemen vorbeugen.

Die Fasten-Methode ist vor allem Geschmackssache

Experten zufolge ist die Wahl der Methode reine Geschmackssache – und auch davon abhängig, wie gut einem das Begleitprogramm zusagt. Bei der Schrothkur haben Manfred Heide* aus Berlin zum Beispiel die nächtlichen Packungen gestört: feuchte Wickel, die den Körper beim Entschlacken unterstützen sollen. Fasten nach Mayr sagt dem 62-jährigen Selbstständigen viel mehr zu. Bereits viermal hat er sich auf Rügen einer zweiwöchigen Kur nach dieser Methode unterzogen. Die zugehörigen Bauchmassagen stören ihn nicht. Im Gegenteil: Sie haben ihm gutgetan. Die Tee-Wasser-Phase, die das Fasten einleitet, macht ihn zwar jedes Mal sehr müde. Das legt sich aber, wenn er dann altbackene Dinkelfladen mit Schafsjoghurt kauen darf, eine Abwandlung der ursprünglichen Brötchen mit Milch. Mit den Erfolgen der Kur ist Heide sehr zufrieden. „Meine Zucker-, Cholesterin- und Harn­säurewerte haben sich deutlich verbessert, mein Blutdruck ist ge­sunken und ich habe ein paar Kilos ver­loren“, erzählt er.

Fasten ist mehr als Verzicht auf Nahrung

Die positiven Ergebnisse des Fastens sind den Experten zufolge nicht nur auf den Nahrungsverzicht zurück­zuführen, sondern auch auf das Begleitprogramm in vielen Fastenkliniken: Gymnastik, Wanderungen, Massagen, Bäder, Meditation, Entspannungsmethoden, Coaching und psychotherapeutische Angebote ergänzen das Fasten. „Das Heilfasten setzt einen tief greifenden Prozess in Gang, bei dem sich nicht nur der Körper umstellt, sondern sich auch das Bewusstsein erweitert“, meint Dr. Françoise Wilhelmi de Toledo, die zusammen mit ihrem Mann die Klinik Buchinger Wilhelmi in Überlingen am Bodensee leitet. Ihr Mann ist ein Enkel des Arztes Dr. Otto Buchinger, der 1935 den Begriff des „Heilfastens“ prägte.

Nicht jeder, der fasten möchte, will dazu gleich in eine Klinik

Auch zu Hause können Sie sich ein paar Tage eine Auszeit vom Essen nehmen. Allerdings: Leiden Sie an einer körperlichen oder psychischen Erkrankung, sollten Sie dies nicht ohne ärztliche Begleitung tun. Denn die Wirkung von Medikamenten kann sich durch die Umstellung des Stoffwechsels beim Nahrungsverzicht enorm abschwächen oder verstärken, sodass ein möglichst fasten­erfahrener Arzt die Dosis anpassen muss. Aber auch gesunden Menschen empfiehlt Diätassistentin Blumenschein, sich vorher beim Hausarzt untersuchen zu lassen. Auch beim Fasten in den eigenen vier Wänden geht es nicht nur darum, auf Essen zu verzichten. „Die positiven Wirkungen können sich nur entfalten, wenn Sie für Entschleunigung und ein gesundes Gleichgewicht von Ruhe und Bewegung sorgen“, betont Blumenschein. Langsam einsteigen – achtsam aussteigen Steigen Sie langsam ins Fasten ein, am besten mit einem oder zwei Entlastungstagen.

Länger als eine Woche sollten Sie zu Hause nicht auf Nahrung verzichten

Nach dem Fasten ist langsamer Kostaufbau die Devise. Dafür sollten Sie sich bis zu drei Tage Zeit nehmen und dabei auf eine Ernährung mit viel Ballaststoffen und wenig tierischen Fetten achten. Wer zu schnell wieder zu großen Portionen greift, riskiert Übelkeit, gar Erbrechen. Eine Alternative zum einwöchigen Nahrungsverzicht ist das sogenannte intermittierende Fasten: Dabei wird an ein bis zwei Tagen in der Woche nichts gegessen. Über längere Zeit durchgehalten, zeigt diese Methode dieselben positiven Wirkungen wie herkömmliche Fastenarten. Das belegen Studien. Wer den Nahrungsverzicht ausprobieren will, hat die Qual der Wahl: Reisfasten, Getreidefasten, Eiweißfasten, Kartoffelfasten, Saftfasten, Heilfasten nach Schroth, Mayr, Buchinger. Die experimentierfreudige Ernährungsfachfrau Birgit Blumenschein hat viele Formen ausprobiert und sich schließlich für das Getreidefasten entschieden. Dreimal im Jahr folgen heute bei ihr nach einem Dinkel-, je ein Hirse-, Reis-, Hafer- und ein gemischter Getreidetag. Birgit Blumenschein: „Letztlich muss jeder seine individuelle Fastenform finden.“

*Name von der Redaktion geändert

 

Lesen Sie hier: 

Gesundes Fasten - mit diesen sieben Tipps funktioniert das

Reader's Digest-Podcast anhören: So fasten Sie richtig! – Eine Kur für Körper und Seele

 

 


RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader's Digest Österreich:
Verlag Das Beste Ges.m.b.H.
Singerstraße 8/4b
A-1010 Wien