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Leg Dich nie mit Islands Elfen an!
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Leg Dich nie mit Islands Elfen an!

Fjorde, Lavafelder, Vulkane und das unsichtbares Volk der Elfen: Willkommen in Island! Dort ist der Glaube an ein Elfenreich stark verhaftet. Für die unsichtbaren Zauberwesen werden sogar Straßen versetzt.

Ausgabe: Januar 2017 Autor: William Ecenbarger

Kopavogur ist eine Kleinstadt südlich der isländischen Hauptstadt Reykjavik. In einem Wohngebiet macht eine Straße eine abrupte Kurve und verengt sich plötzlich. So führt sie um einen mit Felsen übersäten Hügel herum. Die Straßenführung erscheint merkwürdig, aber für die Anwohner ist der Grund absolut nachvollziehbar – in den Felsen leben Elfen.

Haben Elfen sogar Bau-Vorhaben sabotiert?

In den 1970er-Jahren verzweifelten die Straßenbauer in Kopavogur, weil es ständig zu Unfällen kam oder Gerätschaften den Geist aufgaben. Elfen seien für die Probleme verantwortlich, sagten die Anwohner, aber die Bauunternehmer wollten nichts davon hören und setzten ihre Arbeit fort. Weitere Gerätschaften gingen zu Bruch. Schließlich gaben die Straßenbauer auf und führten die Straße um den Hügel herum. In Island gibt es zahlreiche Orte dieser Art – Häuser mit versetzten Wänden, Wege, die sich plötzlich verengen, Straßen, die sich scheinbar grundlos gabeln. All dies dient dazu, es sich mit den isländischen Elfen und dem Huldufólk (dem „unsichtbaren Volk“) nicht zu verderben.

Isländer leben in einer Landschaft wie aus einer Fantasiewelt – tosende Wasserfälle, tiefe Fjorde, moosbedeckte Lavafelder, Gletscher, aktive Vulkane, brodelnde Geysire und steile Klippen.

Diese surreal wirkende Umgebung ist ein fruchtbarer Boden für das Übernatürliche, und von Generation zu Generation werden die Geschichten über Elfen weitergegeben. Erstmals erwähnt wurden Islands Naturgeister um das Jahr 1000 in Gedichten aus der Wikingerzeit. Als Großbritannien und die USA während des Zweiten Weltkriegs Stützpunkte auf der Insel errichteten, modernisierte sich die Gesellschaft rasch. Heute hat Island 325 000 Einwohner. Was die Alphabetisierungsrate, den Ausbildungsstand und das technische Niveau anbelangt, zählt es zur Weltspitze. Doch der Glaube an die Existenz der Elfen hat sich bis heute gehalten.

Aktuellen Umfragen zufolge geben 3 Prozent der Isländer an, bereits Begegnungen mit Elfen gehabt zu haben.

8 Prozent glauben an Elfen, 54 Prozent halten es für möglich, dass Elfen existieren. Und so kann es in Island immer wieder passieren, dass Bauvorhaben für Straßen, Fabriken, Dämme oder Krankenhäuser angepasst werden, um Elfen zu schützen. Bei einigen Großprojekten werden Berater mit hellseherischen Fähigkeiten hinzugezogen, um sicherzustellen, dass Elfen keinen Schaden nehmen.
Als 2008 die Wirtschaft Islands kollabierte, setzte die Staatsführung unter anderem auf den Fremdenverkehr. Die Tourismusbehörde war überzeugt davon, dass der Elfenglaube Besucher anlocken könnte. Schon bald warb man für Besichtigungen von Elfendörfern. Dafür errichtete man Plakatwände entlang der Hauptstraße, die den Flughafen mit Reykjavik verbindet. Man bemalte Felsen mit kleinen Elfentüren, und in den Läden wurden T-Shirts angeboten mit Aufdrucken wie „Ich hatte Sex mit einem Elf in Island … vor fünf Minuten“. In Hafnarfjörður, einer Kleinstadt südlich von Reykjavik, eröffnete sogar ein Elfengarten.

Nicht alle Isländer begrüßen diese Entwicklung. Die Volkskundlerin Bryndís Björgvinsdóttir von der isländischen Akademie der Künste sieht darin eine Bedrohung für die Identität ihrer Heimat. „Ich möchte nicht, dass der Glaube an Elfen trivialisiert wird“, sagt sie. Vor einigen Jahren begann sie, mit der Fotografin Svala Ragnars Elfenstätten zu dokumentieren. Bislang haben sie etwa 40 erfasst, aber es gebe noch viele mehr, so Björgvinsdóttir. „Ob Elfen tatsächlich existieren, kann ich nicht sagen“, erklärt sie. „Aber der Glaube an Elfen existiert. In unserer Kultur repräsentieren Elfen die Natur. Indem sie die Natur schützen und respektieren, respektieren die Menschen auch die Elfen. Ihr Zuhause – die Felsen, Hügel, Klippen – darf nicht zerstört werden.“ Björgvinsdóttir öffnet ihren Laptop und zeigt Bilder ihrer bisherigen Funde.

Zahlreiche Bau-Projekte in Island wurden im Laufe der Zeit aufgegeben oder verändert, weil sie Wohnstätten von Elfen zerstört hätten. Fast 40 davon soll es geben.

Ein Krankenhaus in Selfossi sagte einen Ausbau ab, als Bemühungen, einen Felsen zu entfernen, im gesamten Gebäude zu Kommunikationsproblemen führten. 2015 wollte sich ein Arzt auf der Insel Hrísey eine Terrasse an sein Haus bauen, aber die Geräte erlitten eine Fehlfunktion nach der anderen, bis er schließlich entnervt aufgab. „Der Glaube an Elfen kann als Widerstand gegen die großen Bulldozer und die Industrialisierung gesehen werden“, sagt Björgvinsdóttir. „Menschen, die Elfen sehen, demonstrieren oft Seite an Seite mit Umweltschützern.“ Björgvinsdóttir fährt in ihre Heimatstadt, das an der Südwestküste Islands gelegene Hafnarfjörður. „In meiner Kindheit kannte ich nur drei Elfenstellen, inzwischen haben wir schon fast 40 dokumentiert“, sagt sie. Sie zeigt mir die Kirche von Hafnarfjörður, bei der eine Wand verkürzt wurde, damit ein Fels unberührt blieb: „Christentum und Heidentum Seite an Seite.“

Um eine Straße durch ein Lavafeld nahe Hafnarfjörður bauen zu können, wurde ein 30 Tonnen schwerer Fels versetzt - angeblich eine Kirche der Elfen

Nachdem Björgvinsdóttir ein Stück landeinwärts gefahren ist, hält sie an einem neuen Straßenabschnitt und rümpft die Nase: „Diese Straße führt direkt durch eines der schönsten Lavafelder Islands.“ Hier hatten sich 2015 Elfenfreunde mit Umweltschützern zusammengetan, um zu verhindern, dass die Straße gebaut wird. Das Lager der Elfenfreunde erklärte, die Bauarbeiten würden einen 30 Tonnen schweren Felsen beschädigen, der eine Kirche der Elfen sei. Die Umweltschützer behaupteten, die Arbeiten würden ein Lavafeld zerstören, das ein kulturell bedeutendes Wahrzeichen sei. Um ihrem Widerstand Nachdruck zu verleihen, postierten sie sich vor den Planierraupen. Das Straßenbauunternehmen lenkte ein und zog eine Mystikerin hinzu, die angab, sie könne mit Elfen sprechen.

In Zusammenarbeit mit den Elfen selbst wurde der Felsen an einen anderen Ort gebracht, an dem er weiterhin als Elfenkirche dienen konnte.

„In Island kann man kaum irgendwo hinreisen, ohne daran erinnert zu werden, wie schnell es in der Natur zu Veränderungen kommen kann“, sagt der Volkskundler Terry Gunnell, Professor an der Universität von Island. Er erklärt: „Die Häuser der Isländer werden von Erdbeben zerstört. Der Wind hier kann einen von den Füßen hauen, und das Wasser aus dem Hahn riecht nach Schwefel, weil nur wenige Meter unter unseren Füßen Lava strömt. 2010 ist ein Vulkan ausgebrochen, der in ganz Europa den Flugverkehr beeinträchtigt hat.“ „Dieses Land lebt“, sagt Gunnell. „Insofern ergibt es Sinn, dass viele Isländer der Natur eine Persönlichkeit zusprechen. Will ein Isländer in seinem Garten einen Steinbrocken ausgraben, um dort einen Whirlpool zu bauen, und jemand sagt ihm: ‚Das ist ein Elfenstein‘, wird er den Stein dann fortbewegen? Auf gar keinen Fall!“
Haukur Ingi Jónasson von der Universität Reykjavik sagt, in Island würden Elfen für den Wunsch der Menschen stehen, dass es mehr als nur die physische Welt gibt. Jónasson ist  Professor für Maschinenbau, hat sich aber während seines Studiums in den Bereichen Theologie und Psychoanalyse ausführlich mit Elfen befasst. „Die Elfen ehren ein Machtgleichgewicht, das stets in Richtung der Natur und ihrer Launen verschoben war. Wir sind einer Kraft ausgeliefert, die nicht von uns selbst kommt. Die Natur ist einfach da, und wir können sie nicht kontrollieren.“

 


RD Abbinder
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