Helden des Alltags


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Thomas Niederer befreit die Gewässer der Schweiz von Müll.
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Abfalltaucher Thomas Niederer zum «Helden des Jahres» gekürt

Das SRF-Fernsehpublikum kürte den freiwilligen Abfalltaucher Thomas Niederer im Januar zum „Helden des Alltags 2016“. Reader’s Digest hat ihn bereits im Frühjahr 2016 bei der Arbeit besucht

Ausgabe: April 2016 Autor: Alexander Vitolic

Tausende Spaziergänger säumen die Uferpromenaden rund um das Luzerner Seebecken an diesem Samstagnachmittag im März. Die Sonne scheint, eine kalte Bise weht scharf durch die Gassen der Luzerner Altstadt. Ein offenes Motor­boot kreist zwischen Kapell­brücke und Rathaussteg auf der Reuss. Es zieht die Aufmerksamkeit einiger Touristen auf sich. Drei Männer in schwarzen Taucheran­zügen steigen langsam ins sechs Grad kalte Wasser. Den Schaulustigen jagt ein Schauer über den Rücken: Wird hier ein Film gedreht? Ein Krimi?

Nein, es handelt sich um ein Einsatzwboot des Vereins Schweizer Umwelt- und Abfalltaucher, kurz SUAT. Als die Taucher ihre Funde präsentieren, kommt wenig Ansehnliches zum Vorschein: Glas- und PET-Flaschen, ein kaputter Sonnenschirm, Plastikstühle, ein Trottinett und anderes mehr. Die Touristen haben sich da längst wieder den herausgeputzten Häuserfassaden der Altstadt zugewandt.

Einige Hundert Meter weiter Richtung Bahnhof, eine halbe Stunde früher: Hinter dem Kultur- und Kongresszentrum und der Anlegestelle für die Dampfschiffe liegt das Inseli, eine kleine, grüne Ruheoase direkt am See. Doch wer einen genauen Blick ins Wasser wagt, erschrickt: Der Grund ist übersät mit Abfällen – Flaschen, Büchsen, Plastiksäcken und Zigarettenschachteln.

Hier legt Thomas Niederer, Präsident und Gründer des Vereins SUAT, mit seinem kutterähnlichen Arbeitsboot an. Auf der Flanke steht „Wir tauchen ab – und räumen auf.“ Der Park sei eine bekannte Problemzone, was Littering – das Zumüllen von öffentlichem Raum – angehe, sagt Niederer. Er schätzt, dass jeder dritte Besucher Abfälle liegen lässt und diese dank Wind und Wetter irgendwann im See landen.

Zehn Freiwillige
sind an diesem Tag dabei

Zehn Freiwillige haben sich an diesem Samstagnachmittag für die Aufräumaktion im Seebecken und im Reuss-Ausfluss eingefunden: drei Frauen und sieben Männer. Der Ton ist kollegial und humorvoll. Thomas Niederer verteilt zuerst seine neueste Erfindung: Farbeimer-Spannringe mit Henkel, in die ein Kartoffelnetz gespannt wird. Der feste Ring erlaubt ein schnelles Versorgen der Fundgegenstände. „Wenn man im kalten Wasser ständig nach der Öffnung suchen muss, verliert man viel Zeit und Energie“, erklärt er.

Danach umreisst Niederer, was in den nächsten zwei Stunden zu tun ist. Hier im seichten Wasser sammelt ein Taucher Abfälle ein. Das Einsatzboot bricht mit sechs Mann Richtung Kapellbrücke zum Fluss auf, etwa um nach unerwünschten Hinterlassenschaften der Fasnächtler zu suchen. Alle Anderen suchen verschiedene Uferstellen nach Kleinabfällen ab.

Der Stimmung haftet etwas von einer Rettungsaktion an: „Wir erhalten die Natur, das erfordert viel Arbeit“, sagt der 50-jährige Service-Techniker,der nach dem Verteilen der Ämtli Zeitfür ein Gespräch findet. Seine Knie müssen operiert werden, deshalb steigt er heute nicht selbst ins Wasser.

Ob sich die Situation hier seit ihrem Engagement verbessert habe. „Nein. Seit vier Jahren kommen wir hierher, rund zehnmal im Jahr – und jedes Mal kommen bis zu 500 Kilogramm Abfall zum Vorschein.“ Die Rechnung ist klar: Wo viele Menschen unterwegs sind, kommt auch viel Müll zusammen. Doch auch Ankerplätze, die nur mit dem Boot erreichbar sind, seien betroffen, und sogar schwer zugängliche Naturschutz­ge­biete wie das Flachmoor Städerried am südwestlichen Ende des Sees. Dort hätten sie vor Kurzem fast eine Tonne Plastikmüll eingesammelt.

Gegründet hat Niederer den Verein 2010. Als passionierter Wassersportler sei er bei seinen Tauchgängen immer öfter mit Littering konfrontiert worden: „Ich habe im Wasser Entspannung gesucht, aber der Anblick von all dem Abfall hat mir den Spass allmählich verdorben.“ Resi­­­gnieren wollte er deshalb aber nicht: Der Vater zweier erwachsener Söhne  begegnet dem Problem mit bedingungslosem Pragmatismus: Etwas muss getan werden, und er tut es.

„Alle haben nur darüber geredet, wie schlimm es ist. Dabei ist die Einhaltung der Gewässerschutzgesetze Gemeindesache - würden die Behörden dafür so viel Zeit aufwenden, wie für das Eintreiben der Radio- und Fernsehgebühren, wäre das Problem vermutlich halb so gross“, sagt Niederer mit einem Lachen.

Der grösste Teil der Verunreinigung geschieht
in voller Absicht, ist Niederer überzeugt

Dass die Arbeit der SUAT einen aufklärerischen Effekt haben könnte, bezweifelt er hingegen: „Die Leute schauen uns zu, man kennt uns, aber einen Unterschied macht es nicht.“ Das liege auch daran, dass ein Grossteil der Verunreinigung durch die Verursacher in voller Absicht geschehe. „Ich glaube, dass jeder von diesen Leuten weiss, dass er etwas Verbotenes tut. Jeder!“ Aktuell zählt der Verein fast dreissig aktive Mitglieder, das jüngste von ihnen sechs Jahre alt, und noch einmal so viele Gasttaucher. Alle ehrenamtlich und mehrheitlich berufstätig. Deshalb finden die Aufräum­aktionen meist an Wochenenden statt.

Jährlich komme man auf 2500 bis 3000 Einsatzstunden, so Niederer. Eine Ausbildung zum Sporttaucher ist zwingend. „Danach schulen wir unsere Mitglieder im Umgang mit der Natur und in Fertigkeiten, die beim Sporttauchen normalerweise nicht gebraucht werden.“ Besonders schwere Fundstücke wie Lastwagenreifen, Safes oder Motorräder werden mithilfe von Luftkissen und eines elektrischen Seilzugs aus dem Wasser gehoben.

Das Kapellbrücke-Team ist nach einer Stunde mit 18 gefüllten Netzen zurückgekehrt. Ein Taucher hat unter der Bahnhofbrücke ein neuwertiges Mountainbike gefunden, sogar das Licht funktioniert. Gehört das jetzt dem Verein? Niederer verneint amüsiert: „Es handelt sich wahrscheinlich um Deliktgut. Andreas, unser Steuermann, arbeitet bei der See­polizei. Er wird die Rahmennummer mit den Diebstahlmeldungen abgleichen. Wenn sich niemand meldet, wird es wohl dem Veloverleih am Bahnhof übergeben.“

 

 


 

RD Abbinder
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