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Auge in Auge mit dem Hai
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Auge in Auge mit dem Hai

Der Streit vom Vorabend nagt noch an ihr. Es hatte richtig gekracht zwischen ihr und ihrer besten Freundin, aber nun will Elyse Frankcom all das hinter sich lassen. Maske, Schnorchel und Tauchgurt anlegen, und dann ab in das kristallklare Wasser vor Rockingham. Hier, in Westaustralien, wartet eine magische Welt auf die 19-Jährige, die als Tauchlehrerin Touristen beim Schwimmen mit Delfinen begleitet.

Ausgabe: August 2014 Autor: Helen Signy

Eine fröhliche Touristengruppe bricht an diesem kühlen Frühlingstag im Oktober 2010 zu einem sechsstündigen Schnorchelausflug auf. Unter den 33 Passagieren sticht Trevor Burns heraus. Der 48-Jährige ist kaum zu übersehen – ein Bär von Mann, 130 Kilogramm schwer, mit einem grauen Vollbart, der ihm bis auf die Brust reicht.

Burns und seine Frau Julie hatten einiges an Abenteuern erlebt, bevor sie sich in Perth niederließen. Dieser Ausflug ist ein Geschenk für Megan, ihre 24-jährige Tochter, die aus Brisbane zu Besuch gekommen ist. Normalerweise geht Julie kaum ins Wasser, und auch heute begnügt sie sich damit, an Deck zu bleiben. Dort kann sie entspannen, mit anderen Passagieren plaudern und Trevor und Megan beim Schwimmen mit den Delfinen fotografieren.

Bis zur geplanten Abfahrt um acht Uhr sind es nur noch wenige Minuten, aber der extragroße Tauchanzug, den Julie Burns für ihren Mann vorbestellt hatte, ist unauffindbar. Deshalb läuft ein Crewmitglied noch mal schnell zum Lager, um Burns einen passenden Anzug zu besorgen.

Während sie warten, kurbeln Frankcom und ihre Kollegen schon einmal die Vorfreude bei den Passagieren an: Ein Delfinweibchen aus einer der Schulen hier hat vergangene Woche ein Junges bekommen, und die Chancen stehen nicht schlecht, dass man das Kleine zu sehen kriegt.

Den Vormittag über kreuzt die Apollo 3, ein 15,5 Meter langes Tauchboot, zwischen den Buchten und Inseln vor Rockingham. Es dauert nicht lange, bis die ersten Delfine auftauchen. Die Touristen sind in vier Gruppen aufgeteilt worden, die abwechselnd ins Wasser gehen. In jeder Gruppe ist ein Guide, der einen sogenannten Tauchscooter führt. Ein Schwimmer hält sich am Gürtel des Guides fest, der nächste am Gürtel des Schwimmers und so weiter.

Heute hat Frankcom die Aufgabe, die Delfine anzulocken und so zu beschäftigen, dass sie nahe der Oberfläche bleiben. Während die Tiere um die entzückten Schwimmer herumtollen, haben so auch die Passagiere auf dem Aussichtsdeck etwas davon. Lachend genießen sie das Spektakel, das Pfeifen der Delfine, das Spritzen bei ihren Sprüngen.

Als Trevor und Megan Burns nach ihrem ersten Tauchgang wieder an Bord sind, muss er in dem engen Gang einem Mannschaftsmitglied ausweichen. Dabei rutscht er aus und stürzt auf einen Stuhl. "Alles gut", versichert er. "Ich hab mich nur ein wenig gestoßen." Weil ihm der Vorfall peinlich ist, rückt er nicht mit der Wahrheit heraus: Die Rippen schmerzen doch ziemlich.

Kurz vor Mittag liegt das Boot rund 300 Meter vor Garden Island in sieben Meter tiefem Wasser, als ein Mannschaftsmitglied eine weitere Delfingruppe ausmacht: Es handelt sich um zwei Weibchen und ein Neugeborenes, das höchstens einige Stunden alt sein kann. Im Gegensatz zu den anderen Schulen wirken diese Delfine nervös. Einige Male schießen sie überraschend davon, bevor sie zu dem Tauchboot zurückkehren.

Es fällt schwer, Fotos von dieser Gruppe zu machen, deshalb erklärt sich Frankcom bereit, noch einmal ins Wasser zu gehen. "Pass gut auf, geh es ruhig an", ermahnt sie ein Mitglied der Crew. "Keine plötzlichen Bewegungen – nicht, dass du sie noch verscheuchst."

Frankcom muss nun hinabtauchen und das Delfin-Trio dazu bringen, mit ihr zur Oberfläche aufzusteigen. Es würde dieses Mal nur eine Gruppe mit ins Wasser gehen. Den letzten freien Platz übernimmt Burns – seine schmerzenden Rippen ignoriert er einfach. Vorsichtig lässt sich Frankcom ins Wasser gleiten und vergisst dabei, das Hai-Abwehrgerät (sendet für Haie unangenehme elektrische Impulse) einzuschalten.

Während Burns und die anderen schnorcheln, taucht Frankcom ab, um die Schule anzulocken. Nach einigen Minuten hat sie die drei Delfine zurück zu den Schnorchlern gelenkt, aber die Tiere verhalten sich weiterhin sehr unruhig. Noch einmal bemüht sich Frankcom, die Tiere an die Oberfläche zu locken. Sie lösen sich zwar kurz vom Meeresboden, drehen dann aber wieder um. "Es muss wegen des Jungen sein", denkt Frankcom, als sie rasch in der Nähe der Gruppe an die Oberfläche steigt, um Luft zu holen.

Plötzlich wird sie wie von einem gewaltigen Schlag hochgeschleudert. Während sie nach Luft schnappt, sieht sie das Boot in ihrem Blickfeld auftauchen, dann schaut sie nach unten und erkennt den Angreifer: ein weißer Hai!

Nur einen Meter hinter Frankcom treibt Burns im Wasser. Fassungslos sieht er zu, wie ein grauer Torpedo an ihm vorbeirast und eine enorme Welle hinter sich herzieht. Einen Augenblick lang glaubt Burns, einer der Delfine sei zurückgekehrt, aber dann beobachtet er geschockt, wie der Raubfisch Frankcom angreift. Die gewaltigen Kiefer schnappen zu und verbeißen sich in ihrem Oberschenkel. Die junge Frau verliert das Bewusstsein.

Wie ein Ringer greift Burns das riesige Tier hinter dem Kopf und versucht es in den Schwitzkasten zu nehmen. Verzweifelt klammert er sich fest, während der Hai sich windet. Um sie herum färbt sich das Wasser rot. Der Hai ist zu groß, Burns bekommt seine Arme nicht ganz um ihn herum. Plötzlich schleudert ihn der Hai wie eine Spielzeugpuppe hoch, die Beine in der Luft. Dann geht es wieder unter Wasser. Aber Burns lässt nicht los.

Auch auf dem Boot ist die Hölle los. Ein Alarmsignal ruft alle Schwimmer aus dem Wasser. Vom Aussichtsdeck aus sehen Julie und Megan Burns, wie das aufgewühlte Wasser erst weiß schäumt, sich dann rosa und schließlich rot färbt. Niemand registriert, dass Frankcom noch immer im Wasser ist, sie sehen nur die Umrisse von Burns’ Körper.

Das Adrenalin in seinen Adern sorgt dafür, dass er die schmerzenden Rippen nicht spürt. Der Hai hat sich noch immer in Frankcoms Beine verbissen. Sie blutet stark aus durchtrennten Arterien. Langsam kommt sie wieder zu Bewusstsein, nimmt ihre restliche Kraft zusammen und schlägt dem Hai auf die Schnauze – vergeblich. Ihre Faust prallt einfach ab.

Dann erinnert sie sich an das Hai-Abwehrgerät an ihrem Knöchel. Sie schafft es irgendwie, das Gerät einzuschalten, dann wird sie wieder ohnmächtig. Das Gerät sendet einen elektrischen Impuls aus, der die empfindliche Hainase trifft und Muskelzuckungen auslöst, welche die Raubfische als unangenehm empfinden. Plötzlich lässt das Tier von Frankcom ab, einen Augenblick später ist es so schnell verschwunden, wie es gekommen war. Burns’ Klammergriff hat es dabei einfach durchbrochen. Das Wasser klart auf, und Burns erkennt, dass Frankcom sinkt. Er taucht ihr hinterher und holt sie vom Meeres_boden hoch.

Die anderen Touristen sind noch immer dabei, sich aus dem Wasser auf das Boot zu retten. Plötzlich wird ihnen bewusst, dass Burns nicht allein im Wasser ist, sondern dass er die verletzte Frankcom bei sich hat. Rasch springen einige zurück ins Wasser, um zu helfen.

Der Hai hat Frankcom schwer verletzt, aber zum Glück ist ihr Tauchanzug noch halbwegs intakt geblieben und presst das, was von ihren Beinen noch übrig ist, zusammen. Burns hält Frankcoms Kopf, während zwei der Passagiere, ein Sanitäter und eine Krankenschwester, die junge Frau stabilisieren.

Ein am Pier wartender Kranken_wagen bringt die Schwerverletzte zu einem Hubschrauber, der sie in die Klinik nach Perth fliegt. Dort entfernen die Ärzte in einer Not-OP einen Haizahn aus Frankcoms linkem Oberschenkelknochen. Ihre Wunden an den Beinen werden mit mehr als 200 Stichen genäht.

Der Hai sei vermutlich hinter dem Delfinjungen her gewesen, was auch das merkwürdige Verhalten der Delfingruppe erkläre, erläutern Hai-Experten. Elyse Frankcom versöhnt sich umgehend mit ihrer besten Freundin. Die furchtbare Erfahrung habe ihr gezeigt, dass man jeden Moment mit seinen Liebsten als etwas Kostbares ansehen solle, sagt sie.

Trevor Burns wird später mit dem Star of Courage (Stern des Muts) ausgezeichnet. Die Schönheit der Gewässer Westaustraliens begeistert ihn noch immer, doch sein Hauptan_liegen ist es nun, die Menschen dazu zu bringen, die Lebensweise der Haie zu respektieren. "Sie tun nur das, was für sie normal ist", sagt er.

Trevors Frau Julie wiederum fühlt sich in ihrer Meinung bestätigt: Auf dem Panoramadeck ist es doch am sichersten.


RD Abbinder
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