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Gefahr aus der Tiefe
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Gefahr aus der Tiefe

Nachdem ein 20 Meter langer Grauwal sein Schiff gerammt hat, kämpft Max Young im Pazifischen Ozean um sein Leben

Ausgabe: Juni 2014 Autor: Kenneth Miller

Zwölf Jahre nachdem er sich aufgemacht hat, die Welt zu umsegeln, befindet sich Max Young im Juni 2012 auf der Zielgeraden – der 1370 Kilometer langen Strecke vom mexikanischen Kap San Lucas nach San Diego in Kalifornien. In einer Neumondnacht treibt eine sanfte Brise sein 15 Meter langes Schiff Reflections. Der Autopilot hält Kurs, der 67-jährige Skipper blickt ehrfürchtig zum Sternenhimmel. Young, ein pensionierter Lehrer, bedauert, dass seine Frau nicht dabei ist, um diesen Anblick zu genießen – sie will diese Etappe auslassen, um zu Hause alles für den Empfang ihres Mannes vorzubereiten.

Young unterdrückt ein Gähnen. Auf den Solo-Etappen schläft er tagsüber, um nachts Wache halten zu können. Heute aber hat er kaum ein Auge zugetan, denn der Pazifik war voller Wale, Grauwale vermutlich, die nach Norden unterwegs sind auf ihrer Wanderung in die Arktis. Noch nie hat er so viele majestätische Meeressäuger auf einmal beobachtet, wie sie ihre Schwanzflossen nach oben strecken. Die Herden sind ein faszinierender Anblick, dennoch ist Max Young erleichtert, als er sie hinter sich gelassen hat. Nun kann er sich entspannen. Das Chronometer zeigt 22.12 Uhr.

In dem Moment hört er ein gewaltiges Rauschen. Sekundenbruchteile später schießt ein Wal länger als sein Schiff vor dem Heck aus dem Wasser. Er scheint in der Luft stehenzubleiben, die Seepocken an der Unterseite des Kopfs reflektieren die Positionslichter der Reflections. Dann krachen Kopf und Oberkörper des 35 Tonnen schweren Tieres aufs Achterdeck.

Das Metall ächzt und Fiberglas splittert, als der Bug des Schiffs in die Höhe schießt. Einen Moment lang haben Wal und Mensch Augenkontakt. Dann fällt Young nach vorn. Während das Tier sich freikämpft, dreht das Schiff scharf nach Backbord. Als Young wieder aufblickt, ist der Wal verschwunden.

Der drei Meter hohe Funkmast aus fünf Zentimeter dickem Stahlrohr schwankt, bricht ab und rutscht ins Meer. Die Heckreling ist verbogen, doch das Schiff schwimmt. Young nimmt an, dass der dreieinhalb Zentimeter dicke Rumpf der Kollision standgehalten hat. Seine Sorge gilt eher dem Autopiloten. Das Boot steuert nun südwestlich Richtung Polynesien. Die Begegnung mit dem Wal muss die Steuerung beschädigt haben, und Young versucht sie neu zu justieren. Doch die Reflections hält weiter Kurs Südwest.

Vielleicht liegt das Problem an der Ruderanlage. Young geht unter Deck, prüft die Steuerseile, doch die scheinen zu funktionieren. In der Heck-kajüte sind der Boden und die Matratze nass. Als er die schmale Treppe hochsteigt, vernimmt er unten im Schiff ein beunruhigendes Geräusch. Er öffnet die Bodenluke und sieht mit Entsetzen, dass das Wasser in der Bilge einen Meter hoch steht.

Young untersucht eventuelle Leckstellen: die Abflussleitungen aus der Kombüse und den beiden Toiletten sowie die Ausläufe der Lenzpumpen. Doch die sind in Ordnung. In der Zwischenzeit ist das Wasser in der Bilge weiter gestiegen. Er geht an Deck und versucht das Schiff von Hand zu lenken – doch das Steuerrad lässt sich nur wenige Zentimeter bewegen.

Young kämpft gegen die aufsteigende Panik an. Er schaltet die beiden fest montierten und den kleinen transportablen Seenot-Peilsender ein, der eine geringere Reichweite hat, aber genauere Positionsdaten übermittelt. Nur die US-Küstenwache kann dessen Signale empfangen, und die nächstgelegene Station befindet sich in San Diego, gut 720 Kilometer nördlich. Er bezweifelt, ob sein Notfallsender so weit reicht und ob seine Reflections so lange schwimmen wird, bis ihn Hilfe erreicht.

Dann greift er zum Sprechfunk-gerät und ruft: "Mayday! Mayday!" Doch niemand antwortet.

Young setzt sich und atmet tief durch. "Lieber Gott", betet er. "In wenigen Wochen ist unser 23. Hochzeitstag, und meine Enkelin feiert ihren dritten Geburtstag. Sie hat Leukämie. Ich würde es so gern bis nach Hause schaffen."

MAX YOUNG ist im Norden Kaliforniens aufgewachsen, als eines von sieben Kindern. Sein Vater war Straßenarbeiter und jobbte nebenbei als Fischer. Max begleitete ihn oft auf dem kleinen Trawler. Während dieser Stunden erReflectionszählte der Vater vom Krieg, von seinen Einsätzen als Pilot eines viermotorigen B-24 Liberator-Bombers in der Südsee. Mit zwölf Jahren erklärte Max, er wolle zu all den Plätzen segeln, von denen ihm der Vater erzählt hatte.

Die nächsten 50 Jahre verbringt er mit den Vorbereitungen zu dieser Reise, verbessert seine seemännischen Fähigkeiten auf zunehmend größeren und komplexeren Booten. Nach der Hochzeit und einem Industriedesign-Studium arbeitet er als Lehrer für Werken und Naturwissenschaften an einer Highschool in einem Vorort von Sacramento. An den Wochenenden verdient er sich mit dem Renovieren von Häusern zusätzlich Geld. 1987, inzwischen 43 Jahre alt und geschieden, kauft er die Reflections – ein großes, elegantes Schiff, von dem er bereits als Kind geträumt hat.

Entlang der Küste Kaliforniens macht er sich mit seiner zweiten Frau Debbie und den vier Kindern (zwei aus seiner, eins aus ihrer ersten Ehe und ein gemeinsames) mit dem Boot vertraut. Im Jahr 2000 geht er in den Ruhestand und startet zu seiner Weltumsegelung.

Zunächst steuert Young die Orte aus den Erzählungen seines Vaters an: San Francisco, Hawaii, Französisch-Polynesien, Samoa, Fidschi und Australien. Seine Frau Debbie und er sind zwei Jahre unterwegs, ehe sie nach Sacramento zurückkehren, um wieder Geld zu verdienen. Hat er wieder Geld, fliegt der Weltumsegler zum Liegeplatz seines Schiffs, um seinen Weg fortzusetzen – mit seiner Frau, mit Freunden oder allein.

Young hat atemberaubende Landschaften gesehen, bereichernde Freundschaften erlebt – ebenso wie Ärger und Angst. Während der Amerikaner nun an Deck kauert, erinnert er sich an die Flaute vor Neukaledonien und die Tage, die er mit dem Zerlegen und Zusammenbauen des Motors verbrachte, bis der wieder ansprang. Die malaysischen Piraten kommen ihm in den Sinn, die sein Boot zu rammen drohten. Nie aber schien seine Lage so hoffnungslos wie jetzt: Die Steuerung ist ausgefallen, das Schiff läuft voll, und keine Hilfe in Sicht.

Nachts um 1.30 Uhr betet der Weltumsegler erneut um Rettung, als er über sich die Motoren eines kreisenden Flugzeugs hört. Gleich darauf erwacht sein Sprechfunkgerät zum Leben: "Hier spricht Leutnant Amy Kefarl von der US-Küstenwache. Hören Sie mich?"

"Es kommt ein Containerschiff, das Sie aufnehmen wird", sagt die Pilotin der Maschine, nachdem Young von seiner Begegnung mit dem Wal berichtet hat. Doch seine Hochstimmung droht zu kippen, als sie ihm erklärt, das Schiff sei etwa 73 Kilometer entfernt und werde ihn voraussichtlich in fünfeinhalb Stunden erreichen.

"So viel Zeit habe ich nicht mehr", entgegnet Young, "es dringt immer mehr Wasser ein."

"Haben Sie geprüft, ob alle Lenzpumpen funktionieren?", fragt Kefarl zurück.

Hat er nicht. Seit das Boot Schlagseite bekam, fürchtet er, es könne jeden Moment kentern und ihn dann unter Deck einschließen. Doch nun erkennt er, dass er das Risiko eingehen muss, um überhaupt eine Chance zu haben. Er öffnet die Luke des Maschinenraums und sieht, dass die Pumpen unter einem Wirrwarr von Rohren und Kabeln begraben sind. Nur eine Pumpe arbeitet, die anderen sind ausgefallen. Er entfernt den Schrott und ist hocherfreut, als die anderen Pumpen surrend ihre Arbeit aufnehmen.

Dann beginnt er, Kinderzeichnungen und Fotos von den Wänden zu reißen. Er stopft alles in einen Müllsack. Anschließend schnappt er sich einen Sack voller Souvenirs für die Familie und bringt beide an Deck.

Wieder im Steuerhaus kommen weitere Anweisungen aus dem Funkgerät: "Mr. Young, Sie sollten jetzt Ihre Rettungsinsel zu Wasser lassen."

An Deck bemerkt er, dass am Heck Walfleischstücke liegen, schwarz auf der einen Seite, blutverschmiert und glänzend wie Speck auf der anderen. Die kleinsten sind so groß wie Bananen, die größten haben das Format eines Brotlaibs. "Das muss wehgetan haben", denkt Young voller Mitgefühl und hofft, dass das Tier überleben wird. Er hebt das kleinste Stück hoch, es fühlt sich an wie gummibeschichtetes Leder. Dann kriecht er zum Vordeck, wirft die Rettungsinsel ins Wasser und zieht an der Leine, damit sie sich aufbläst. Doch so oft er auch daran reißt, es passiert nichts.

Er hat noch ein Dinghi (kleines Beiboot) für Landausflüge an Bord. Kefarl schlägt vor, es zu Wasser zu lassen. Young wirft den Sack mit den Souvenirs hinein, bevor er das kaum mit Luft gefüllte Gefährt zu Wasser lässt. Der Sack versinkt sofort in der Tiefe. Doch es kommt schlimmer, Young findet die Pumpe zum Aufblasen nicht.

Langsam schwinden seine Überlebenschancen. Sein Rettungsanzug wird ihn zwar an der Oberfläche halten, ihn aber weder vor Haien noch gegen Unterkühlung schützen. Wenn die Reflections vor dem Eintreffen des rettenden Schiffs untergeht, ist er verloren.

MIT DER REPARATUR der Lenzpumpen hat Young etwas Zeit gewonnen, doch das Wasser im Rumpf steigt weiter. Die Stunden vergehen, die Reflections schlingert immer stärker. Im Steuerhaus klammert sich Young an eine Rettungsleine und lässt sein Leben Revue passieren.

Er erinnert sich an die erste Ausfahrt zum Angeln mit dem Vater. Daran, wie er Radfahren und Segeln lernte. An sein erstes Auto und an seine erste Liebe. An die ersten Gehversuche seiner Kinder, an den ersten Kuss mit Debbie. Und an die große Reise: Türkei, Thailand, den Persischen Golf, das Mittelmeer. Wie er sich auf den Bahamas sonnte, durch den Regenwald von Costa Rica wanderte und durch den Panamakanal schipperte. Unterdessen bricht die Nacht herein, und er bewundert noch einmal den Sternenhimmel.

Als die Sonne über der perlmuttgrauen See aufgeht, ist das Boot vollgelaufen, die Wellen schlagen über Bord. Da taucht am Horizont endlich ein Containerschiff auf.

Als der Frachter längsseits geht, sieht er einen groß gewachsenen indischen Matrosen auf einer Strickleiter stehen. Young reicht ihm den Sack mit Zeichnungen und Fotos und folgt ihm nach oben. An Deck bricht er erschöpft zusammen.

In den acht Tagen an Bord des Frachters schließt Young Freundschaft mit dem jungen Kapitän und lernt die indische Küche schätzen. Und er erfährt, was seinem Schiff widerfahren ist: Die Crew des Frachters hatte einen Riss am Heck des Rumpfs und schwere Schäden an der Schiffsschraube sowie am Ruder entdeckt.

In Panama geht der Weltumsegler an Land, fliegt zurück nach Sacramento und ist rechtzeitig zum Hochzeitstag und dem Geburtstag seiner Enkelin zu Hause.

Der Wal hatte weniger Glück. Zwei Wochen später wird an der Küste Baja Californias der Kadaver eines 20 Meter langen Grauwals angeschwemmt, der am Kopf schwere Verletzungen von einer Schiffsschraube aufweist. Es tut Young leid, dass so ein wunder-bares Geschöpf sterben musste.

Young trauert auch über den Verlust seiner Reflections und hofft, sie eines Tages ersetzen zu können. In der Kajüte des neuen Schiffs will er dann die geretteten Kinderzeichnungen und Familienfotos wieder aufhängen. Trotz der Verluste ist er für all die Erinnerungen dankbar: "Denn die", sinniert er, "kann ich für immer in meinem Herzen bewahren."


RD Abbinder
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