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Michaela Babilon (rechts) und Vanessa Janz (links) retteten einen Lebensmüden.
© Frank Van Groen
Aus der
aktuellen
Ausgabe

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In letzter Sekunde: Zwei Frauen retten Lebensmüden vor herannahendem Zug

Ein Bahnübergang im Sauerland im September 2015. Ein Mann liegt leblos auf den Gleisen. Es ist 19.45 Uhr, als Michaela Babilon und Vanessa Janz ihn dort liegen sehen. Sie wissen: Gleich kommt ein Zug. Es bleiben nur wenige Minuten, um das Leben des Mannes zu retten.

Ausgabe: August 2016 Autor: Anette Lübbers

Michaela Babilon (29), ihr Sohn Justin (12) und ihre Schwester Vanessa Janz (25) sind im Auto unterwegs. Sie wollen die alte Hünenburg besichtigen. Ihr Weg dorthin führt durch Meschede entlang der Bahnstrecke von Meschede nach Arnsberg. In einer Kurve vor dem Bahnübergang blickt Michaela für Sekunden hinab. „Da liegt doch was auf den Schienen. Ist das etwa ein Mensch?“, ruft sie und tritt auf die Bremse.
Vanessa Janz öffnet die Beifahrertur, springt aus dem Wagen und beugt sich über die Böschung. „Du hast recht“, entgegnet sie, „Da liegt einer. Ruf schnell einen Krankenwagen. Der bewegt sich nicht.“

Michaela weiß: Gleich kommt ein Zug vorbei.

Michaelas Sohn Justin ist oft mit der Bahn auf dieser Strecke unterwegs. Sie kennt den Zug-Fahrplan. Als sie ihr Handy zückt und darauf schaut, erschrickt sie. „Es ist 19.45 Uhr. Gleich kommt ein Zug!“ Ihre Schwester sprintet die Böschung hinunter.

Ein Mann liegt schräg über den Gleisen, Tabletten in der geballten Faust.

Er liegt auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gedreht, bewusstlos. Er ist groß und schwer. Vanessa ruft: „Hallo, hören sie mich?“ Er reagiert nicht. Mühsam öffnet sie seine geballte Faust - weiße Tabletten fallen ihr entgegen. Was mag er nur genommen haben? Auf der Suche nach der Medikamenten-Schachtel durchsucht sie die Kleidung des Mannes. Fehlanzeige. Neben ihm liegt eine Plastiktasche - darin wird sie fündig.

Der Bewusstlose ist schwer. Vanessa kann ihn nicht bewegen.

Sie packt ihn unter den Achseln und versucht, ihn von den Gleisen zu ziehen. Vergeblich. Hecktisch wandert ihr Blick hinauf zur Straße. Doch ihre Schwester telefoniert noch.

Sie bittet einen Passanten um Hilfe. Doch der reagiert nicht.

Ein älterer Mann mit Zigarre steht plötzlich an der Böschung. Selenruhig betrachtet er die Szene. „Nun kommen sie schon. Packen Sie mit an. Der Mann ist schwer“, ruft Vanessa zu ihm hinauf. Der Mann reagiert nicht. „Los, helfen Sie mir. Da kommt gleich ein Zug.“ Der Passant steht da wie festgewachsen. Vanessa zerrt weiter allein an dem Mann auf den Gleisen. Michaela telefoniert noch immer mit der Polizei.

Die Polizei braucht den Namen der Straße am Bahn-Übergang. Doch den kennt Michaela nicht.

Oben auf der Straße hält ein Auto. Die Fahrerin steigt aus. „Was ist los? Kann ich helfen?“, fragt sie. „Da liegt ein Mann auf den Gleisen“, ruft Michaela ihr zu. Sie ist verzweifelt: Der Polizist am anderen Ende der Leitung fragt immer wieder nach dem Straßen-Namen. Sie fragt ihren Sohn, der noch im Auto sitzt. „Kolpingstraße“, sagt der. „Kolpingstraße“, wiederholt Michaela am Handy. Die Rettungskräfte machen sich auf den Weg.

Unterdessen ist die Fahrerin des zweiten Wagens schon auf den Gleisen. Sie packt den Mann an den Füßen. Vanessa greift ihn unter den Achseln. Gemeinsam zerren sie ihn von den Schienen.

In dem Moment senkt sich am Bahnübergang rasselnd die Schranke.

Vanessa und die Unbekannte drücken sich und den bewegungslosen Mann gegen die Böschung. Wenig später donnert der Zug mit lautem Hupen nah an den dreien vorbei.

Kurz darauf treffen Polizei, Notarzt und ein Krankenwagen ein.

Die Sanitäter und der Notarzt rennen die Böschung herunter. Michaela zieht Tabletten und Tabletten-Schachtel aus der Hosentasche und erklärt: “Die hat er wohl genommen.“ Mit vereinten Kräften tragen die Frauen und die Einsatzkräfte den Bewusstlosen die Böschung hinauf und legen ihn auf eine Parkbank. Dort kümmert sich der Notarzt um ihn.

Er hat überlebt. Viel mehr erfahren die Frauen nicht.

Die Schwestern geben ihre Personalien an. Dann dürfen sie nach Hause. Vanessa bittet eine Polizistin um den Namen des Mannes. „Damit wir im Krankenhaus nachfragen können, wie es ihm geht“, erklärt sie.
Am nächsten Morgen rufen die Schwestern im Krankenhaus an und erkundigen sich nach dem Gesundheits-Zustand des Mannes. Mehr als „den Umständen entsprechend“ erfahren sie als Nicht-Angehörige nicht.

„Wir haben uns noch lange Gedanken gemacht.“

Die beiden Frauen kennen nun zwar den Namen des Mannes, dem sie das Leben gerettet haben. Getroffen haben sie ihn aber nie wieder. „Wir haben uns noch lange Gedanken gemacht“, sagt Michaela. „Und wir hoffen, dass der Mann seine Probleme lösen wird.“

 

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