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Die Wandlung des Robin Williams
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Die Wandlung des Robin Williams

Der achtjährige Robin stand in seinem Spielzimmer. Er schaute aus dem Fenster und wartete auf seinen Vater. Das 40-Zimmer-Haus der Familie Williams lag in Bloomfield Hills, einer vornehmen Vorstadt Detroits im US- Bundesstaat Michigan. Robin hatte weder Geschwister noch Spielkameraden in der Umgebung – und seine Eltern waren vielbeschäftigte Leute. Robin war daher viel allein. Dann vertrieb er sich die Zeit mit Lesen. Oder er stellte mit seinen Spielzeugsoldaten Schlachten nach. Gerade heute Abend aber wartete Robin sehnlich auf seinen Vater. Endlich sah er den Wagen aufs Grundstück rollen.

Ausgabe: September 2014 Autor: Ellen Hawkes

Robert Williams war leitender Angestellter bei Ford. Nicht nur für den kleinen Robin war er eine imposante Erscheinung. Wegen seiner würdevollen Zurückhaltung nannte Robin seinen Vater scherzhaft Lord. Aber nur heimlich – er hätte sich nie getraut, seinen Vater so anzureden. Robert Williams war streng. Seine Grundwerte hießen Disziplin, Arbeit, Selbstbeherrschung. Da blieb kein Raum für Späße.

Der kleine Robin hielt seinem Vater den Umschlag hin, den er aus der Schule mit gebracht hatte.

"Was ist das, mein Junge?"

"Mein Zeugnis, Sir."

Robert Williams schaute hinein: Es enthielt nur Einsen. Lächelnd zählte er sie. "Bravo, mein Sohn", sagte er. Dann: "Nun ab zum Dinner. "

Schade! Robin hatte so sehr auf ein großes Lob gehofft. Der Junge nahm sich zusammen, um seine Enttäuschung nicht zu zeigen. Schweigend ging er ins Esszimmer. Eins wusste er immerhin: Seine Mutter würde ihn lieb umarmen für das gute Zeugnis.

Laurie Williams arbeitete vor ihrer Heirat mit Robins Vater als Fotomodell. Sie stammte aus New Orleans, war lustig und charmant. Mit ihr verstand sich Robin großartig. Erzählte er einen Witz oder machte er seinen Vater nach, lachte sie schallend. In ihrer Gegenwart sprudelte Robin über vor Einfällen. Nur wenn er zu ausgelassen wurde, wies sie ihn auf die Benimmregeln seines Vaters hin. Dann wurde Robin still und ernst und ging an seine Schularbeiten. Er wollte nichts tun, was seinem Vater missfallen könnte.

Als Robin die Oberschule besuchte, fand ihn seine Mutter manchmal noch um zwei Uhr morgens an seinem Schreib tisch. Wie sich der Junge als Silhouette abzeichnete, das Kinn entschlossen vorgeschoben, das erinnerte sie dann an Robins Vater.

"Geh schlafen, Schätzchen. Es ist schon spät", flüsterte sie dann.

"Ich muß aber noch lernen für die Klassenarbeit morgen. "

Robin erfüllte die hohen Erwartungen seines Vaters. Er schloss die Oberschule erfolgreich ab und ging danach auf das Claremont Men_s College, eine anspruchsvolle Höhere Schule in Kalifornien. Seine Hauptfächer waren Politik und Volkswirtschaft. Doch im ersten Jahr besuchte er auch einen Theater-Kurs. Das Besondere daran: Die Kursteilnehmer improvisierten, spielten Theater aus Augenblicks-Einfällen. Bald wusste Robin: Er hatte sein Lebensziel gefunden. Er wollte schauspielern und auf der Bühne stehen.

Robin Williams stürzte sich derart leidenschaftlich in die Schauspielerei, dass er in den anderen Fächern durchrasselte. Seine Eltern waren damals in die kleine Stadt Tiburon gezogen, dicht an der Bucht von San Francisco. Als er nach Semesterschluss heim kam, erzählte er seinem Vater von dem Prüfungs-Desaster.

"Dafür zahle ich dir doch nicht die teuren Studiengebühren!" sagte der Alte barsch.

"Keine Sorge", erwiderte Robin.

"Ich habe jetzt entdeckt, was mein Lebenstraum ist: Ich will Schauspieler werden!"

Der Vater schwieg. Er spürte: Sein Sohn dachte anders über das Leben als er. Und er hatte eine andere Auffassung von Disziplin und Arbeit.

"Eine feine Sache, so ein Lebenstraum", sagte er dann. "Aber lerne lieber für alle Fälle was Handfestes, zum Beispiel Schweißen."

Robin ließ sich nicht beirren. Er nahm Schauspielunterricht – sogar an der berühmten Juilliard School in New York. Die Lehrer und die Studienkollegen lachten über seine Schlagfertigkeit und sein Improvisationstalent. Nur war er zu ungestüm. Sein wilder Ehrgeiz verlor bisweilen Maß und Ziel.

Zunächst trat Robin als Bühnenkomiker in kleinen Clubs auf. Hier fand er ein Ventil für sein Feuerwerk von Einfällen, sein blitzschnelles Wechseln von Akzent zu Akzent – das wurde sein Markenzeichen. Eben noch imitierte er Richard Nixon, in der nächsten Minute war er ein Außerirdischer und gleich darauf ein russischer Emigrant. Er haute hemmungslos auf den Putz. Sein Sinn für die Absurditäten des Lebens sprühte Funken nach allen Seiten.

Schon mit 25 Jahren war Robin Williams auf dem Weg zum Ruhm. Eines Abends hörte er hinter der Bühne, seine Eltern säßen im Publikum. Williams wurde blass. Er wusste, dass sein Vater seine Witze nicht mochte – er empfand sie als schlüpfrig. An diesem Abend trat Robin Williams steif und befangen auf, spielte sich aber bald frei. Nun riss er das Publikum mit auf einem humoristischen Hexenritt, dessentwegen die Leute ja gekommen waren. 1978 siedelte Williams nach Los Angeles über. Er spielte dort den Außerirdischen in einer Fernsehserie. Die Reihe schlug ein. Über Nacht war Robin Williams berühmt.

Doch dafür zahlte er einen hohen Preis. Vor allem seine Mutter merkte, dass sein Leben etwas Gehetztes bekam. Wo immer er sich bewegte, spielte er den verrückten Williams.

"Du musst nicht immerzu witzig sein!" ermahnte ihn Laurie.

Um sonst! Er konnte sich nicht bremsen. Dann schließlich verblasste die Popularität der TV-Serie.

Die Sorge um die Karriere wurde für Robin Williams zur Angst, als seine ersten Kino-Filme keinen Erfolg hatten. Er griff zu Drogen und trank, um seine Angst zu betäuben. Dabei spürte er, dass ihm die Kontrolle über sein Leben und seine Kunst entglitt. Die Kritiker fanden seine Leistungen schwach. Und manch mal kam er sich nun wieder vor wie der kleine Junge in Bloomfield Hills, der nach Papas Lob gierte. Nur dass er jetzt die Anerkennung Fremder brauchte.

1982 rüttelten ihn zwei Ereignisse auf: Seine Frau, Valerie Velardi, die er 1978 geheiratet hatte, bekam einen Sohn. Sie nannten ihn Zachary. Und sein Freund John Belushi starb an einer Überdosis Drogen. Entsetzt erkannte Williams, dass ihm womöglich dasselbe Schicksal drohte, wenn er nicht endlich Schluss machte mit Rauschgift und Alkohol.

Doch die Probleme blieben. Die Karriere stockte nach wie vor. Die Ehe mit Valerie bröckelte, 1988 wurde sie geschieden. Obendrein begann sein Vater zu kränkeln. Jeden Nachmittag fuhr Robin Williams zu ihm. Der wurde plötzlich zugänglicher. Und der Sohn ließ seine Clown-Maske fallen. Sie sprachen jetzt über Robins Kämpfe in den letzten Jahren. Über seine Zweifel. Und über seine Zukunftsträume. Vater und Sohn öffneten sich füreinander.

"Ich will nicht scheitern", sagte Robin zu seinem Vater.

Der Vater nickte. "Weißt du", sagte er leise, "als mein Vater starb, ging unser Familienbetrieb in Konkurs. Ich war damals ein Teenager, musste im Kohlenbergwerk arbeiten, um die Familie zu unterstützen."

In den folgenden Wochen sprach der Vater immer offener über die Erfahrungen, die sein Leben geprägt hatten. Im Zweiten Weltkrieg sah Robert Williams viele Kameraden um sich herum sterben. Ein andermal sprach er von seinem Kummer, als seine erste Ehe scheiterte. Er sprach von den zermürbenden Stunden, wenn er unterwegs war, um im Job als Krisenmanager zu vermitteln. Er sprach darüber, wie leid es ihm tat, dass er so wenig Zeit gehabt hatte für seine Familie.

Robin fühlte sich seinem Vater nahe, er verstand ihn jetzt. Er begriff, was sein Vater ihm sagen wollte: Entscheide dich, wie du dein Leben haben willst. Der Mut seines Vaters machte ihm selber Mut. Er wusste: Er musste Risiken eingehen und wieder das Leben in die Hand nehmen, das er sich selber wünschte.

Vater Williams starb 1987 – gerade als sein Sohn sein Leben wendete und wieder Erfolg als Schauspieler hatte. Robin Williams wurde in diesem Jahr für einen Oscar nominiert. Damit wurde seine Leistung als scharfzüngig-witziger Disc-Jockey in Good Morning, Vietnam geehrt. Seine Darstellungskunst hatte an Tiefe gewonnen. Da war kein rasender Possenreißer mehr, der bloß sich selber spielte. Zum ersten Mal bot Williams in ernsten Rollen aus - gewogene, reife Schauspielkunst.

Auch sein Privatleben wendete sich zum Besseren. 1989 heiratete er seine zweite Frau Marsha Garces, mit der er zwei Kinder hatte. Tochter Zelda ist heute 25 Jahre alt, ihr Bruder Cody zwei Jahre jünger.

1997 nahm er eine Rolle in dem Film Good Will Hunting an. Er spielte einen Psychotherapeuten, der einen zornigen jungen Mann behandelt. Williams gefiel die Rolle – sie erinnerte ihn an die Zeit, als er mit seinem Vater ins reine gekommen war. Er legte seine Rolle an als differenzierte, ein bisschen melancholische Gestalt mit Gefühl und Witz.

Niemand war überrascht, dass er für diese Rolle für einen Oscar nominiert wurde. Das war ihm zwar schon dreimal passiert, bisher hatte er den Preis aber nicht bekommen.

Bei der Verleihung 1998 saß er mit Marsha und seiner Mutter da und glaubte zu träumen: Er wurde als bester Nebendarsteller geehrt. Nach dem er die Auszeichnung in Empfang genommen hatte, hob er seinen Oscar hoch und rief: "Mein Vater hat mir geraten, ich sollte zur Sicherheit einen Beruf erlernen, auf den ich immer zurück greifen kann, zum Beispiel Schweißer."

Das Publikum brüllte vor Lachen. Und nur Williams selbst und seiner Mutter war klar, wie stark der Vater Robert Williams am Erfolg seines Sohnes mitgewirkt hatte. Die Mutter sah auf ihren 46-jährigen Sohn. Sie wusste: Mit dieser Trophäe, die er da emporhielt, mit dieser Geste zum Himmel wollte er eines sagen: Schau mal, Vater – das habe ich für dich getan ...

Robin Williams starb am 11. August im Alter von 63 Jahren. Er lebte mit seiner dritten Ehefrau Susan Schneider in Kalifornien.

(Der Artikel erschien erstmals im April 1999 in der deutschen Ausgabe von Reader_s Digest)


 

RD Abbinder
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