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Feld der Träume
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Feld der Träume

Auf einem holprigen Rasen am Stadtrand von Bukarest trainiert Rumäniens bunteste Fußballmannschaft...

Ausgabe: Januar 2016 Autor: Ana-Maria Ciobanu

Mit nur einer Hand dirigiert Torhüter Tudorel Mihailescu seine Mitspieler

Ein ramponierter Rasen in einem Außenbezirk von Bukarest – auf der einen Seite eine Wiese, auf der anderen eine baufällige Tribüne. Und auf dem Grün 14 Männer in roten Shorts und Shirts, die dem Ball hinterherflitzen. Die meisten von ihnen sind zwischen Mitte 30 und Mitte 40, haben Bauchansätze und schwindendes Haupthaar.

Die Spieler scherzen miteinander und genießen die Sonne an diesem Samstag im Frühling. Die zusammengewürfelte Mannschaft ist froh, auf ihrem Heimatsportplatz wieder ihrem Lieblingssport nachgehen zu können. Der Gründer des Klubs, Constantin Zamfir, wirft am Spielfeldrand den Grill an.

Unter den rund 50 Spielern im Verein Fr__ia (Bruderschaft) sind neben einer Handvoll Profifußballern auch viele, die ihr Jugendhobby wiederentdeckt haben. Weil hier jeder mitmachen darf, kickt zum Beispiel der Flötenspieler des Bukarester Sinfonieorchesters C_t_lin Opri_oiu als Mittelfeldspieler neben dem Roma und Stürmer Marin Florian.

Florian hilft Constantin Zamfir bei den vielen Arbeiten, die rund um den Vereinssportplatz anfallen: Der 36-jährige zweifache Vater streicht, putzt die Umkleiden, sät neuen Rasen und reinigt die Sportgeräte. Im Gegenzug schenken ihm seine Kameraden ihre gebrauchten Fußballschuhe und Schienbeinschoner oder bringen Geschenke für seine Töchter mit.

Teamgeist und die Liebe zum Fußball sind die beiden Dinge, auf die es allen hier ankommt.

Zwei der insgesamt drei Fr__ia-Mannschaften spielen in Rumäniens vierter Liga (die dritte in der Seniorenliga), und heute, am 22 März 2015, bereitet sich der A.S.F. Fr__ia auf sein erstes Heimspiel vor.

Rumänien Ist Fussballverrückt. Es gibt mehr als 120.000 bezahlte Kicker und weit mehr Amateurspieler im Land. Constantin Zamfir ist einer von ihnen. In jungen Jahren fuhr er jede Woche vom Dorf nach Bukarest, um als Stürmer für einen Drittligisten zu spielen. Ende der 1980er-Jahre kickte er in der zweiten Liga, später wurde er Spielertrainer bei Vulcanul Bucure_ti. Der Viertligist gehörte einem Hersteller von Ölförderpumpen.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 wurde die Fabrik jedoch privatisiert, was 2001 zur Auflösung der Fußballmannschaft führte. Daraufhin beschloss Zamfir, sich einen Traum zu erfüllen: eine eigene Mannschaft gründen. Er verkaufte sein Einfamilienhäuschen und zog mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn zu seinen Schwiegereltern. Vom Erlös erwarb er 2003 den Sportplatz von Vulcanul.

Dem neuen Verein gab er den Namen Fr__ia Bucure_ti, zum Andenken an seine Eltern – einfache Bauern, die ihre vier Kinder stets zum Teilen angehalten hatten. Fr__ia sollte ein Beweis für den "Erfolg durch Brüderlichkeit" und die Zusammengehörigkeit sein, die "allein durch solidarisches Handeln entsteht". Doch die Verwirklichung seines Traumes erwies sich als sehr schwierig und kostspielig, innerhalb von nur zwei Jahren ging Zamfir das Geld aus.

Wasser und Strom wurden abgestellt, und Zamfir war gezwungen, bei der Bank einen Kredit zur Finanzierung eines Brunnens aufzunehmen. Jeden Cent, den er verdiente, steckte Zamfir in das Stadion. Wenn ihm das Geld ausging, borgte er sich welches. Er schuftete Tag und Nacht als Taxifahrer und Alleinunterhalter, um den Verein über Wasser zu halten. Aufgeben kam für ihn nie infrage.

Da er Spieler jeden Alters und jeder Couleur willkommen hieß, entstand eine Mannschaft, die mittlerweile die wohl bunteste Truppe in der Liga ist: Roma, Kongolesen, junge Männer aus benachbarten Waisenhäusern und von einer Karriere als Fußballprofi träumende Teenager (darunter auch sein Sohn) kicken für die Bruderschaft.

Dass er heute das Tor hüten darf, ist für den 49 Jahre alten Tudorel Mihailescu keine Selbstverständlichkeit. Aufgrund einer angeborenen Fehlbildung musste sein linker Arm unterhalb des Ellenbogens amputiert werden. Schon als Zehnjähriger versuchte er bei diversen Sportärzten die Erlaubnis einzuholen, auch mit nur einer Hand spielen zu dürfen.

Aber Menschen mit körperlicher Behinderung wurden im kommunistischen Rumänien versteckt. So schaffte Mihailescu es erst mit 14 in eine offizielle Mannschaft. Dort verwirklichte er seinen Traum, brachte es sogar in die dritte Liga. 2013 lernte er Zamfir bei der Seniorenmeisterschaft kennen. Mit ihm teilt er nicht nur seine Leidenschaft für das runde Leder, sondern auch die Überzeugung: Wo ein Wille ist, gibt es einen Weg.

Ein Journalist schwärmt in der "New York Times" von der vielfalt der Spieler und der familiären Atmosphäre bei Fr__ia

Eine Weile lang ging alles gut, doch dann tauchten neue Probleme auf. Ein britischer Journalist, der im April 2014 ein Spiel von Fr__ia gesehen hatte, schwärmte in der New York Times von der Vielfalt der Spieler und der familiären Atmosphäre (einschließlich Hühnern und Ziegen neben dem Sportplatz), die Zamfir für sein Team geschaffen hatte.

Als daraufhin auch die Lokalpresse über den Klub berichtete, wurden Sportplatz und Umkleideräume gleich dreimal geplündert. Die Einbrecher stahlen Stromgenerator, Rasenmäher, Drahtzaun, zwei Rottweiler-Welpen sowie die Hühner und Ziegen. Außerdem töteten sie einen der Hunde, die den Sportplatz bewachten.

Zamfir war am Boden zerstört, aber entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. In die Herbstsaison startete Fr__ia ohne Warmwasser und Strom, und angesichts sinkender Temperaturen wurde das Duschen mit Wasser aus dem Brunnen für die Spieler immer unangenehmer.

Nach dem ersten Schneefall war die Mannschaft gezwungen, auf anderen Plätzen zu trainieren und dort Miete zu zahlen. Mihailescu, Opri_oiu, Florian und 30 andere Spieler ließen sich davon nicht abschrecken, aber ein kongolesischer Trainer verließ gemeinsam mit mehreren jüngeren Spielern den Verein.

Der Klub hatte sich einigermaßen erholt, als er Anfang des Jahres den nächsten Rückschlag einstecken musste. Der Bukarester Fußballverband forderte für die bevorstehende Frühjahrsmeisterschaft bei Heimspielen von Fr__ia einen Zaun um den Fußballplatz sowie Strom und Wasser in den Umkleideräumen.

Zamfir war erschöpft und hatte andere Sorgen: Sein Sohn, von dem er gehofft hatte, dass er eines Tages in seine Fußstapfen treten und Fr__ia weiterführen würde, hatte ein schweres Herzleiden, das Geld wurde für medizinische Betreuung gebraucht.

Im Januar startete Zamfir einen letzten Rettungsversuch und berief eine Versammlung ein. Mehr als 20 Männer kamen im Umkleideraum einer Turnhalle zusammen. Zamfir schaute ihnen in die Augen. Er war nervös, und seine Wangen brannten, als er zu reden begann.

Torhüter Tudorel Mihailescu beim Aufwärmen vor einem Ligaspiel

"Wie ihr wisst, habe ich für unseren Sport alles gegeben, und ich werde es auch weiterhin tun", begann er. "Mein Sohn ist mit Herzproblemen auf dem Spielfeld zusammengebrochen. Die Plünderungen vergangenen Sommer haben uns 3500 Euro gekostet. Trotzdem haben wir noch einmal Glück gehabt, denn ein freundlicher Herr hat mich angerufen, weil er uns einen Generator schenken will."

"Wir brauchen kein warmes Wasser: davon kriegen wir nur eine Glatze", witzelte einer der älteren Spieler.

Doch Zamfir blieb ernst: "Bitte sagt mir, ob ihr dem Club treu bleiben oder lieber eure eigenen Wege gehen wollt. Ich wäre euch nicht böse, aber ich muss es wissen."

"Deshalb sind wir hier, Boss. Wir wollen zum Team gehören", antwortete Marin Florian.

Zamfir war erleichtert. Er erklärte, dass jeder Spieler einen Beitrag von 55 Euro leisten müsse, um das Fortbestehen der Mannschaft und ihre Teilnahme an Turnieren zu gewährleisten. Das Geld war nötig, um die Funktionäre zu bezahlen. Außerdem mussten sie ja einen neuen Zaun bauen, und die Umkleideräume hatten eine Sanierung nötig.

Alle Spieler, die der Versammlung im Januar beigewohnt hatten, kämpften für den Erhalt ihres Vereins und halfen sicherzustellen, dass die Bedingungen des Fußballverbandes eingehalten wurden. Mihailescu und Opri_oiu legten Trainingstermine fest, trieben das Geld von den Spielern ein oder gewährten Kredite, wenn jemand nicht genug Geld hatte.

In dieser Zeit trainierte die Mannschaft auf gemieteten Kunstrasenplätzen. Beim Fußballspielen gelang es Zamfir, seine Probleme zu vergessen. Mit 51 Jahren ist er noch gut in Form und einer, der sich ungern geschlagen gibt. Auf dem Bolzplatz ist er aufgewachsen, und hier fühlt er sich in seinem Element.

Langsam ging es wieder aufwärts. Mit Florians Unterstützung zog Zamfir die Spielfeldlinien nach, stutzte die Bäume am Platzrand, erneuerte den Zaun und verpasste den Umkleideräumen einen neuen Anstrich.

Auf diese Weise schafften sie es, dass der Verband nur wenige Woche vor Beginn der neuen Meisterschaft den Platz wieder freigab. Die Funktionäre bekamen ihr Geld, und die Mannschaft konnte am Spielbetrieb der vierten Liga teilnehmen. Sie waren bereit für ihr erstes Match.

Das erste Spiel wird kein Erfolg – sie verlieren 0:4. Nach der Niederlage stehen die Spieler am Rand und diskutieren. Man wolle aus der Erfahrung lernen und ein Team bleiben.

"Besser können wir's im Moment einfach nicht."

"Alles in allem war es okay."

"Das nächste Mal kriegen wir sie!"

Während des Spiels hatte Zamfir alle Hände voll zu tun: den Generator anwerfen, damit die Spieler duschen können, Saft und Bier kalt stellen und den Grill vorheizen. Ihm geht es nicht ums Gewinnen, sondern darum, dass alle Spieler ihr Bestes geben.

Zamfir verteilt Grillwürstchen mit Senf und Brot an die Spieler. Alle sind gut gelaunt, und als der Boss ein Lied über die Mannschaft anstimmt, fallen alle mit ein.

Die Bruderschaft lebt weiter.


RD Abbinder
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