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Lesen heute & morgen: Vom gedruckten Buch zum E-Reader
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Lesen heute & morgen: Vom gedruckten Buch zum E-Reader

Bücher haben ausgedient? Von wegen! Sie erscheinen nur in neuen, digitalen Formaten - und oftmals im Selbstverlag.

Ausgabe: Oktober 2016 Autor: Frank Erdle

Mit der Erfindung des Buchdrucks löste Johannes Gutenberg die erste Medienrevolution aus – und veränderte damit die Welt. Mehr als 500 Jahre später haben Bücher nichts von ihrer kulturellen Ausnahmestellung verloren – trotz zahlloser technologischer Innovationen vom Rundfunk bis zum Internet. „Das Buch ist als Medium in der Gesellschaft tief verankert“, erklärt Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Eine Studie aus seinem Haus gibt ihm recht. Darin offenbart jeder Zweite: „Ohne Bücher möchte ich nicht leben.“ Die Ergebnisse der jüngst erschienenen Allensbacher Werbeträger­analyse (AWA) belegen dies. Demnach haben 40,4 Millionen Deutsche binnen eines Jahres mindestens ein gedrucktes Werk erworben, 11,5 Millionen drei bis vier – und drei Millionen sogar 20 oder mehr. Die Beliebtheit elektronischer Bücher wächst langsam, ist aber deutlich schwächer: 2,3 Millionen Deutsche erwarben im Abfragezeitraum ein oder zwei E-Books, 1,9 Millionen mindestens fünf.

Grösseres Angebot – und immer weniger Zeit

Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die nach eigenen Angaben zu wenig Zeit zum Lesen finden: laut AWA jeder Fünfte. Wenig verwunderlich, nimmt doch das mediale Trommelfeuer ständig zu – nicht zuletzt durch das Internet. Leseforscher Ralph Radach, Professor für Allgemeine und Biologische Psychologie an der Bergischen Universität Wuppertal, bringt die Problematik auf den Punkt: „In der heutigen Zeit muss man sein Lesen managen und ständig neu entscheiden, was man wirklich wissen will oder muss.“

Mehr Lesestoff meistern: Zum Schnell-Leser werden

Menschen, die mehr Lektüre meistern möchten, empfiehlt Radach eine bewährte Technik: Speed Reading. „Wer es vom segmentalen Lesen, also Zeile um Zeile, zum parallelen schafft, kann mehrere Wörter mit einem Blick erfassen und die Lesegeschwindigkeit nahezu verdoppeln, ohne dass das Verständnis leidet“, erklärt er. Wer das Schnell-Lesen erlernen möchte, für den werden in vielen deutschen Städten Gruppenkurse angeboten. Unterstützung geben auch Softwareprogramme, die man sich aufs Smartphone laden kann.

Vielen Literaturfans würde diese Art der Selbstoptimierung freilich die Freude an hochklassigen Texten nehmen. So wie Birgit Erben-Grabowsky. „Für mich hat das Lesen einen zentralen Stellenwert im Leben“, erklärt die Deutschlehrerin aus Trier. Besonders begeistert sie sich für gründlich recherchierte Sachbücher – zum Beispiel über den antiken Nachlass der Römer. Wie groß allerdings die Nachfrage nach solchen Werken in gedruckter Form in Zukunft sein wird, ist ungewiss.

Der Medienkonsum wandelt sich

„Die weitverbreitete Nutzung mobiler Lesegeräte sorgt dafür, dass der Bezug zum Buch in unserer Gesellschaft zunehmend verloren geht“, berichtet nämlich Peter Vorderer, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim. Negativ beurteilt er die Entwicklung zu digitalen Leseformaten jedoch nicht: „E-Reader bieten mittlerweile vieles, was dem traditionellen Leser wichtig ist – etwa die Möglichkeit, Notizen zu erstellen oder ein digitales Lesezeichen zu setzen.“ (siehe Artikel: „Tipps für den E-Reader-Kauf“)

Der Experte erkennt aber einen radikalen gesellschaftlichen Wandel durch die permanente Verfügbarkeit des Internets: „Besonders junge Leute sind mit einem Teil ihres geistigen Potenzials immer damit beschäftigt, was gerade auf ihrem Smartphone passiert. Das vermindert die Fähigkeit, sich auf komplexere Texte einzulassen.“

Trotzdem sind aus Sicht der Wissenschaft in Deutschland keine Anzeichen von Lesemüdigkeit zu erkennen: „Insgesamt wird heute eher mehr gelesen als früher“, erklärt zum Beispiel Experte Radach.

Neue digitale Erzählformen und Pauschaltarife entstehen

Tatsächlich bringt ein Smartphone, wie es inzwischen fast 50 Millionen Bundesbürger besitzen, neue literarische Erzählformen ins Spiel. Zur Buchmesse wird mit „oolipo“ eine Plattform für multimediales, serielles Erzählen in den Markt eingeführt – initiiert vom Verlag Bastei Lübbe. „Wir wollen spannende, in kürzere Leseeinheiten eingeteilte Geschichten mit den Möglichkeiten des Smartphones anreichern, also mit Bildern, Filmsequenzen, Chat-Nachrichten und Ähnlichem. Das bringt eine neue Art des Erzählens mit sich“, erklärt Simon Decot, Leiter im Bereich Digital-Programm bei Bastei Lübbe.

Außerdem könnte bald auch in der Buchbranche Realität werden, was sich im Musik- und Filmbereich dank Anbietern wie Spotify oder Netflix längst etabliert hat: ein monatlicher Fixpreis für den Internetzugriff auf Zigtausende von Bestsellern, Klassikern und Neuerscheinungen. So betreiben die Verlagsgruppen Holtz­brinck und Bertelsmann/Random House das E-Book-Portal „Skoobe“ mit Flatrate-Tarifen. Für knapp zwölf Euro darf sich der Kunde seine Wunsch­auswahl aus rund 175 000 Büchern von mehr als 1600 Verlagen auf ein Mobilgerät laden und bis zu 30 Tage ohne Internetverbindung nutzen.

Eine interessante Alternative ist die Plattform „Onleihe“, der sich mehr als 2700 öffentliche Bibliotheken in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeschlossen haben. Unter www.onleihe.net stehen rund 160 000 E-Books, Hörbücher und Videos für Smartphone, Tablet-PC oder E-Reader bereit.

In digitaler Form verlegen sehr viele Autoren ihre Werke selbst

Im Zeitalter der Digitalisierung gibt es aber nicht nur reichlich Lesestoff auf Abruf. Es ist auch einfach wie nie zuvor, selbst zum gefragten Autor zu werden. Mindestens 75 000 Selbstverleger soll es in Deutschland geben.
Zu den erfolgreichsten zählt eine Autorin mit dem Pseudonym Nika Lubitsch. Nachdem sich trotz ausgiebiger Suche kein Verlag für ihren ersten Kriminalroman Der 7. Tag fand, brachte sie ihn einfach selbst heraus. Inzwischen hat sie unter ihrem Künstlernamen mehr als 500 000 Bücher verkauft. Im Buchhandel ist Lubitsch dennoch kaum zu finden: Die Berlinerin veröffentlicht die meisten ihrer Werke nur in elektronischer Form.

Weil für die Autorin kein Verlagsprofi die Werbetrommel rührt, nimmt die ehemalige Betreiberin einer Kommunikationsagentur die Vermarktung selbst in die Hand. „Man muss ständig Kontakt zu den Lesern halten – über Facebook oder einen eigenen Blog“, erzählt die 62-Jährige. Um nicht in Vergessenheit zu ge­raten, veröffentlicht Lubitsch etwa alle drei Monate ein neues Werk in den großen E-Book-Shops im Netz. Dennoch lebt sie zurzeit ihren Traum. „Ich wollte schon immer als Schriftstellerin arbeiten – mit einem Schreibtisch zwischen Bücherwänden und Blick in den Garten“, sagt sie.

Digitale Spione in den Lesegeräten

Für Buchhändlerin Eva Braun hingegen sind Do-it-yourself-Verleger Grund zur Sorge. „Die Situation für den stationären Buchhandel wird immer schwieriger – nicht zuletzt wegen der vielen großen Onlineshops“, sagt sie. Bisher konnte sich die Stuttgarter Buchhandlung, in der Braun arbeitet, dennoch gut gegen die elektronische Konkurrenz behaupten.

„Ich liebe Bücher, die schön und besonders gestaltet sind“, verrät sie. „Bücher, die mir am Herzen liegen, bewahre ich auf und freue mich immer wieder an ihrem Anblick.“ Ein E-Reader kommt ihr nicht ins Haus.

Leseforscher Radach zeigt sich in dieser Hinsicht pragmatischer: „Gerade bei älteren Büchern sind die Zeilen oft sehr eng hintereinander gedruckt. Ein Lesegerät gibt mir die Möglichkeit, Abstand und Schriftgröße nach meinem Geschmack zu verändern“, sagt er. Ein Vorteil gerade für Leserinnen und Leser ab 40 Jahren, die auch mal ohne ihre Brille schmökern möchten.

Lesen Sie hier unsere Tipps zum E-Reader-Kauf >>

 


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