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Die Innere Heimat
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Die Innere Heimat

Als Schauspielerin ist Natalia Wörner viel unterwegs – ihr Zuhause spielt dennoch keine Nebenrolle.

Ausgabe: September 2015 Autor: Frank Erdle

Ihre Kindheit verbrachte Natalia Wörner in Stuttgart. Später lebte sie unter anderem in Paris und New York. Auf der Suche nach ihren Wurzeln hat die bekennende "Nomadin im Herzen" nicht nur ihre neu entflammte Liebe zum Schwäbischen entdeckt, sondern auch ihr Engagement für die verzweifelten Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Somalia, die Zuflucht in Europa suchen. Dass sie hier keineswegs immer mit offenen Armen empfangen werden, empört die 47-Jährige.

Reader's Digest: Sie wohnen heute in Berlin und verbringen die Wochenenden auf einem alten Landgut in Brandenburg. Was bedeutet Ihnen diese Nähe zur Natur?

Natalia Wörner: Ich finde es schön, einen Ort zu haben, an dem es nichts gibt außer mir und Menschen, die mir wichtig sind. Es ist ganz wenig, was mich in dieser Umgebung glücklich macht – zum Beispiel, wenn ich morgens beim Kaffeetrinken die Rehe auf den Feldern sehe. Außerdem war mir wichtig, dass mein Sohn seine Wochenenden nicht nur auf Spielplätzen, sondern auch in der Natur verbringt. Inzwischen ist der Hof für ihn genauso ein Stück innere Heimat geworden wie für mich.

Trotzdem zog es Sie vor vier Jahren für die Dreharbeiten zu der Kino- komödie "Die Kirche bleibt im Dorf" zurück ins Schwäbische.

Ich war selbst überrascht, dass es da noch eine emotionale Beziehung gibt, die mit jedem Besuch stärker wurde. Die Landschaft, die Menschen, die Sprache, das Essen und der Humor – das alles schien mir plötzlich wieder sehr vertraut und veränderte meinen Herzschlag. Im letzten Jahr habe ich dann beschlossen, herauszufinden, was Heimat für mich bedeutet. Das Ergebnis ist mein Buch Heimatlust, das die Historie unseres Landes mit der Geschichte meiner Familie verknüpft. Immer mehr Menschen suchen nach ihren Wurzeln. Warum? Wir leben in einer Welt, in der das Bedürfnis nach Heimat im übergeordneten Sinn elementar ist, weil wir alle an einer permanenten Überforderung entlangschrammen. Noch wichtiger erscheint mir aber, dass wir uns der Diskussion stellen, was Heimat für uns alle ist und was es für Menschen bedeutet, ihre Heimat verlassen zu müssen und vielleicht nie mehr wiederzubekommen.

Sie spielen auf die wachsenden Flüchtlingsströme aus den Krisenregionen Asiens und Afrikas an.

Wir sollten uns nicht nur an unseren Ängsten orientieren

Ja. Es ist bitter mitansehen zu müssen, dass sich die europäischen Länder nicht einmal über Aufnahmequoten einigen können. Ich wünsche mir aber, dass wir die Verantwortung nicht nur auf die Politik schieben, sondern als Gesellschaft eine Haltung entwickeln, die sich an unseren Möglichkeiten orientiert und nicht nur an unseren Ängsten. Wir müssen als Bürger aktiv werden und für andere Menschen Zeichen setzen, die Berührungsängste oder Vorurteile gegenüber Fremden haben. Jeder kann seinen Beitrag leisten. Ein ehemaliger Lehrer von mir gibt beispielsweise Flüchtlingen ehrenamtlich Deutschunterricht.

Glauben Sie, dass wir Deutsche aufgrund unserer Geschichte eine besondere Verpflichtung gegenüber den Vertriebenen haben?

Auf jeden Fall. Dazu kommt, dass Deutschland politisch stabil und wirtschaftlich potent ist. Welchen Grund kann es also geben, Menschen in Not die nötige Hilfe zu verweigern? Ich habe jedenfalls beschlossen, dass ich aktiv werden möchte. Deshalb habe ich auch zusammen mit Herbert Grönemeyer und Mesut Özil die Patenschaft für die Themenwoche Heimat übernommen, die vom 4. bis 10. Oktober in der ARD stattfindet.

Natalia Wörner (geb. 1967) wächst in Stuttgart auf. Nach der Schau spielausbildung in New York macht sie ab Ende der 1980er-Jahre Karriere in Film und Fernsehen. Dabei überrascht sie immer wieder mit den unterschiedlichsten Charakterdarstellungen. Wörner hat einen Sohn.


 

RD Abbinder
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