• Foto: © Jenny Sturm / Fotolia.com

    70 JAHRE READER'S DIGEST

    Vor 70 Jahren, im September 1948, erschien Reader's Digest erstmals auf Deutsch.
    Gehen Sie mit uns auf Zeitreise durch 70 Jahre Journalismus...

Klassiker: Von Freude überwältigt
© Reader's Digest
Aus der
aktuellen
Ausgabe

70 Jahre Reader's Digest

Klassiker: Von Freude überwältigt

In jedem Monat ein Klassiker aus sieben Jahrzehnten Reader’s Digest. Dieser stammt aus der Juni-Ausgabe 1965

Ausgabe: März 2018 Autor: Ardis Whitman

Es war an einem grauen, melancholischen Junitag. Die Wolken hingen tief herab. Mein Mann und ich waren mit dem Auto nach Neuschottland unterwegs, wo wir unseren längst fälligen Urlaub verbringen wollten. Wir waren beide abgespannter, als wir uns eingestehen mochten. Mürrisch fuhren wir dahin und hofften nur, noch rechtzeitig vor dem Regen einen Ort zu erreichen, wo wir uns ausruhen und essen konnten. Unsere Straße führte gerade durch einsame Waldungen, als das Unwetter plötzlich losbrach. Der Wald verschwand in einem Meer von Regen. Rings um uns stürzten Kaskaden von Wasser herab. Es war nicht möglich weiterzufahren. Wir rollten an den Straßenrand und hielten an.

Dann war es auf einmal vorbei, als hätte jemand einen himmlischen Wasserhahn zugedreht. Ein feiner Strahlenglanz wie von zerstäubtem Gold brach aus den Wolken und legte sich auf die Wipfel der Bäume. Jeder Grashalm funkelte kristallen, wenn die Sonne auf die zitternden Tropfen traf. Selbst die Straße leuchtete. Und dann wölbte sich quer über den Himmel ein Regenbogen.

Aber das war noch nicht alles — zu unserer Rechten lag ein Weiher, und in diesem Weiher endete der Regenbogen! Es war, als sei dieser farbenfunkelnde Himmelsbogen eigens für uns aufgerichtet worden. Vor Staunen und Entzücken fanden wir keine Worte. Die meisten Menschen kennen solche Augenblicke, da wir uns im Einklang mit der Welt fühlen und für eine kurze Weile der Schönheit alles Lebendigen innewerden. Aber diese Augenblicke fliegen schnell dahin, und wir schämen uns fast, uns zu ihnen zu bekennen, als verrieten wir dadurch eine bedenkliche Neigung, Einbildung für Wahrheit zu nehmen.

Bei einer Umfrage, die der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow vor ein paar Jahren unter Menschen der verschiedensten Berufe veranstaltet hat, stellte sich heraus, dass viele der Befragten von solchen Erlebnissen zu berichten wussten — „Augenblicken ehrfürchtiger Scheu“, „Augenblicken tiefsten Glücks, ja der Verzückung und Seligkeit“. Professor Maslow hat daraus den Schluss gezogen, dass diese Erlebnisse oft Ausdruck einer guten Gesundheit sind. Fast alles, scheint es, kann zum Anlass solcher Freude werden — Sternenglanz auf frischgefallenem Schnee, ein plötzlich auftauchendes Narzissen-Feld, der Augenblick, da sich Hand nach Hand ausstreckt, weil jeder spürt, dass der andere fühlt, wie er selber fühlt. Die Freude kann sich nach einer mutig durchstandenen Gefahr einstellen. Sie kann aber auch ganz alltägliche Ursachen haben — da erwacht man etwa nachts im Schnellzug, der gerade in einen Bahnhof einrollt, hört aus dem Dunkel kommende Rufe, denen andere Rufe antworten, gewahrt im Schein der Lampe des Schaffners ein Gesicht, über das ein warmes Lächeln geht.

Freude ist mehr als Glücklich sein.

„Sie ist ein gehobenes Lebensgefühl“, sagt das Lexikon. „Ihrem Gefühlsgehalt nach kann sie sich vom Heiteren und Fröhlichen bis zum beglückenden Ernst abwandeln.“ Mit einem Mal nehmen wir alles Lebendige deutlich wahr — jedes Blatt, jede Blume, jede Wolke, die über dem Teich schwebende Eintagsfliege, die im Wipfel des Baumes krächzende Krähe. „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt“, heißt es bei Gottfried Keller. Im Zustand solcher Verzauberung sehen wir, wie wir noch nie gesehen haben. Professor Maslow hält es geradezu für das Kriterium dieser Erlebnisse, dass man das Gefühl hat, „das Wesen der Dinge“, „das Geheimnis des Lebens“ habe sich einem für kurze Augenblicke offenbart. Zugleich erschauen wir die Einheit aller Dinge — ein sinnverwirrendes Bild des Verwandt Seins, das uns Menschen untereinander und mit allem Leben um uns verbindet.

Jeder, dem einmal ein solcher Augenblick zuteil geworden ist, hat diesen eigentümlichen Verschmelzungsvorgang erlebt. Es überkommt einen, dass das Leben ein Ganzes ist; das Ich und die Welt sind nicht voneinander zu trennen; mein Ich und alles Leben sind durch Liebe und Verstehen vereint. Und wir fühlen uns frei, wir selber zu sein. Auf einmal wissen wir, wer wir sind und was wir sein sollen. Alle Zweifel, Ängste, Hemmungen und Spannungen fallen von uns ab. Wir haben unser wahres Selbst gefunden. „Die Freude versäumen heißt alles versäumen“, lesen wir bei Stevenson. Diese Augenblicke der Freude sind wie Blumen auf den Triften des Lebens; sie sind wie ein Pflug, der auf einem dürren, unkrautübersäten Feld die nach Luft hungernde Erde aufwirft. Das Leben weitet sich, wir schöpfen tiefer Atem, in unserem Innern springen Türen auf. „Wo Freude ist, da ist Erfüllung“, heißt es bei Paul Tillich über den Sinn der Freude, „und wo Erfüllung ist, ist Freude.“

Leider wird Freude den meisten Menschen nur selten zuteil.

Je älter wir werden, desto mehr drohen die Ansprüche und Belastungen des Alltags unser Leben zu verschütten. Wenn wir uns immer nur in dem verdrießlichen Kreis unserer Geschäftigkeit und unserer eigenen Wichtigkeit bewegen, wird sich die Freude kaum bei uns einstellen. Was wir brauchen, ist die Spontaneität und Erlebnisbereitschaft des Kindes. „Für mich ist jede Stunde des Tages und der Nacht ein Wunder“, schrieb der Dichter Walt Whitman. Wie können wir diese Empfänglichkeit für den „Überfluss der Welt“, diese Erlebnisbereitschaft, die so oft das Vorspiel der Freude ist, wiedererlangen? Manchmal bedarf es nur einer Gelegenheit, etwas Altbekanntes auf neue Weise zu erleben. Ich entsinne mich eines solchen Augenblicks.

Ich hatte die ganze Nacht an einem Artikel gearbeitet. Er wollte und wollte nicht gelingen, und ich meinte schon, er würde nie fertig werden. Doch als es fünf schlug, beendete ich den letzten Satz. Ich legte den Feder­halter hin, öffnete die Tür und trat hinaus auf den Rasen. Die Sterne verblassten, und im Osten kündigte sich der neue Tag an. Ein paar Vögel begannen zu singen; zögernd erprobten sie ihre Stimmen, und jede schien die nächste auf den Plan zu rufen. Die Bäume, dunkle Schatten am Horizont, gewannen Form und Gestalt. Ein Lichtstreifen fiel auf die Trauerweide jenseits der Straße und ließ einen Zweig als scharfe Silhouette hervortreten. Am östlichen Horizont hellte sich der Himmel auf. Immer mehr Bäume wurden sichtbar. Der große Ahorn leuchtete wie ein Kandelaber in der Dunkelheit. Die Sonne war aufgegangen! Hinter den dunklen Bäumen loderte es golden auf, belebende Frische erfüllte die Luft. Ast um Ast setzte die Sonne jeden Zweig und jedes Blatt in Brand. Die Vögel sangen jetzt mit einer Leidenschaft, als hätte sie der junge Morgen selbst erschaffen, und auch ich fühlte mich wie neugeboren, so voller Freude, dass ich meinte, es müsste mich sprengen. Die meisten Menschen haben erst zu lernen, wie man dem Gefängnis seines Ichs entrinnt.

Die Freude erwächst ja nicht nur aus dem Eins werden mit der Natur; sie erwächst aus Liebe und Schöpfertum, aus Verstehen und Erkenntnis und großen Gefühlen. Wohl am sichersten wird sie sich einstellen, wenn wir im Dienst an andern oder in der Verfolgung eines Zukunftstraumes uns selbst vergessen.

Als sich Florence Nightingale im Kaiserswerther Diakonissenhaus zur Krankenschwester ausbilden ließ, konnte sie trotz der harten und nie endenden Arbeit sagen: „Das ist Leben! Ich sehne mich nach keiner anderen Welt!“ Händel schrieb seinen Messias in wenig mehr als drei Wochen. Kaum berührte er die Speisen, die ihm vorgesetzt wurden, er arbeitete vormittags, nachmittags und abends. Als er den zweiten Teil mit dem berühmten „Halleluja“-Chor vollendet hatte, stürzte er ans Fenster und weinte vor Freude. „Mir war, als sähe ich den ganzen Himmel und den großen Gott selber vor mir!“, hörte sein Diener ihn schluchzen. Vor allem aber werden wir Freude erwarten dürfen, wenn wir dem Leben mit seinen Sorgen, seinen Kämpfen und seinen Hoffnungen nicht ausweichen. Wer immer nur daran denkt, um Wagnis und Gefahr und Leid herumzukommen, der ist für die Augenblicke der Freude schlecht gerüstet.

Je mehr wir uns bewusst sind, wie vergänglich und flüchtig alles Leben ist, desto teurer wird uns alles, was wir haben. Schopenhauer hat einmal gesagt: „Meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge.“ Ich muss an den alten Herrn denken, neben dem ich vor Jahren in der Eisenbahn saß. Schweigend sah er zum Fenster hinaus. Seine Augen musterten jeden Strauch, jede Wolke, die Formen der vorüberfliegenden Häuser, die Gesichter der Kinder, die zu uns heraufsahen. „Schön, nicht wahr?“, wagte ich schließlich, durch seine Selbstvergessenheit ermutigt, zu bemerken. „Ja“, erwiderte er und schwieg eine Weile.

Dann lächelte er und wies auf einen Heuwagen, der gerade vorbeikam. „Schauen Sie“, sagte er, „das Heu wird eingefahren.“ Er sagte es in einem Ton, als wäre eine Ladung Heu auf dem Weg zur Scheune die wichtigste Sache von der Welt. Die unausgesprochene Frage in meinem Gesicht entging ihm nicht. „Sie finden es komisch“, fuhr er fort, „dass ein ganz gewöhnlicher Heuwagen so wichtig sein soll. Aber sehen Sie, letzte Woche hat mir mein Arzt eröffnet, dass ich nur noch wenige Monate zu leben habe. Seitdem erscheint mir alles so schön und so bedeutungsvoll. Ich komme mir vor, als hätte ich mein ganzes bisheriges Leben geschlafen und wäre jetzt erst aufgewacht.

Vielleicht kommt die Freude leichter zu uns, wenn wir zugeben können, dass Leben mehr ist, als sich uns bislang erschlossen hat, wenn wir eine Welt anerkennen können, die größer ist als die unsere. Gewiss hat das Erlebnis der Freude nicht notwendig etwas mit Religion zu tun. Ein wesentliches Merkmal der Freude ist aber das Gefühl, an die Grenze eines Bereichs gestoßen zu sein, der über das eigene Ich hinausweist.

Ob uns die Augenblicke der Freude nicht vielleicht geschenkt werden, damit wir unserer Bestimmung innewerden, so und nicht anders zu leben? Ob wir nicht vielleicht immer so sehen sollten, wie die Klarheit der Freude uns sehen lässt? Vielen Menschen erscheint es geradezu frevelhaft, in einer Welt, die so bedroht ist wie die unsere, solche Helle zu verspüren. Aber fast alle Generationen haben Unsicherheit und Bedrängnis und Gefahr gekannt. Je unruhiger die Welt scheint, desto wichtiger ist es, dass wir uns der strahlenden Schönheit im Zentrum des Lebens erinnern. Die Augenblicke der Freude sind Beweis genug, dass mitten im Dunkel ein unauslöschliches Licht leuchtet.

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

70 Jahre Reader's Digest Familie & Leben

Seit 1948 erscheint die deutsche Ausgabe von Reader's Digest. Grund genug, im Geburtstags-Jahr 2018 einen Blick zurück zu wagen...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

70 Jahre Reader's Digest Stars im Interview

Beim Gespräch mit Tensin Gyatso, dem Dalai Lama, erfüllt Heiterkeit den Raum. Denn der bescheidene buddhistische Mönch nimmt das Leben mit Humor und lacht gern ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

70 Jahre Reader's Digest Geld & Recht

Die verblüffende Rückverwandlung des völlig vom Krieg zerstörten Landes in einen modernen Industriestaat — mit den Augen einer prominenten amerikanischen ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

70 Jahre Reader's Digest Spannung

Als Deutschland 1954 Weltmeister wird, sehen viele Jungs ihre Väter zum ersten Mal weinen...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

70 Jahre Reader's Digest Spannung

Am Heiligen Abend 1944, mitten in der Ardennenschlacht, klopfen Soldaten an die Tür - Deutsche und Amerikaner. Der Konflikt scheint vorprogrammiert. 1948 erschien ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

70 Jahre Reader's Digest Familie & Leben

Das haben uns unsere Leser zum 60-jährigen Jubiläum zugesendet. Auch damals fragen wir "Was verbindet Sie und Reader's Digest?".

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader's Digest Österreich: Verlag Das Beste Ges.m.b.H. - Landstraßer Hauptstraße 71/2, A-1030 Wien