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Warum Väter stets den Kürzeren ziehen
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Warum Väter stets den Kürzeren ziehen

Mütter machen einen tollen Job, findet Autor Sam Leith. Väter aber auch!

Autor: Sam Leith

Neulich ist mir etwas Großartiges widerfahren. Es war Samstag, schon etwas später. Am Nachmittag war meine Freundin Alice einer Einladung zur Grillparty einer alten Schulfreundin am anderen Ende Londons gefolgt. Sie würde allein gehen, hatten wir beschlossen, und ich würde mich um unsere einjährige Tochter Marlene kümmern.

Alles hatte wie am Schnürchen geklappt. Ich hatte Marlene zu essen gegeben, sie gebadet, mit einem Fläschchen versorgt und ins Bett gelegt. Dann hatte ich mir selbst zu essen gegeben, mich mit einem Fläschchen versorgt und mich ins Bett gelegt. Alice hatte einen Schlüssel, ich brauchte ihr also nicht die Tür aufzumachen. Außerdem würde es eine kurze Nacht, denn Marlene wachte immer schon zwischen halb fünf und sechs Uhr auf.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht klingelte mich eine leicht angesäuselte Alice aus dem Schlaf. Sie hatte die letzte U-Bahn verpasst. Ob es mir etwas ausmachen würde, wenn sie bei ihrer Freundin auf dem Sofa übernachtete?

„Natürlich nicht“, sagte ich. „Bleib du nur da, Schatz. Ich kümmere mich um unser Kind.“ Das sagte ich mit höchstem Vergnügen, denn ich wusste: Wenn Alice morgen Mittag verkatert zur Tür hereingewankt käme – in eine blitzblank geputzte Wohnung und zu einem biologisch-dynamisch gefütterten Baby –, würde ich einen seltenen Augenblick moralischer Überlegenheit genießen können.

Das war mir den schlimmsten Babystress zu nachtschlafender Zeit wert. Denn wie groß auch die Freuden sein mögen, die man als „neuer Vater“ erlebt, man fühlt sich doch irgendwie ständig als Versager, als Statist im eigenen Leben. Am Arbeitsplatz zählt man nicht mehr voll, steht am Rand des Kollegenkreises und macht nicht mehr klaglos Überstunden. Und zu Hause ist man bestenfalls eine gelegentliche Hilfe, schlimmstenfalls ein Störfaktor.

Wie es dazu kam? Ich denke, das Vatersein ist den Nachwehen der sexuellen Revolution zum Opfer gefallen. Niemand findet es heutzutage noch richtig, dass die einzig wahre Rolle der Frau die der Hausfrau ist. Oder dass man von ihr erwarten kann, die komplette Kindererziehung allein zu schultern und dann dem Ehemann abends die Pantoffeln hinzustellen, wenn er nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommt. Doch die zu Recht erfolgte Aufwertung der Mutterrolle wertete gleichzeitig die Rolle des Vaters ab und erhöhte seine Belastung.

Ist er ein durchschnittlicher Pendler, verlässt er vielleicht morgens gegen sieben Uhr das Haus, rackert sich durch sein Arbeitspensum und stolpert nach einem Zehnstundentag heim, um bei der Versorgung der Kinder zu helfen, bevor er und seine Partnerin vom Kochen, Abwaschen und dem ganzen Rest in Beschlag genommen werden. Eventuell muss er anschließend – weil er ja früher aus dem Büro wegging, um beim Baden helfend einzuspringen – noch am Schreibtisch „Hausaufgaben“ erledigen.

In der Ratgeberrubrik des britischen Satiremagazins Viz stand kürzlich als sarkastischer Kommentar auf diese Situation: „Mamis. Wenn euer Mann von der Arbeit nach Hause kommt, legt die Beine hoch und lasst ihn sich um die Kinder kümmern. Schließlich hattet ihr einen anstrengenden Tag im Müttercafé mit all dem Tratsch über seine Hämorrhoiden.“

Das will nicht heißen, dass Mütter es leichter haben. Die Mühen und Lasten des Mutterseins sind nicht zu unterschätzen, ebenso wenig wie die Isoliertheit und das Fehlen intellektueller Anregung. Viele Frauen erleben die Rückkehr ins Arbeitsleben als heiß ersehnte Erleichterung.

Der Unterschied jedoch ist, dass ihr Heldentum mittlerweile gefeiert wird – nach den langen, schlimmen Jahrzehnten, in denen die Vollzeitmutterschaft als selbstverständlich angesehen wurde. Wohingegen über die Rolle des Vaters weniger Klarheit herrscht. Es fühlt sich für mich als einen der „neuen“ Väter so an, als büßte ich für die Sünden früherer Generationen. Ist eine Mutter am Ende ihrer Kräfte, hat die ganze Welt Mitleid mit ihr. Ist ein Vater erschöpft, soll er sich zusammenreißen. Findet Papa, dass er es schwer hat? Pah! Dann soll er mal mit Mama tauschen!

Aber es ist, verdammt noch mal, nicht leicht, ein Vater zu sein. Und wir tragen zudem auch eine moralische Schuldenlast. Auf der Arbeit fühlen wir uns schuldig, weil wir uns nicht um die Kinder kümmern, und wenn wir uns um die Kinder kümmern, fühlen wir uns schuldig, weil wir nicht arbeiten. Und haben wir mal ein paar Stunden, in denen wir weder arbeiten noch uns um die Kinder kümmern, fühlen wir uns doppelt schuldig.

Ein Teil dieser Frustration beruht auf der Tatsache, dass die Gesellschaft von den Vätern erwartet, sich mehr an der Kindererziehung zu beteiligen, ihnen diese Aufgabe aber gleichzeitig nicht wirklich zutraut. Wir pürieren Brokkoli, wickeln und baden, und doch lässt sich das Gefühl nicht ganz vertreiben, dass Mütter all dies letztendlich doch besser können.

Einerseits sehnen Ehefrauen und Lebenspartnerinnen sich verzweifelt nach jemandem, der ihnen das Baby mal abnimmt. Andererseits trauen sie sich nicht, die Kontrolle aus der Hand zu geben, wenn Papa es denn tut. Ihre Mutter mag zwar kritisieren, wie ich die Kleine anziehe, aber sie spricht mir durchaus elterliche Kompetenz zu. Und doch greift sie gelegentlich in meine Entscheidungen in einer Weise ein, dass ich mir nur schwer vorstellen kann, es bei ihr genauso zu tun.

Wenn man ein Kleinkind hat, das Kleidungsstücke und Spielzeug in der ganzen Wohnung verteilt, wenn beide Eltern mit ständigem Schlafmangel kämpfen – dann ist es nur zu verständlich, wenn ein Paar manchmal einen etwas bissigeren Ton anschlägt. Dennoch glaube ich nicht, dass es nur mir so geht, wenn ich finde, dass ich als Mann dabei dauernd moralisch den Kürzeren ziehe. Dabei legt es meine Partnerin nicht darauf an oder nützt die Situation aus. Es ist einfach so.

Wir Männer tauschen uns darüber selten aus, eben weil wir Männer sind. Stress, egal ob wegen der Vaterrolle oder am Arbeitsplatz, verarbeiten wir im stillen Kämmerlein. Doch wir müssen damit an die Öffentlichkeit. Wenn wir die Gesellschaft dazu auffordern, die Vaterrolle mehr zu würdigen, wollen wir der Mutterrolle damit nichts entziehen. Wir sollten den Müttern unserer Kinder auf gleicher Augenhöhe begegnen – und wir können es auch.


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