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Die fliegende Klinik
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Die fliegende Klinik

Die Besatzung der fliegenden Klinik Orbis besteht fast ausschließlich aus ehrenamtlichen Schwestern und Ärzten. Sie operieren Menschen, die zu erblinden drohen.

Ausgabe: August 2015 Autor: Eugene Costello

Bold-Erdene hat Glück gehabt – er ist für den Eingriff ausgewählt worden, mit der sein Augenlicht gerettet werden kann.

Es ist ein heißer Morgen im Juli. Durch die Risse im Beton der Landebahn am Flughafen von Ulan-Bator in der Mongolei sprießt Unkraut. Neben dem Frachthangar steht eine weiße DC-10. Das Heck ziert eine babyblaue Schleife und das Logo der Wohltätigkeitsorganisation Orbis, die sich der Behandlung von Augenkrankheiten widmet. Das "O" des Schriftzugs ähnelt einem Auge – passend zur fliegenden Augenklinik.

Die Besatzung besteht fast ausschließlich aus ehrenamtlichen Mitarbeitern aus der ganzen Welt, die sich dem Ziel verschrieben haben, Blindheit in den armen Ländern der Welt zu besiegen.

Oben am Treppenabsatz des Flugzeugs steht die erfahrene OP-Schwester Ann-Marie Ablett, die den Chirurgen bei Operationen und Behandlungen zur Seite steht. Ablett stammt ursprünglich aus der irischen Grafschaft Roscommon. Wenn sie spricht, hört man den typischen, singenden Tonfall ihres Heimatdialekts. Ihre 61 Jahre sieht man der brünetten Irin mit ihrer frechen Frisur nicht an.

"Hauptberuflich", wie sie es nennt, arbeitet sie als klinische Oberschwester für Augenheilkunde an der Universität von Wales in Cardiff. Dieser Einsatz ist bereits ihr 28. Freiwilligeneinsatz: In nur zwölf Jahren war sie mit Orbis in 13 Ländern auf drei Kontinenten. Sie betreute schon mehr als 1000 Patienten und schulte Tausende Krankenschwestern und medizinische Mitarbeiter. Nichts im Leben bereite ihr mehr Freude: "Ein solcher Einsatz zaubert mir jedes Mal wieder ein Lächeln in mein Gesicht. Und das hält so lange an, bis der nächste losgeht", erklärt sie lachend.

Ein zehnjähriger Junge geht Hand in Hand mit seiner Mutter – sie trägt westliche Kleidung – auf das Flugzeug zu. Er ist hübsch und hat dichtes, schwarzes Haar. Als er näher kommt, sieht man, dass sein linkes Auge beinahe komplett geschlossen ist.

Der junge Bold-Erdene Ganbold hat Glück gehabt: Am Tag zuvor wurde er bei einer Untersuchung im Krankenhaus der mongolischen Hauptstadt für eine Operation ausgewählt. Ohne die Behandlung von Orbis würde sich seine Sehkraft zunehmend verschlechtern, bis das Auge vollständig erblindet wäre. Ursache ist eine sogenannte Ptosis, das Herabhängen eines Augenlides.

Noch dringlicher wird die Behandlung durch einen Abszess am selben Auge, der von einer Rangelei auf dem Spielplatz vor einigen Monaten herrührt. Dadurch hat sich Narbengewebe gebildet, das die Sehkraft zusätzlich bedroht.

Ann-Marie Ablett hatte Bold-Erdene bereits im Krankenhaus kennengelernt. In den Korridoren drängten sich viele Familien, die zum Teil Hunderte Kilometer angereist waren – in der Hoffnung, ihre Kinder oder Angehörigen würden für die Operation ausgewählt.

Ein zentrales Anliegen von Orbis ist die Behandlung und Prävention von Blindheit und Augenkrankheiten in Entwicklungsländern. Die Ärzte wählen die Patienten nach zwei Hauptkriterien aus. Zum einen soll mit dem Fall das medizinische Personal vor Ort in den Operationstechniken unterwiesen werden. Zum anderen muss der Chirurg überzeugt sein, dass das Ergebnis positiv sein wird – falsche Hoffnungen helfen niemandem.

Schwester Ann-Marie begrüßt Bold-Erdene, dessen Gesicht einen freudigen Ausdruck annimmt, als er sie erkennt. Sie nimmt ihn bei der Hand und führt ihn und seine Mutter ins Flugzeug.

Im vorderen Teil, wo einst die erste Klasse war, befindet sich ein Vortragsraum mit zehn Sitzreihen und einem großen Monitor, auf dem das medizinische Personal vor Ort die Chirurgen bei den Operationen beobachten und deren Erläuterungen mitverfolgen kann. Heute sind 48 Zuschauer hier. Manche müssen sogar stehen. Dolmetscher übersetzen Fragen der Anwesenden während der OP.

Durch einen schmalen Gang gelangen Ablett, Bold-Erdene und seine Mutter in einen großen Raum, der als Laserraum bezeichnet wird und als Wartezimmer für Patienten und ihre Angehörigen dient. Hier wird der Patient mit seiner Mutter bleiben, bis er zur Voruntersuchung für die anstehende OP gerufen wird.

Daneben befindet sich der Operationssaal, ein hermetisch abgeriegelter, steriler Raum mit fahrbarer Krankentrage in der Mitte. Es wird eng werden mit dem Chirurgen, Ablett und drei mongolischen Schwesternschülerinnen. Zwischen dem OP und dem Aufwachraum liegt ein kleiner Raum, in dem Instrumente sterilisiert werden und sich das Personal vor dem Eingriff die Hände wäscht.

Am Heck gibt es noch eine kleine Krankenstation mit drei Betten, die für die Vor- und die Nachuntersuchung genutzt wird. Hier scherzt gerade die Krankenschwester Angela Purcell mit dem verantwortlichen Anästhesisten Jonathan Lord von der Londoner Augenklinik Moorfields und seinem Kollegen Lawrence Azavedo aus Preston, Großbritannien. Das Team ist gut gelaunt und hoch motiviert. Sie sind alle stolz auf die Arbeit, die sie hier leisten.

Bold-Erdene und seine Mutter warten in der Laserklinik. Der Junge schaut sich Die Eiskönigin auf dem DVD-Player an. Es sei sein Lieblingsfilm, erklärt er schüchtern.

Ablett wäscht sich, damit sie Yasser Khan bei der ersten für heute Morgen angesetzten Operation assistieren kann. Bold-Erdene ist als Zweiter an der Reihe. Nach 45 Minuten kehrt sie in die Laserklinik zurück. Die erste Operation verlief erfolgreich.

Sie lächelt Bold-Erdene an und streicht ihm über sein verstrubbeltes Haar. "Fertig, junger Mann?"

Bold-Erdene lächelt und nimmt Abletts Hand, um zur Voruntersuchung am anderen Ende des Flugzeugs zu gehen. Als sie in den hell erleuchteten Raum kommen, stellt sie ihm den Anästhesisten Lawrence Azavedo vor. Er gibt Bold-Erdene die Hand.

Nun klettert der kleine Junge auf das Krankenbett.

"Wie ich höre, magst du Die Eiskönigin", sagt Azavedo. "Welches Lied gefällt dir am besten?"

Mit einem schüchternen Lächeln erwidert der Junge, es sei "Lass jetzt los", und bietet an, es vorzusingen.

Während er singt und die Mediziner mit seiner Darbietung verzaubert, injiziert ihm Azavedo ein leichtes Beruhigungsmittel: "Das wird dir helfen, dich zu entspannen."

Nach der ersten Strophe und dem Refrain applaudieren die Mitarbeiter, und Azavedo fragt Bold-Erdene, was er einmal werden möchte. "Ich möchte gern als Sänger in Musicals auftreten", erklärt er geradeheraus.

Auf Azavedos Bitte hin beginnt er, die zweite Strophe zu singen. Dabei injiziert der Anästhesist das Narkosemittel. Kurz darauf ist der Junge eingeschlafen. Das Team schiebt das Bett zur Tür des Operationssaals. Ablett nimmt es auf der anderen Seite in Empfang und zieht es durch die Türen, die sich anschließend sofort wieder fest verschließen.

Yasser Khan, ein Augenchirurg aus Toronto, Kanada, sitzt neben dem Bett. Ablett steht neben ihm, während die drei mongolischen Krankenschwestern zuschauen. Khan hat sich auf korrigierende und rekonstruktive Chirurgie nach Traumata spezialisiert. Neben einer Praxis leitet er das Stipendium-Programm für plastische Augenchirurgie an der McMaster-Universität in Hamilton, Kanada.

Khan beugt sich über das Gesicht des Jungen und kommentiert jeden seiner Schritte. über den Bildschirm verfolgen die 48 Medizinstudenten im Vortragsraum jeden einzelnen seiner Schritte. Ann-Marie Ablett reicht ihm die erforderlichen Instrumente, sie weiß aus Erfahrung, welches er als Nächstes benötigt.

Zur Kamera gewandt erklärt Khan, dass er eine weitere Komplikation entdeckt hat: einen blockierten Tränenkanal. Beseitigt er diese Blockade nicht, wird Bold-Erdenes Auge weiter stark tränen, außerdem steigt das Risiko für Infektionen und eine mögliche Erblindung. Auf seine ruhige Art sagt er, dass dies nicht das Hauptanliegen der heutigen Operation sei, er es aber miterledigen würde.

Der Anblick ist nichts für Zimperliche: Der Bildschirm zeigt eine Großaufnahme des Auges, es blutet, und weißes Fett tritt aus.

Im Laufe der nächsten Stunde beschreibt der Chirurg geduldig sein Vorgehen. Das Narbengewebe sei umfangreicher, als er befürchtet hatte, und es habe die angeborene Ptosis verschlimmert. Doch er gibt sich unbeeindruckt und arbeitet konzentriert weiter. Schließlich wendet er sich mit einem Lächeln Ann-Marie Ablett zu und sagt: "Nun sind wir fertig. Es ist alles gut gegangen."

Bold-Erdene wird auf die kleine Station geschoben. Schwester Ann-Marie nimmt ihre Gesichtsmaske ab und setzt sich neben sein Bett. Nach 20 Minuten wird er langsam wach. Als seine Mutter in die Station kommt, ist er schon munter und sitzt im Bett, die Hand von Ablett haltend. Seine Mutter geht geradewegs auf ihn zu und nimmt ihn wortlos in den Arm. Weitere 20 Minuten später ist er bereit für den Rücktransport in das städtische Krankenhaus.

Dort wird er über Nacht zur Beobachtung bleiben. Ann-Marie Ablett geht mit ihm die Treppe des Flugzeugs hinunter. Als sie am Frachthangar ankommen, bleibt er stehen und umarmt sie. Dann werden er und seine Mutter ins Krankenhaus gefahren. Für Ann-Marie Ablett und das Orbis-Team war es wieder eine Routineoperation, doch für den kleinen Jungen und seine Familie wird sie das Leben grundlegend verändern.

Was hat Ablett dazu bewegt, für Orbis zu arbeiten? Sie denkt nach und meint: "Wissen Sie, ich komme aus dem Westen Irlands, aus einem winzigen Örtchen namens Boyle. Selbst in meinen kühnsten Träumen habe ich mir nie vorgestellt, dass ich einmal die Möglichkeit haben würde, durch die ganze Welt zu fliegen und viele Menschen so unbeschreiblich glücklich zu machen und Leben zu verändern über Generationen hinweg."

Dann läuft sie die Treppe zum Flugzeug wieder hoch. Schließlich stehen heute noch weitere Operationen auf dem Plan.


 

RD Abbinder
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