Illustration: Ein Arzt balanciert auf einem Neuronen-Strang im Gehirn.
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Körper & Psyche

Autismus: leicht zu übersehen

Manchmal wird die Diagnose erst gestellt, wenn der Patient längst erwachsen ist.

Ausgabe: Januar 2020 Autor: Lisa Fields

Jo Bervoets hatte einen besonders stressigen Arbeitstag hinter sich. Auf dem Bahnhof war mehr los als sonst. „Schon auf dem Weg zum Zug waren meine Gedanken ein wenig durcheinander“, erinnert sich der 51-jährige Ingenieur aus Antwerpen, Belgien, an den Tag vor drei Jahren. Bervoets hatte drei Monate zuvor eine neue Stelle angetreten, und der Umgang mit den neuen Kollegen fiel ihm schwer. Nachdem er den Zielbahnhof erreicht hatte, ging er zur Leihfahrradstation. Aber es war kein Rad mehr da. Er wusste nicht, wie er heimkommen sollte. „Ich rief meine Frau an, und sie holte mich ab“, erzählt Jo Bervoets. „Dann wurde es um mich herum plötzlich schwarz. Ich erlitt einen Nervenzusammenbruch.“ Weil er sich auch am nächsten Morgen nicht besser fühlte, schrieb ihn seine behandelnde Psychiaterin krank. Die offizielle Diagnose: Autismus.

„Damit hatten wir nicht gerechnet“, so Bervoets. „Meine Frau Els und ich recherchierten daraufhin im Internet. Dabei stellten wir fest, dass sich eine Reihe meiner Verhaltensweisen wahrscheinlich auf diese autistische Störung zurückführen ließen, wie meine Angewohnheit, das Licht in einer bestimmten Reihenfolge zu löschen. Auf einmal ergab das alles einen Sinn, und ich war erleichtert.“

Autismus – was ist das?

Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die lebenslang besteht und sich auf die soziale Interaktion und Kommunikation auswirkt. Experten kennen die genauen Ursachen nicht, doch es spricht einiges dafür, dass genetische Faktoren bei der Entstehung eine Rolle spielen. In manchen Familien tritt die Störung gehäuft auf. Aktuelle Studien legen nahe, dass etwa 1  Prozent der Bevölkerung davon betroffen ist: rund sieben Millionen Autisten in Europa. Noch ist unklar, warum mehr Jungen und Männer betroffen sind als Mädchen und Frauen. Manche Experten nehmen an, dass die Risiko-Gene seltener an Mädchen vererbt werden. Andere gehen davon aus, dass sich Autismus bei Mädchen und Frauen anders äußert und infolgedessen oft unerkannt bleibt.

Die Autismus-Spektrum-Störung schließt eine Vielzahl von Symptomen ein, die häufig bereits im Kleinkindalter auftreten. Die Diagnose wird meist nach dem vierten Lebensjahr gestellt. Unter dem Begriff fasst man die unterschiedlichsten Ausprägungen autistischer Beeinträchtigungen zusammen. Schwere Fälle fehlender Kommunikationsfähigkeit und Behinderung fallen ebenso darunter wie leichte Formen, bei denen Betroffene kaum Auffälligkeiten zeigen und die Störung erst im Erwachsenenalter entdeckt wird.

Dass Autisten auf gleichförmigen Abläufen beharren oder sich für bestimmte Gebiete besonders interessieren, trifft häufig, aber nicht immer zu. „ASS kann man nicht verallgemeinern. Oftmals versteht man darunter eine Art Überempfindlichkeit. Autisten geht vieles zu schnell, sie verarbeiten Informationen langsamer als sie sie empfangen“, erläutert Kristien Hens, Autismusforscherin an der Universität Antwerpen. Auch wenn ASS-bedingte Schwierigkeiten und Beeinträchtigungen von Mensch zu Mensch stark variieren, gibt es bestimmte gemeinsame Verhaltensmuster. So leiden viele Betroffene an mangelnder Entscheidungsfähigkeit, haben Schwierigkeiten, die Mimik anderer zu deuten und tun sich generell schwer im Umgang mit anderen Menschen.

Hochfunktionaler Autismums

Seit der Jahrtausendwende gibt es in der Gesellschaft ein wachsendes Bewusstsein für Autismus. „Vor 50 Jahren sprach man bei bestimmten Verhaltensweisen nicht von Autismus, sondern davon, dass sie oder er ein bisschen seltsam ist“, erklärt Kristien Hens, Autismusforscherin an der Universität Antwerpen. „Heute beschränkt sich Autismus nicht mehr nur auf Kinder, die sich vor ihrer Umwelt verschließen und wenig Kontakt haben, der Begriff ist inzwischen weiter gefasst.“
Menschen, deren Autismus erst im Erwachsenenalter erkannt wird, sind oft gut angepasst. „Sie kommen im Alltag zurecht, weil sie sich soziale Regeln abgeschaut und durch logisches Denken erarbeitet haben“, erläutert Victoria Russ, die an der Universität von Southampton, Großbritannien, im Fach Psychologie forscht. „Mit dieser Methode gelingt es den Betroffenen, sich zu integrieren und nicht aufzufallen.“ „Das Nachahmen ist eine wirksame Strategie, stellt jedoch eine enorme kognitive Leistung dar. Das kann kräftezehrend sein und zu Depressionen führen“, erklärt Dr. Bojan Mirkovic, Arzt für Psychiatrie und Spezialist für Asperger (eine Autismus-Variante) an der Uniklinik Pitié-Salpêtrière in Paris.
„Es ist anstrengend“, weiß Bervoets. „Bevor man auf eine Party geht, muss man genau überlegen – wie man sich begrüßt, wo man sich hinstellt, wann Augenkontakt erwünscht ist. ‚Normale‘ Menschen müssen sich darüber keine Gedanken machen.“ Bervoets glaubt, dass die Depressionen, unter denen er regelmäßig litt, auf die enorme Anstrengung zurückzuführen waren, mit der er sein Anderssein zu verbergen versuchte.

Leben und Karriere

Viele Autisten haben die Schule abgeschlossen, machen Karriere, sind verheiratet und selbst Eltern, ehe sie herausfinden, dass sie an einer Autismus-Spektrum-Störung leiden. „Ein Job, der den Begabungen des Betroffenen entspricht, seinem Alltag eine Struktur gibt, kann dazu beitragen, dass jemand mit ASS erfolgreich und zufrieden ist“, meint Victoria Russ. Der 62 Jahre alte Sicherheitstechniker Diederik Weve aus Den Haag, Niederlande, ließ sich vor zehn Jahren testen, nachdem ihm die ASS-Symptome beim Kind eines Freundes bekannt vorkamen. So erfuhr er, dass er an Asperger leidet. „Ich konnte mich gut mit meiner Diagnose arrangieren. Seitdem blicke ich anders aufs Leben“.

Autismus am Arbeitsplatz

Obwohl viele Menschen mit ASS einer geregelten Beschäftigung nachgehen, fällt es ihnen schwerer, Arbeit zu finden. Einige üben Tätigkeiten aus, für die sie überqualifiziert sind, weil sie einen mit einer größeren Verantwortung verbundenen, anspruchsvolleren Job nicht aushalten würden. Peter Street, 71, aus dem britischen Wigan erfuhr im Alter von 64 Jahren, dass er ASS hat. Probleme hatte er aber schon als Kind. „Ich war in allen Fächern schlecht“, erinnert er sich. „Ich bekleckerte mich oft von oben bis unten mit Tinte und verstand nicht, warum ich das, was für andere Kinder kein Problem war, nicht schaffte.“ Er blieb zweimal sitzen und verließ die Schule mit 15 – ohne Abschluss. Nachdem er einige Jahre als Totengräber gearbeitet hatte, wurde er Gärtner und schließlich Förster. Er konnte weder lesen noch schreiben. Nach einem Unfall im Jahr 1982 erhielt er während eines Krankenhausaufenthalts von einem Mitpatienten Nachhilfe. Der Mann, der von Beruf Englischlehrer war, ermutigte ihn zu schreiben. Inzwischen hat Street vier Gedichtbände und eine Biografie veröffentlicht.

Keine Beziehung zu Kollegen aufbauen zu können oder nicht mit dem Strom zu schwimmen, kann sich negativ auf die Aufstiegschancen und Verdienstmöglichkeiten eines Menschen mit ASS auswirken. Einfühlungsvermögen zählt zu den Kernkompetenzen im gesellschaftlichen Miteinander. Ohne diese Gabe kann es schwierig sein, Freunde oder einen Partner zu finden. Street sagt, er sei froh, dass er seine Frau, mit der er seit 50 Jahren glücklich verheiratet ist, durch einen gemeinsamen Freund kennengelernt hat. „Die Partnersuche war ein Albtraum für mich. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie man das anstellt“, gibt er zu.

Diagnose – eine Erleichterung

Oft wird die Diagnose bei Erwachsenen gestellt, wenn die Betroffenen sich in psychotherapeutische Behandlung begeben, wie in Bervoets’ Fall. Andere suchen Hilfe, weil sie autistische Wesensmerkmale an sich selbst entdecken. „Es kommt vor, dass Eltern auf die eigene Symptomatik aufmerksam werden, weil ihr Kind gerade auf ASS untersucht wird“, erläutert Aurélie Baranger. Dann verstehen viele Patienten endlich, weshalb sie sich immer anders gefühlt haben. „Die Diagnose Autismus lindert ihr schlechtes Gewissen, denn sie wurden ihr Leben lang dafür beschuldigt, gegen die Regeln verstoßen zu haben“, erklärt Baranger. Die Diagnose hilft Betroffenen, Ereignisse in der Vergangenheit neu zu bewerten. „Jetzt wissen sie, warum sie im Vorstellungsgespräch so oft versagt haben, oder weshalb es ihnen schwerfällt, Gefühle auszudrücken oder Witze zu verstehen“, sagt Dr. Mirkovic. „Dies ist ein wichtiger Schritt zu mehr Lebensqualität.“

Therapie – Für und Wider

Kinder, bei denen Autismus diagnostiziert wird, erhalten Unterstützung, um sich besser zurechtzufinden. Ähnliche Angebote für Erwachsene existieren nicht überall. „Wie es nach der Diagnose weitergeht, hängt stark davon ab, in welchem Umfang der Betroffene durch ASS im täglichen Leben eingeschränkt ist“, so Dr. Bojan Mirkovic. „In manchen Fällen ist eine Verhaltenstherapie sinnvoll, bei der die Teilnehmer lernen, Kompensationsstrategien zu entwickeln. Anderen Patienten kann es helfen, ihre sozialen Fähigkeiten zu trainieren oder sich beruflich neu zu orientieren.“

Es gibt aber auch Autisten, die mit ihrem Leben zufrieden sind. „Ich hatte schon Patienten, die gesagt haben: ‚Ich bin wie ich bin. Entweder akzeptiert mich meine Umwelt so oder sie tut’s nicht‘“, schildert Kristien Hens. Der Ingenieur Bervoets begann nach seiner Diagnose eine Gesprächstherapie, die er jedoch abbrach. „Je mehr ich mich mit meinem Verhalten auseinandersetzte, desto schlechter fühlte ich mich. Wenn jemand traurig ist, versuche ich heute, die Gründe zu verstehen – aber nicht um jeden Preis“, erklärt er. Das Ehepaar hat den Autismus als Teil seines Lebens akzeptiert. Bervoets Frau sagt dazu: „Die Diagnose ändert nichts daran, dass mein Mann ein besonderer Mensch ist.“

 


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