Ein Arzt tippt mit seinem rechten Zeigefinger auf ein medizinisches Symbol.
© iStockfoto.com / NicoElNino
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Ein juckender Albtraum

Ein fürchterlicher Juckreiz quält die Schweizerin Eva (36) vor allem nachts. Sie kann kaum noch schlafen.

Ausgabe: November 2019 Autor: Lisa Bendall

Eva und ihr Mann lebten seit Jahren in Genf in der Schweiz. 2015, von einem auf den anderen Tag, bekam Eva am ganzen Körper Juckreiz: Sie wachte nachts auf und kratze sich wund. Ihr Hausarzt vermutete zunächst, dass Bettwanzen die Ursache sein könnten. Doch Eva hatte keine Anzeichen für die Schädlinge entdeckt, auch ihr Mann wies keine Bisse auf. Vorsichtshalber ließ Eva den Kammerjäger kommen.
Ihre Beschwerden verschlimmerten sich jedoch zunehmend. Der unerträgliche Juckreiz und die Schmerzen brachten sie an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Selbst nachdem das Paar in eine andere Wohnung gezogen war, hörte der Juckreiz nicht auf. Evas Arzt testete ihr Blut und ordnete eine Röntgenuntersuchung an. Ihre Nierenfunktion und ihre Leberenzyme waren normal. Eva hatte einen leicht erhöhten IgE-Wert (Antikörper), der auf eine Allergie hin­deuten kann. Doch weder Antihistamine noch Kortisonsalbe ließen ihre Beschwerden abklingen. Als Eva kaum noch schlafen konnte, schrieb sie ihr Arzt schließlich krank.

14 Monate später zeigte die Haut auf Evas Armen, Beinen, Rücken und Gesäß plötzlich kleine harte Knoten. Die Prurigo nodularis genannte Erkrankung entsteht manchmal durch dauerhaftes Kratzen. Zahlreiche andere Krankheiten können mit ihr in Verbindung gebracht werden, darunter Nierenkrankheiten, Anämie, Angst und Depressionen. Da Eva scheinbar physisch gesund war, vermutete ihr Arzt, dass die Angst vor dem ursprünglichen Juckreiz möglicherweise zu dem chronischen Verlauf geführt hatte. Eva wurde an die Dermatologische Abteilung des Universitätsspitals Genf überwiesen und unterzog sich einem Haut-Allergie-Test. „Damit versuchen wir als Erstes, einfache umgebungsbedingte Ursachen auszuschließen“, erklärt Dr. Laurence Toutous-Trellu, leitende Ärztin, die viele der schwierigen Fälle betreut. Doch der Test war negativ. Häufig spricht Prurigo nodularis auf eine Therapie mit ultraviolettem Licht oder Antidepressiva an. Bei Eva war dies nicht der Fall. Deshalb erhielt sie eine Kryotherapie, bei der sich die Patientin in einer Kältekammer Minusgraden aussetzt. Eva verschaffte die Behandlung allerdings nur für kurze Zeit Erleich­terung. Weitere sechs Monate später konsultierte Eva erneut ihren Hausarzt. Sie litt jetzt neben dem schmerzenden Juckreiz an nächtlichem Schüttelfrost sowie unter schweren Erschöpfungszuständen.

Es ist Krebs

Evas Hausarzt verschrieb ihr daraufhin ein stark entzündungshemmendes Kortikosteroid-Präparat, das eingesetzt wird, wenn andere Behandlungsmethoden erfolglos bleiben. Zwei Wochen später ging es ihr jedoch noch schlech­ter, und sie begab sich erneut ins Universitätsspital Genf. Dr. Toutous-Trellu entdeckte bei der Untersuchung einen geschwollenen Lymphknoten in Evas Brust. Besorgt ordnete sie eine erneute Röntgenaufnahme an. Diese zeigte mehrere vergrößerte Lymphknoten. Auf einer CT-Aufnahme ähnelten die Geschwülste Krebs. Die Biopsie zeigte eine eindeutige Diagnose: Eva hatte ein nodulär-sklerosierendes Hodgkin-Lymphom, eine Krebserkrankung des Immunsystems. Am häufigsten kommt diese Krebsart bei Personen im Alter zwischen 15 und 35 Jahren vor. In Europa erkranken nicht einmal drei von 100 .000 Menschen jährlich daran, und die Krankheit ist schwer zu diagnostizieren.

Evas Krebserkrankung war zum Glück noch im Frühstadium. Ihr Juckreiz und ihre Schmerzen ließen nach der ersten Chemotherapie-­Behandlung deutlich nach. Und auch ihre Haut begann zu heilen. Endlich kam ihre Energie zurück, und sie konnte wieder arbeiten. Im Oktober 2017 beendete Eva die Chemobehandlung. Seitdem geht sie alle sechs Monate zum Onkologen. „Manchmal habe ich noch das Gefühl, eine Ameise läuft über meine Haut, und ich möchte mich kratzen“, erklärt sie. Es erinnert sie an den langen Leidensweg, den sie durch­gehen musste. „Ich hoffe, aus meiner Geschichte lernen sowohl Ärzte als auch Patienten“, sagt Eva.

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Samantha*, eine 24-jährige Kellnerin hat Schmerzen im unteren Rücken und leidet an Erschöpfung.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Kurt (66) leidet unter plötzlichen Erstickungsanfällen mit Schwellungen der Atemwege. Eine Fallgeschichte aus dem Krankenhaus.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Stefano* ein 80-jähriger Ingenieur im Ruhestand, wurde bei einer Operation mit Mykobakterien infiziert und magerte stark ab. Ein beharrlicher Arzt fand die ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Mit Anfang 20 begann Karims (Name von der Redaktion geändert) Leidensgeschichte. Er litt unter Durchfall – er musste mehr als zehnmal am Tag zur Toilette, ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Eine Fallgeschichte aus dem Krankenhaus. George (28), Landschaftsarchitekt und Wasserballspieler litt jahrelang an chronischen Rückenschmerzen. Eine neue Therapie ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Eine Fallgeschichte aus dem Krankenhaus: Ein kleines Mädchen hat unerklärbare Muskelkontraktionen.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Eine Fallgeschichte aus dem Krankenhaus.

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader's Digest Österreich: Verlag Das Beste Ges.m.b.H. - Landstraßer Hauptstraße 71/2, A-1030 Wien