Gemeinsam statt einsam
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Körper & Psyche

Gemeinsam statt einsam

Einsamkeit ist die unsichtbare Geißel unserer modernen Lebensweise. Eine neue Gemeinschaftsinitiative zeigt Wege aus der Isolation – hin zu mehr Gesundheit und Lebensfreude.

Ausgabe: November 2018 Autor: Tim Hulse

Einsamkeit ist die unsichtbare Epidemie des 21. Jahrhunderts. „Es sind nicht nur alte Menschen, die hoffnungslos einsam sind. Ich habe Briefe von jungen Müttern und Jugendlichen, die Dutzende Freunde in sozialen Netzwerken haben, bekommen. Sie fühlen sich in der geschäftigen, hektischen Welt von heute trotzdem sehr allein und sehr isoliert“, sagt Tracey Crouch, die in diesem Jahr zur ersten Ministerin für Einsamkeit in Großbritannien ernannt wurde. Crouch hat selbst einschlägige Erfahrungen mit dem Thema gemacht, als sie sich nach der Geburt ihres ersten Kindes isoliert vorkam.

Einer aktuellen Eurostat-Umfrage im Auftrag der Europäischen Kommission zufolge haben durchschnittlich 6 Prozent aller EU-Bürger niemanden, den sie um Hilfe bitten könnten. Bei einer Befragung von US-Amerikanern über 45 Jahren gab mehr als ein Drittel der Teilnehmer an, sich einsam zu fühlen. Zahlreiche Studien belegen, dass sich Einsamkeit negativ auf die Gesundheit auswirkt. Laut einer US-amerikanischen Studie liegt bei Personen ohne adäquate soziale Kontakte die Wahrscheinlichkeit, vorzeitig zu sterben, um 50 Prozent höher.

Frome startet Projekt gegen Einsamkeit

Die Stadt Frome in der Grafschaft Somerset im Südwesten Englands will gegen die Einsamkeit vorgehen. Sie steht derzeit im Mittelpunkt einer Gesundheitsinitiative, die bemerkenswerte Auswirkungen auf Isolation und die damit verbundenen Gesundheits-Beschwerden zeigt. Mit Unterstützung zahlreicher Freiwilliger hat das Projekt Compassionate Frome (Mitfühlendes Frome) ein Onlineverzeichnis von Adressen zusammengestellt, in dem die Einwohner verschiedene Hilfsangebote und Aktivitäten finden können. So scheint der Kreis durchbrochen zu werden, wonach Krankheit in die Isolation führt, die wiederum die Krankheit verschlimmert. Die Zahl der Notaufnahmen in Krankenhäusern in der Region nahm drastisch ab, seit das Programm 2013 gestartet wurde.

Einfach nur reden

„Wir wollten uns eigentlich nur unsere Arbeit leichter machen und die Versorgung der Patienten verbessern“, erklärt die Hausärztin Dr. Helen Kingston. Sie sitzt in einem der Behandlungsräume der modernen Arztpraxis von Frome, die 2013 für 10,5 Millionen Pfund (etwa 11,8 Mio. Euro) errichtet wurde. Kingston praktiziert seit fast 25 Jahren in der Stadt. Das neue, große Ärztehaus, wo nicht nur Ärzte, sondern auch Gemeindeschwestern und anderes medizinisches Personal wirken, hat ihr die Augen für neue Möglichkeiten geöffnet. „Wir haben ein System etabliert, bei dem jede Person nach Entlassung aus dem Krankenhaus von einem Mitarbeiter kontaktiert wird. Wann immer sich die Gelegenheit ergibt, über Verbesserungen im Leben dieses Menschen zu sprechen, ergreifen wir sie“, berichtet Dr. Kingston.

Heute sitzen Jeanette, Helen und Chris an Schreibtischen in einem der hellen, großen Besprechungszimmer. Sie gehören zu einem Dutzend Teilnehmern an der wöchentlichen Sitzung der „Wohlfühl“-Gruppe. Organisiert wird sie von Mind, einer gemeinnützigen Vereinigung für psychische Gesundheit, die Menschen mit Depressionen und Angststörungen betreut. Die Gruppenmitglieder erhalten praktischen Rat zur psychischen und physischen Gesundheitsvorsorge. Vor allem aber bieten die Sitzungen die Möglichkeit, aus dem Haus zu kommen, Menschen zu treffen und sich über Probleme auszutauschen. Ruth, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin von Mind, die bei den Sitzungen anwesend ist, bringt es auf den Punkt: „Den meisten geht es hauptsächlich um die Gespräche bei Tee und Kuchen. Sie können einfach herkommen und mit anderen Leuten reden. Da höre ich Dinge wie: ‚Die drei Stunden hier sind für mich die schönsten der ganzen Woche.‘“

Die Mind-Gruppe ist eines der zahlreichen Angebote aus rund 50 Kategorien, die auf der Website der Vereinigung der Gesundheitsdienste der Region stehen. Sie beinhalten nicht nur verschiedene Gesundheitsbereiche, sondern auch soziale Themen wie Wohnen, Mobilität und Arbeit oder Bildung. Die angebotenen Aktivitäten reichen vom Chorsingen über Abnehmkurse bis hin zu Selbsthilfegruppen in unterschiedlichsten Bereichen. Rund 650 ausgebildete Ehrenamtliche aus der Region fungieren als Gemeinde­Verbindungsleute, die über die verfügbaren Angebote informieren.

Wissen, dass es anderen genauso geht

Wir treffen uns immer dienstags für anderthalb Stunden und reden einfach über Gott und die Welt“, erzählt Kathy, die im Februar an seropositiver rheumatoider Arthritis erkrankte. Innerhalb von zwei Wochen musste sie sich von ihrem bisherigen Leben mit einem anstrengenden Beruf und Autorennen am Wochenende verabschieden und stattdessen zu Hause im Bett bleiben. Mithilfe von Medikamenten kann sie inzwischen auf Krücken gehen. Die Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe bieten ihr eine zusätzliche Stütze. „Durch sie weiß ich, dass es Menschen gibt, die das Gleiche durchmachen wie ich“, so Kathy.

Patsy, ein anderes Mitglied der Gruppe, erlitt vor fünf Jahren einen Schlaganfall und war zeitweilig gelähmt war. Seit sie von Health Connections erfahren hat, nimmt sie an verschiedenen Aktivitäten teil, unter anderem in der Seniorensportgruppe und in einer Selbsthilfegruppe für Schlaganfallpatienten. „Ich habe dabei gute Freunde kennengelernt“, sagt sie. „Das Leben ist jetzt wieder lebenswert.“ Shane, ein weiteres Gruppenmitglied, leidet an den chronischen Krankheiten Arthrose, Asthma und degenerativer Wirbelsäulenerkrankung. Trotzdem ist sie als Gemeindeverbindungsfrau tätig und hilft in einem örtlichen Talking Café (Gesprächscafé) mit, ebenfalls eine Initiative von Health Connections.

Alle profitieren

Dr. Helen Kingston sagt: „Wir alle können von besseren Kontakten und mehr Unterstützung profitieren, aber auch davon, anderen zu helfen, denn die Wirkung geht in beide Richtungen. Wenn jeder Hilfe bekommt und stufenweise Fortschritte macht, gibt es Dominoeffekte.“ Ein solcher Effekt war ein 17-prozentiger Rückgang bei den Notaufnahmen in Krankenhäusern in Frome innerhalb von drei Jahren. „Ich verstehe das sehr gut“, so Dr. Kingston. „Wenn man einen Sinn im Leben sieht und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlt, fällt es einem viel leichter, auf die eigene Gesundheit zu achten. Kommt man sich dagegen isoliert vor, schätzt das eigene Leben gering und kann anderen nichts geben, das ein gutes Gefühl vermittelt, ist einem nicht danach, sich irgendwo einzubringen. Dann liegt es nahe, dass man nicht auf sich achtet und schließlich krank wird.“ Die Vorteile des Projekts in Frome sind offensichtlich. Es schafft Gemeinschaften, die Fürsorge und Mitgefühl für andere fördern.

Wege aus der Einsamkeit

Wenn Sie unter Einsamkeit leiden, sind Rathäuser und Bibliotheken gute Anlaufstellen für Informationen über örtliche Vereine und landesweite Organisationen. Bitten Sie auch Ihren Hausarzt oder Ihre Hausärztin, Ihnen soziale Gruppen oder Projekte zu empfehlen, die sich positiv auf Ihr Wohlbefinden auswirken könnten.Es gibt viele Möglichkeiten, Ihre Zeit, Fähigkeiten und Erfahrungen einzubringen, dabei anregende Gesellschaft und vielleicht neue Freunde mit gemeinsamen Interessen zu finden:

  • Nutzen Sie Fortbildungsangebote.
  • Legen Sie sich ein neues Hobby zu.
  • Engagieren Sie sich ehrenamtlich.
  • Singen Sie in einem Chor mit.
  • Schließen Sie sich einem Lesekreis an.
  • Nehmen Sie an Fitnesskursen teil.
  • Halten Sie Kontakt zu alten Freunden und Familienmitgliedern.
  • Bieten Sie Ihren Bekannten an, mit deren Hund Gassi zu gehen.
  • Suchen Sie sich einen Mannschaftssport, der Ihrer Fitness entspricht.

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