Eine junge Frau formt mit beiden Händen ein Herz vor ihrem Gesicht.
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Körper & Psyche

Gesundes Herz: Das sollte jede Frau wissen

Frauen wollen niemandem zur Last fallen, scheuen sich, einen Arzt zu rufen und bitten nicht gerne um Hilfe. Doch schnelle Hilfe ist bei Herzerkrankungen lebenswichtig.

Ausgabe: Februar 2021 Autor: Anita Bartholomew
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Oft bitten Frauen bei Herzinfarkten verspätet um Hilfe. Eine Schweizer Studie, die 2018 veröffentlicht wurde, belegt, dass Frauen, die einen Herzinfarkt erlitten, im Schnitt 37 Minuten später Hilfe riefen als Männer. Auch eine neuere französische Studie bestätigt das. Laut Dr. Stéphane Manzo-Silberman, Interventionskardiologin an einem Pariser Krankenhaus und eine der Studienautorinnen, „haben zwei Drittel aller Herzinfarktpatienten die typischen Brustschmerzen. Aber gerade Frauen haben auch andere Symptome: Übelkeit, Schwindel, ungewöhnliche Müdigkeit. Das ist für Frauen und auch für Ärzte verwirrend.“ Dr. Manzo-Silberman sagt, Frauen würden häufig denken, hauptsächlich Männer erlitten Herzinfarkte. Das ist ein fataler Irrtum. Laut Eurostat handelte es sich bei einem von acht Todesfällen in der EU im Jahr 2015 um einen Herzinfarkt. Und fast die Hälfte der Betroffenen waren Frauen.

Manchmal erkennen nicht einmal Ärzte den Herzinfarkt bei einer Frau. Eine Analyse von Patienten, die in Florida in den Jahren 1991–2010 in die Notaufnahme der Krankenhäuser eingeliefert wurden, ergab Folgendes: „Frauen haben eine größere Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt zu überleben, wenn sie von einer Ärztin und nicht von einem Arzt behandelt werden.“ Das bestätigt Professor Dr. Brad Greenwood von der George Mason University in Fairfax, Virginia, USA, einer der Autoren der Studie. Er vermutet, Ärztinnen nehmen unausgesprochene Signale von Patientinnen schneller wahr – und dass es Patientinnen leichter falle, sich einer Ärztin anzuvertrauen. Darüber hinaus können sich Funktionsstörungen im Herz-Kreislauf-System von Frauen erheblich von denen bei Männern unterscheiden.

 

Versteckte Gefahren

Die meisten von uns denken bei Herzinfarkten an Plaque-Ablagerungen in den Arterien, die eine Verengung (Arteriosklerose) auslösen. Ärzte nennen das „Ischämie“. Das heißt, der Blutfluss ist eingeschränkt oder blockiert. Nicht alle Ärzte wissen, dass eine Ischämie auch ohne Verengung auftreten kann. Rund 50 Prozent der Herzinfarkte bei Frauen unter 65 werden nicht von Verengungen verursacht.
Solche Herzinfarkte sind besonders bei Frauen so weit verbreitet, dass es dafür eine Abkürzung gibt: MINOCA Myocardial Infarction with Non-Obstructive Coronary Arteries (Myokardinfarkt ohne obstruktive Koronarerkrankung). Sie werden durch eine besondere Ischämie verursacht, die INOCA Ischemia with No Obstructive Coronary Arteries (Ischämie ohne obstruktive Koronarerkrankung). Bei einem der INOCA-Typen können die Arterien verkrampfen, worauf eine Kontraktion den Blutstrom zum Herzen blockiert. Bei einem weiteren Typ entwickeln Frauen Risse in den Arterien, sodass sich Blutgerinnsel bilden, die dann den Blutstrom blockieren. Obwohl die oben genannten Beeinträchtigungen zu einem Herzinfarkt führen können, entdeckt man keine davon durch ein Angiogramm. Mit einer solchen Untersuchung kann man nur Verengungen in den großen Koronararterien finden.

Frauen, vor allem unter 50, können noch eine zweite Art von Herzinfarkt erleiden, die durch eine spontane Koronardissektion verursacht wird. Dabei wölbt sich eine Arterienwand und reißt, wodurch der Blutfluss zum Herzen reduziert oder gestoppt wird. Es trifft offensichtlich am häufigsten gesunde Frauen ohne bekannte Risikofaktoren, wobei ein Drittel von ihnen unter hohem Blutdruck leidet. Eine große Studie, die 2019 im Journal of the American Heart Association erschienen ist, zeigte: Die spontane Koronardissektion ist für ungefähr 25 Prozent der Herzinfarkte bei Frauen unter 50 Jahren verantwortlich, obwohl sie nur 1 bis 4 Prozent aller Herzinfarkte ausmacht.

Ein dritter Herzinfarkt-Typ, der Frauen stärker betrifft als Männer, heißt Tako-Tsubo- oder Gebrochenes-Herz-Syndrom. Es handelt sich dabei um das, wonach es klingt: um einen durch einen plötzlichen Schock verursachten Herzinfarkt. Solche emotionalen Schocks können zu einer Kontraktion in den kleinen Herz-Blutgefäßen führen.

 

Reduzieren Sie Ihr Risiko jetzt

Hauptursache von Herzinfarkten bei Frauen über 65 Jahren sind Plaque-Ablagerungen. Deshalb ist ein gesunder Lebensstil für Frauen jeden Alters lebenswichtig. Frauen müssen sich auch anderer Gesundheitsfaktoren bewusst sein, die ihr Risiko erhöhen. „Wurde bei Ihnen zum Beispiel während der Schwangerschaft Bluthochdruck oder Diabetes festgestellt? Leiden Sie an einem polyzystischen Ovar-Syndrom, oder trat bei Ihnen früh die Menopause ein? Dann lassen Sie Ihren Blutdruck und Ihren Cholesterinspiegel jedes Jahr prüfen, und besprechen Sie die Werte mit Ihrem Arzt“, sagt die Kardiologin Dr. Leslie Cho, Leiterin des Women’s Cardiovascular Centre in der Cleveland Clinic, USA. All diese Faktoren können Ihr Herzinfarkt-Risiko erhöhen.
Unter den Risikofaktoren ist Diabetes wohl der bedeutsamste. „Diabetes führt dazu, dass Cholesterin eher Gefäßblockaden begünstigt“, erklärt Dr. Cho. Diabetes-Management ist wichtig. Bewegung ist das beste Mittel, um Ihr Herz gesund zu halten. Zahlreiche Studien belegen dies. Mit Aktivitäten wie Gehen, Schwimmen, Joggen und Radfahren halten Sie Ihren Herzmuskel gesund. Sport muss dabei nicht schweißtreibend sein. Tägliches 30-minütiges Gehen kann genauso förderlich sein wie Joggen. Es gibt eine Ausnahme: Frauen, die aufgrund einer spontanen Koronardissektion einen Herzinfarkt hatten, sollten große Anstrengung vermeiden.

Eine US-amerikanische Studie von 2019 belegt zudem, dass das Risiko für Herzerkrankungen sinken kann, wenn man seine Ernährung ändert und sich ganz oder überwiegend pflanzenbasiert ernährt. Andere Studien zeigen, dass verarbeitete Lebensmittel ein größeres Risiko für die Herzgesundheit darstellen – vermutlich weil sie das Risiko erhöhen, an Diabetes zu erkranken. Ein Faktor, der darüber hinaus sehr wichtig ist und viel zu oft übersehen wird, ist die emotionale Gesundheit. „Frauen kämpfen viel häufiger mit psychosozialen Themen, die sie für eine frühe Herzerkrankung anfälliger machen“, sagt Dr. Cho. „Depressionen erhöhen ihr Herzinfarkt-Risiko.“ Bei Stress produziert der Körper mehr Hormone, die zu einer Verengung, der Blutgefäße führen können. Frauen müssen Stress verringern. Lachen ist ein besonders effektiver Stresskiller. Schauen sie lustige Filme oder Comedy Shows an oder tun sie andere Dinge, die Sie zum Lachen bringen.

 

Nehmen Sie Symptome ernst

Experten bestätigen: Frauen messen dem Risiko, dass sie einen Herzinfarkt haben könnten, nicht genügend Bedeutung bei. Dennoch ist es lebenswichtig, Folgendes zu beherzigen: Nur medizinische Untersuchungen belegen, ob Sie einen Herzinfarkt haben. Stellen Sie keine Selbstdiagnose. Rufen Sie bei Symptomen sofort Hilfe. Nimmt ein Arzt Ihre Symptome auf die leichte Schulter, fragen Sie nach einem hochsensiblen Troponin-Test.  Das Durchführen dieses Tests führte laut Dr. Maas zu einer Verdoppelung der Herzinfarkt-Diagnosen bei Frauen. Das heißt leider auch, bei vielen Tausend Frauen bleiben Herzinfarkte noch immer unentdeckt. Nehmen Sie Ihre Symptome ernst. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Arzt es auch tut. Auf diese Weise können Sie Ihr Leben retten.

 

 


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