Gesundheitscheck: eine Arzthelferin befragt eine Patientin in der Arztpraxis.
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HUS: Selten und tödlich

Während ihrer Schwangerschaft hat Megan gefährlich hohen Blutdruck und erleidet später unerklärliche Krampfanfälle.

Ausgabe: Mai 2020 Autor: Lisa Bendall

Der erste Teil der Schwangerschaft von Megan (25) verlief problemlos, keine morgendliche Übelkeit, nur leicht geschwollene Beine und Füße. Doch nach einem Kontrolltermin in der 38. Schwangerschaftswoche im Dezember 2016 wurde sie sofort ins Krankenhaus eingewiesen. Ihr Blutdruck war viel zu hoch. Alles deutete auf Präeklampsie hin – eine Schwangerschaftserkrankung, die für Mutter und Kind gefährlich werden kann, nach der Geburt aber normalerweise verschwindet.

Wegen der Steißlage des Babys holten die Ärzte es per Kaiserschnitt. Doch Megans Blutdruck blieb weiterhin hoch. Als sie vier Tage später das Krankenhaus verließ, nahm sie Tabletten ein, die das Problem zunächst unter Kontrolle zu halten schienen. Zwei Wochen später erlitt Megan einen Krampfanfall, an den sie sich nicht erinnert. Ihr Mann fand sie im Schlafzimmer und rief sofort den Notarzt. Auf dem Weg ins Krankenhaus erlitt sie einen zweiten Anfall. Weitere konnten zwar mit Medikamenten unterdrückt werden, Megans Blutdruck aber schoss in die Höhe. Eine Computertomografie des Gehirns zeigte Veränderungen, die durch extremen Bluthochdruck entstehen können. Megans kognitive Fähigkeiten waren eingeschränkt – auf Anweisungen reagierte sie stark verzögert, zudem sah sie alles verschwommen. Daher verlegte man sie umgehend in das besser ausgestattete Krankenhaus in Hershey (USA), wo man die Ursache für den Bluthochdruck herausfinden wollte.

 

Nierenversagen

Fünf Tage später versagten plötzlich Megans Nieren. Eine Biopsie zeigte Entzündungen und Blutgerinnsel in den kleinen Blutgefäßen: das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Die möglichen Ursachen dafür erfordern jeweils verschiedene Therapien. Meistens wird HUS durch eine E.-coli-Infektion ausgelöst, in Megans Fall fanden sich aber keine dieser Bakterien. Als weitere Ursache kam Lupus infrage, da Megan positiv auf Antikörper getestet worden war, die die Autoimmunerkrankung auslösen. „Ich hoffte beinahe, dass es Lupus ist“, erinnert sie sich. Davon hatte ich wenigstens schon mal gehört. Obwohl 5 bis 10 Prozent aller Menschen diese Antikörper aufweisen, ohne an Lupus zu leiden, leitete das Ärzteteam die entsprechende Behandlung ein. Megan erhielt Steroide und Plasmapherese, bei der Blutplasma entfernt und durch gesundes ersetzt wird. „Trotzdem verschlechterte sich der Zustand der Nieren weiter, und eine Dialyse wurde erforderlich“, sagt der behandelnde Nephrologe Dr. Umar Farooq. Für den Arzt stand fest, dass er nach einer anderen Ursache suchen musste.

 

Ist es HUS?

Selten weisen Patienten eine genetische Prädisposition auf und entwickeln unter Stress HUS. „Für Megans Körper hatte die Schwangerschaft Stress bedeutet“, erklärt Dr. Farooq. In solchen Fällen werden Eculizumab-Infusionen verabreicht. Da diese aber sehr teuer sind, musste die Krankenversicherung der Patientin von der Notwendigkeit der Behandlung überzeugt werden. Es musste schnellstmöglich geklärt werden, ob bei Megan eine genetische Mutation vorlag, denn HUS kann neben den Nieren auch andere Organe befallen und lebensgefährlich sein. Es dauerte zehn Tage, bis das Ergebnis feststand. Dann endlich war klar, dass bei ihr die genetische Mutation vorlag. Umgehend erhielt sie die erste Eculizumab-Infusion. Megans Blutdruck normalisierte sich, sie durfte nach Hause und konnte einige Zeit später wieder normal sehen. Wegen der starken Nierenschädigung benötigte sie noch vier Monate lang eine Dialyse.

Heute arbeitet die junge Mutter wieder. Da bisher wenig über Rückfälle der äußerst selten auftretenden Erkrankung bekannt ist, achtet Megan auf mögliche Anzeichen und hat gelernt, mit Stress – dem Krankheitsauslöser – umzugehen. „Ich treibe jetzt mehr Sport“, erzählt sie, „und ich versuche nicht mehr so ängstlich zu sein und den Dingen ihren Lauf zu lassen.“


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