Ist das schon Demenz?
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Ist das schon Demenz?

13 Symptome, die auf Demenz hinweien und die Sie kennen sollten.

Ausgabe: Januar 2022 Autor: Mark Witten

1. Veränderte Persönlichkeit
Unangemessenes Verhalten kann den Untergang von Nervenzellen in den Frontallappen des Gehirns signalisieren. Dort wird unsere soziale Urteilsfähigkeit reguliert.
„Betroffene ziehen sich beispielsweise in der Öffentlichkeit aus, sprechen laut über Geschlechtsteile oder fragen: ,Wer ist diese dumme Person?‘“, erklärt Dr. Robin Hsiung, Neurologe und Dozent an der Klinik für Alzheimer und Demenzerkrankungen der University of British Columbia in Vancouver. „Sie büßen ihre sozialen Umgangsformen ein und verlieren das Gespür dafür, ob das, was sie sagen und tun, angemessen ist.“ Symptome dieser Art treten oft bei frontotemporaler Demenz (FTD) auf. Sie können aber auch auf Alzheimer oder eine vaskuläre Demenz der Stirnlappen hindeuten.

2. Dinge sehen, die nicht existieren
Wiederkehrende optische Halluzinationen können Signale einer Lewy-Körper-Demenz im Anfangsstadium, Parkinson sowie Alzheimer sein. Sie reichen vom Erblicken vermeintlich funkelnder Lichter bis hin zu nicht vorhandenen Menschen und Tieren. „Solche Trugbilder können sehr beängstigend sein, etwa, wenn der Betroffene einen Wolf oder Bären sieht, der durchs Fenster ins Haus steigt“, erklärt Hsiung. „Manchmal sind sie aber auch positiv, wie bei der Großmutter, die aus dem Fenster schaut und ihre Enkelkinder spielen sieht, obwohl da in Wirklichkeit gar niemand ist.“ Forscher vermuten, dass eine Schädigung des Verarbeitungssystems für visuelle Eindrücke im Gehirn in Verbindung mit dem durch die Krankheit gestörten Schlafzyklus die Halluzinationen auslöst. Sie könnten mithin Träume sein, die ins Wachbewusstsein dringen.

3. Störungen bei der Wortfindung
Bereits im Frühstadium einer Demenzerkrankung tun sich viele Betroffene schwer damit, an einer Unter­haltung teilzunehmen. Es kommt zu häufigeren oder längeren Sprechpausen, Objekte werden falsch benannt oder mit Begriffen wie „das da“ und „Dings“ bezeichnet. Forscher der University of Wisconsin-Madison haben herausgefunden, dass sich bei Patienten mit beginnender Demenz Wortfindungsstörungen innerhalb von nur zwei Jahren deutlich verschlimmern. Sie haben Probleme bei der Wortfindung und möchten einschätzen, ob eine Schrumpfung des Sprachzentrums Ihres Gehirn verantwortlich sein könnte? Dann sollten Sie darauf achten, wie häufig und wann diese Störungen auftreten. Möglicherweise sind Sie einfach nur müde oder gestresst. Auch Angstzustände, Depressionen oder Schlaganfälle kommen als Ursache infrage.

4. eingeschränktes Gesichtsfeld
Probleme mit der räumlichen Wahrnehmung treten bei Grauem und Grünem Star auf, sind aber auch ein Frühzeichen von Demenzerkrankungen. „Bei von Lewy-Körper-Demenz Betroffenen sind die räumlich-visuellen Fähigkeiten besonders häufig eingeschränkt“, merkt die Neurologin Tartaglia an. „Schauen Patienten zum Beispiel beim Autofahren geradeaus, sehen sie die Autos rechts und links von sich nicht. Das macht Spurwechsel gefährlich“, erklärt Hsiung.

5. Probleme mit der Konzentration
Der Grund für Konzentrationsschwäche kann das Absterben von Nervenzellen im Frontal­lappen des Gehirns sein. Schreiben, Lesen und Autofahren werden für den Patienten immens viel schwieriger. Alle Demenzerkrankungen können den Frontallappen schädigen. Wichtig zu wissen: Auch Depressionen, Angststörungen und bestimmte Medikamente vermögen die Konzentrationsfähigkeit zu beeinträchtigen.

6. Fortschreitende Vergesslichkeit
Wenn Sie einmal Ihre Schlüssel verlegen, ist dies kein Grund zur Besorgnis. Anders sieht es aus, wenn Ihnen dies häufiger passiert, Sie wiederholt vergessen, den Herd auszuschalten oder Sie sich immer öfter an Ereignisse und Gespräche nicht erinnern, die nur kurz zurückliegen. Angehörige sollten hellhörig werden, wenn ein Familienmitglied ständig die gleichen Fragen stellt. „Angehörige sind in der idealen Position, einen Gedächtnisschwund frühzeitig zu bemerken“, betont Hsiung. Beeinträchtigungen des Kurzzeit­gedächtnisses sind das häufigste Symptom bei Alzheimer. Der Grund dafür ist, dass die Erkrankung zunächst den  Hippocampus betrifft. In dieser Hirnregion werden unsere Erinnerungen gebildet und gespeichert. Von dort werden sie auch wieder abgerufen. Bei vaskulärer und Lewy-Körper-Demenz steht Vergesslichkeit nicht im Vordergrund, bei an FTD Erkrankten tritt sie anfangs selten auf. Beachten Sie, dass auch bestimmte Medikamente und Depressionen Ihr Gedächtnis beeinträchtigen können.

7. Probleme beim Umgang mit Geld
Ein uncharakteristisch nachlässiger Umgang mit Geld sollte die Alarmglocken ebenfalls läuten lassen. „Bei einer Schädigung des Frontallappens ist das Urteilsvermögen beeinträchtigt. Das kann zur Folge haben, dass Betroffene impulsive finanzielle Entscheidungen treffen“, erklärt Tartaglia. „Jemand, der als Sparfuchs bekannt ist, verschenkt dann plötzlich viel Geld oder kauft lauter unnütze Dinge.“ Sie kennt Patienten, die ihre Familien in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten gebracht oder als Firmenchef Millionen­verluste verursacht haben.

8. Verlust des Antriebs und der Emotionen
Teilnahmslosigkeit kann eine Demenz ankündigen, lange bevor sich andere Symptome zeigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine 2020 an der University of Cambridge, Großbritannien, durchgeführte Untersuchung. Betroffen sind vor allem FTD-Patienten, die im Schnitt deutlich jünger erkranken als beispielsweise Alzheimer-Patienten, manche mit nur 45 Jahren.  Um die Symptomatik von jener bei Depressionen abzugrenzen, rät Experte Hsiung zu einer psychiatrischen Untersuchung. Der entscheidende Faktor sei, wie stark sich die Stimmung des Patienten verändern könne. Breche die Person in Tränen aus, wenn sie eine traurige Geschichte hört, stecke möglicherweise eine Depression dahinter. „Zeigt sie hingegen keine emotionale Reaktion und wirkt teilnahmslos, dann kann dies den Beginn einer Alzheimer-, FTD- oder vaskulären Demenz signalisieren“, erklärt Hsiung.

9. Störungen des Bewegungsablaufs
Störungen der Motorik treten häufig bei Alzheimer und Lewy-Körper-Demenz auf, können aber auch von anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson und Multiple Sklerose ausgelöst werden.

10. Verlust der Fähigkeit, mitzufühlen
Einer 2016 in Australien veröffentlichten Studie zufolge zählt der Empathie-Verlust zu den Leitsymptomen vieler Patienten mit FTD. Ursache ist das Absterben grauer Zellen in jenen Gehirnbereichen, die unser Sozialverhalten steuern. Betroffenen fehlt das Bewusstsein dafür, wie ihr Verhalten sich auf andere Personen auswirkt. Sie verlieren die Fähigkeit, deren Gefühle zu verstehen und an ihnen teilzuhaben. „Der Patient interessiert sich womöglich nicht mehr für seine Familie“, sagt Expertin Tartaglia. „Oder jemand weint, aber er erkennt nicht, dass diese Person traurig ist.“

11. Abstraktes Denken wird zum Problem
Probleme beim Ausführen von Tätigkeiten, die abstraktes Denken erfordern – wie Rechnen oder Kartenlesen – können schon früh auf eine Schädigung der Frontal- und Scheitellappen hinweisen. Das gilt erst recht, wenn der Betroffene solche Aufgaben früher mit Leichtigkeit bewältigt hat.

12. Angst und Unruhe treten verstärkt auf
Auch psychische Störungen wie Depressionen und Angstzustände können Vorboten einer Demenz sein – und dies lange, bevor das Gedächtnis zu schwinden beginnt. „Insbesondere die Lewy-Körper-Demenz kann einen gelassenen, lebensbejahenden Menschen in ein Nervenbündel verwandeln, das nur noch schwarz sieht“, berichtet Tartaglia. Häufig setzen ständige Sorge, Unruhe und Angst ein, wenn Betroffene ihr gewohntes Umfeld verlassen müssen oder von einer Bezugsperson getrennt werden.

13. Der Orientierungssinn geht verloren
Die Fähigkeit, sich zu orientieren, lässt bei vielen Demenzkranken schon sehr früh nach. Das kann dazu führen, dass sie sich selbst in gewohnter Umgebung nicht mehr zurechtfinden. Forscher der University of Cambridge entwickelten 2019 eine virtuelle Hindernisbahn. Zumindest im Teststadium lässt sich mit ihrer Hilfe Demenz besser erkennen als mit gängigen medizinischen Früherkennungstests.


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