Mehr Gesundheit für Ihr Geld
© Statisque / Fotolia
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Mehr Gesundheit für Ihr Geld

So manche Untersuchung und Behandlung müssen Patienten selbst bezahlen. Doch welche lohnen?

Ausgabe: August 2014 Autor: Stella Cornelius-Koch

Einmal im Jahr geht Katharina Schmidt zur Routinekontrolle zum Zahnarzt. Dann leistet sich die 57-Jährige auch eine professionelle Zahnreinigung, die ihr Arzt ihr zum Schutz vor Karies und Parodontitis empfohlen hat. Fast eine Stunde lang reinigt eine speziell ausgebildete Mitarbeiterin der Praxis Schmidts Zahnzwischenräume, entfernt Beläge und fluoridiert die Zähne. Mit dem Ergebnis ist die Übersetzerin aus Frankfurt a. M. stets zufrieden. "Die Zahnoberflächen sind anschließend glatter und heller. Das gibt mir ein gutes Gefühl", berichtet sie. Für den eigentlichen Anlass von Schmidts Zahnarztbesuch, die Routinekontrolle, kommt ihre Krankenkasse auf. Die Kosten für die professionelle Zahnreinigung trägt sie selbst. 80 Euro kostet sie das gute Gefühl pro Jahr.

Jeder Dritte nutzt Privatleistungen

So wie Katharina Schmidt nehmen viele Patienten selbst zu bezahlende Leistungen in Anspruch – in der Überzeugung, ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun. Knapp ein Drittel der gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland hat bereits für ein solches Angebot beim Arzt in die eigene Tasche gegriffen. In Deutschland sind diese Angebote als individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL oder IGe-Leistungen bekannt. In Österreich bieten Ärzte sie unter dem Namen Privatleistungen an.

Laut dem Wissenschaftlichen Institut der AOK stellten allein in Deutschland Ärzte ihren Patienten 2012 rund 1,3 Milliarden Euro für Untersuchungen und Behandlungen in Rechnung, welche die gesetzlichen Krankenkassen nicht übernehmen. Experten gehen davon aus, dass die Patienten unter mehr als 300 selbst zu bezahlenden Leistungen wählen können.

Bewertungen als Orientierungshilfe

Ein Riesenmarkt, der Probleme birgt. "Häufig können Patienten nicht beurteilen, wie medizinisch sinnvoll eine Leistung ist, die ihnen angeboten wird, und welche Vor- und Nachteile sie mit sich bringt", erklärt Dr. Christian Weymayr, Redakteur beim IGeL-Monitor. Der IGeL-Monitor ist ein vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen entwickeltes Internetportal, das über Individuelle Gesundheits-Leistungen informiert.

Ein Team aus Ärzten und Wissenschaftlern recherchiert in medizinischen Datenbanken, wertet Studien und Informationen aus, um Nutzen und Risiken einer Selbstzahler-Leistung abzuschätzen. Am Ende steht ein Fazit. Möglich sind fünf Bewertungen: "positiv", "tendenziell positiv", "unklar", "tendenziell negativ" und "negativ". Bislang liegen Bewertungen zu 31 IGe-Leistungen vor.

Wir stellen Ihnen sechs der am häufigsten genutzten Leistungen vor und sagen Ihnen, wie sinnvoll diese sind.

Professionelle Zahnreinigung

Für viele Patienten gehört die professionelle Zahnreinigung ganz selbstverständlich zum Besuch beim Zahnarzt. Was Sie wissen sollten: Obwohl zahlreiche Experten sie empfehlen, ist der medizinische Nutzen einer solchen extra gründlichen Reinigung des Gebisses kaum untersucht. Daher fällt das Urteil des IGeL-Monitors für die Behandlung bei Erwachsenen "unklar" aus.

Trotzdem kann sie sinnvoll sein."Bei hohem Kariesrisiko und entzündlichen Erkrankungen des Zahnhalteapparates, Parodontitis, ist die professionelle Zahnreinigung eine der wichtigsten zahnärztlichen Vorsorgemaßnahmen", erklärt Professor Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Deutschen Bundeszahnärztekammer. "Daher sollten Sie sie in diesen Fällen unbedingt in Anspruch nehmen."

Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Vorsorge

Vielleicht hat Ihnen der Augenarzt schon einmal eine Augeninnendruck-Messung zur Glaukom-Früherkennung angeboten. Unerkannt und unbehandelt führt ein grüner Star, wie das Glaukom in der Umgangssprache heißt, im schlimmsten Fall zur Erblindung. Wer wollte also nicht vorsorgen?

Dennoch kommt der IGeL-Monitor bei dieser Untersuchung, die den Patienten um die 30 bis 40 Euro kostet, sogar zum Urteil "tendenziell negativ". Denn Studien zeigen, dass die reine Augen-innendruckmessung ein Glaukom nicht zuverlässig diagnostizieren oder vorhersagen kann. Dr. Georg Eckert vom Berufsverband der Augenärzte Deutschlands rät daher: "Achten Sie darauf, dass Ihr Augenarzt neben der Messung des Augeninnendrucks auch den Sehnervenkopf mit einem Spezialmikroskop untersucht. Besonders sinnvoll ist die Kombinations-Untersuchung, wenn Sie stark kurzsichtig oder älter als 40 Jahre sind oder wenn direkte Verwandte wie Eltern und Geschwister am Glaukom leiden."

So wie bei Katharina Schmidt, der Frankfurter Übersetzerin. "Zur Glaukom-Vorsorge hat mir mein Augenarzt wegen der erblichen Belastung durch meine Mutter und Schwester geraten", sagt sie. "Daher ist die Untersuchung bei mir Pflicht."

PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs

"Vor einigen Jahren hat mir mein Hausarzt einen Bluttest angeboten, der zur Prostatakrebsfrüherkennung dienen soll", erzählt Johann Mayer* aus dem Großraum Stuttgart. "Ich sollte unterschreiben, dass ich die Kosten dafür selbst trage." Der Rentner lehnte ab. "Wenn die Krankenkasse den Test nicht bezahlt, kann er so wichtig nicht sein", meint Mayer.

Was dem heute 75-Jährigen angeboten wurde, war ein sogenannter PSA-Test. PSA ist ein Eiweiß-Molekül, das vor allem von der Prostata gebildet wird. Der Test misst die Menge dieses Eiweißes im Blut. Erhöhte Werte können auf Krebs hinweisen.

Dennoch kommt der IGeL-Monitor zum Fazit "tendenziell negativ". Zum einen ist die Datenlage zum Nutzen des Tests widersprüchlich: Ein Tumor führt nicht zwangsläufig zu hohen PSA-Werten, und ein hoher Wert bedeutet nicht unbedingt, dass Sie an Krebs leiden. Zum anderen gehen die Experten mittlerweile davon aus, dass viele Männer unnötig behandelt werden. Ohne Test hätten sie nie von ihrem Krebs erfahren, weil er keine Beschwerden verursacht, geschweige denn den vorzeitigen Tod gebracht hätte.

Bevor Sie also die 25 bis 30 Euro für einen PSA-Test beim Arzt investieren, fragen Sie nach dem Nutzen, den Sie persönlich erwarten können.

Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke

Hat Ihnen Ihr Frauenarzt im Rahmen der Krebsvorsorge schon einmal zu einer Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke geraten – gegen Bares? Dann sollten Sie wissen: Die Experten des Medizinischen Dienstes bewerten diese Leistung mit "negativ".

Eine 2011 veröffentlichte große Studie zeigte, dass mit Ultraschalluntersuchung gleich viele Frauen an Eierstockkrebs sterben wie ohne Untersuchung. Laut IGeL-Monitor würden Frauen zudem durch Fehlalarme häufig unnötig beunruhigt und sogar eigentlich gesunde Eierstöcke entfernt.

Henrike Fleischmann, PR-Beraterin aus Freiburg, hat die Ultraschalluntersuchung viele Jahre in Anspruch genommen und aus der eigenen Tasche bezahlt. "Ich wusste nicht, dass der Nutzen umstritten ist", erklärt die 40-jährige Breisgauerin. "Jetzt werde ich mich genauer informieren und mir überlegen, ob ich sie auch in Zukunft durchführen lasse."

Lichttherapie bei Winterdepression

Leiden Sie in der dunklen Jahreszeit an depressiven Beschwerden wie gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit, vermehrtem Schlafbedürfnis oder Heißhunger auf Süßes? "Dann kann eine Lichttherapie für Sie sinnvoll sein", erklärt Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Depressionshilfe. Bei dieser Behandlung sitzt der Patient im Abstand von etwa 80 Zentimetern über zwei bis vier Wochen täglich zwischen einer halben und zwei Stunden vor einer speziellen, sehr hellen Leuchte.

Auch der IGeL-Monitor bewertet diese Behandlung als "tendenziell positiv". Zwar liefern Studien kein einheitliches Bild zum Nutzen der Therapie. Aber einige Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass die Lichttherapie die depressiven Beschwerden etwas besser lindert als eine Scheinbehandlung.

Wichtig zu wissen: Hilft die Lichttherapie nicht, sind andere Wege gefragt. "Vor allem bei schweren Depressionen ist eine Behandlung mit Medikamenten sehr wichtig", sagt Hegerl.

Reisemedizinische Vorsorge

Wenn zu Hause Schmuddelwetter herrscht, locken exotische Reiseziele besonders. So mancher Urlauber hat auf der Rückreise aus Südostasien, Mittel- und Südamerika oder Afrika aber nicht nur Souvenirs im Gepäck, sondern auch eine Infektionskrankheit im Leib.

Deshalb ist jedem, der eine Reise in Länder plant, in denen Krankheiten wie Malaria, Cholera, Gelbfieber oder Typhus auftreten, zu raten, sich vom Arzt beraten und gegebenenfalls impfen zu lassen oder vorbeugend Medikamente einzunehmen. Die Kosten dafür, die Sie als Reisender selbst tragen müssen, sollten Sie nicht schrecken.

"Wenn eine Leistung nicht im Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung enthalten ist, bedeutet das nicht, dass sie nicht sinnvoll sein kann", erklärt Kai Sonntag von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. "Sind Reisen mit möglichen Gesundheitsrisiken verbunden, raten wir dringend, sich vorher zu informieren und den Empfehlungen, beispielsweise der Ständigen Impfkommission, zu folgen."

Henrike Doerr aus Köln hat diesen Rat befolgt, als sie vor einigen Jahren eine private Fernreise nach Ostafrika antreten wollte. Doerr suchte ihren Arzt auf und ging auf Nummer sicher: Sie entschied sich für einen kompletten Impfschutz gegen Gelbfieber, Cholera, Hepatitis, Keuchhusten und Kinderlähmung. "Mir war klar, dass ich nicht unbedingt alle Impfungen benötigt hätte", erzählt die 38-jährige Lektorin und Texterin. "Ich habe mich damit jedoch wohler gefühlt und konnte entspannter reisen."

Die Kosten vorab klären

Von ihrem damaligen Hausarzt fühlte sich Doerr jedoch alles andere als gut beraten. "Er hat mir lediglich ein Infoblatt vorgelesen und mich anschließend gefragt, ob ich noch Fragen hätte", berichtet sie.

Mit solchen und anderen Beschwerden zum Thema IGeL wird Elisabeth Buchinger von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD), Beratungsstelle Landshut, immer wieder konfrontiert: "Oft geht es darum, ob die Ärzte ihre Patienten ordnungsgemäß über die entstehenden Kosten aufgeklärt, ihnen ausreichend Zeit zum Nachdenken oder alternative Kassenleistungen genannt haben", sagt Buchinger. "Jeder Patient sollte sich gut informieren, bevor er eine individuelle Gesundheitsleistung kauft."

Nur gute Erfahrungen mit Selbstzahlerleistungen hat Katharina Schmidt aus Frankfurt gemacht: "Keiner meiner Ärzte hat je versucht, mir etwas aufzuschwatzen", erzählt sie. "Mir wurde immer klar gesagt, was das Ganze bringen soll und was es kostet."

* Name von der Redaktion geändert


 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Shop


Das Neueste aus der Medizin 2018/2019

Die wichtigsten Neuerungen der Medizinforschung - leicht verständlich erklärt.

Jetzt: 19,90 €
Bisher: 29,90 €

Zum Produkt >

Reader's Digest Österreich: Verlag Das Beste Ges.m.b.H. - Landstraßer Hauptstraße 71/2, A-1030 Wien