Müde oder krank? Das könnte die Ursache sein
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Körper & Psyche

Müde oder krank? Das könnte die Ursache sein

Wann sollten Sie Ihren Arzt konsultieren?

Ausgabe: Februar 2015 Autor: Reader's Digest

"Ich fühle mich vollkommen ausgelaugt", erzählt Leslie Pitcher, 41, aus Blackpool, Großbritannien. Das kannte die allein-erziehende Mutter nicht, denn bis 2010 war sie immer gesund gewesen. Pitcher ging mehrere Male zum Arzt, doch der konnte nichts feststellen. Dann kamen weitere Probleme hinzu: Ihre Gelenke wurden steif, sie nahm zu, ihre Gefühle fuhren Achterbahn. "Die Ursache war ein konstanter Energiemangel", erklärt sie. Zu Dr. Rupal Shah, einer Allgemeinmedizinerin aus Südlondon, kommen viele Patienten wegen solcher Müdigkeit. Sollten auch Sie grundlos müde sein, ignorieren Sie das auf keinen Fall!

"Meistens ist die Müdigkeit auf Stimmungsprobleme oder eine Reihe von Alltagsbelastungen zurückzuführen", erklärt Dr. Shah. "Aber ein Arzt sollte ausschließen, dass etwas Ernstes dahintersteckt. Sollte doch eine Erkrankung die Ursache sein, muss diese so früh wie möglich behandelt werden."

 

Schilddrüsenunterfunktion

Zwei Jahre später, im Januar 2012, war Pitcher am Ende ihrer Kräfte. Endlich ordnete ihr Arzt ein großes Blutbild an. Das Ergebnis: Schilddrüsenunterfunktion. Dabei produziert die Schilddrüse zu wenig Thyroxin, um Herzfrequenz, Blutdruck, Körpertemperatur und die Energiegewinnung aus der Nahrung zu regulieren. Die Folge: Der Mensch nimmt zu und wird müde.

Leslie begann sofort, Medikamente einzunehmen. Heute ist ihr Gewicht wieder normal, ihre Gelenke sind beweglich, und auch die Müdigkeit gehört der Vergangenheit an.

"Sind Sie länger als eine Woche anhaltend müde, leiden unter Gewichtszunahme, Verstopfung oder allgemeiner Trägheit, sollten Sie Ihre Schilddrüse überprüfen lassen", warnt Dr. Kristien Boelaert, Endokrinologin an der Universität von Birmingham, Großbritannien. "Müdigkeit ist das häufigste Symptom bei Schilddrüsenunterfunktion. Unbehandelt verschlimmert sich die Krankheit."

 

Herzfehler

"Im Frühjahr 2012 fühlte ich mich völlig kraftlos. Ich war erst 41 und wollte mich am liebsten nur noch im Bett verkriechen", erzählt Kjell Mathiassen. Das beunruhigte den Krankenhausverwalter aus Sandnes, Norwegen. Er war sportlich, spielte gern Volleyball und Fußball, und er verbrachte so viel Zeit wie möglich mit seinen Söhnen. Doch auf einmal fiel es ihm sogar schwer, vom Sofa aufzustehen und mit dem Hund spazieren zu gehen.

Der Arzt riet Mathiassen, öfter zu entspannen und gelassener zu werden – einen Bluttest machte er nicht. Doch die Müdigkeit verschlimmerte sich zunehmend während des Sommers. Er nahm zu und geriet bei der geringsten Anstrengung außer Atem.

"Ich war genervt und frustriert. Im September ging ich schließlich ins Krankenhaus und verlangte eine Blutanalyse." Die Untersuchungen zeigten ernsthafte Herzprobleme. "Ich war am Boden zerstört", erinnert sich Mathiassen.

Man erklärte ihm, er habe ein vergrößertes Herz. Verfügt es nicht über genügend Pumpleistung, um den Organismus mit Blut zu versorgen, vergrößert sich der Herzmuskel. Sein Herz brachte nur noch 13 Prozent Leistung. Bereits wenige Monate, nachdem er Medikamente eingenommen hatte, arbeitete sein Herz wieder mit 50-prozentiger Leistung, und er war nicht mehr so müde.

"Müdigkeit ist das Kennzeichen für Herzinsuffizienz", erklärt Kenneth Dickstein, Professor für Medizin an der Universität Bergen, Norwegen, und Gründer der Herzmedizin-Website www.heartfailurematters.org/de. "Die Unfähigkeit, normale Tätigkeiten auszuführen oder Sport zu treiben, wird Ärzten oft als Müdigkeit geschildert. Jeder sollte wissen, dass dies das erste Anzeichen für Herzinsuffizienz sein kann und deshalb unbedingt untersucht werden muss."

Inzwischen lebt Kjell Mathiassen bewusster. "Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, auf Veränderungen im Körper zu achten", sagt er. "Schließlich will ich noch ein paar Jahre mit meiner Familie verbringen."

 

Chronisches Erschöpfungssyndrom

Sabine Badge, Leiterin eines Kindergartens in Hattingen, war immer voller Energie und Kreativität. Im Herbst 2002 wurde die 52-Jährige plötzlich von unerklärlichen Muskelschmerzen und extremer Müdigkeit geplagt.

"Ich fühlte mich erschöpft, obwohl es überhaupt keinen Grund dafür gab", berichtet Badge. "Manchmal hatte ich auch Symptome, die einer Grippe ähnelten." Mehr als ein Jahr lang suchte sie verschiedene Ärzte auf, ließ unterschiedliche Untersuchungen machen, darunter Blut- und Urin- sowie Schilddrüsen- und Borreliosetests. So wurde eine Vielzahl gesundheitlicher Probleme ausgeschlossen. In der zweiten Hälfte des Jahres 2003 erhielt sie schließlich die Diagnose: chronisches Erschöpfungssyndrom, auch chronisches Fatigue-Syndrom (CFS) genannt.

"CFS ist sehr schwer zu diagnostizieren. Es gibt keine speziellen Tests, und die Patienten leiden unter vielen unterschiedlichen Symptomen", erklärt Professor Carmen Scheibenbogen, stellvertretende Direktorin des Instituts für Medizinische Immunologie an der Berliner Charit«. "Ein Teil des Problems rührt aber auch daher, dass viele Ärzte mit CFS nicht vertraut sind", sagt Professor Scheibenbogen. "Die Ursache ist noch unbekannt. Meist beginnt es als Reaktion auf verschiedene Infektionen."

Sabine Badge wurde in den vergangenen sechs Jahren mit orthomolekularer Medizin behandelt – das sind Vitamine, Mineralstoffe und Hormone in hoher Dosierung. Jeden Tag nimmt sie Vitamin B12, Vitamin C, Magnesium und Omega-3-Fettsäuren und erhält Acetylcystein- und Glutathion-Infusionen.

"Ich fühle mich jetzt besser, aber die Symptome sind nicht ganz verschwunden", sagt Badge, die mittlerweile 64 Jahre alt ist und sich im Ruhestand befindet. "Inzwischen habe ich mich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen. Dort tauschen wir Informationen über neue Therapien und Medikamente aus. Das hilft mir sehr."

 

Depressionen

Vor rund zehn Jahren fühlte sich Hanna Lilius, damals 46, zunächst melancholisch. Nach und nach gesellten sich weitere Symptome hinzu. Die Sekretärin aus Pirkanmaa, Finnland, weinte viel, sie wurde vergesslich, reagierte zunehmend ungeduldig auf ihre Familie – und war ständig müde. "Selbst kleine Probleme waren unüberwindbar", erzählt sie.

Ihre Müdigkeit und die anderen Symptome wirkten sich schließlich auf ihre Arbeit und ihr Privatleben aus. Als ihr Arzt im Jahr 2013 die Diagnose Depression stellte, überraschte sie das. "Ich wusste nicht, dass Müdigkeit ein Symptom ist."

Umgehend begann sie eine Therapie. Bis Frühjahr 2014 ging sie regelmäßig zu einem Psychologen und einem Psychiater. Außerdem verordnete ihr der Arzt Antidepressiva. "Dank der Therapie kann ich seit November 2013 sogar wieder arbeiten", berichtet sie. "Jetzt geht es mir sehr viel besser."

"Depressionen sind immer ein vielschichtiges Problem mit ganz unterschiedlichen Symptomen", erklärt Dr. Seppo Hietanen, Psychiater am Mehiläinen Medical Centre in Helsinki. "Erschöpfung ist eines von vielen Symptomen. Mit einer individuell auf ihn zugeschnittenen Therapie kann glücklicherweise jeder Patient wieder ein normales Leben führen und arbeiten gehen."

 

Schlafapnoe

"Ich arbeite als Busfahrer in Göteborg, und vor mehr als 20 Jahren fing diese extreme Müdigkeit an. Ich machte mir große Sorgen", erzählt der 55-jährige Schwede Meir Ivgi. "Zudem hatte ich Angst zu ersticken, sobald ich einschlief. Vor lauter Panik wachte ich meistens kurz danach auf. Obwohl ich viele Ärzte konsultierte, wusste keiner eine Erklärung."

1994 ließ er sich die Mandeln entfernen, das half etwa ein Jahr lang. Dann kehrten die Probleme zurück. Drei Jahre später wies ihn sein Arzt in eine Schlafapnoe-Klinik ein. Die Diagnose: Ivgi litt unter Schlafapnoe.

Jan Hedner, Experte für Schlafapnoe am Universitätskrankenhaus in Sahlgrenska, erklärt: "Bei dieser Erkrankung erschlafft die Muskulatur der oberen Atemwege im Schlaf und lässt diese zeitweise zusammenfallen. Dies verursacht hypoxische Episoden – eine Unterversorgung mit Sauerstoff –, und der Patient findet keinen tiefen erholsamen Schlaf."

Seine Ärzte sahen zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Dringlichkeit, ihm eine Atemmaske zu verordnen. Diese pumpt mit leichtem Überdruck Luft in Nase und Mund, sodass die Atemwege im Schlaf nicht zusammenfallen können. "Die anhaltende Müdigkeit hatte große Auswirkungen auf mein Leben. Obwohl ich immer länger schlief, erholte ich mich nicht", berichtet Meir. "Es wurde sogar schlimmer."

Vor etwa sieben Jahren hörte der Busfahrer von einer Schlafapnoe-Studie am Universitätskrankenhaus von Sahlgrenska und bewarb sich um eine Teilnahme. Dort erhielt er endlich eine Schlafmaske. Heute trägt er sie nachts ständig. "Ich schlafe jetzt tausendmal besser, meine Lebensqualität hat sich entschieden gebessert, und ich habe keine Angst mehr, am Steuer einzuschlafen", sagt Ivgi.

 

Anämie

Vor acht Jahren verkauften der damals 62-jährige Larry Rainey und seine Frau Elaine ihr Haus in einem Vorort von Toronto, Kanada, um in ihr Landhaus zu ziehen. Der ehemalige Lehrer nennt es "das wilde Eigenheim", da es von Hirschen und Elchen, Eichen und Ahornbäumen umgeben ist. Er und seine Frau lieben das Landleben.

Im November 2013 fühlte sich Rainey auf einmal unerklärlich müde. "Sobald ich ein paar Treppenstufen nahm, war ich außer Puste", erzählt er. "Einen Hügel hochzugehen war fast unmöglich." Schließlich konnte er nicht einmal mehr das Brennholz für den Winter hacken oder die vielen Dinge erledigen, um das Haus instand zu halten.

Bei der Voruntersuchung für eine Schulteroperation im April 2014 stellte man Eisenmangel fest. Rainey fehlte Eisen, um Hämoglobin zu produzieren, die Substanz in den roten Blutkörperchen, die für den Sauerstofftransport im Körper zuständig ist. Weitere Tests deckten blutende Polypen im Magen auf, vermutlich eine Folge des Eisenmangels. Die Operation musste verschoben werden.

Rainey erhielt drei Eisentransfusionen, bevor er im Juni letzten Jahres operiert werden konnte. Auf Anraten seines Arztes nimmt er seitdem Eisenpräparate und Vitamin B12. Außerdem achtet er nun auf eine eisenhaltige Ernährung.

"Es gibt mehr als 100 verschiedene Arten von Anämie", erklärt die erfahrene Krankenschwester Marianne de Bretan-Berg, Koordinatorin des Patienten-Blutmanagement-Programms am Southlake Regional Health Centre in Ontario. "Wenn der Körper nicht ausreichend mit Eisen versorgt ist, kann das zu Müdigkeit führen."

Rainey fühlt sich mittlerweile wieder gesund, seitdem der Eisenspiegel in seinem Blut ausgeglichen ist. "Ich habe deutlich mehr Energie", sagt er, "und spazieren gehen macht auch wieder Spaß."

 

Gluten-Intoleranz

Marie Christine Dubois, eine 54-jährige französische Krankenschwester, fühlte sich ihr ganzes Leben lang müde, und kein Arzt konnte ihr helfen. "Als junges Mädchen machte ich gern Sport, war aber immer viel erschöpfter als die anderen", erzählt Dubois. "Mit elf Jahren war ich nach einer Woche Schule oft so erschöpft, dass ich das ganze Wochenende brauchte, um mich zu erholen."

Außerdem litt Dubois unter Magenbeschwerden und Durchfall. Als sie auf die 20 zuging, verschrieb ihr der Arzt Eisentabletten, da er glaubte, ihre Müdigkeit sei von einer Anämie verursacht. Doch das brachte ihren Stoffwechsel noch mehr durcheinander. Dazu kamen Probleme mit der Immunabwehr, welche die Ärzte zunächst auf ihre Müdigkeit zurückführten, später auf Stress. An ihre Ernährung dachte niemand. Damals war Glutenintoleranz – auch Zöliakie genannt – unbekannt. Bei dieser Autoimmunerkrankung reagiert der Darm auf Gluten mit einer Entzündung.

2001, Dubois war inzwischen 41, fragte sie einen Arzt im Krankenhaus, in dem sie arbeitete, um Rat. Er ordnete einen einfachen Glutenintoleranztest an. Bei manchen Patienten treten Zöliakie-ähnliche Symptome auf, die Tests sind jedoch negativ. In diesen Fällen handelt es sich meistens um eine Glutenempfindlichkeit. Diese führt nicht zu den typischen Dünndarmschädigungen.

Dubois' Test war positiv – sie hatte Zöliakie. "Von da an war mir alles klar", erzählt sie. "Als ich noch ein Baby war, stand in meinem Untersuchungsheft, dass ich mit Durchfall reagierte, sobald ich Getreide bekommen hatte. Die Glutenintoleranz habe ich definitiv von Geburt an."

"Müdigkeit ist eines der häufigsten Symptome bei einer Glutenintoleranz", erklärt Dr. Anneli Ivarsson, außerordentliche Professorin an der Ume‹-Universität in Schweden. "Wenn Sie sich müde und kraftlos fühlen, fragen Sie Ihren Arzt nach diesem Test. Lassen Sie das Gluten nicht einfach auf eigene Faust weg. Holen Sie sich immer professionellen medizinischen Rat. Zöliakie erfordert eine lebenslange Vermeidung aller Lebensmittel, die Gluten enthalten."

"Ich habe in meiner Ernährung vieles verändert", berichtet Marie Christine Dubois, "aber ich führe ein ganz normales Leben."


 

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