So beeinflußt die Schilddrüse Ihre Gesundheit
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Körper & Psyche

So beeinflußt die Schilddrüse Ihre Gesundheit

Eine kleine Drüse steuert unseren Stoffwechsel. Wehe, wenn sie vom Kurs abkommt

Ausgabe: April 2012 Autor: Marion Meiners

Sie ist nicht größer als Ihr Daumenende, und wenn sie gesund ist, spüren und sehen Sie sie äußerlich nicht. Wehe aber, Ihrer Schilddrüse fehlt etwas. Dann geht es im Stoffwechsel, auf der Waage, sogar in der Seele drunter und drüber – denn die kleine Drüse spielt bei der Steuerung fast aller wichtigen Organe eine große Rolle.

„Mein Blutdruck fuhr plötzlich Achterbahn: Er schoss nach oben, sackte wieder ab. Mein Herz raste, kam ständig aus dem Takt. Ich dachte, ich werde verrückt“, beschreibt Altenpflegerin Linda Bauknecht die Symptome, die sie im Herbst 2006 nach einem fiebrigen Infekt heimsuchten. Letzteres glaubte offenbar auch ihre damalige Ärztin: „Sie wollte mich sogar in die Psychiatrie schicken, weil selbst Herzspezialisten bei mir nichts feststellten“, erzählt die 49-jährige Schwäbin. Bauknecht wechselte den Arzt. Zum Glück: Denn der neue Arzt entdeckte die Ursache der rätselhaften Beschwerden – eine chronische Schilddrüsenentzündung.

Ein Leiden mit Geschichte

Schilddrüsen-Störungen sind so alt wie die Menschheit: Schon 1500 vor Christus rieten die Pharaonen zu „unterägyptischem Salz“ als Kropftherapie. Seit dem 19. Jahrhundert ist das Kropfband in Bayern und Österreich Bestandteil der Trachten – gerade in den Alpenländern hatte der Jodmangel zur fast flächendeckenden Vergrößerung der Schilddrüse geführt.

Bis heute beschäftigt das kleine Organ Forscher, Ärzte und Patienten. Bei mehr als jedem dritten Deutschen finden sich Veränderungen in der Schilddrüse. Vergleichbar oft gerät das Organ bei den Österreichern und Schweizern aus der Form: Die Drüse beginnt zu wuchern – oder sie verkleinert sich. Sie produziert plötzlich zu viele – oder zu wenige Hormone.

Lesen Sie, auf welche Symptome Sie achten sollten, was dahinterstecken könnte und wie Sie Ihre Schilddrüse gesund erhalten.

Der Kropf - die vergrößerte Schilddrüse

Symptome: Das Problem kennen mehr als ein Drittel der Menschen in Deutschland und jeder fünfte Österreicher aus eigener Anschauung: Die Schilddrüse ist im Kehlkopfbereich sicht- und spürbar vergrößert. Viele Betroffene haben das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben, oder leiden an Schluckbeschwerden.

Ursachen und Risikofaktoren: Ausgelöst wird diese Vergrößerung der Schilddrüse vor allem durch Jodmangel. Auch eine Unterversorgung mit dem Spurenelement Selen, Rauchen sowie der Verzehr von Nitraten – enthalten beispielsweise in Pökelfleisch –, Konservierungsstoffen wie E251, E252 in Käse, Wurst und Fischkonserven gelten als Risikofaktoren.

„Jodmangel regt Schilddrüsengewebe zum Wachstum an – so entstehen die Kröpfe und Knoten, die heute noch vielen Menschen zu schaffen machen“, bestätigt Professor Martin Grußendorf, Internist und Endokrinologe aus Stuttgart.

Therapie: Ein Kropf verschwindet nicht von allein, der Gang zum Arzt ist also unabdingbar. Zuerst wird er mit einer Blutuntersuchung Ihre Schilddrüsenhormonproduktion kontrollieren, dann mithilfe einer Ultraschall-Untersuchung feststellen, wie stark die Schilddrüse vergrößert ist und ob sich Gewebeknoten gebildet haben. Bei normalen Schilddrüsenwerten wird er Ihnen in der Regel eine Kombination aus Jod und künstlichen Hormonen verordnen. „Operiert werden muss nur, wenn die vergrößerte Schilddrüse auf Luft- oder Speiseröhre drückt, oder bei klarem Krebsverdacht“, beruhigt Professor Grußendorf.

Die Schilddrüsen-Unterfunktion

Symptome: Antrieb und Leistungsfähigkeit lassen nach, Stoffwechsel und Herz arbeiten auf Sparflamme, man fühlt sich chronisch müde, deprimiert und legt an Gewicht zu. So erlebte es die Theaterangestellte Annette Kleinert*. „Ich war ständig müde, verlor büschelweise Haare und nahm in weniger als einem Jahr mehr als zehn Kilo zu“, erinnert sich die 40-jährige Pfälzerin.

Schließlich ging sie zum Arzt. Der stellte fest: Annette Kleinert litt wegen Jodmangel an einer Schilddrüsenunterfunktion – das Organ produzierte zu wenig Hormone. Tabletten mit Schilddrüsenhormonen helfen ihr jetzt, den Mangel auszugleichen. Zusätzlich riet der Arzt Kleinert zu mehr Fisch-Mahlzeiten.

Ganz ähnliche Beschwerden führten die Psychologiestudentin Jana Bergmann* zum Arzt: Sie litt nach chronischen Infekten an extremer Müdigkeit. Auch bei der 32-Jährigen entdeckte die Hausärztin eine starke Unterfunktion der Schilddrüse. Allerdings war in Bergmanns Fall nicht Jodmangel der Auslöser, sondern eine spezielle Form der Schilddrüsenentzündung, die sogenannte Hashimoto-Thyreoiditis. Unbehandelt führt diese Erkrankung zur Zerstörung des Organs. „Meine Schilddrüse hatte nur noch ein Volumen von drei Milliliter“, erzählt die 32-jährige Leipzigerin. Normal ist das Sechsfache. Weil ihre Schilddrüse fast keine Hormone mehr produziert, muss Bergmann als Ersatz künstliche Schilddrüsenhormone in Tablettenform einnehmen – und zwar für immer.

Ursachen und Risikofaktoren: In den meisten Fällen ist – wie beim Kropf – Jodmangel der Auslöser einer Schilddrüsenunterfunktion. Aber eben nicht immer: Vor der Hashimoto-Krankheit, an der im Laufe ihres Lebens bis zu 10 Prozent der Bevölkerung erkranken, schützt eine gute Jodversorgung nicht. Ein zu hoher Konsum kann die Erkrankung offenbar sogar auslösen (zur richtigen Dosierung von Jod siehe Kasten oben). Vermutlich spielen genetische Veranlagung, Umweltfaktoren, hormonelle Schwankungen in Pubertät und Wechseljahren und Vireninfektionen wie beispielsweise Gürtelrose eine Rolle. Häufig geht die Krankheit auch mit Typ 1-Diabetes, Zöliakie und mit Allergien einher.

Therapie: Sicher erkennt der Arzt die Unterfunktion durch eine Blutuntersuchung. Leiden Sie unter den beschriebenen Symptomen, sprechen Sie Ihren Hausarzt darauf an. Bei beiden Formen der Erkrankung kommen Medikamente mit Schilddrüsenhormonen zum Einsatz. Hashimoto-Patienten brauchen sie oft lebenslang, da die Schilddrüse meist irreparabel geschädigt ist. Ist die Schilddrüse nicht entzündet, verordnet der Arzt in der Regel eine Kombination aus niedrig dosierten Hormonen und Jod.

Die Schilddrüsen-Überfunktion

Symptome: Herzrasen, teigige Haut, Haarausfall, Schlafstörungen, Gewichtsverlust. Dazu womöglich ein vergrößerter Knoten am Hals, lichtempfindliche, vorquellende Augen – all das sind typische Anzeichen einer überaktiven Schilddrüse. Bei der häufigsten Form der Schilddrüsenüberfunktion, der Basedow-Krankheit, regen fehlgeleitete Immunzellen die Schilddrüse zur Hormon-Überproduktion an. Sie trifft etwa drei von 100 Menschen, meist Frauen.

Eine davon ist Regina Kuhn. „Ich stand förmlich unter Strom. Ich zitterte, war reizbar, bekam Angstattacken und Herzrasen. Und dann war plötzlich mein rechtes Auge vergrößert“, schildert die 45-jährige Bürokauffrau aus Giengen die Symptome, die vor etwa einem Jahr wie aus dem Nichts auftauchten.

Ursachen und Risikofaktoren: Stress, Rauchen, eine übermäßige Jodzufuhr nach längerem Jodmangel und Infekte begünstigen den Ausbruch der Basedow-Krankheit. In einigen Fällen können aber auch gutartige Tumore, sogenannte „heiße Knoten“, die Überfunktion erzeugen. Jodmangel begünstigt die Bildung dieser Knoten.

Therapie: Zur Diagnose dienen Bluttests und eine Szintigrafie. Dabei spritzt der Arzt ein radioaktives Kontrastmittel, mit dessen Hilfe er auf dem Bildschirm sieht, ob die Schilddrüsenzellen es übermäßig speichern – klares Indiz für eine Überfunktion.

Behandelt wird meist mit Medikamenten, welche die Produktion der Schilddrüsenhormone hemmen. Schlägt die Behandlung nicht an, werden die hyperaktiven Zellen durch eine Radiojodtherapie zerstört. Alternativ wird die Schilddrüse chirurgisch verkleinert oder entfernt. In diesem Fall sind lebenslang Hormone einzunehmen.

Der Schilddrüsenkrebs

Symptome: Rund 5300 Menschen erkranken jedes Jahr allein in Deutschland an Schilddrüsenkrebs – mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer. Warnzeichen sind ein Druckgefühl im Hals, Atem- oder Schluckbeschwerden, Heiserkeit und vergrößerte Halslymphknoten. Panik ist keinesfalls angebracht: Gutartige Knoten in der Schilddrüse, wie sie bei etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen vorkommen, lösen ähnliche Beschwerden aus.

Ursachen und Risikofaktoren: Wer radioaktiver und Röntgen-Strahlung ausgesetzt war – etwa durch medizinische Untersuchungen –, vor allem im Kindesalter, einen Kropf sowie Schilddrüsenknoten hat, trägt ein erhöhtes Risiko für diese Krebsform.

Therapie: Besteht der Verdacht auf Krebs, entnimmt der Arzt eine winzige Gewebeprobe aus dem verdächtigen Knoten. Ist der Tumor bösartig, wird er durch eine Operation und anschließende Radiojodtherapie zerstört. Rechtzeitig erkannt, stehen die Chancen auf Heilung gut: Bei der am häufigsten auftretenden Form des Schilddrüsenkarzinoms überleben im Schnitt über 90 Prozent der Patienten die nächsten fünf Jahre.

Auch Altenpflegerin Linda Bauknecht aus Schwaben – die fast schon mit einem Fuß in der Psychiatrie stand – hat Glück im Unglück gehabt: Nachdem ihr neuer Arzt die Schilddrüsenentzündung erkannt hatte, stellte man während der Operation zudem winzige Krebsgeschwüre fest. Bauknechts Schilddrüse wurde daraufhin vollständig entfernt.

Ihre Lebenserwartung ist statistisch gesehen so hoch wie die eines jeden anderen. Heute nimmt die 49-Jährige regelmäßig Tabletten mit Schilddrüsenhormonen, geht arbeiten und sagt: „Es geht mir gut. Selbst mein Herz hat sich wieder beruhigt.“

* Namen von der Redaktion geändert


 

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