Ein Mann winkt in die Kamera. Ihm klebt ein Pfannkuchen im Gesicht.
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Seltsame Symptome durch Cortisolmangel

Ein Mann leidet mit Ende 20 an verknöcherte Ohren, Entzündungen und Halluzinationen. Niemand weiß, warum.

Ausgabe: Juni 2020 Autor: Lisa Bendall

Mit Ende 20 litt Jeff, ein Highschool-Lehrer aus Halifax, mehrmals im Jahr unter starken Erkältungen, Lungenentzündungen und hohem Fieber. „Es schien, als funktionierte mein Immunsystem nicht normal“, berichtet er. Mit Mitte 30 verlor er zunehmend an Muskelmasse und war morgens oft so müde, dass er kaum aus dem Bett kam und sich nicht konzentrieren konnte. Schließlich bekam Jeff zusätzlich zum Fieber Halluzinationen. „Ich sah Bienen, und aus der Decke schoss Wasser“, erinnert er sich. Sein Hausarzt überwies ihn sofort ins Krankenhaus. Die Ärzte auf der Intensivstation nahmen an, dass der Lehrer eine Infektion im Gehirn hatte. Nach ein paar Tagen hatte er sich erholt und durfte wieder nach Hause. Doch fünf Monate später kehrten die Halluzinationen zurück. Dieses Mal sah Jeff beim Frühstück ein Schimpansengesicht im Pfannkuchen.

Die Ärzte vermuteten nun, dass es sich um eine Reaktion des Gehirns auf das wiederholte Fieber handelte. Bei älteren Menschen, deren gesundheitlicher Zustand schlecht ist, kann eine Krankheit manchmal zu Halluzinationen führen, da ihr Gehirn die zusätzliche Belastung nicht verkraftet. Wahnvorstellungen bei jüngeren Menschen dagegen können auf eine lebensbedrohliche Erkrankung hinweisen. Ein Spezialist glaubte, dass bei Jeff die seltene Erbkrankheit familiäres Hibernienfieber vorlag, bei der sich das Immunsystem verhält, als ob eine Infektion vorliegt, und Fieber auslöst. Deshalb wurde Jeff an den Rheumatologen Dr. Volodko Bakowsky überwiesen.

 

Ständige starke Müdigkeit

Zu dem Termin kam Jeff zu spät, weil er verschlafen hatte. „Ich hatte für ihn extra Zeit eingeplant und war wütend", berichtet der Arzt. Heute schmunzelt er darüber. „Manchmal gibt es Hinweise, die man nicht erkennt. Die Tatsache, dass er verschlafen hatte, war ein Symptom.“ Dr. Bakowsky stellte eine reduzierte Hautelastizität und Gelenkflexibilität fest. Da der Patient über einen Tinnitus klagte, untersuchte der Arzt auch seine Ohren und war sprachlos. „Sie waren verknöchert. So etwas hatte ich noch nie gesehen“, erinnert sich der Rheumatologe. Jeffs Ohren taten weh, wenn er auf der Seite schlief. Er vermutete aber nur, sein Kissen sei zu hart. Dr. Bakowsky benötigte einige Tage, um alle Symptome zu analysieren. Ältere Menschen können mehrere Erkrankungen gleichzeitig haben, „wenn man jedoch jünger ist, ist es wahrscheinlicher, dass nur eine Ursache vorliegt.“ Verantwortlich für eine Verknöcherung der Ohren ist meistens das endokrine System (Hormonsystem). Deshalb ordnete Dr. Bakowsky eine Blutuntersuchung an. „Der Cortisolwert war so niedrig‚ dass ich dachte: Wir haben die Antwort.“

 

Niedriger Cortisolwert

Das Hormon wird von der Nebennierenrinde als Reaktion auf Stress gebildet. Bei Cortisolmangel ist der Körper nicht in der Lage, Infektionen und Erkrankungen zu bekämpfen oder Entzündungen zu kontrollieren. (Warum Cortisolmangel den Ohrknorpel verknöchern lässt, ist nicht bekannt.) Weitere Tests ergaben, dass eine Störung im Hypothalamus – in dem Teil des Gehirns, der die Nebenniere stimuliert – den Mangel verursacht hatte. Da dies so selten vorkommt, hatte es keiner der Ärzte in Betracht gezogen. Der Cortisolmangel erklärte alle Symptome. Jeder Erreger ließ Jeff schwer erkranken, weil sein Körper den zusätzlichen Stress nicht bekämpfen konnte. Mit der Gabe eines Medikaments normalisierte sich Jeffs Cortisolspiegel sofort. „Innerhalb eines Tages fühlte ich mich pudelwohl“, sagt er. „Und ich bin noch immer gesund.“

Seitdem unterstützt Jeff das Krankenhaus. Wenn er zur Nachsorge kommt, bietet er Studierenden die Möglichkeit, seine Ohren zu untersuchen, denn die Verknöcherung bildet sich nicht zurück. Vor drei Jahren stellte Dr. Bakowsky den Fall seines Patienten auf einer Konferenz vor. Oft sind Patienten, deren Fälle dort analysiert werden, nicht mehr am Leben – Jeff aber saß im Publikum und stand sogar für ein paar Worte auf. „Ein Happy End“, sagt Dr. Bakowsky.

 

 


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