Wirkung von Testosteron auf Männer
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Körper & Psyche

Wirkung von Testosteron auf Männer

Wenn Männer älter werden, gewinnt Testosteron für ihre Gesundheit an Bedeutung. Das belegen neue Forschungen!

Ausgabe: November 2010 Autor: Ian Harvey

Eigentlich war John mit 51 im besten Mannesalter. Er achtete auf seine Ernährung, trieb Sport, und sein Arzt war mit ihm zufrieden. Warum fühlte er sich dann ständig so schlapp, und warum nahm er zu? „Ich hatte keine Energie mehr, musste mich immer öfter ausruhen und wurde dicker“, erzählt er. „Sogar Sex empfand ich als lästige Pflicht. Ich war deprimiert und schlecht gelaunt.“

Da der Hausarzt keine Erklärung dafür hatte, sprach John seinen Urologen bei der Prostata-Vorsorgeuntersuchung auf das Problem an. Der veranlasste sofort eine Blutuntersuchung zur Bestimmung des Testosteronspiegels.

„Die Werte lagen weit unter dem, was als niedrig gilt“, berichtet John. Nachdem er mit dem Urologen die Vor- und Nachteile einer Testosteron-Ersatztherapie (TET) besprochen hatte, entschloss er sich, einen Versuch zu machen. Der Erfolg übertraf seine Erwartungen. Er nahm ab, seine Muskeln kräftigten sich, seine Energie kam zurück, die Stimmung wurde besser, auch das Liebesleben machte ihm wieder Spaß – alles in weniger als drei Monaten.

Ab 40 sinkt der männliche Testosteronspiegel um circa 1 Prozent im Jahr. Mit 70 ist er nur noch etwa halb so hoch wie bei einem Mann in den Dreißigern. Wird das Testosteron weniger, lässt auch die sexuelle Funktion und die Libido nach, die Muskelmasse schrumpft, die Fettablagerungen nehmen zu, die Knochen werden poröser und bruchanfälliger, und das Risiko eines Typ-II-Diabetes wächst. Männer mit niedrigem Testosteronspiegel sind auch anfälliger für die Alzheimerkrankheit, für Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Doch für John und Millionen anderer Männer ab Ende 40 gibt es Hoffnung. Aus neuen Studien geht hervor, dass die Wiederherstellung der früheren Testosteronwerte in manchen Fällen helfen kann, Beschwerden wie Osteoporose, Herzinfarkt und Depressionen im Zaum zu halten.

„Es ist heute das umstrittenste Thema der männlichen Gesundheitsforschung“, erklärt Dr. Ethan Grober, Urologe am New Yorker Mount-Sinai-Krankenhaus und Assistenzprofessor für Chirurgie an der Universität Toronto in Kanada. Die Wissenschaft befasst sich seit mehr als 100 Jahren mit Testosteron und hat das Hormon entweder als Wundermittel gepriesen oder verdammt. Jetzt, sagt Grober, unterstützt die Ersatztherapieforschung die These der langfristigen Vorteile und der Ungefährlichkeit des Hormons.

Die aktuelle Kontroverse ist zum Teil auch eine Folge jener Pseudowissenschaft, die Testosteron als „Heilmittel“ gegen Homosexualität, weibliche Frigidität und Verlust der Manneskraft anpries. Auch im Zusammenhang mit Sportlern und Bodybuildern ist von Testosteron die Rede.

Gewisse Bedenken bestehen gegen TET auch wegen der Folgen der Östrogen-Ersatztherapie, die bei einigen Frauen vermehrt zu Kreislauferkrankungen und erhöhtem Brustkrebsrisiko geführt hat. „Die beiden Therapien lassen sich nicht vergleichen“, sagt der Urologe Dr. Alvaro Morales, emeritierter Professor an der Queen’s-Universität im kanadischen Kingston. „Im Studium haben wir gelernt, dass Testosteron für Herz und Kreislauf schlecht sei und dass es die Bildung von Prostatakrebs fördern soll. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt.“

Neueste Studien zeigen, dass sich die Wiederherstellung des früheren Testosteronspiegels manchmal sehr positiv auf das Befinden von Männern auswirkt. Trotzdem sollte TET laut Dr. Morales nur dann in Betracht kommen, wenn eindeutige Symptome für einen Testosteronmangel erkennbar sind, der im Allgemeinen erst bei über 45-Jährigen auftritt. „Gibt es Anzeichen für Depression, Lethargie, Abnahme der Libido und Muskelmasse und weist das Blutbild niedrige Testosteronwerte auf, ist die Therapie angezeigt. Sie muss jedoch ärztlich überwacht und vierteljährlich überprüft werden“, erklärt er.

Verbessert sich der geistige und körperliche Zustand in dieser Zeit, sollte man die Behandlung weitere drei Monate fortsetzen, so Dr. Morales. „Es muss klar sein, dass es sich nicht um einen Placebo-Effekt handelt.“

Doch er warnt vor der Illusion, Testosteron sei ein Wundermittel zur Rückgewinnung der Manneskraft – obwohl es Ärzte gibt, die das Hormon so anpreisen, auch wenn ihre Behauptungen kaum auf wissenschaftlichen Forschungen beruhen.

Langzeitstudien benötigen Zeit, und es gibt noch viele offene Fragen zu TET wie etwa: Was ist je nach Alter der „richtige“ Testosteronspiegel? „Jeder Mann ist anders“, sagt Morales. „Und wir wissen nicht, wie hoch seine Werte in jüngeren Jahren waren.“

Die Bestimmung des Testosteronspiegels ist so einfach wie ein Bluttest. Sind die Werte niedrig, gibt es diverse Möglichkeiten, das Hormon zu ersetzen. Die preisgünstigste und zuverlässigste Variante ist eine Injektion alle zwei bis drei Wochen. Doch nicht jeder möchte sich selbst spritzen oder dafür ständig zum Arzt gehen. Zudem wirkt das Medikament bei Injektionen anfangs sehr stark, nimmt dann aber im Lauf weniger Wochen allmählich ab. Gels zum Einreiben und Pflaster sind weitere Optionen. Auch gibt es Tabletten, die sich, an der Mundschleimhaut haftend, wie ein Bonbon auflösen.

Wenn Ihr Testosteronspiegel erwiesenermaßen niedrig ist, sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Er sagt Ihnen ob, und wenn ja welche Ersatztherapie sich am besten für Sie eignet.


 

RD Abbinder
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