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Was an die Nieren geht

Oft bleibt eine Erkrankung lange Zeit unerkannt. Auf diese Anzeichen sollten Sie achten.

Ausgabe: November 2021 Autor: Lisa Fields

Eine Nierenerkrankung wird oft erst spät erkannt. Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO lagen Nierenleiden 2020 weltweit auf Platz zehn der Todesursachen. Dr. Raymond Vanholder zufolge, dem Vorsitzenden der Europäischen Allianz für Nierengesundheit, leiden 10 Prozent der westeuropäischen Bevölkerung an einer Nierenerkrankung, in Mittel- und Osteuropa sind es knapp 8 Prozent. Nach Schätzungen einiger Experten könnten in zehn Jahren bereits doppelt so viele Europäer betroffen sein.
Warum sind diese Zahlen so hoch? Weil immer mehr Menschen an Bluthochdruck und Diabetes leiden, den häufigsten Auslösern von Nierenerkrankungen. Seltener sind Infektionen oder eine genetische Vorbelastung verantwortlich. Auch Nierensteine erhöhen das Risiko. Ärzte raten in der Regel zur Dialyse, wenn die Nierenleistung unter 10 Prozent sinkt. Abhängig von der Dialyseart dauert die Behandlung meist mehrere Stunden und wird dreimal die Woche durchgeführt.
Viele Menschen wissen nicht, wie wichtig die Nieren für ihre Gesundheit sind. Solange die Organe funktionieren, filtern sie giftige Stoffwechselprodukte und überschüssiges Wasser aus dem Blut. Beides scheiden wir dann als Urin aus. Ein erhöhter Blutzuckerspiegel aufgrund von Diabetes kann die Filterfunktion der Nieren beeinträchtigen. Bluthochdruck belastet die Arterien, welche die Organe umgeben. Verengen oder versteifen diese sich in der Folge, sind sie nicht mehr in der Lage, das Nierengewebe ausreichend mit Blut zu versorgen. „Eine gute Durchblutung ist aber sehr wichtig“, erklärt Dr. Vanholder. „Herz- und Gefäßschäden belasten die Nieren. Wenn diese deshalb nicht richtig arbeiten, sammeln sich Stoffwechselabbauprodukte im Blut an. Dies kann weitere Herz- und Gefäßschäden verursachen. Es entsteht ein Teufelskreis.“ Am Ende drohen nicht nur Nierenversagen, sondern potenziell tödliche Krankheiten wie Herzinfarkt, Hirnschlag oder Krebs.


Vorsorge
Ab dem 50. Lebensjahr lässt die Leistung der Nieren alle zehn Jahre um etwa 10 Prozent nach. Eine moderate Funktionseinschränkung gilt bei über 60-Jährigen deshalb als normal – sofern keine weiteren Anzeichen einer Nierenerkrankung vorliegen. Wegen dieses altersbedingten Prozesses sprechen sich viele Experten gegen ein flächendeckendes Nieren-Screening aus. Stattdessen raten sie Patienten mit erhöhtem Risiko zu jährlichen Vorsorgeuntersuchungen: Diabetiker, Bluthochdruckpatienten und Menschen, die familiär vorbelastet sind. Bei folgenden Symptomen sollten Sie umgehend einen Arzt aufsuchen, unabhängig davon wie alt Sie sind: Abgeschlagenheit, Schlafstörungen, Blut im Urin, trockene und juckende Haut.  

Behandlung
Abhängig von der Schwere des Leidens reicht es manchmal, wenn der Patient sein Befinden genau beobachtet oder sich salzarm ernährt. Ist eine medikamentöse Behandlung erforderlich, kommen oft ACE-Hemmer und AT1-Rezeptorblocker zum Einsatz. Beide senken den Blutdruck und verlangsamen oder verhindern eine weitere Schädigung der Nieren. „Mit Medikamenten lässt sich das Risiko, dass der Patient zum Dialysefall wird, deutlich senken“, sagt Dr. Michel Jadoul von KDIGO in Brüssel. Diese Organisation entwickelt Leitlinien für die Behandlung von Nierenleiden.
Eine neuere Wirkstoffgruppe sind die sogenannten SGLT-2-Hemmer, die bei Diabetes verschrieben werden. Sie reduzieren die Salzaufnahme des Körpers, was den Nieren zugutekommt. „Klinische Studien haben gezeigt, dass diese Mittel nicht nur vor Herzversagen und Herzerkrankungen schützen“, sagt Dr. Juan Manuel Buades Fuste, Chef der Nephrologie an der Universitätsklinik Son Espases auf Mallorca. „Sie verlangsamen auch den Verlauf chronischer Nierenleiden.“


Vorbeugen
Sie können einiges tun, um das Risiko einer Nierenerkrankung zu senken. Lassen Sie regelmäßig Ihren Bluthochdruck kontrollieren. Liegt er zu hoch, erfordert dies eine Behandlung. Eine gesunde Ernährung beugt der Entstehung von Diabetes vor. Gehen Sie regelmäßig zum Arzt, und achten Sie auf Ihr Gewicht. Überschüssige Kilos sorgen für eine stärkere Beanspruchung der Nieren. Auf Dauer kann dies zu Schäden führen. Unabhängig davon, ob Sie eine Nierenerkrankung haben oder nicht, sollten Sie nicht zu viel Salz essen, denn es erhöht den Blutdruck. Versuchen Sie, mit weniger als fünf Gramm pro Tag auszukommen. Ein Großteil des Salzes, dass wir verzehren, steckt übrigens in verarbeiteten Lebensmitteln. Achten Sie beim Einkauf auf die Verpackungsangaben.
Besprechen Sie zudem mit Ihrem Arzt, ob Sie Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAID (nichtsteroidale Antirheumatika) meiden sollten. In einer aktuellen Studie hatten 41 Prozent der untersuchten Nierenpatienten über Jahre NSAID eingenommen. „Personen, die einer Hochrisikogruppe angehören, sollten solche Schmerzmittel allenfalls kurze Zeit, nie aber längerfristig einnehmen“, warnt Dr. Jadoul. Gewöhnen Sie sich das Rauchen ab, oder fangen Sie erst gar nicht damit an, denn es schädigt die Blutgefäße und lässt Ihre Nieren schneller altern. Nichtraucher leiden seltener an Nierenfunktionsstörungen.

Geschenk des Lebens
In Deutschland gilt bei der Organspende die sogenannte Entscheidungslösung: Der Spender muss einer Organentnahme zu Lebzeiten zugestimmt haben. Einen Spenderausweis erhalten Sie  in der Apotheke, beim Arzt, der Krankenkasse oder unter www.organspende.de. Teilen Sie Ihrer Familie Ihren Entschluss mit, damit Ihre Angehörigen im Fall der Fälle auf Nachfrage bestätigen können, dass  der Ausweis noch immer Ihren Willen spiegelt.
In Österreich gilt die Widerspruchslösung: Wer nicht aktiv widerspricht, gilt nach seinem Tod als Organspender. Bei Nieren ist auch eine sogenannte Lebendorganspende möglich. 2018 stammten rund 20 Prozent der in Europa gespendeten Nieren von lebenden Spendern.

 

 


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