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Mutter und Baby kuscheln miteinander
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Aus der
aktuellen
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Die Kraft der Berührung

Warum Körperkontakt für unser geistiges und körperliches Wohlbefinden unerlässlich ist.

Ausgabe: Mai 2017 Autor: Anne Mullens

Alle zwei bis drei Monate geht Thyago Ohana in Wien mit einem breiten Lächeln auf die Straße und einem Schild mit der Aufschrift „Gratis-umarmung“. Der gut aussehende 32-jährige Brasilianer, der in der indischen Botschaft in Wien für den Außenhandel zuständig ist, sucht sich eine belebte Umgebung. Auf der historischen Einkaufsmeile Kärntner Straße bietet er jedem, dem danach ist, eine herzliche Umarmung an.

Das macht Ohana seit einer besonderen Begegnung im Jahr 2012. Er lebte damals in Paris, war gestresst und ängstlich, als ihn ein wildfremder Mensch einfach so umarmte. Er weiß noch, wie ihn das mit einer unerwarteten Ruhe und Freude erfüllte. Die Menschen, die sich von ihm umarmen lassen, lächeln unwillkürlich. Manchmal geschieht aber auch etwas Unerwartetes: Eine ältere Frau blieb mit einer Reisegruppe stehen und beobachtete ihn. Als die Gruppe weiterzog, kam sie auf ihn zu und fragte: „Würden Sie mich umarmen?“ „Aber natürlich!“, sagte Ohana und umarmte sie. Anschließend ließ sie ihre Hände für einige Augenblicke auf seinen Schultern liegen und sah ihm in die Augen. „Danke“, sagte sie. „Ich kann mich nicht erinnern, wann mich das letzte Mal jemand so umarmt hat.“ Diese Erinnerung bewegt Thyago Ohana noch heute. „Es war ein wirklich ergreifender Moment. Darum mache ich das immer noch.“

Eines unserer fünf Sinnesorgane ist die Haut

Auf sie können wir am wenigsten verzichten. „Ein blind oder taub geborenes Kind wird sich ganz normal und ohne kognitive Einschränkungen entwickeln“, sagt US-Neuro-Wissenschaftler und Autor David J. Linden. „Erhält ein Kleinkind aber in den ersten beiden Lebens­Jahren keine zärtliche Berührung, hat das katastrophale Folgen.“ Als Beleg nennt Linden die rumänischen Kinder, die in den 1980er- und 1990er-Jahren ihr Dasein in Waisenhäusern fristeten. Er beschreibt, dass die Kinder wegen der mangelnden liebevollen Zuwendung nicht nur psychisch und intellektuell zurückgeblieben waren, auch ihr Immun- und Verdauungssystem zeigte Fehl-Entwicklungen. Deshalb legt man Neugeborene heute in der Regel direkt nach der Geburt den Müttern auf die nackte Haut.

Studien empfehlen, Frühchen regelmäßig zu streicheln

Auch deshalb finden Babymassage-Kurse weltweit so großen Zuspruch. Elsie Peña Tretvik stammt aus Costa Rica und lebt in Molde, Norwegen. Als sie mit ihrer drei Monate alten Tochter Maya ihre alte Heimat besuchte, schrie die Kleine bis zu drei Stunden täglich. Paola Rodríguez, eine ihrer Freundinnen von früher, ist die Geschäftsführerin der International Association of Infant Massage (IAIM, Internationale Vereinigung für Babymassage). Sie empfahl Tretvik die Teilnahme an einem Kurs. Das hat Elsie Tretviks Leben verändert. „Ich habe nicht nur gelernt, wie ich Maya helfen kann, sich zu entspannen und so ihre Bauchschmerzen zu lindern, sondern auch ihre Körper-Signale zu lesen. So wurde ich eine selbstbewusstere Mutter.“ Tretvik beschloss, selbst eine Ausbildung zur Baby-Masseurin zu machen, und bietet heute in Molde Kurse für Eltern an

Nerven reagieren besonders empfindlich auf liebevolles Streicheln

Erst seit Kurzem beginnen Wissenschaftler zu verstehen, wie das hochkomplexe System der Nerven, Sensoren und Rezeptoren funktioniert, das uns über unsere Haut mit unserer Umwelt und den Menschen verbindet. „Noch wissen wir wenig darüber, wie die Reiz-Übermittlung des Tastsinns funktioniert. Uns ist aber bekannt, dass es verschiedene Rezeptoren für Struktur, Vibration, Druck und Juckreiz gibt“, erklärt David Linden. Zu den weltweit führenden Wissenschaftlern, die den Tastsinn erforschen, gehört Dr. Håkan Olausson, Professor für klinische Neuro-Wissenschaften an der Universität Linköping in Schweden. Er und sein Team entdeckten spezielle Nervenfasern. Die sogenannten C-taktilen afferenten Fasern nehmen die emotionale Bedeutung von bestimmten Berührungen wie sanftem, langsamem Streicheln oder Liebkosen wahr und leiten diese Information an das Gehirn weiter. Am besten funktioniert die Übermittlung, wenn die Nervenenden mit einer Temperatur von 32 Grad berührt werden – die Temperatur einer menschlichen Hand. „Die Nerven­Enden reagieren besonders empfindlich auf liebevolles Streicheln. Sie registrieren aber auch andere Berührungen, beispielsweise Druck auf die Haut“, so Dr. Olausson

Funktionieren die C-taktilen Fasern nicht richtig, kann sich das nachteilig auf die Entwicklung emotionaler Bindungen auswirken. Ein Forschungsprojekt an der John-Moores-Universität im englischen Liverpool unter der Leitung von Francis McGlone belegte das. Kinder mit Autismus-Störungen haben womöglich eine Abweichung in der Funktion ihrer CT-Fasern. Deshalb empfinden sie die Berührung anderer Personen als unangenehm.

Sanfte Berührung empfinden Ältere als besonders angenehm

Je älter wir werden, desto unempfindlicher reagiert unsere Haut auf Reize aus der Umgebung. Dr. Olausson und ein Team haben aber herausgefunden, dass im Alter sanfte Berührung als besonders angenehm empfunden wird, das Empfinden sich dadurch sogar noch verstärkt. Leider kommen alte Menschen, wie Thyago Ohana weiß, nur selten in den Genuss solcher Berührungen. Obwohl die Forschung die Vorzüge von Massagen und Berührung in sozialen Kontexten erkannt hat, wurden diese Erkenntnisse bislang noch nicht in Pflegeeinrichtungen für Senioren umgesetzt.

Berührt zu werden, hat eine tiefe emotionale Wirkung auf uns

Dr. Manuel Arroyo-Morales lehrt Physiotherapie an der Universität von Granada in Spanien, wo eine Studie zur „Wirkung von Händen auf den menschlichen Körper“ durchgeführt wurde. Mit seinem Team interessiert er sich im Speziellen für die Auswirkung von Massagen bei Krebs-Patienten. Sie fanden heraus, dass Massagen Schmerzen und Erschöpfung lindern, das Immunsystem unterstützen und Ängste abbauen. Der Behandlungs-Erfolg hing zu einem erheblichen Teil davon ab, welche Einstellung ein Patient zu Berührungen allgemein hatte. Der zweite, ebenso wichtige Aspekt war, wie gut das Verhältnis zwischen Therapeut und Patient war. Die richtige Massage-Technik allein genügte nicht, so das Ergebnis der Studie.

Niemand weiß das besser als die 65-jährige Joannie McCutcheon. 2005 wurden bei der damals in Amsterdam lebenden Informatikerin zwei Hirntumore diagnostiziert: ein gutartiger und ein aggressiver. Sie taufte sie Melanie und Ollie. „Sie sind ein Teil von mir. Das musste ich akzeptieren.“ In einer Operation entfernte man einen Teil von Ollie, der verbleibende Rest war inoperabel. Nach der Trennung von ihrem Mann zog sie 2007 zurück nach Schottland. Seit 2015 arbeitet sie ehrenamtlich bei Iris Cancer Partnership. Der Verein organisiert kostenlose Massagen für Krebs-Patienten. Im Vorstand von Iris bringt McCutcheon ihre Informatik-Kenntnisse ein, und als Patientin erhält sie selbst alle drei Wochen eine Massage von einer Therapeutin, die zur Freundin geworden ist. „Manchmal fühle ich mich erschöpft oder habe Kopfschmerzen. Dann bekomme ich entweder eine Kopf- oder eine Fußreflexzonen-Massage. Meine Therapeutin scheint instinktiv zu wissen, was ich brauche. Anschließend geht es mir wieder gut.“

McCutcheon ist überzeugt, dass die Massagen – aber auch ihre Einstellung, die beiden Tumore anzunehmen – sie am Leben halten. Sie hat durch ihre Krankheit neue Freundschaften geschlossen, während andere Betroffene mit derselben Diagnose verstorben sind. Auch am Ende eines Lebens kann sich die emotionale Wirkung einer Berührungs-Therapie als sehr tief greifend erweisen.

Simon Robey koordiniert im St.-Josephs-Hospiz in London als stellvertretender Leiter die komplementär-medizinischen Therapien. Das Hospiz bietet eine Vielzahl von kostenlosen Therapien an – nicht nur für Patienten, auch für deren Angehörige, die unter einer extrem hohen psychischen Belastung stehen. Simon Robey erzählt von einer jungen Frau Mitte 30. Ein Therapeut massierte der Sterbenden Hände, Beine und Füße. „Sie verlor immer wieder das Bewusstsein, doch wir konnten beobachten, dass sie sich zusehends entspannte. Für die Familien-Angehörigen war das sehr beruhigend.“

Umarmungen und Hände halten bei Kuschel-Partys

Menschen, die sich nach Berührung sehnen, könnten bei sogenannten Kuschel-Partys fündig werden. Dort treffen sich Erwachsene, um zu kuscheln – ohne sexuelle Hintergedanken. In Dublin veranstaltet der Irish Cuddle Salon an jedem dritten Sonntag im Monat einen solchen Abend. Wendy Stephens, 33, hatte davon über eine Freundin gehört. Sie ist Single und war anfangs ziemlich nervös. Doch für sie war es, wie sie sagt, eine „wunderschöne, erdende Erfahrung“. Seitdem hat sie keinen Termin ausgelassen. Nun schläft Stephens besser, hat wieder Appetit und fühlt sich nicht mehr so einsam.

Urbeziehung zwischen dem Berührtwerden und unseren Gefühlen

Für den Neurowissenschaftler David Linden ist klar: „Es tut jedem Menschen gut, für mehr Berührung in seinem Leben zu sorgen“. Entweder mit einer therapeutischen Massage, beim Händchen-Halten, beim Streicheln seines Hundes oder indem man sein Kind, den Lebenspartner oder auch einen wildfremden Menschen umarmt. „Wenn wir uns gegenseitig berühren“, schrieb Linden mit seiner Koautorin Martha Thomas in einem kürzlich erschienenen Artikel, „nutzen wir eine Urbeziehung zwischen dem Berührtwerden und unseren Gefühlen. Der Grundstein für diese Urbeziehung wurde bereits früh in unserem Lebens gelegt.“


 

RD Abbinder
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