Bei Demenz-Erkrankungen verblasst die Erinnerung langsam. Es ist als würden Puzzleteile im Gehirn plötzlich fehlen.
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Alzheimer: Lässt sich das Vergessen je stoppen?

Die aktuell (2019) verfügbaren Medikamente können die Alzheimer-Demenz etwas aufhalten, aber nicht heilen.

Autor: Reader's Digest Book

Warum die derzeit rund 47 Millionen Betroffenen weltweit an der Demenz vom Typ Alzheimer leiden, ist trotz jahrzehntelanger Forschung immer noch nicht ganz genau bekannt. Klar ist nur, dass zahlreiche Prozesse zusammenspielen und die messbaren Veränderungen schon mindestens 10 bis 20 Jahre stattfinden, bevor die ersten Symptome der Vergesslichkeit auftauchen. Was zunächst wie normale Unaufmerksamkeit wirkt verstärkt sich bei Beginn einer Alzheimer-Demenz zunehmend. Mit der Zeit wird es schwierig, sich mehrere geplante Aufgaben auf einmal zu merken; es wird zum Problem, sich in fremder und später sogar bekannter Umgebung zurechtzufinden und schließlich vergisst das Gehirn selbst nahestehende Personen. Hinzu kommen oft verschiedene Verhaltensauffälligkeiten: Betroffene werden z. B. sehr unruhig, aggressiv oder eifersüchtig. Man weiß: Nur bei rund 5% aller Alzheimerpatienten sind bestimmte Genveränderungen verantwortlich, in erster Linie aber ist sie eine Krankheit des Alters.

Was passiert im Gehirn, wenn der Mensch dement wird?

Bislang wird den schon Alois Alzheimer bekannten Ablagerungen im Gehirn eine wichtige Rolle beigemessen: „Eiweißhaufen“ namens Amyloidplaques finden sich im Hirngewebe außerhalb von Nervenzellen. Die Veränderungen schädigen das Hirngewebe; es schrumpft dramatisch. Bedeutsam sind zudem Veränderungen der Botensubstanzen im Gehirn (Neurotransmitter), vor allem die verringerte Konzentration von Acetylcholin. Medikamente, die das Acetylcholin zu normalisieren helfen, zeigen einen – wenn auch nur mäßigen – Effekt.
Doch auch wenn diese Wirkstoffe die geistigen Fähigkeiten von einigen Alzheimer-Patienten bis zu etwa einem Jahr erhalten und das Fortschreiten verzögern können, sind es keine Heilmittel. Weltweit versuchen zahlreiche Forscherteams seit Jahrzehnten, das Vergessen zu bekämpfen. Aber auch die neuen Behandlungsansätze, von Enzymblockern bis zu Antikörpern, haben sich bisher als Enttäuschung entpuppt.

Typische Plaques

Der Stoff, der zu den Amyloidplaques führt, ist das sogenannte A-Beta-Amyloid. Dieser Eiweißstoff entsteht im Gehirn nur, wenn eine lange Eiweißkette von gewissen Enzymen, den Sekretasen, ungünstig zertrennt wird. Aufgrund der so wichtig erscheinenden Rolle der Amyloidplaques versuchen Wissenschaftler schon lange, eben diese Ablagerungen gar nicht erst entstehen zu lassen oder zumindest wieder zu beseitigen.

Impfung gegen Alzheimer

2018 wurde ein aktiver Impfstoff getestet, der sich nur gegen das Beta-Amyloid richtet - ohne eine Entzündungsreaktion zu provozieren. Wie gut dieser und auch weitere getestete Impfstoffe aber tatsächlich wirken, muss sich noch zeigen. Eine andere Variante ist eine passive Impfung: Hierfür wurden den Patienten in mehreren Studien fertige spezifische Antikörper gegen A-Beta-Amyloid gespritzt. Im Frühjahr 2019 aber mussten gleich zwei große Studien mit Antikörpern einen Misserfolg melden. Weder Aducanumab noch Crenezumab zeigten im Vergleich zu einem Scheinmedikament eine Wirkung auf die Vergesslichkeit bei Patienten.

Viele Faktoren beteiligt

Viele Experten sind inzwischen überzeugt, dass auch die zahlreichen anderen ursächlichen Prozesse für die Entstehung einer Alzheimer-Demenz Ziel einer Therapie sein könnten: das Immunsystem, verschiedene andere Hirnbotenstoffe und möglicherweise der Kalziumstoffwechsel im Gehirn. Auch der Zuckerhaushalt beeinflusst vermutlich die Veränderungen bei Demenz. Entsprechend prüfen Forscher eine Reihe anderer Wirkstoffe als die oben genannten zur Therapie, darunter Wirkstoffe gegen Zuckerkrankheit, Nilvadipin als Substanz, die den Kalziumhaushalt beeinflusst, sowie Präparate, die nicht nur den Stoffwechsel des Botenstoffs Acetylcholin verändern, sondern auch den des Botenstoffs Serotonin.
Bisher liegen nur erste hinweisende Ergebnisse aus kleinen Studien vor, bis zu einer Zulassung dieser Substanzen wird es noch lange dauern − wenn es überhaupt dazu kommt. Möglicherweise wird eine geeignete Kombination verschiedener Wirkstoffe, die auch individuell unterschiedlich sein kann, am besten gegen Demenz helfen.

Bessere Chancen durch eine frühe Diagnose?

Da es derzeit schwierig ist, Menschen mit bereits fortgeschrittener Vergesslichkeit zu helfen, verlagern viele Wissenschaftler ihr Engagement auf eine möglichst frühe Diagnose. Doch die meisten Menschen werden erst dann genau untersucht, wenn sie bereits über Vergesslichkeit klagen. Der Arzt wird mittels Fragebogen und neuropsychologischen Tests nach Hinweisen auf Demenz suchen. Zur Überprüfung dienen Hirnscans − sogenannte PET-Aufnahmen oder MRT-Scans − auf denen sich spezifische Veränderungen im Gehirn erkennen lassen. Solche Krankheitsmarker lassen sich auch in der Rückenmarksflüssigkeit finden. Über eine weitere Nachweismethode berichteten asiatische Forscher in einer Untersuchung vom März 2019: Ihre vorläufigen Ergebnisse lassen erwarten, dass sich im Nasensekret ein Biomarker für Alzheimer nachweisen lässt.
Parallel prüfen andere Wissenschaftler, ob sich auch im Blut solche Markersubstanzen finden lassen. In Zukunft wird es also vermutlich Tests geben, mit denen sich schon viele Jahre vor Ausbruch der Demenz eine recht sichere Diagnose stellen lässt.

Wie lässt sich Alzheimer vorbeugen?

Manche Fachleute gehen davon aus, dass im Hirn zunächst Amyloidplaques entstehen und bei manchen Personen aus verschiedenen Gründen viele Jahre später Tau-Proteine hinzukommen und dann die Zerstörung des Hirngewebes fortschreitet. Diese lange Phase ist deshalb möglicherweise entscheidend: „In diesen zehn bis zwanzig Jahren laufen im Körper Prozesse ab, die das Risiko für Alzheimer nachweislich erhöhen“, erklärt Michael Heneka von der Klinik für neurodegenerative Erkrankungen und Gerontopsychiatrie an der Universität Bonn. Folge dieser Veränderungen ist seiner Meinung nach eine gering ausgeprägte, aber anhaltende Entzündungsreaktion. Diesen Prozessen liegen wahrscheinlich verschiedene Faktoren aus dem Erbgut, der Umwelt und dem Lebensstil zugrunde, darunter auch Übergewicht, zu wenig Bewegung, Schlafstörungen, unkontrollierter Bluthochdruck, Gefäßverkalkung und Infektionen.

Auch aus großen Beobachtungsstudien ist bekannt: Wer körperlich und geistig aktiv ist, senkt sein Demenz-Risiko. Forscher schrieben in einer Arbeit von 2017 etwa ein Drittel der Demenzfälle Lebensstilfaktoren zu, die sich modifizieren lassen. Und: Offenbar erkranken Kaffeeliebhaber seltener an Alzheimer. Wer etwa fünf Tassen täglich – oder auch Schwarz- oder Grüntee – im mittleren Lebensalter genießt, verringert einigen Studien zufolge sein Risiko, vergesslich zu werden.


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