Das Geheimnis unseres Gedächtnisses
© iStockphoto.com / wildpixel
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Das Geheimnis unseres Gedächtnisses

Dem sind Forscher nun auf der Spur und kommen dabei zu überraschenden Ergebnissen. Das Wichtigste: Unser Gedächtnis verändert sich ständig...

Autor: Reader's Digest Book

Manchmal erinnern wird uns komplett anders an ein und dasselbe Ereignis als ein anderer Mensch, der dabei war. Für die Gedächtnisforscherin Hannah Monyer sind solche Ungereimtheiten nicht weiter erstaunlich. „Unser Gedächtnis ist genauso individuell wie unsere Persönlichkeit“, sagt sie. Zum Teil liegt das daran, dass wir Situationen bereits in Echtzeit anders als unser Gegenüber erleben. Es gibt aber noch einen weiteren Grund: Woran wir uns später erinnern, hängt von unserer Stimmung, Lebensgeschichte und persönlichen Wertesystem ab. Noch dazu sind Erinnerungen wandelbar. Vor dem Hintergrund neuer Erfahrungen verändern sie sich, ohne dass wir selbst es bemerken.

Ist das, was wir zu erinnern glauben, also grundsätzlich falsch?

„Wir wissen, dass es nicht immer richtig ist“, sagt Monyer. Dass wir Vergangenes oft nur unvollständig oder eben individuell gefärbt abrufen können, sei aber zunächst einmal kein Problem. Sondern ganz einfach die logische Folge davon, wie das Gehirn funktioniert. „Unser Gedächtnis ist so eingerichtet, dass es uns hilft, in der Gegenwart und in der Zukunft zurechtzukommen“, sagt Monyer. Die Vergangenheit detailgenau abzurufen sei dafür nicht erforderlich. „Evolutionsbiologisch macht es keinen Sinn, alles zu erinnern, außer es hat eine Bedeutung für uns.“

Nur Bedeutsames bleibt

Egal, ob wir einen Spaziergang machen, einkaufen gehen oder mit dem Auto zur Arbeit fahren: es prasseln Millionen Eindrücke auf uns ein. Doch nur Außergewöhnliches oder Bedeutsames ist dem Gehirn eine Erinnerung wert. Besonders gut erinnern wir uns an etwas, das mit starken Emotionen verknüpft ist – vor allem mit schlechten. In der Menschheits-Geschichte macht das Sinn, denn unser Gedächtnis speichert Leid- oder Gefahrensituationen ab, um sie in Zukunft meiden zu können.
Sobald wir etwas Eindrucksvolles erleben, wird eine Gruppe von Hirnzellen aktiviert. Unterschiedliche Informationen, wie optische Eindrücke oder Gerüche, werden dabei auch an unterschiedlichen Orten im Gehirn verarbeitet. Anschließend verstärkt das Gehirn die Verbindungen zwischen den Zellen, die durch das Ereignis gleichzeitig aktiviert wurden, und verknüpft sie zu einem Netzwerk. Wird später durch ein ähnliches Ereignis ein Teil dieser Zellen erneut aktiviert, werden die anderen Netzwerkzellen ebenfalls aktiv. Es kommt zu Assoziationen und dem Phänomen der Erinnerung. Ist ein Ereignis mit starken Emotionen verknüpft, kann das die Haltbarkeit dieser Netzwerke steigern. Wir erinnern uns länger daran.

Die Dynamik des Gedächtnisses

Warum aber behalten wir eine Situation nicht bloß besser oder schlechter als andere Menschen im Kopf, sondern unterschiedlich? Ganz einfach, sagt Monyer. „Weil das, was für uns emotional bedeutsam ist, sich unterscheidet.“ Dadurch entscheidet sich, welcher Teil des Geschehens uns im Bewusstsein haften bleibt. Und die Erinnerung verändert sich im Laufe der Zeit. Hirnforscher nennen dies die Dynamik des Gedächtnisses. Vor dem Hintergrund neuer Erfahrungen interpretieren wir die Vergangenheit anders. „Jedes Mal, wenn wir eine Erinnerung hochholen, werden wir sie neu bewerten und sie wird sich verändern“, sagt Monyer. Sie vergleicht dies mit dem Verschnüren eines Pakets. Immer, wenn wir uns erinnern, öffnen wir es – und fügen etwas Neues hinzu, oder entnehmen etwas, bevor wir es wieder verpacken.
Wenn etwas aus dem Gedächtnis abgerufen wird, werden die Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen an einigen Stellen verstärkt, an anderen werden sie schwächer: bestimmte Aspekte einer Erinnerung werden im Nachhinein stärker betont. Das Bemerkenswerte daran: Die neue Erinnerung wird im Gedächtnis gespeichert, die alte Version damit überschrieben. Eine Aktualisierung der Vergangenheit! Die Neuformierung kann so weit gehen, dass wir nicht bloß Gefühle und Stimmungen anders erinnern, sondern auch äußere Umstände. Gleichzeitig sind wir fest davon überzeugt, dass sich alles genauso zugetragen hat. Durch den Umschreibungsprozess versucht das Gehirn, Erfahrenes mit unserem heutigen Selbstbild in Einklang zu bringen.

Erinnerungen, die es nicht gibt

Wir formen also unser Gedächtnis um, ohne dass uns das selbst bewusst ist. Es ist sogar möglich, Menschen Erinnerungen regelrecht einzupflanzen. So gelang es in mehreren Experimenten, Versuchsteilnehmern weiszumachen, sie hätten in ihrer Kindheit etwas erlebt, was niemals stattgefunden hatte. Legte man ihnen etwa Fotos vor, die sie als Kind in einem Heißluftballon zeigten, begann die Hälfte von ihnen, sich tatsächlich an die Ballonfahrt zu erinnern. Dabei waren die Fotos manipuliert, die Ballonfahrt hatte es nie gegeben.

Die Macht negativer Erinnerungen brechen

Auf Verhaltensebene ermöglicht das Wissen über die Funktion des Gedächtnisses neue Therapieansätze. So weiß man, dass man sich in schlechter Verfassung eher an negative Dinge erinnert – und in guter eher an schöne. Beides verstärkt dann im Jetzt die schlechte oder positive Stimmung. Dadurch kann ein leidvoller Kreislauf entstehen, der beispielsweise bei Depressionen eine Rolle spielt.
Amerikanische Forscher versuchen sogar, die Macht der Erinnerungen mit Medikamenten zu brechen. Sie testen das Herzmittel Propranolol, das hemmend auf einige Nervenfunktionen wirkt, an Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Wirkstoff einmal erlittene Traumata zumindest verblassen lässt. Was aber wäre, wenn sich so nicht bloß ein Trauma aus dem Gedächtnis radieren ließe, sondern alles, was wir als schmerzvoll und unangenehm empfinden? Nach allem, was man weiß, wäre das riskant, weil die Summe unserer Erfahrungen uns als Persönlichkeit ausmachen.

Was bedeutet das für Sie?

  • Erinnerungen verändern sich im Lauf der Zeit, weil wir sie vor dem Hintergrund aktueller Erfahrungen neu bewerten. Die neue Version speichern wir im Gedächtnis ab, sie fühlt sich weiterhin echt an. D. h.: Auch wenn wir uns absolut sicher sind, dass sich etwas so zugetragen hat, kann es sich dennoch anders abgespielt haben.
  • Erinnerung, Stimmung und Persönlichkeit beeinflussen sich gegenseitig. Wenn es uns nicht gut geht, neigt das Gehirn dazu, eher negative Erfahrungen aus dem Gedächtnis abzurufen. Befinden und Stimmung werden dadurch noch schlechter. Psychologen empfehlen daher, sich immer wieder bewusst positive Dinge in Erinnerung zu rufen.
  • Mit Emotionen verknüpfte Ereignisse behalten wir länger in Erinnerung. Um etwas zu lernen, sollte es daher am besten mit einem Erlebnis verknüpft sein.

 

Lesen Sie mehr dazu und zu ähnlichen Themen im Reader's Digest-Buch Das Neueste aus der Medizin 2018/2019.

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Arthrose gilt als unheilbare Verschleißkrankheit. Der Einfluss der Ernährung ist vielen nicht bekannt oder wird auf das Körpergewicht reduziert.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Still, langsam und scheinbar unaufhaltsam schreitet sie fort: die Herzinsuffizienz, auch als Herzschwäche bekannt...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Volkskrankheit Migräne: Allein in Deutschland sind mehr als acht Millionen Menschen betroffen. Doch trotz intensiver Forschung ist ihre Ursache nur unzulänglich ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Migräne verursacht einen äußerst unangenehmen, pochenden Kopfschmerz. So können Sie vorbeugen...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Körperliche Aktivität hält erwiesenermaßen auch das Gehirn fit. Und es gibt bestimmte Sportarten, die besonders gut für unser Gehirn sind...

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Shop


Das Neueste aus der Medizin 2018/2019

Die wichtigsten Neuerungen der Medizinforschung - leicht verständlich erklärt.

Jetzt: 19,90 €
Bisher: 29,90 €

Zum Produkt >

Reader's Digest Österreich: Verlag Das Beste Ges.m.b.H. - Landstraßer Hauptstraße 71/2, A-1030 Wien