Kann das wirklich wahr sein?
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Kann das wirklich wahr sein?

Sechs ausgefallene medizinische Theorien und ihre möglichen Auswirkungen

Ausgabe: August 2014 Autor: Hallie Levine-Sklar

Die Theorie

Kaiserschnitt verursacht Zöliakie

Studien zufolge gibt es einen erstaunlichen Zusammenhang zwischen Kaiserschnittgeburten, Zöliakie und Allergien. Ein Kind, das natürlich geboren wurde, ist im Geburtskanal einer Vielzahl von Bakterien ausgesetzt, im Gegensatz zum Kaiserschnittbaby, erklärt Christine Johnson, leitende Epidemiologin beim Henry-Ford-Gesundheitssystem in Detroit, USA. Inzwischen sind wir der Meinung, dass dieser frühe bakterielle Kontakt für die Entwicklung des Immunsystems sehr wichtig ist.

Eine Studie aus Deutschland mit 2000 Kindern ergab, dass die Kaiserschnittbabys eine 80 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, Zöliakie zu entwickeln. Das ist eine Verdauungsstörung, die durch Gluten (ein in Weizen, Roggen und Gerste vorkommendes Eiweiß) hervorgerufen wird.

Die Anfälligkeit für Allergien ist höher, wenn man in früher Kindheit nicht ausreichend mit Bakterien Kontakt hatte. Unser Körper ist durch die Evolution so angelegt, dass er Infektionen abwehrt, erläutert Dr. Todd Mahr, Kinder-Allergologe und Sprecher der Akademie für Kinderärzte (AAP) in den USA. Ist man Keimen und Infektionen nur begrenzt ausgesetzt, reagiert das Immunsystem stattdessen auf Staubmilben, bestimmte Nahrungsmittel oder tierische Hautschuppen.

Was Sie selbst tun können

Vermeiden Sie einen Wunschkaiserschnitt. Doch keine Sorge, falls der Eingriff medizinisch notwendig ist. Mehrere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass auch Stillen Kinder vor Zöliakie und Allergien schützt.

Fragen Sie Ihren Kinderarzt, ab wann Sie zum ersten Mal feste Nahrung geben dürfen. Aktuelle Forschungen aus Schweden zeigen, dass bei Säuglingen, die ab dem vierten Lebensmonat an Gluten gewöhnt wurden, signifikant seltener Zöliakie auftrat als bei denen, die Gluten erst mit sechs Monaten bekamen. Vorsicht: Die AAP rät davon ab, Säuglingen vor dem vierten Lebensmonat feste Nahrung zu geben.

Die Theorie

Depression ist ein entzündlicher Prozess

Bislang waren sich viele Psychiater einig, dass ein Ungleichgewicht chemischer Gehirnsubstanzen – etwa durch verringerte Werte des Wohlfühlhormons Serotonin – Depressionen verursacht. Doch warum hat sich die Zahl der an Depressionen Erkrankten zwischen 1991 und 2001 verdoppelt? Heute leiden weltweit rund 121 Millionen Menschen an Depressionen, in Deutschland und Österreich sind es knapp sieben Millionen.

Hier kommt die neue Theorie ins Spiel. Ist ein Mensch verletzt oder krank, startet ein entzündlicher Prozess. Das Immunsystem setzt dann sogenannte Zytokine frei, um die Erreger zu bekämpfen und entstandene Schäden zu reparieren. Neuerdings glauben einige Experten, dass ein chronisch erhöhter Level von Zytokinen – hervorgerufen durch Stress, Ernährungsweise oder Umwelttoxine – möglicherweise den Serotoninwert senkt und Depressionen begünstigt.

Dieser Zusammenhang fiel Medizinern erstmals in den 80er-Jahren auf, als sie Versuchstieren Bakterien injizierten, um eine Infektion auszulösen. Diese zeigten Symptome von Depressionen wie Lethargie, Appetitverlust oder Meiden sozialer Kontakte. Folgestudien haben ergeben, dass bei depressiven Personen höhere Konzentrationen von chemischen Entzündungssubstanzen wie das C-reaktive Protein vorliegen. Daraufhin verabreichte Dr. Charles Raison an der Universität von Arizona schwer depressiven Patienten ein Medikament gegen Entzündungen, das bei Auto-Immunerkrankungen eingesetzt wird. Das Ergebnis: Die Patienten mit hohen Werten des C-reaktiven Proteins gaben eine deutlichere Verbesserung ihrer Depressionen an als die Kontrollgruppe.

Auch wenn Entzündungen wohl nicht die Haupt-ursache für Depressionen sind, besteht unter Experten zunehmend Einigkeit darüber, dass sie die Krankheit verlängern oder verschlimmern können. Betroffene Patienten mit entzündungshemmenden Medikamenten zu behandeln könnte ihre Stimmungslage enorm verbessern.

Was Sie selbst tun können

Eine Lebensführung, die sich positiv auf das emotionale Befinden auswirkt, mit gesunder Ernährung, Bewegung und ausreichend Schlaf, verringert das Entzündungsrisiko – und damit eine Depression. Eine spanische Studie mit über 10.000 Erwachsenen mittleren Alters ergab Folgendes: Diejenigen, die oft industriell verarbeitete Nahrung zu sich nahmen, entwickelten doppelt so häufig Depressionen wie Probanden, die eine mediterrane Küche mit Fisch, Obst, Gemüse, Nüssen und Olivenöl bevorzugten. Dem Auftreten von Entzündungen lässt sich außerdem mit Meditationstechniken entgegenwirken. Es eignen sich zum Beispiel Tiefenatmung, Gehmeditation oder Yoga. Diese Methoden helfen, bei Menschen, die an entzündlichen Krankheiten wie Gelenkrheumatismus oder Asthma leiden, stressbedingte Entzündungserscheinungen zu verringern. Das belegten Untersuchungsergebnisse der Universität Wisconsin-Madison von 2013.

Die Theorie

Virusinfektion führt zu Übergewicht

Seine erste Eingebung zu dieser Hypothese hatte Adipositas-Forscher Nik Dhurandhar bei einem Empfang im indischen Mumbai vor 25 Jahren. "Ich unterhielt mich mit einem Tierarzt, der erwähnte, dass Tausende von Hühnern, die an einem Virus zugrunde gegangen waren, vorher stark zugenommen hatten", erinnert sich Dhurandhar. "Dabei müsste ein sterbendes Huhn doch dahinsiechen, anstatt zuzunehmen. Bestand hier womöglich ein Zusammenhang?"

Bald stellte Dhurandhar fest, dass Tiere, die mit dem Erkältungsvirus AD-36 infiziert waren, zunahmen. Anschließend überprüfte er seine Theorie an über 500 Menschen und fand heraus, dass 30 Prozent der übergewichtigen Testpersonen dem AD-36-Virus schon einmal ausgesetzt waren, hingegen nur 11 Prozent der schlanken. Folgestudien anderer Wissenschaftler lieferten ähnliche Ergebnisse.

"Wir vermuten, dass das Virus Fettzellen infiziert und zu schnellerer Teilung und stärkerem Wachstum anregt", erläutert Dhurandhar. "Positiver Nebeneffekt dabei: Anscheinend verbessert das Virus den Cholesterinspiegel und die Zuckerwerte im Blut. Das bedeutet, ein infizierter Körper produziert zwar mehr Fettzellen, dennoch gelangt weniger Fett in die Leber und ins Blut", sagt Nik Dhurandhar. Das könnte erklären, weshalb bei manchen übergewichtigen Menschen ein geringeres Risiko für Diabetes oder Herzkrankheiten besteht als bei schlankeren. Das Virus ist nicht die einzige Ursache für Übergewicht, damit könnte man aber erklären, warum es für manche Menschen schwerer ist abzunehmen als für andere.

Was Sie selbst tun können

Wissenschaftler hoffen, dass im nächsten Jahrzehnt eine Adipositas-Impfung gegen AD-36 auf den Markt kommt. Die Forschung ist außerdem um die Identifikation weiterer Viren bemüht, die möglicherweise einen Einfluss auf das Gewicht haben. Sich testen zu lassen, ob man dem Virus bereits ausgesetzt war, macht wenig Sinn. Denn bei etwa der Hälfte aller Übergewichtigen trifft dies nicht zu, und es gilt als bewiesen, dass andere Faktoren wie Vererbung und Lebensstil eine größere Rolle spielen.

Die Theorie

Herpes-Virus verursacht Alzheimer

Kann ein kleines Lippenbläschen dafür verantwortlich sein, dass man sein Gedächtnis verliert? Die Forschung der letzten 20 Jahre weist darauf hin, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Herpes-simplex-Virus (HSV-1) und Alzheimer. Ruth Itzhaki, Neurobiologin an der britischen Universität Manchester, ging dieser Theorie auf den Grund, nachdem sie erfahren hatte, dass eine seltene Infektion, die sogenannte Herpes-simplex-Enzephalitis, dieselben Hirnareale angreift wie die Alzheimerkrankheit. Die Neurobiologin forschte weiter an HSV-1, einem Virus, mit dem sich 90 Prozent aller Amerikaner über 50 Jahren schon einmal infiziert haben.

Nach der Untersuchung von Gehirnproben Verstorbener stellte Itzhaki fest, dass bei bis zu 75 Prozent der älteren Menschen – darunter auch Alzheimerpatienten – HSV-1 im Gehirn nachweisbar war. Menschen, die in jungen Jahren oder wegen einer anderen Ursache verstorben waren, wiesen dagegen kein Virus auf. Weitere Untersuchungen bestätigten dies, darunter eine in diesem Frühjahr vom Medizinischen Zentrum der Columbia-Universität veröffentlichte Studie.

Die Neurobiologin wies eine Korrelation nach zwischen dem HSV-1-Gehalt im Blut und der Abnahme der kognitiven Fähigkeiten älterer Menschen. Itzhaki will herausfinden, ob eine vorbeugende orale Einnahme eines antiviralen Mittels das Fortschreiten von Alzheimer verzögern oder sogar stoppen könnte.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie unweigerlich Alzheimer bekommen, sobald sich ein Lippenherpes zeigt. Menschen, die das Virus in sich tragen und bei denen weitere Risikofaktoren bestehen, könnten allerdings eher dement werden. Itzhakis Forschungsergebnisse belegen, dass für Personen mit HSV-1 und dem APOE e4-Gen, welches definitiv eine Rolle bei Alzheimer spielt, ein viel größeres Risiko für die Erkrankung besteht als für Menschen, die beides nicht haben.

Was Sie selbst tun können

Das Virus HSV-1 ist einer von vielen Faktoren, welche die Krankheit begünstigen. Bis zum Vorliegen weiterer Forschungen ist es ratsam, sein persönliches Risiko durch gesunde Lebensführung zu verringern. Je regelmäßiger Sie sich zum Beispiel bewegen, umso unwahrscheinlicher ist es, an Alzheimer zu erkranken.

Die Theorie

Falten zeigen Knochendichte an

Osteoporose ist die Ursache für jeden zweiten Knochenbruch bei Frauen über 50, so die US-amerikanische Osteoporose-Stiftung. Dennoch gibt es keine flächendeckenden Osteoporosetests für Frauen nach der Menopause.

Könnte der Zustand Ihrer Haut Aufschluss geben? Forscher der Yale-Universität stellten bei 100 Frauen im Alter von Ende 40 bis Anfang 50, bei denen die Menopause eingesetzt hatte, Folgendes fest: Die Testpersonen mit den meisten und tiefsten Falten wiesen auch die geringste Knochendichte an so entscheidenden Stellen wie Hüfte oder Rückgrat auf.

Knochen und Haut bestehen aus ähnlichen Substanzen, einer Gruppe von Proteinen. Diese Kollagene nehmen mit dem Alter ab, schreibt Dr. Lubna Pal in einem Forschungsbericht. Sie leitet das Programm Polyzystisches Ovarialsyndrom an der Yale-Universität. Vor sieben Jahren entdeckte Dr. Pal durch Zufall, dass Frauen mit geringerem Vorrat an Eizellen auch eine geringere Knochendichte haben. "Viele meiner Patientinnen standen kurz vor der Menopause und klagten über Veränderungen ihrer Haut und dünner werdendem Haar", berichtet Dr. Pal. Das warf die Frage auf, ob im Körperinneren ähnliche Prozesse ablaufen. Wenn das Kollagen in der Haut verloren ging, passierte das dann auch in den Knochen?

Viele Falten im Gesicht bedeuten jedoch nicht gleich weniger stabile Knochen. Dr. Pal erklärt, dass weitere Langzeitstudien nötig sind, um den Zusammenhang zwischen Falten und Knochenbrüchen zu klären. Dr. Felicia Cosman, Sprecherin der staatlichen US-amerikanischen Osteoporose-Stiftung, gibt zu bedenken, dass sich auch andere Faktoren auf den Zustand der Gesichtshaut auswirken. Sonnenstrahlen und Vererbung zum Beispiel sind nur zwei davon.

Was Sie selbst tun können

Wenn Sie sich in der Menopause befinden und in letzter Zeit sehr viele Falten entwickelt haben, sollten Sie mit Ihrem Hausarzt besprechen, ob eine erste Knochendichtemessung sinnvoll ist. Dies könnte dann der Fall sein, wenn weitere Risikofaktoren vorliegen wie eine familiäre Belastung durch Osteoporose, Übergewicht, Rauchen oder hoher Alkoholkonsum (mehr als zwei Gläser pro Tag).

Die Theorie

Elektrizität macht krank und dich

Dank der Elektrizität können wir bis frühmorgens wach sein. Das könnte ernsthafte Konsequenzen für unsere Gesundheit und den Taillenumfang haben, besagt eine Studie aus Großbritannien, die letztes Jahr in der Zeitschrift Bioessays erschien. "Tausende von Jahren stand der Mensch bei Sonnenaufgang auf und arbeitete bei Tag. Sobald es dunkel wurde, ging er schlafen", erklärt Cathy Wyse, die Autorin der Studie und Mitarbeiterin an der biologischen Fakultät der Universität Aberdeen in Schottland. "Im 20. Jahrhundert fingen wir an, immer länger wach zu bleiben. Dabei unterbrechen wir unseren zirkadianen Rhythmus, der die Ausschüttung so wichtiger Hormone wie Melatonin, Insulin und Cortisol regelt." Studien belegen, dass bei Schichtarbeitern häufiger Brustkrebs, Herzkrankheiten und Diabetes auftreten.

2005 hatte Wyse zum ersten Mal die Vermutung, dass ein Zusammenhang zwischen Elektrizität und Gesundheit bestünde. Damals untersuchte sie die Auswirkungen von Jetlag auf die Leistungsfähigkeit von Rennpferden. Einige Jahre später stellte sie fest, dass Mäuse, deren Hell-Dunkel-Zeiten künstlich verändert wurden, an Gewicht zunahmen und ihre Lebensdauer sich verkürzte. "Ich dachte zunächst, mir sei ein Fehler unterlaufen", erinnert sie sich. "Als ich die Studie dann aber mit anderen Tieren wiederholte, gelangte ich zum selben Ergebnis." Eine ältere Studie scheint die Theorie zu stützen: Danach nahmen Menschen leichter zu, die vom Äquator – wo die Tag- und Nacht-Zeiten ganzjährig konstant bleiben – in nördlichere Gegenden zogen mit unterschiedlichen Tag-Nacht-Zeiten.

Was Sie selbst tun können

Die Elektrizität ist nicht mehr wegzudenken aus unserem Leben, aber Sie können ihren Einfluss auf die Gesundheit einschränken, indem Sie sich einen regelmäßigen Schlafrhythmus angewöhnen: Stehen Sie unter der Woche und am Wochenende zur selben Zeit auf, und gehen Sie zur selben Zeit ins Bett. Eine Münchener Studie von 2011 konnte beweisen, dass Menschen, die in der Woche und am Wochenende unterschiedlich viel Schlaf bekommen, leichter zunehmen. Verdunkeln Sie Ihr Schlafzimmer so gut es geht – und vergessen Sie dabei den Wecker und das Telefon nicht. Schalten Sie vor allem Ihr Fernsehgerät und Ihren Computer früher aus.


 

RD Abbinder
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