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Freunde am Fjord - eine Rundreise durch Norwegen
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Aus der
aktuellen
Ausgabe

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Freunde am Fjord - eine Rundreise durch Norwegen

Eine Reise durch Norwegen bekräftigt die skandinavisch-indische Freundschaft zwischen Sheila und Bente.

Ausgabe: Juni 2017 Autor: Sheila Sivanand

Vor zehn Jahren begann meine Liebe zu Skandinavien, als ich Bente Brenna kennenlernte – über das Internet. Die Norwegerin ist eine resolute Frau jenseits der 50. Zwischen uns lagen Welten, doch bald schon fühlten wir uns wie Nachbarn, die über den Gartenzaun hinweg miteinander plaudern. Sie erzählte mir Geschichten aus ihrem Dorf, und ich teilte ihr Wissenswertes über Indien mit.

Es dauerte noch einmal fünf Jahre, ehe wir uns das erste Mal trafen

Ich weilte in London, und Bente kam zu Besuch. Im Gepäck hatte sie Kabeljau in Sahnesauce, Räucherlachs und Muscheln, die sie selbst am Fjord gesammelt hatte. Weil sie mich immer „meine kleine indische Dame“ genannt hatte, dachte ich, sie sei eine große, stattliche Blondine. Dann stellte sich zu unserer Erheiterung heraus, dass Bente eine zierliche Person ist und kleiner als ich.

 


 

  • Ålesund Vlada Z / Fotolia.com
  • Häuser am Ufer in Ålesund Vlada Z / Fotolia.com
  • Der Atlanterhavsveien bei Kristiansund lehic / Fotolia.com
  • Kühn geschwungene Brücke lehic / Fotolia.com
  • Naturwunder Geirangerfjord Andrey Armyagov / Fotolia.com
  • Touristen-Magnet Andrey Armyagov / Fotolia.com
  • Beeindruckende Haarnadelkurven Andrey Armyagov / Fotolia.com
  • Trollstiegen: 12 Prozent Steigung Andrey Armyagov / Fotolia.com
  • Ålesund
  • Häuser am Ufer in Ålesund
  • Der Atlanterhavsveien bei Kristiansund
  • Kühn geschwungene Brücke
  • Naturwunder Geirangerfjord
  • Touristen-Magnet
  • Beeindruckende Haarnadelkurven
  • Trollstiegen: 12 Prozent Steigung
  • Ålesund

    Die norwegische Kleinstadt Ålesund liegt malerisch etwa 236 km nordnordöstlich von Bergen auf mehreren Inseln. Sie ist umgeben von Fjorden, Berg- und Inselketten.
  • Häuser am Ufer in Ålesund

    Viele Häuser von Ålesund stehen direkt am Wasser. Nach einem Brand wurde die Stadt 1904 im Jugendstil wieder aufgebaut.
  • Der Atlanterhavsveien bei Kristiansund

    Norwegen bietet spektakuläre Routen wie die Atlantikstraße Atlanterhavsveien. Sie verläuft von Kårvåg nach Vevang zwischen ungeschützten Inseln und Schären.
  • Kühn geschwungene Brücke

    Die Straße führt über acht Brücken, über Dammstraßen und Viadukte. Einige der Brücken schwingen sich wagemutig über das Wasser, wie auf diesem Strecken-Abschnitt bei Kristiansund.
  • Naturwunder Geirangerfjord

    Der Geirangerfjord ist einer von Norwegens bekanntesten Fjorden. Seit dem 14. Juli 2005 gehört er zum UNESCO-Weltnaturerbe. Er ist rund 15 km lang. An seiner breitesten Stelle misst er 1,3 km.
  • Touristen-Magnet

    Der Geirangerfjord wird im Sommer von den Schiffen der Hurtigruten angefahren. An seinen steilen Hängen finden sich noch alte, verlassene Bauernhöfe. Sie stehen in fast schwindelerregender Höhe und waren früher teils nur mit Leitern zugänglich.
    Durch das milde Klima mit fast 24 Stunden Sonneneinstrahlung im Sommer lohnte sich die Landwirtschaft am Geirangerfjord einst. Heute sind die Höfe kulturhistorische Stätten.
  • Beeindruckende Haarnadelkurven

    Der „Trollstigen“: Die kurvenreiche Pass-Straße liegt etwa 20 km südlich von Åndalsnes. Sie eine der bekanntesten Touristen-Strecken in Norwegen und die Nordseite einer Passstraße, die vom Romsdalsfjord zum Norddalsfjord führt.
  • Trollstiegen: 12 Prozent Steigung

    Der Trollstigen führt in elf Haarnadelkurven mit etwa zwölf Prozent Steigung hinauf zur Passhöhe. Die Straße ist nur wenige Meter breit. Manchmal erscheint sie fast einspurig. Dieses Foto ist vom Aussichtspunkt Utsikten (dt. "Aussicht“) aus aufgenommen. Von dort aus können Besucher die gesamte Straße überblicken.


Bente wurde zum Realityshow-Star im norwegischen Fernsehen

Nach dieser ersten Begegnung schickte sie mir Überraschungs-Pakete mit Pilzen, die sie gesammelt und getrocknet hatte. Deren moosartiger Geruch ließ mich auf magische Weise in die Wälder Norwegens eintauchen. Dann zogen die Kinder aus, und unsere Männer gingen in Rente. Unterdessen wurde Bente von einem Fernsehsender entdeckt – wohl wegen ihrer humorvollen Art und ihrer Schlagfertigkeit. Zusammen mit ihrem Mann Pål wurde sie zum Star der beliebten Realityshow Sofa. Ihr Haus verwandelte sie in eine Frühstückspension – ein „Autowrack-Hotel“, denn Pål kauft gern alte Wohnmobile und restauriert sie. Danach vermietet Bente sie als Übernachtungs-Gelegenheit.

Zu heiß in Mumbai für Bente – Sheila reist nach Norwegen

Weil die Temperaturen in Mumbai selten unter 25 Grad liegen, und Bente es kühler mag, reiste ich im Herbst 2016 nach Norwegen. Mein Ehemann Mohan begleitete mich. Um Zeit für uns zu haben, schloss Bente ihre Pension kurzerhand für zwölf Tage und organisierte eine Rundreise durch Norwegen.

Bente und Pål leben in dem Dorf Hvitsten am Oslofjord in einem sogenannten „Millionärsviertel“

Wenige Häuser, große Gärten, Luxusautos und strategisch verteilte Gallionsfiguren alter Schiffe als Wegmarken. Der Ort liegt rund 50 Kilometer südlich der Hauptstadt Oslo. Abgehoben ist Bente trotz der luxuriösen Umgebung überhaupt nicht. Ihr Haus spiegelt ihre Persönlichkeit wider – bezaubernd unkonventionell. Zwei große schwarze Katzen leben bei ihr, und aus den umliegenden Wäldern kommen regelmäßig Rotwild und Elche zu Besuch.

Pål und Bente arbeiten in Teilzeit für den norwegischen Milliardär Petter Olsen.

Dessen Familie gehören unter anderem die berühmte Reederei Fred Olsen sowie einige Ölunternehmen. Olsen besitzt in Hvitsten ein Anwesen, inmitten einer atemberaubenden Garten-Landschaft. Bente organisierte jahrelang das Catering für die Sommerfeste. Dabei lernte sie die Crème de la Crème der norwegischen Gesellschaft kennen. In Olsens grünem Amphitheater, auch „Shakespeare-Garten“ genannt, geben bekannte Schauspiel-Ensembles Open-Air-Vorstellungen. Pål führte uns auf dem unglaublichen Grundstück herum, und wir durften uns nach Belieben bedienen: Wir pflückten Äpfel, Birnen und Pfirsiche von den Bäumen.

Das rollende Heim - Rullebu

Bentes Wohnmobil heißt Rullebu, rollendes Heim. Es ist stets bestens mit Vorräten bestückt und verfügt über ein stabiles und schnelles WLAN. Damit Mohan und er die Umgebung erkunden konnten, packte Pål auch zwei E-Bikes ein. Welch ein Glück, dass sich unsere beiden Männer sofort bestens verstanden! Bevor wir losfuhren, schloss Pål nicht einmal die Haustür ab. So viel Vertrauen verstanden wir nicht. „Dürfen wir wenigstens unser Zimmer abschließen?“, fragte Mohan vorsichtig.

Die folgende Woche verging wie im Flug, so viel Spaß hatten wir. Pål steuerte Rullebu an abgeernteten Feldern vorbei, auf denen „Traktoreier“ lagen, so nannte er die in weiße Schutzhüllen verpackten Heuballen. Und wir hatten Glück – während unseres Besuchs blieb das Wetter stabil und der Himmel war meistens blau.

Unsere erste Station: Lillehammer, Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1994.

Die Stadien und Wohnungen, die damals errichtet worden waren, werden bis heute genutzt. Die erste Nacht verbrachten wir in Lom, von Bergen umgeben. Im Mineralien-Museum kaufte ich eine Probe des Nationalsteins, dem rosafarbenen Thulit. Benannt ist er nach Ultima Thule, dem alten Namen für Norwegen.

Bente und Pål schliefen in ihrem Wohnmobil, wir übernachteten in einer bezaubernden Blockhütte, neben einem von eisblauen Gletschern gespeisten Wasserfall und einer Stabkirche. Religiös wirken die Norweger nicht, aber sie lieben ihr historisches Erbe – auch Bente. Normalerweise trägt sie Jeans, aber zu Hochzeiten ein geerbtes Bunad, die prachtvoll bestickte Landestracht der Norweger. „In Tracht sehe ich am besten aus“, sagte sie lachend, „wie du im Sari.“

Das Land der Trolle

Die nordischen Mythen und die schamanischen Traditionen der Samen haben bis heute überdauert. Jeder „glaubt“ an Trolle. Sie sehen überall so aus, wie sich der Künstler Theodor Kittelsen die mythischen Figuren vorgestellt hat. Die koboldartigen Wesen kommen auch im Namen vieler norwegischer Wahrzeichen vor. Da gibt es beispielsweise Trolltinden, ein Bergmassiv, oder die Trollstigen, eine kurvenreiche Passstraße.

700 Meter über dem Meeresspiegel

Von einer Aussichtsplattform blickten wir auf Gletscherseen, und Bente flüsterte uns stolz zu, dass wir uns 700 Meter über dem Meeresspiegel befänden. Aus Höflichkeit verrieten wir nicht, dass viele Orte in Indien, wo man sich von der Hitze des Sommers erholen kann, auf durchschnittlich 2400 Meter Höhe liegen.

Atlanterhavsveien, eine der spektakulärsten Straßen der Welt

Obwohl Norwegen dank der Erdöl-Vorkommen vor seiner Küste zu Reichtum kam, findet man überall einfache, schlichte Häuser. „Wo sind bloß die Menschen?“, fragten wir uns, während wir durch die wunderschöne Landschaft fuhren. Ein Höhepunkt war die legendäre Atlanterhavsveien, die Atlantikstraße, eine der spektakulärsten Straßen der Welt.

Wir blieben vier Tage am Atlantik. Weil an unserem ersten Abend keine der Hütten am Meer frei war, übernachteten wir auf Rentierfellen in einer Grillhütte. In einem gemieteten Motorboot erkundeten wir die Inseln entlang der Küste. Gäste aus Tschechien und Deutschland fuhren jeden Tag aufs Meer hinaus, um zu angeln. Mit fetter Beute kehrten sie zurück: Makrelen und Kabeljau.

Zu jeder Reise gehören neue Geschmackserlebnisse.

Wir sammelten Pilze, probierten Himbeeren und Pfifferlinge, Molte- und Preiselbeeren sowie geräucherten oder getrockneten Fisch, Elch und Hirsch. Wir wurden süchtig nach Bergbutter auf Roggenbrot und Hennig-Olsen-Eiscreme. „Der Gründer war übrigens der Freund meiner Großmutter“, erklärte Bente.

Die norwegische Art - keiner sperrt die Haustür ab, niemand wirft Müll herum

Wenn wir uns von den Norwegern etwas abgucken können, dann ist es ihre Disziplin. Der Geirangerfjord mit seinen schleierartigen Wasserfällen gehört zum Weltnaturerbe und zählt zu den größten Touristen-Attraktionen des Landes, dennoch wirkt die Landschaft unberührt. Mit Adleraugen erspähte Bente das kleinste Müllfitzelchen und sammelte es ein. „In Indien leben doch so viele Menschen. Warum können die nicht auch die Straßen sauber halten?“, fragte sie. Leider sorgt dort niemand dafür, dass die Regeln eingehalten werden. Näherten wir uns einer Kreuzung, und weit und breit war kein anderes Fahrzeug zu sehen, stoppte Pål trotzdem und wartete auf Grün.

Wir beobachteten, wie Kinder ihre Fahrräder an der Bushaltestelle abstellten, bevor sie in den Schulbus stiegen. Sie wussten, dass niemand sie stehlen wird, solange sie in der Schule sind. Die klügsten Schüler des Landes werden ermutigt, über eine Laufbahn im öffentlichen Dienst oder in der Politik nachzudenken.

Umso mehr schockierte ein Amokläufer im Jahr 2011 die Bevölkerung: In einem Jugendlager der Arbeiterpartei auf der Insel UtØya erschoss er 69 Menschen. Als wir an der herzförmigen Insel vorbeifuhren, machten wir aus Respekt keine Bilder. Während wir auf die Fähren warteten, wurden Bente und Pål häufig erkannt, und die Menschen fingen an mit ihnen zu plaudern

Bente versorgte uns mit unterhaltsamen Anekdoten

„In Norwegen werden seit den Wikingern breitschultrige Frauen bevorzugt, denn in unseren steilen Bergen kommt man mit Pferden nicht gut voran“, erzählte sie. „Man brauchte Frauen, die einen Pflug ziehen konnten. Deshalb haben heute alle Norweger breite Schultern und sind athletischer als die Schweden.“ Norweger, Schweden, Finnen und Dänen liefern sich seit jeher einen nachbarlichen Wettstreit.

Leider verflog die Zeit in Norwegen viel zu schnell

Für die meisten Städte blieb zu wenig Zeit, nur im wunderschönen Ålesund reichte es für einen Spaziergang. Nachdem 1904 ein Feuer die Stadt zerstört hatte, wurde sie im Jugendstil neu aufgebaut. Auch im Vigeland-Park, einem Skulpturengarten in Oslo, war die Zeit knapp. Der Garten ist dem Bildhauer Gustav Vigeland gewidmet und beherbergt rund 200 überlebensgroße Statuen aus Granit, Bronze und Schmiedeeisen.

Ein indisches Boots-Modell im norwegischen Fernsehen

Weil Pål Boote liebt, hatten wir ihm einen kleinen hölzernen Nachbau eines Reisboots aus Kerala mitgebracht. „Als das Filmteam das Boot entdeckte, stellte es ein Teammitglied auf den Fenstersims. Seitdem kann man es in jeder Sendung sehen“, schrieb mir Bente kürzlich. „Ich denke, das zeigt, dass wir exotischer sind als der gewöhnliche Norweger.“ Bente und Pål überlegen inzwischen, ob sie uns im Winter einen Gegenbesuch abstatten werden. Es wäre die passende Fortsetzung.

 


 

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