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Cibeles-Brunnen an der Plaza de Cibeles in Madrid
© Sergii Figurnyi / Fotolia.com
Aus der
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Madrid - eine Stadt im Aufbruch

Urbane Projekte wie Stadtgärten und unzählige Künstler zeigen ein Madrid, das vor Energie sprüht. Seine Bewohner trotzen dem Wirtschaftstief mit innovativen Geschäfts-Ideen und Erfindungsreichtum.

Ausgabe: Dezember 2016 Autor: Lia Grainger

Madrid ist eine der bedeutendsten Hauptstädte Europas, eine Stadt mit einer jahrhundertealten Geschichte. Aktuell leben in der Metropole etwas über drei Millionen Menschen. Die Stadt hat einen vernichtenden Bürgerkrieg und die Herrschaft des Diktators Franco überstanden. Und sie war Zeuge einer chaotischen kulturellen Wiedergeburt in den 1970er- und 1980er-Jahren. 2008, als die Stadt zur Ruhe zu kommen schien, platzte die Immobilienblase und stürzte ganz Spanien in eine wirtschaftliche Depression, die hierzulande La Crisis genannt wird.
Der Abschwung erfasste ganz Europa, traf jedoch Spanien mit am härtesten: mehr als 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, Zehntausende mit Hypotheken belastete Häuser und Wohnungen wurden zwangsversteigert. Wer noch Arbeit hatte, musste drastische Lohnkürzungen hinnehmen. 2011 kochte der Unmut in der spanischen Bevölkerung über. Am 15. Mai besetzten 20 000 Spanier den Platz Puerta del Sol in Madrid und verweigerten wochenlang den Abzug. Sie forderten ein Ende der Sparpolitik und der wirtschaftlichen Ungleichheit. Die Proteste waren der Zündfunke für die Occupy-Bewegung (Protestbewegung gegen soziale Ungleichheit und Spekulationsgeschäfte von Banken), die sich über den gesamten Globus ausbreiten sollte. 2016 befindet sich die Stadt in einem moderaten Aufschwung. Doch hat auch ihr Geist die fast ein Jahrzehnt dauernde Wirtschaftskrise überstanden?

Ein altes Gebäude voller Menschen, deren quirlige Energie sichtbar und spürbar ist


Als ich an diesem Morgen im Mai 2016 in der alten Tabakfabrik, der Tabacalera, stehe, spüre ich die rebellische Energie Madrids, welche die Stadt verdientermaßen zur Hauptstadt Spa­niens macht. Das verrostete, dank Graffiti und abblätternder Plakate aber kunterbunte Tor steht einladend offen. Dahinter tummeln sich gut gelaunte Menschen jeden Alters und verschiedener Hautfarbe. Manche gehen zur Zeichenstunde, zum Kurs in Geschichtenerzählen oder zum Workshop Afrikanischer Tanz. Trommeln erklingen aus der Mitte des Gebäudes. Dort führen Madrilenen (so werden die Einwohner Madrids genannt) aller Altersgruppen mit Schellenbändern an den Knöcheln einen Kreistanz auf. An einer der Säulen lehnt ein grauhaariger Mann. „Ich dachte, dieser Ort sei aufgegeben und geräumt worden“, übertöne ich auf Spanisch das Getrommel. „Das war er auch“, antwortet er. „Willkommen in der Tabacalera.“

 Eine ehemalige Tabak-Fabrik im Madrider Viertel Lavapiés wird zum (fast) autonomen Kultur-Zentrum

„Dies ist eine ehemalige Tabak­fabrik“, sagt Begoña Torres, stellvertretende Leiterin von Madrids Kultusbehörde. Die Fabrik wurde 1999 stillgelegt und dem Kultusministerium übertragen. Pläne hatten die Umwandlung in ein Zentrum für visuelle Kunst vorgesehen. 2010 war klar: hierfür fehlt das Geld. Der Plan wurde auf Eis gelegt. „Wir besaßen also nur eine Ruine“, sagt Begoña Torres. „Doch das hielt uns nicht davon ab, loszulegen.“

Die Stadtverwaltung richtete auf 32 000 Quadratmetern Fläche eine städtische Kunstgalerie und diverse Studios ein. Die verbleibenden Räumlichkeiten verwendeten Stadtteil­organisationen nach ihren eigenen Vorstellungen für künstlerische und andere kreative Initiativen. Der Grad an Autonomie, der der Tabacalera zugestanden wird, scheint ungewöhnlich zu sein. „Wir leben hier definitiv ein Experiment“, bekräftigt Señora Torres, „und zwar ein ziemlich erfolgreiches. Wenn kein Geld mehr da ist, verschwindet normalerweise alles andere auch: die Fördergelder, die Festivals“, fährt die stellvertretende Leiterin fort. „Doch hier entstand Inspiration und Erfindergeist.“Die Tabacalera ist ein Beispiel für unabhängige, kreative Energie. Sie kommt dank ihrer Mitglieder und einer Bürokratie, die sich traute, den Bürgern freie Hand zu lassen, nahezu ohne finanzielle Mittel aus.

Neue Geschäfts-Konzepte, wie das der Bar-Galerie-Buchhandlung Ciudadano Grant in Lavapiés entstanden nach 2008 durch die Krise

An jenem Nachmittag schlendere ich durch den farbenfrohen Stadtteil Lavapiés, in dem die Tabacalera liegt. Ich betrete einen Laden, der auf den ersten Blick wie ein Café aussieht. Im Innern entpuppt sich Ciudadano Grant (Bürger Grant) als Buchhandlung, Galerie und Bar. In einer Ecke stehen hohe Regale, vollgestopft mit spanischen und fremdsprachigen Kunstbüchern, Graphic Novels und Comics.

In einer anderen serviert ein Mann hinter einer Theke den Gästen Kaffee, Drinks und Snacks. Im Untergeschoss findet eine Vernissage statt. Der Mann hinter der Theke heißt Goyo Villasevil – freundlich, mit dichtem Bart und leiser Stimme. „Wir gingen mit unserem Hund spazieren und sahen im Fenster einen kleinen Zettel: ‚zu vermieten‘“, erzählt er, als ich ihn frage, wie hier alles angefangen hat. Das war 2014. Davor hatte sein Partner Sergio Bang als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit für den spanischen Motorsportverband gearbeitet, und Goyo war Inhaber einer kleinen Produktionsfirma gewesen. Im Zuge der Wirtschaftskrise verlor Bang seine Stelle und Villasevils Auftraggeber verlangten von ihm, seine Preise drastisch zu senken. „Der Druck war unerträglich. Wir bekamen keine Luft mehr“, erzählt Villasevil.

Das Paar war immer kunst­interessiert gewesen, und Villasevils heimlicher Traum war es, irgendwann einmal eine Buchhandlung zu führen. Sie beschlossen, den Schritt zu wagen und eröffneten das Ciudadano Grant. „Betriebswirtschaftlich gesehen, schien es ein unmögliches Unterfangen zu sein“, sagt Villasevil. „Aber wir wollten es wenigstens versuchen.“ Zwei Jahre später sind die Umsätze zwar noch mäßig, dennoch öffnet das Ciudadano Grant täglich seine Türen, und der Stadtteil ist um eine alter­native Buchhandlung mit Galerie und Versammlungsort reicher. „Nach der Krise mussten sich viele Leute neu orientieren“, berichtet Villasevil. „Manche hörten dabei auf ihr Gewissen.“

Ernest Hemingways Stamm-Lokal: die opulent ausgestattete Taberna Antonio Sanchez im Stadtteil La Latina

Nun bekomme ich Hunger und begebe mich ins La Latina, das verwinkelte, geschäftige Viertel, das für seine Lokale bekannt ist. Ich suche die 1830 eröffnete Taberna Antonio Sanchez. An den dunkel getäfelten Wänden reihen sich die Konterfeis lange verstorbener Toreros aneinander. Der große Kopf des Stiers, der den Namensgeber der Bar einst durchbohrt hat, starrt von der Wand auf uns herab. Ernest Hemingway hatte hier einen Lieblingstisch, an dem ich nun sitze und Cocido Madrileño bestelle – einen Eintopf aus Kichererbsen, Kartoffeln, Chorizo und Blutwurst. „Die Leute gehen heute weniger aus“, sagt Oscar Priego, der das Lokal von seinem Vater geerbt hat. „Und wenn sie ausgehen, essen sie nicht mehr so viel wie früher.“ Dennoch findet Priego, er habe Glück gehabt: Die Taverne ist sehr bekannt und Touristen kommen extra wegen der opulenten Innenausstattung. „Doch es waren die Stammgäste, die das Lokal in den mageren Jahren über Wasser hielten“, erklärt Priego.


Für manche Madrilenen ist es nichts Neues, den Gürtel enger schnallen zu müssen.

In einem kleinen Café in der Nähe der Plaza de España treffe ich am Tag darauf Pepe Froment de las Herasand und Matilde Martin de Sancho. „Ich bin 1941 geboren, gleich hier um die Ecke“, sagt de Sancho. „Die Stadt bestand aus vielen Stadtteilen, die wie Dorfgemeinschaften funktionierten: Jeder kannte jeden“, berichtet sie von ihrem Leben unter dem Franco-Regime. „Niemand hatte Geld, aber trotzdem ging man abends aus.“ Die Isolationspolitik von Franco fügte der Wirtschaft über zwei Jahrzehnte enormen Schaden zu. Die Wirtschaftskrise 2008 war nicht die erste, die die beiden Madrilenen erlebt haben.

Wenn man kein Geld zum Ausgehen hat, geht man spazieren. Es gibt zahllose schöne Parks und Plätze

Wohin geht man, wenn man kein Geld hat? „Spazieren“, antworten beide unisono, als sei die Antwort klar. Parks, Plätze und Boulevards sind heute so belebt wie eh und je. „In Madrid geht man gern aus“, meint Matilde Martin de Sancho. Pepe de las Herasand erklärt das mit dem madrilenischen Temperament. „Da ist die Sonne, das Klima, die Einstellung, dass man das Leben leben muss“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Von der Begeisterung der beiden angesteckt, spaziere ich in Richtung Innenstadt. Mein Weg führt mich geradewegs über die Puerta del Sol. Dichtes Gedränge herrscht auf dem weitläufigen Platz. Vor fünf Jahren demonstrierten hier Tausende empörte Bürger mit einer Zeltstadt gegen die Sparpolitik der spanischen Regierung, gegen Korruption und die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich. Mittlerweile hat die Bewegung den Platz längst wieder geräumt.

Kein Geld für den Bau neuer Gebäude: Junge rebellische Architekten gründen eine Firma, die "neuen urbanen Aktivismus" praktiziert

Einen dieser jungen Rebellen finde ich in einem luftigen Großraumbüro über der geschäftigen Calle Atocha. Jon Aguirre Such ist einer von fünf jungen Stadtarchitekten, die sich 2011 zusammentaten, um die Firma Paisaje Transversal zu gründen, die mit einer Vielzahl unterschiedlicher Projekte die Madrider Architektenwelt auf den Kopf gestellt hat. „Die Protestbewegung gab uns Macht“, sagt Aguirre Such. „Die Leute mussten so lange mit minimaler Unterstützung auskommen, dass sie gelernt haben, ihre Probleme selbst zu lösen.“ Ihn persönlich hat die Zeit auf jeden Fall weitergebracht.

Über Nacht war er zu einem der Sprecher der Bewegung geworden. Laut Aguirre Such lebt der Geist des Protests weiter. „Er hat in lokalen Initiativen Gestalt gefunden. Wir nahmen Kontakt zu benachbarten Organisationen auf und begannen zu kooperieren.“ Aguirre Such und seinem Team wurde klar, dass sie in einem Land, in dem Millionen Gebäude leer stehen, ihre Kompetenzen nicht für den Bau neuer Eigenheime und Büros verschwenden dürften. „In den vergangenen fünf Jahren hat sich in Madrid eine explosionsartige Entwicklung vollzogen, die wir ‚neuen urbanen Aktivismus‘ nennen. Mit dieser Bewegung sind wir weltweit Vorreiter.“

Er entfaltet eine große Karte von Madrid mit rund 100, über das gesamte Stadtgebiet verstreuten Markierungen. Jeder Punkt steht für eine Initiative, von Stadtgärten über kooperative Hausbesetzungen bis zu Nachbarschaftsvereinen und Künstlerkollektiven. Das Projekt heißt Los Madriles und hat eine spanische Internet-Präsenz (http://www.losmadriles.org), die von den Nutzern ständig aktualisiert wird. So können die Madrilenen eine ansonsten unsichtbare Seite ihrer Stadt kennenlernen – eine quicklebendige und wachsende. Das Architektenteam gestaltet auch ganze Stadtviertel um. Die hügelige Vorstadt Virgen de Begoña ist ein Labyrinth von Treppen, das für Senioren und Behinderte nur schwer zugänglich ist. Aguirre Such und seine Mitarbeiter wollen diesen Stadtteil vollständig barrierefrei machen und werden dabei tatkräftig von den Bewohnern unterstützt.

Eines dieser urbanen Projekte: der Stadtgarten Esta es una Plaza, wo Obst, Gemüse und Blumen wachsen

Bevor ich abreise, suche ich noch Esta es una Plaza auf, einen Stadtgarten am Rande des Viertels Lavapiés, den Jon Aguirre Such mir ans Herz gelegt hat. Der Garten entstand auf einem alten ummauerten Betonplatz. Heute sind die Mauern mit Tier­bildern bemalt, und der Beton musste Erde weichen, aus der Obst, Gemüse und Blumen sprießen. In einer Ecke des Gartens befindet sich eine Bibliothek, in einer anderen ein Spielplatz und am Ende ein Amphi­theater, gebaut aus alten Holzkisten. Die Sonne scheint, und in der zum Garten gehörenden Küche haben sich einige Leute eingefunden. Sie sind Mitglieder eines lokalen Kollektivs für Bio-Lebensmittel und bereiten gemeinsam eine riesige, vegetarische Paella zu, die später an jeden, der mitessen möchte, ausgeteilt werden soll. So endet mein madrilenisches Abenteuer inmitten von fröhlichen Menschen, die einander unterstützen – genauso wie es angefangen hat.


 

RD Abbinder
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