Aufs Huhn gekommen
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aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Aufs Huhn gekommen

Ein tierisches Projekt gegen die Einsamkeit von David Thomas...

Ausgabe: März 2016 Autor: David Thomas

Es ist Mittwochmorgen, und im Gemeinschaftsraum des Seniorenheims in Gateshead im Nordwesten Englands herrscht geschäftiges Treiben. Einige Männer spielen Poolbillard, während Frauen miteinander plaudern oder frisch gebackene Scones mit Erdbeeren und Schlagsahne naschen. Alle sind hier wegen der gerade schlüpfenden Küken. Wood Green ist die Geburtsstätte von "HenPower" (Hühnerkraft), einem Projekt, das zeigt, welche erstaunliche Wirkung Hühnerhaltung auf das Leben älterer Menschen hat. Und nichts ist so spannend wie das Schlüpfen von Küken.

"Haben Sie die Küken gesehen?", fragt die 89-jährige Doreen Railton. "Jetzt sind es schon fünf." "Sie sind wie Babys", sagt ihre Freundin Pat Cain, 78. Und tatsächlich, im Brutkasten befinden sich fünf flauschige Vogelbabys, die ihre ersten tapsigen Schritte ins Leben machen. "Gestern haben sie zum ersten Mal gegen die Schale gepickt", sagt Owen Turnbull, ein 85-jähriger ehemaliger Ingenieur. Owen ist für die Hühner verantwortlich, assistiert von seinem Freund Albert Hibbert. Derzeit sind es 40 Hühner, in der Vergangenheit waren es schon um die 60 Exemplare. "Ich bin Owens Lehrling", sagt Albert lächelnd. "Er lässt die Hühner jeden Morgen aus dem Stall, ich füttere sie und stelle ihnen frisches Wasser hin. Owen ist ein guter Chef, wissen Sie, denn er ist derjenige, der den ganzen Hühnermist aufsammelt!"

Gelassenheit dank des Hühner-Faktors

Die Bewohner von Wood Green strahlen eine kaum verwunderliche Gelassenheit aus. Denn das HenPower-Projekt ist mittlerweile so erfolgreich, dass Owen, Doreen, Pat und ihre Freunde bekannt sind. Sie reisen von Seniorenheim zu Seniorenheim. Je mehr Bekanntheit das Projekt erlangt, desto häufiger sieht und hört man die Damen und Herren mit ihren gefiederten Freundinnen im Fernsehen und Radio sowie bei Kulturfestivals. Sie treten auch bei Konferenzen an Universitäten und bei Informationsveranstaltungen für Schwesternschülerinnen zum Thema Bedürfnisse und Erfahrungswelten älterer Patienten auf. In den umliegenden Schulen sind sie ebenfalls häufig zu Besuch. "Es macht Spaß, die Gesichter der Kinder zu sehen", sagt Owen gerührt. Die Schüler nehmen die Hühner auf den Arm, zeichnen sie und stellen jede Menge Fragen. "Bisher musste ich nur bei einer einzigen Frage passen", sagt Alan Richards, ein ehemaliger Taxifahrer aus dem HenPower-Team. "Ein Junge wollte wissen: "Wie viele Federn hat denn ein Huhn?" – Ich musste ihm die Antwort schuldig bleiben."

"Dank der Hühner habe ich in der Zwischenzeit Freunde im Alter von vier bis 94 Jahren", sagt Alan, der im März 2015 die Auszeichnung "Points of Light" (Lichtpunkte) verliehen bekam, einen Preis der britischen Regierung für ehrenamtliches Engagement für die Gemeinschaft. Dank eines Zuschusses der britischen Nationallotterie in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro konnte das HenPower-Projekt mittlerweile in vielen weiteren Seniorenheimen in England angesiedelt werden. Mittlerweile gibt es auch in Australien erste Pilotprojekte.

Wie alles begann

Begonnen hatte alles im Frühling 2012. Ein dementer Bewohner des Seniorenheims Shadon House im nordenglischen Tyneside sagte immer wieder Frauennamen vor sich hin und erklärte, wie sehr er sie vermisste. Das Pflegepersonal brauchte eine Weile, bis es verstand, dass es sich um Hühner handelte, die der alte Herr einst gehalten hatte. Die Mitarbeiter überlegten, ob sie vielleicht ein paar Vögel kaufen könnten. Zufälligerweise unterhielt das Heim eine Kooperation mit der karitativen Organisation Equal Arts. Deren Ziel ist es, Musik, Malerei und andere Kunstformen in das Leben betagter Menschen zu bringen. In diesem Fall wurde daraus ein Hühnerstall mit Auslauf. "Die Idee war auf den ersten Blick verrückt, aber wir dachten, wir probieren es", erinnert sich Equal-Arts-Leiter Douglas Hunter. "Zuerst planten wir eine sechsmonatige Pilotphase, aber die Wirkung stellte sich unmittelbar ein. Alle hatten Spaß an den Hühnern, und selbst die Familien und Besucher profitierten."

Bis September 2012 konnte Equal Arts finanzielle Fördermittel für acht weitere Seniorenheime in Gateshead bekommen. Lynne Walker vom Seniorenheim Wood Green kannte dasselbe Problem wie viele Leiter von Seniorenheimen: Ihren weiblichen Schützlingen fiel es meist nicht schwer, neue Freundschaften zu schließen, die Männer aber waren zumeist Einzelgänger. Doch dann hörte Lynne Walker von den positiven Effekten der Hühnerhaltung im Shadon House. Sie war der Ansicht, dass die Männer von Wood Green die Hühner versorgen könnten – dann hätten sie endlich eine Beschäftigung.

Männer, die jahrelang kaum miteinander geredet haben, sind heute gute Freunde. Dann schlossen sich die Damen der Gruppe an. Kurz darauf trudelten Einladungen von Schulen und Seniorenheimen der Umgebung ein, wo sie das Projekt vorstellen sollten. Daraus entwickelte sich das Programm, mit dem sie heute durch England reisen. Die Hühner sind mittlerweile kleine Stars. "Gibt es etwas Hübscheres als dieses hier?", fragt Owen und zeigt auf einen separaten Auslauf mit Bantam-Zwerghühnern. "Bantams haben einen angenehmen Charakter, sind aber schrecklich neugierig." Er zeigt auf eines der Hühner. "Das Helle ist ein ganz Ausgebufftes!" Dann sagt er augenzwinkernd: "Ich weiß das, ich bin mit einem Bantam verheiratet. Meine Frau ist nur 1,52 Meter groß."

Neue Freude am Leben dank der Hühner

Owen und Belle Turnbull sind bereits seit 60 Jahren verheiratet. Viele der Hühner sind nach Damen von Wood Green benannt. Owen zeigt auf Belle, ein Ancona-Huhn. "Sie liebt die Aufmerksamkeit, wenn wir auf Tournee gehen. Aber sie ist eher faul und daher zu dick und zu schwer." Er hält inne und lächelt: "Damit meine ich das Huhn, nicht meine Frau!" Jeder, der mit HenPower zu tun hat, kann eine Anekdote erzählen. Manche lösen Erheiterung aus, wie die Geschichte vom Bürgermeister der nahe gelegenen Stadt Gateshead, der ein Foto von sich mit einem Huhn auf dem Arm haben wollte. Er lehnte das ihm angebotene Handtuch ab, mit dem er seinen feinen Anzug hätte schützen können. Als er das Huhn zurückgab, entdeckte er auf dem Stoff dessen Hinterlassenschaft.

Immer wieder beteuern die Seniorinnen und Senioren, dass die Hühner ihnen wieder Freude am Leben gegeben hätten. Doch Ossie Cresswell drückt es am besten aus. Nachdem er seine Rolle im HenPower-Tourneeprogramm erläutert hat, fügt er hinzu: "Das Beste an der Sache ist, dass es mich davor bewahrt, trübsinnig zu werden. Wenn man allein ist, gibt es nichts, wofür es sich zu leben lohnt. Aber wenn ich anderen Menschen eine Freude bereiten kann, dann hat mein Leben einen Sinn."

 


 

RD Abbinder
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