Aus dem brennenden Auto gerettet – dann kam der Knall
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Aus dem brennenden Auto gerettet – dann kam der Knall

Ein Auto fängt Feuer. Hans-Peter und Sonja Zuch retten die verletzte Fahrerin.

Ausgabe: Januar 2019 Autor: Markus Heffner

Hans-Peter Zuch ist schon oft von Vilsingen nach Engelswies spaziert, er kennt jeden Meter des Weges zwischen den beiden kleinen Orten bei Sigmaringen in Baden-Württemberg. An diesem Samstag hat er mit seiner Frau Sonja das Backhausfest in Vilsingen besucht. Gegen 20 Uhr sind die beiden auf dem Heimweg.

Plötzlich fällt Hans-Peter Zuch auf der Straße, die neben dem Fußweg verläuft, ein dunkler Kombi ins Auge, der ihnen entgegenkommt. Obwohl die B 313 an dieser Stelle kerzengerade verläuft, schlingert der Wagen. Dann geht alles ganz schnell: In vollem Tempo gerät das Auto auf den Grünstreifen, schleudert erst nach links, dann nach rechts und wieder nach links auf die Gegenfahrbahn. Ungebremst stößt es dort mit einer Limousine zusammen. Die Wucht des Aufpralls katapultiert den Kombi in den Graben zwischen Landstraße und Fußweg.

Bevor Hans-Peter und Sonja Zuch so richtig verstanden haben, was gerade passiert ist, schlagen schon die ersten Flammen aus dem Motorraum. „So etwas gibt es eigentlich nur in Actionfilmen“, berichtet Hans-Peter Zuch. Er und seine Frau sind vielleicht 200 Meter von der Unfallstelle entfernt. Sie sprinten los. Beim Wrack angekommen, rütteln die beiden an den Türen. Aber die lassen sich nicht öffnen. Eine Frau hängt reglos eingeklemmt zwischen Lenkrad und Fahrersitz.

Der Qualm wird immer dichter und dunkler.

„Wir hatten schon Angst, dass alles gleich in die Luft fliegt“, erinnert sich Sonja Zuch. Aber ein Gedanke ist stärker als jeder andere: „Wir müssen das Mädel retten, egal wie.“ Hans-Peter Zuch weiß, dass nicht viel Zeit bleibt. Der Rauch dringt bereits in den Innenraum des Wagens. Mit aller Kraft versucht er die Fahrertür aufzubiegen. Der 55-Jährige ist fast 1,90 Meter groß und mit gewaltigen Oberarmen ausgestattet. Die Tür bekommt aber auch er nicht auf. „Es lag nirgendwo etwas herum, das sich zum Aufbrechen geeignet hätte“, erinnert er sich.

Das einzig verfügbare Werkzeug sind seine Hände, und in seiner Verzweiflung versucht Zuch, der seit vielen Jahren als Lagerist und Gabelstaplerfahrer arbeitet und anpacken kann, mit bloßen Fäusten eine der Scheiben zu zertrümmern. Immer wieder schlägt er zu, ohne auf die Schmerzen zu achten. Viermal, fünfmal, sechsmal. Aber die Scheibe gibt nicht nach. Inzwischen lodern die Flammen auf Höhe der Windschutzscheibe, beißender Qualm macht das Atmen schwer. Oben auf der Straße hat sich ein Pulk Menschen versammelt, in die Nähe des brennenden Autos traut sich aber fast niemand. Nur ein Ehepaar aus Freiburg kommt Hans-Peter und Sonja Zuch zu Hilfe. Doch sogar zu viert können sie den Wagen nicht öffnen. Dass die bewusstlose Fahrerin vor den Augen der Helfer verbrennt, wird mit jeder Sekunde wahrscheinlicher.

Ein Wagenheber als Rettung

Die Rettung ist schließlich ein Wagenheber, den der Fahrer der gerammten Limousine bringt. Er selbst ist beim Zusammenstoß am Kopf verletzt worden. Hans-Peter Zuch packt das Werkzeug. Mit ein paar wuchtigen Schlägen bringt er die Scheibe zum Bersten. Er löst die Türschlossverriegelung, reißt die Tür auf.

Aber noch ist die Gefahr nicht gebannt. Die Verunglückte ist zwischen Lenkrad und Rückenlehne gefangen, ihre Füße sind unter den Pedalen eingeklemmt. Dort züngeln bereits Flammen. Alle Versuche, sie seitlich aus dem Wagen zu ziehen, scheitern. Schließlich hat Sonja Zuch den rettenden Gedanken: Sie schiebt ihren Mann zur Seite und kurbelt die Lehne des Fahrersitzes so weit nach hinten, wie es geht. Jetzt endlich kann Hans-Peter Zuch den Sicherheitsgurt öffnen und die Bewusstlose aus dem Auto ziehen. Keine Sekunde zu früh. Kaum sind Retter und Gerettete in Sicherheit, als etwas im Inneren des Unfallwagens mit lautem Knall verpufft. Gleich darauf brennt das gesamte Wrack lichterloh.

Die Feuerwehr aus Vilsingen und die Rettungskräfte aus Engelswies sind wenige Minuten nach dem Notruf, den ein Passant abgesetzt hat, an der Unfallstelle. Doch so schnell sie auch waren, sie wären zu spät gekommen. „Wir hätten es nicht mehr geschafft, die Frau zu retten“, berichtet der Einsatzleiter später.
Lange lag die damals 41-Jährige im Krankenhaus. Warum sie die Kontrolle über ihr Fahrzeug verlor, ließ sich nicht klären. Sie selbst kann sich an nichts erinnern. Nach ihrer Genesung aber hat sie sich sofort bei ihren Rettern gemeldet. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn so ein furchtbares Ereignis gut ausgeht und jemand gesund vor einem steht“, sagt Hans-Peter Zuch. Er hat sich einen kleinen Notfallhammer gekauft, den er seither fast immer bei sich hat. „Ich will mich nie wieder so hilflos fühlen“, sagt er, „wenn ein Mensch in Lebensgefahr ist.“

 


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