Diese Helfer lassen sich nicht abwimmeln
© Heinz Heiss
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Ausgabe

Helden des Alltags

Diese Helfer lassen sich nicht abwimmeln

Augsburg: Ein Radfahrer (69) bricht auf dem Gehsteig zusammen. Hilfe lehnt er ab. Zwei Passanten bleiben hartnäckig.

Ausgabe: Februar 2016 Autor: Heinz Heiß

Als Karl-Heinz Maar an jenem Donnerstag Ende Juni 2015 aus dem Fenster seiner Wohnung in Augsburg schaut, spürt er jede Menge Lebenskraft. Seit Jahren kämpft er mit einer Krebserkrankung. Aber jetzt ist es an der Zeit, Seele und Körper etwas Gutes zu tun. So setzt er sich gegen zehn Uhr auf sein E-Bike und radelt am Flüsschen Wertach entlang. 

Enge und Schmerzen in der Brust - ein Herzinfarkt?

Mit jedem Tritt in die Pedale fühlt der 69-jährige Maler seinen Lebensmut stärker werden. Das leichte Drücken in seiner Brust nach etwa 20 Kilometern Fahrt, das seltsame Empfinden, dass Hemd oder Jacke plötzlich zu eng sitzen, tut er als Einbildung ab. Er versucht, die Enge mit tiefen Atemzügen aufzulösen. Mit aufrechtem Sitzen. Mit langsamerem Treten. Die Enge bleibt.

Karl-Heinz Maar sackt auf dem Gehsteig zusammen

Maar beschließt, nach Hause zu fahren, zu malen, dieses lästige Drücken hinter den Rippen zu verdrängen. Nur noch zwei Straßen. Da ist dieses kleine Mäuerchen in der Nibelungenstraße, das will er unbedingt erreichen. Aber 50 Meter davor ist Schluss. Der Schmerz in seiner Brust wird stärker. Maars Knie knicken ein, er sackt auf den Gehsteig.

Zwei Passanten bleiben stehen, wollen helfen - doch Karl-Heinz Maar schickt sie weg

Sven Hofmann (44) arbeitet ganz in der Nähe und verbringt seine Mittagspause im Freien. Vor sich auf dem Gehweg sieht er einen älteren Mann, der sein Fahrrad schiebt und dabei torkelt. Dann sackt der Mann zusammen. Hofmann geht schneller. Irgendetwas stimmt da nicht.
Vor Hofmanns innerem Auge tauchen Bilder auf: Sein Vater, wie er über Schmerzen in der Brust klagte, kreidebleich war und ebenfalls wollte, dass man ihn in Ruhe lässt. Hofmanns Vater hatte vor Jahren einen Herzinfarkt – und wurde damals in letzter Minute gerettet.

Niki Sandru (22) kommt gerade von einem Zahnarzttermin. Als sie zu ihrem Auto läuft, bemerkt sie den Mann mit dem Fahrrad. Diesen Mann, der schwer atmet, kreidebleich ist – und vor ihr zu Boden sinkt.

Fast gleichzeitig mit Sven Hofmann erreicht Niki Sandru den Mann am Boden, fasst ihm an die Schulter. "Kann ich Ihnen helfen? Hallo! Geht es Ihnen nicht gut?" Karl-Heinz Maar winkt ab. Bloß kein Aufsehen hier auf der Straße. "Geht weg!", sagt er. Nikki fragt Maar, wo er wohne. Gleich um die Ecke, lautet die Antwort. Der Maler empfindet diese beiden Menschen, die mal neben ihm knien, mal über ihm stehen, als Störenfriede. Würde nur dieser Schmerz in seiner Brust verschwinden.

Maar will keinen Arzt, er protestiert - Sven Hofmann ruft trotzdem den Rettungswagen

Hofmann ärgert sich. "Ich habe mein Handy nicht dabei, ausgerechnet heute", sagt er. "Wir müssen Hilfe holen, der Mann braucht einen Arzt." Aber Karl-Heinz Maar will keinen Arzt. "Lassen Sie mich in Ruhe! Bitte!", sagt er. Sandru kramt ihr Mobiltelefon aus der Handtasche, Hofmann wählt 112, den Notruf. Maar möchte aufstehen, aber Sven Hofmann lässt ihn nicht, fasst ihn am Arm. "Seien Sie bitte vernünftig, lassen Sie sich helfen."

"Die Wichtigtuer sollen verschwinden"

"Ich will nach Hause, jetzt! Es sind nur drei Minuten." Maar wird energischer, beteuert, dass er sich daheim am besten erholen könne. "Wir brauchen einen Notarzt und einen Rettungswagen", sagt Hofmann ins Telefon und gibt die Adresse an. Als Karl-Heinz Maar das mitbekommt, ist er außer sich. "Gehen Sie! Gehen Sie!", sagt er und mobilisiert all seine Kräfte, um von diesen Wichtigtuern wegzukommen.

Der Schmerz wird schlimmer - Karl-Heinz hat Todesangst

Aber so sehr er sich auch bemüht, seine Beine sind zu schwach, der Schmerz in seiner Brust wird immer stärker. Plötzlich macht der ihm Angst. Und jetzt sind diese beiden Menschen, die nicht lockergelassen haben, keine Störenfriede mehr. "Auf einmal kam in mir das Gefühl der Dankbarkeit hoch", erinnert sich Maar. "Wer Todesangst hat, und die hatte ich, ist um jeden Kontakt froh." Dass er die Helfer kurz zuvor wegschicken wollte, kann er jetzt nicht mehr verstehen.

Ein Infarkt! Nur 15 Minuten später und der Maler wäre gestorben

Der Rettungswagen kommt, ein Sanitäter schließt Maar an das EKG an. "Großer Gott, es ist etwas mit meinem Herz!", schießt es dem Maler durch den Kopf. Es ist ein Infarkt. In einer Not-OP entfernen die Ärzte in der Klinik das Blutgerinnsel. Maar hatte Glück. "Wären Sie nur 15 Minuten später eingeliefert worden, hätten Sie nicht überlebt", erklärt ihm einer der Ärzte.

Maar sucht mithilfe der Zeitung nach seinen Rettern. Jetzt kann er sich bei ihnen bedanken

Hätten seine Helfer auf ihn gehört, dann wäre Karl-Heinz Maar heute tot. Die beiden sind plötzlich verschwunden, als sich die Türen des Rettungswagens geschlossen haben. Maar möchte sie finden und redet mit einem Redakteur der örtlichen Tageszeitung. Dort erscheint ein kurzer Artikel und tatsächlich, Niki Sandru und Sven Hofmann melden sich. "Es tut mir leid, dass ich so barsch war", sagt Maar bei einem Treffen und schenkt jedem ein Bild.

"Das Wichtigste ist, dass es Ihnen wieder gut geht", sagt Hofmann. "Was wären wir denn für Menschen, wenn wir einfach weggegangen wären. So was tut man doch nicht."

 

 

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RD Abbinder
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