Brutalen Täter in die Flucht geschlagen
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Helden des Alltags

Brutalen Täter in die Flucht geschlagen

Eine junge Frau wird von einem Vergewaltiger bedrängt. Gabriela König eilt ihr zu Hilfe.

Ausgabe: Juni 2019 Autor: Annette Lübbers

Eine Nacht im Mai letzten Jahres. Gabriela König ist mit ein paar Freunden im Kölner Stadtteil Lindenthal um die Häuser gezogen. Auf dem Heimweg hat die Studentin der Gesundheitsökonomie noch eine Freundin nach Hause begleitet. Die letzten Meter zu ihrem Studentenwohnheim legt sie allein zurück, quer durch einen kleinen Park. In einem Gebüsch steht ein Mann. König überkommt ein unbehagliches Gefühl. Sie beruhigt sich mit dem Gedanken, dass der Mann dort wohl seine Notdurft verrichtet. Kurz darauf betritt sie ihre Wohnung, die sie sich mit drei Mitbewohnern teilt.
In der Küche will sie sich trotz der späten Stunde – es ist etwa 3.50 Uhr – noch ein Brot streichen, da hört sie die Schreie einer Frau. „Hilfe!“ Und noch einmal „Hilfe!“ König lässt das Messer fallen, sprintet hinaus auf den Laubengang, der sich um den Innenhof des Wohnheims zieht. Sie beugt sich über das Geländer und sieht nur wenige Meter schräg unter sich zwei Gestalten. Trotz der spärlichen Beleuchtung erkennt König, dass dort unten ein Mann in einem weißen Hemd eine Frau gegen die Hauswand drückt. In diesem Moment schreit die Frau erneut um Hilfe. „Schreist du noch einmal, dann bringe ich dich um!“, stößt der Mann hervor. Ganz deutlich hört König diese Worte. Fieberhaft denkt sie nach: Was soll sie tun? Sich bemerkbar machen? Was wird der Mann dann tun? Die Frau umbringen oder fliehen?

Schnell die Polizei alarmieren

König läuft zurück in die Küche, blickt sich hektisch um. Wo ist ihr Mobiltelefon? Da, auf dem Küchentisch. Sie wählt den Notruf, ein Beamter meldet sich. Die Studentin spricht so schnell, dass sie sich fast verhaspelt: „Im Innenhof des Studentenwohnheims bedroht ein Mann eine Frau mit dem Tod.“ „Bleiben Sie ganz ruhig. Wo sind Sie? Und wo ist der Mann?“ König beschreibt den Tatort. „Was kann ich tun?“, fragt sie den Beamten. „Hilfe ist unterwegs. Sie können nichts tun!“, entgegnet dieser. König ist schockiert: Sie kann doch nicht nichts tun, wenn ein Mensch in Gefahr ist. Der Notruf hat nur ein, zwei Minuten gedauert. König tritt wieder hinaus auf den Laubengang. Vor der Tür zur Wohnung nebenan steht ein junger Mann. „Ich glaube, ich habe einen Schrei gehört“, sagt er.  „Da unten bedrängt ein Mann eine Frau. Ich habe gerade die Polizei angerufen!“, antwortet König. Der junge Mann läuft los zur Treppe, die Stufen hinunter. König folgt ihm. Doch der Innenhof ist leer. Wohin sind der Täter und sein Opfer verschwunden? Ein paar Sekunden verrinnen, da durchbricht erneut ein Schrei die Stille. „Hilfe. Ich bin hier. Im Gebüsch.“ Hat die Frau in Not die Schritte der beiden gehört? Vielleicht schreit sie auch nur in der Hoffnung, jemand möge auf sie aufmerksam werden.

„Hey!“, ruft Königs Begleiter laut und rennt los. Der Angreifer lässt von seinem Opfer ab und ergreift die Flucht. Gabriela König wählt noch einmal die 110 und gibt den Beamten durch, in welche Richtung der Täter läuft. Ihr Begleiter und die Frau, die angegriffen wurde, nehmen die Verfolgung auf. Die Studentin selbst überlegt kurz, dann schlägt sie mit dem Handy am Ohr eine andere Richtung ein. Sie kennt sich hier aus. Mit etwas Glück kann sie dem Täter den Weg abschneiden. Tatsächlich biegt wenige Minuten später der Mann im weißen Hemd vor ihr auf die Straße ein. Wo sind die beiden anderen Verfolger? König weiß es nicht. Vor der Tür eines Hauses steht ein Anwohner und raucht. „Wie heißt die Straße hier?“, ruft König ihm zu. „Frangenheimstraße, Nummer 17“. König gibt der Polizei die Adresse durch. Der mutmaßliche Vergewaltiger ist nicht mehr zu sehen. Er muss abgebogen sein. Dafür rast jetzt ein Polizeiauto heran. Ohne Sirene, nur das Blaulicht leuchtet. Einer der beiden Beamten fragt: „Wohin ist er?“ „Richtung Park, dort hinten“, antwortet König. Der Anwohner begleitet die Studentin zurück zu ihrer Wohnung. Minuten später steht der junge Mann aus der Nachbarwohnung vor der Tür. „Kannst du mal mit rüberkommen?“, fragt er. Dort sitzt das Opfer völlig aufgelöst auf einem Stuhl. Ihr T-Shirt ist zerrissen. Die Jeans ebenfalls. Ihre Hände sind von Schürfwunden übersät. Sie weint. König nimmt die junge Frau in die Arme. So warten sie auf die Polizei.

In dieser Nacht kann der Täter entkommen. Später auf dem Revier versuchen Gabriela König und das Opfer, den Angreifer anhand von Fotos zu identifizieren. Ein paar Wochen später nimmt die Polizei den Mann fest. Es stellt sich heraus: Schon vor dieser Nacht hatte er fünf Frauen vergewaltigt. Bis heute ist König entsetzt darüber, dass ein so gefährlicher Mensch auf freiem Fuß war. „Seit dieser Nacht gehe ich im Dunkeln nicht mehr allein nach Hause“, sagt sie.

 


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RD Abbinder
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