Comedian Guy Landolt
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Helden des Alltags

Comeback ins Leben

Nach zwei Schlaganfällen schlägt Standup-Comedian Guy Landolt mit Humor zurück.

Ausgabe: September 2019 Autor: Roland Schäfli

Hinter dem Vorhang ist das erwartungsvolle Gemurmel des Publikums zu hören. Guy Landolt sitzt im Dunkeln auf der anderen Seite des Vorhangs. Wartet auf sein Stichwort. Kämpft gegen aufkommendes Lampenfieber. Und denkt sich: Warum tue ich mir das an? Im Casinotheater Winterthur treten neue Komiker auf. Im Zuschauerraum sitzen Programmverantwortliche, die hier entscheiden, ob sie einen der Auftretenden buchen werden. Feuertaufe für den Schweizer Comedy-Nachwuchs. Landolt jedoch ist 55 und müsste seinem Publikum nach drei Jahrzehnten Bühnenpräsenz eigentlich nichts mehr beweisen.

Aber es gibt in seinem Leben den Guy Landolt vor dem 23. Juli 2016. Und den Guy Landolt danach, nach dem Schlaganfall. Der Moderator weist das Publikum auf den Hirnschlag des Komikers hin. Ohne diese Einführung würde niemand verstehen, warum sich seine Witze so anhören „als würde ich besoffen um halb drei Uhr morgens an einer Bar stehen“. In jener Sommernacht vor drei Jahren verliert Guy Landolt sein Selbst. Als er aus dem Bett steigen will, sind die Gliedmaßen rechtsseitig gelähmt. Seine Freundin ruft die Rettungssanitäter. Die erkennen gleich: Schlaganfall. Nur bruchstückhaft erinnert er sich an die albtraumhaften Stunden. Die Fahrt im Rettungswagen. Mit heulender Sirene ins Universitätsspital Zürich. Dann der Pfleger, der ihn ansprechen will. Und die Ärzte alarmiert, weil ein zweiter Hirnschlag folgte. Als er im Krankenzimmer aufwacht, ist er unfähig zu sprechen. Die Computertomografie zeigt auf der linken Seite seines Gehirns einen schwarzen Fleck. Für einen Wortakrobaten ist die Diagnose gleichbedeutend mit „Totalschaden“. Irgendwann nimmt er wahr, dass seine Freundin ihn im Rollstuhl schiebt. Zum ersten Mal die Erkenntnis: „Du bist nicht mehr du selbst.“ Der Komiker fällt in ein tiefes Loch.

Zunächst wieder laufen lernen

Am 9. August 2016 beginnt die Reha in Bellikon im Aargau unter Leitung von Judith Sartorius, einer Fachärztin für Neurologie. Die ersten Gehversuche macht er am Rollator. Seine rechte Körperhälfte ist gelähmt. Er kann kaum sprechen. Zudem leidet er unter einer Koordinationsstörung und sieht Doppelbilder. Sein Gesichtsfeld ist nach rechts eingeschränkt. Dem Komiker ist das Lachen vergangen. Täglich unterzieht er sich bis zu sechs Stunden der Physio-, Ergo- und Logotherapie sowie kognitivem Training. Ein Memory-Spiel zeigt die Grenzen seines Kurzzeitgedächtnisses auf. „Sowie mein Ergotherapeut die Spielkarte wieder umdrehte, war auch meine Erinnerung daran weg“, beschreibt Landolt die Kapazitäten seines Gedächtnisses. Sein Gesicht im Spiegel schaut ihn teilnahmslos an. „Da war ganz einfach eine große Gleichgültigkeit“, erinnert er sich. Bei Guy Landolt befindet sich die Motivation auf dem Tiefpunkt. Ihn treiben düstere Gedanken um. Würde er ein Fall für die Invaliden-Versicherung (IV) werden? Da viele Wörter aus dem Sprachschatz getilgt sind, kann er sich nicht vorstellen, je wieder auf einer Bühne zu stehen. Alles Lernen beginnt von vorn. Laufen lernen wie ein Kleinkind. Erst am Rollator, dann an der Krücke. „Mit der Wiedererlangung der Gehfähigkeit ist ein wichtiger Meilenstein erreicht“, lobt Sartorius. Die Therapeuten sind erfindungsreich. Ihr Patient soll einkaufen gehen. Sich in der „normalen“ Welt zurechtfinden. „Im Supermarkt die Artikel auf meiner Einkaufsliste zu finden, dauerte den ganzen Nachmittag.“

Nach drei Monaten, am 7. Dezember, kann Landolt die Rehaklinik verlassen. Der rechte Arm und sein Sprechen sind weiterhin beeinträchtigt. Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie werden ambulant weitergeführt. Es ist der 16. Januar 2017, als er seinen künftigen Hausarzt Dr. Georgios Charitsis trifft. Charitsis erinnert sich an die erste Begegnung: „Guy Landolt war nicht motiviert, an seinem Zustand zu arbeiten. Unsere Sprechstunden verliefen einsilbig.“

Radfahren lernen wie ein Kind

Mit der Trennung von seiner Freundin endet ein weiterer Lebensabschnitt in Landolts Leben. Seine Lieblingsbeschäftigung, das Radfahren, muss er sich neu aneignen. „Wie ein Kind, das zum ersten Mal auf ein Velo steigt!“, beschreibt er seine ersten Versuche. Sein IV-Berater besorgt ihm eine günstige Wohnung. Von hier aus macht Landolt seine Expeditionen. Immer stärker vernetzt sich nun sein Hirn. Erinnerungen kehren zurück. Erstmals kann der Komiker über gewöhnliche Dinge wieder lachen. In banalen Alltäglichkeiten, die nun ein Hindernis darstellen, so stellt er überrascht fest, steckt viel Comedy-Stoff.

Ich will wieder auf die Bühne!

Die Beharrlichkeit seines Hausarztes gibt Landolt den Anstoß. Dr. Charitsis verlangt von ihm, sich Ziele zu setzen. „Diese müssen nicht unbedingt erreicht werden, man darf auch scheitern, aber sie sollen angepeilt werden.“ Den neuen Lebenswillen zündet eine Vision: wie er erneut auf der Bühne steht. Witze reißt. „Ich vermisste den Applaus“, gesteht der Komiker. Das Comeback wird zur fixen Idee. Der Arzt weiß, dass sein Patient die Latte hoch legt. Aber Charitsis ermutigt ihn: „Versuchen Sie es!“ Obwohl seine Ärzte ihm nichts versprechen können, arbeitet er doppelt so hart an sich. Auch vom Thema seines Solo-Programms ist er nicht mehr abzubringen, obgleich das ein Wagnis darstellt: Witze über den Schlaganfall. Er absolviert zu Hause regelmäßig ein Sprechtraining. Schwere Wörter gehen wieder leichter über die Zunge.

Fast auf den Tag genau zwei Jahre, nachdem Landolt sich bei Dr. Charitsis in Behandlung begeben hat, steht sein erster Auftritt an. Eine kleine Bühne im Aargau, vor nur 50 Zuschauern, das Programm wird von mehreren Comedians bestritten. Landolt ist nervös. Ihn plagt Lampenfieber, weil sein Text plötzlich „weg“ sein könnte. Für den zehnminütigen Auftritt hat er monatelang geübt. Früher hätte er bei einem Hänger einfach improvisiert. Sich in alte Gags zu flüchten, geht nicht. Auch die „sind gelöscht“. Mithilfe solcher kurzen Auftritte erprobt Guy Landolt die neuen Possen. Testet die Reaktion auf Späße über eine Behinderung. Darf man sich über eine ernste Sache amüsieren? Die Zuschauer reagieren verhalten. Bis sie verstehen: Hier lacht einer nicht über, sondern mit der Behinderung. Die Gastspiele an Kleintheatern bringen die Bühnen-Routine zurück. „Ich muss so viel wie möglich spielen“, nimmt er sich verbissen vor, verlängert die Testauftritte, von zehn auf 20 Minuten. Wie sein Hausarzt vorausgesagt hat, wächst damit sein Selbstvertrauen. Obwohl Dr. Charitsis bezweifelt, „dass er je wieder ganz der Alte sein wird“. Nicht alle Spuren des Schlaganfalls lassen sich wegwischen. Die Agentur „Nobel Sense“ versucht, ihren Klienten auf größere Bühnen zu bringen. Noch herrscht bei den Veranstaltern Skepsis vor. Aber eine innovative Idee wird bereits umgesetzt: eine Auftrittsreihe in Rehakliniken. Mit witzigen Lebensberichten soll er anderen Betroffenen Mut machen.

Angst vor dem Blackout

Einen weiteren Meilenstein stellt der Auftritt an diesem Abend im Casinotheater Winterthur dar. Die Bühne ist national bekannt für Kabarett und Comedy. Im Dunkeln auf seine Ansage wartend, kämpft Landolt gegen die aufkommende Angst vor dem Blackout. Die paar Schritte zum Bühnenrand hätte er noch vor Kurzem nicht problemlos zurücklegen können. Landolt trägt ein Headset, weil seine rechte Hand das Mikro noch immer nicht gut halten kann. Angestrengt formen seine Lippen Pointen wie: „Mit meinem kleinen Hirn hätte ich von der IV schon viel früher Beiträge beantragen können!“ Kaum jemand im Publikum kann sich vorstellen, wie der Künstler sich jedes einzelne Wort stundenlang antrainiert hat. Wort um Wort, Satz für Satz, wiederholt und immer wieder wiederholt. Noch immer fordert es ihm Kraft und Konzentration ab, verständlich zu sprechen. Nach der Vorstellung klopfen ihm gestandene Berufskollegen auf die Schulter. Welcome back! Dennoch: Erst die Vorpremiere im September soll entscheiden, ob er ein abendfüllendes Programm stemmen kann. „Eine Woche vor der Premiere werde ich den Tag verfluchen, an dem ich mich zu diesem Ziel aufgemacht habe.“

Wenn er zurückblickt und das große Ganze betrachtet, erkennt Landolt einen stetigen Prozess. Er begann mit der Nacht der Hirnschläge und führt ihn heute zurück auf die Bühne. Hoffentlich wird es eine Nacht der Lacher. Schlagfertig soll sein Solo heißen.


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RD Abbinder
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