Das falsche Haus: Heinrich Reger rettet verwirrte Dame
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Das falsche Haus: Heinrich Reger rettet verwirrte Dame

Eine verwirrte alte Dame sitzt am Straßenrand. Heinrich Reger kümmert sich um sie

Ausgabe: September 2017 Autor: Annette Lübbers

Heinrich Reger aus Detmold ist auf dem Heimweg. Mit einer Freundin und deren Sohn hat er an diesem Augustabend in einem der städtischen Parks Fußball gespielt. Der 41-Jährige ist nur noch ein Paar Straßenecken vom Parkplatz seines Autos entfernt, als ihm eine junge Frau entgegenkommt. Sie gestikuliert aufgeregt, spricht ihn in gebrochenem Deutsch an. Ein Wort versteht Reger klar und deutlich: „Hilfe!“ Dabei zeigt die junge Frau auf eine betagte Dame, die am Straßenrand auf einem Rollator sitzt. „Hilfe“, wiederholt die junge Frau.

Behutsam nähert sich Reger der weißhaarigen Dame. Sie trägt eine rote Jacke und einen langen, weiten Rock. „Geht es Ihnen gut?“, fragt Reger. Erst reagiert die Seniorin nicht, dann nickt sie. „Wissen Sie, wo Sie wohnen?“, fragt Reger weiter. Die Seniorin blinzelt, kratzt sich hinter dem Ohr, überlegt ziemlich lange. Aber schließlich nennt sie deutlich und bestimmt den Namen einer Straße, die nur zwei, drei Kilometer entfernt liegt. Und die Hausnummer weiß die alte Dame auch. „Haben Sie Verwandte? Einen Mann oder Kinder? Kann Sie jemand abholen?“, erkundigt sich Reger. Die Frau antwortet nicht. „Haben Sie vielleicht ein Handy dabei?“ Keine Reaktion. „Soll ich Sie nach Hause bringen?“

Die Seniorin mustert ihn eingehend, dann nickt sie. Reger denkt nach: Zu Fuß wird die alte Dame die Strecke nicht schaffen. „Bleiben Sie noch einen Moment bei ihr?“, bittet er die junge Frau, die ihn auf die Seniorin aufmerksam gemacht hat. „Ich hole schnell mein Auto!“
Minuten später ist er mit seinem Wagen vor Ort. Als er am Straßenrand hält, steht die alte Dame bereitwillig auf. „Möchten Sie nicht mitkommen?“, fragt Reger die junge Frau. Die schüttelt den Kopf. Ein mulmiges Gefühl hat Reger schon. Wie sieht das aus, eine fremde Frau einfach so ins Auto zu packen? Aber sie hier sitzen lassen, kann er auch nicht.

Vorsichtig hilft er der Seniorin auf den Beifahrersitz, faltet ihren Rollator zusammen und lädt ihn ein. Langsam fährt Reger dann zu der angegebenen Adresse: ein Zweifamilienhaus, im Erdgeschoss brennt Licht. Die Dame will aussteigen, bedankt sich für die Hilfe und meint, sie würde nun allein zurechtkommen. Reger holt die Gehhilfe vom Rücksitz, hilft der alten Dame aus dem Wagen und begleitet sie zum Haus.

Die Seniorin hat zwar keinen Hausschlüssel, weiß aber, dass im Schuppen einer am Nagel hängt

Auf der Höhe der Haustür schnappt sich die Frau ihren Rollator und marschiert zielstrebig auf einen entfernt liegenden Holzschuppen zu, öffnet die Tür, schiebt die Gehhilfe hinein und schließt die Tür wieder. Ein­deutig: Sie kennt sich hier aus. An der Haustür klingelt die Seniorin, kramt dann aber vergeblich nach ihrem Schlüssel. Ihr Gesicht nimmt einen verwirrten Ausdruck an. Doch plötzlich lächelt sie strahlend und sagt: „Ich weiß, wo der Schlüssel ist! Im Schuppen an einem Nagel.“ Reger schaut nach. Nichts. „Aber er muss da sein“, sagt die Dame.

Also sucht Reger noch einmal. Dieses Mal wird er fündig. Doch der Schlüssel passt nicht ins Haustürschloss. Reger wird unsicher. Da ruft die Seniorin: „Der Schlüssel ist vom Keller!“ Sie weist ihm den Weg zur Kellertreppe. Tatsächlich: Der Schlüssel passt ins Schloss der Kellertür.

Reger tastet sich durch den dunklen Raum. Über eine Treppe gelangt er in den Hausflur, blickt sich suchend um. Da liegt ein Schlüsseletui. Hat die alte Dame es beim Verlassen des Hauses hier liegen gelassen? Reger findet den richtigen Schlüssel, öffnet die Tür und hilft der alten Dame hinein. „Da hinauf“, sagt sie und zeigt auf die Treppe. Reger kann es kaum glauben: Wieso wohnt eine so alte Frau im ersten Stock? Doch sie insistiert: Dort hinauf will sie.

Halb stützt, halb schiebt Reger sie die Treppe hoch. Dann steht er in einem Raum, der so gar nichts von trautem Heim hat. Zwar steht dort ein Pflegebett, aber es ist nicht bezogen. Im offenen Kleiderschrank liegen ein paar alte Handtücher auf ansonsten leeren Regalbrettern. Vorsichtig hilft er der alten Frau aufs Bett, dann sieht er sich in den Nachbarzimmern um. Alle leer.

„Die Frau hat mal hier gewohnt. Aber heute nicht mehr“, dämmert es Reger. „Ich muss jetzt leider die Polizei rufen“, erklärt er der alten Dame. Reger wählt 110, schildert, was geschehen ist. „Sie warten dort. Wir schicken einen Streifenwagen“, sagt der Polizist am anderen Ende der Leitung. Während er wartet, sucht Reger mithilfe des Smartphones im Internet Detmolder Seniorenheime. Eines davon liegt nur etwa 500 Meter von dort entfernt, wo er die alte Dame „gefunden“ hat. Er ruft an. Und tatsächlich: Man vermisst eine 96-jährige Bewohnerin!

Wenige Minuten später stehen drei Streifenbeamte vor der Tür. Zwei von ihnen kümmern sich um die alte Dame. Der dritte befragt Heinrich Reger. „So ganz koscher ist das, was Sie gemacht haben, ja nicht. Schließlich sind Sie in ein fremdes Haus eingedrungen. Da berücksichtigen wir mal die gute Absicht“, sagt der Beamte und lächelt freundlich. Dann hat er noch eine Bitte: „Können Sie uns den Rollator nachbringen? Der passt nicht mehr ins Auto!“.

Dreieinhalb Stunden nachdem er die Seniorin am Straßenrand aufgelesen hat, verabschiedet sich Reger im Seniorenheim von ihr. Zwei Tage später ruft der Sohn der Dame an, um sich zu bedanken. Erst dabei erfährt Reger den Namen seines Schützlings – und dass er der Mutter einer ehemaligen Kollegin geholfen hat.

 


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