Martin Kunze, der Initiator und Koordinator des Projekts Memory of Mankind
© Daniel Lindskog
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aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Das Gedächtnis der Menschheit im Salzbergwerk

Auf Keramiktafeln hält der Österreicher Martin Kunze Momentaufnahmen der Menschheit für Entdecker in einer fernen Zukunft fest.

Ausgabe: Juni 2019 Autor: Michael Paterniti

Als 13-Jähriger war Martin Kunze (Foto unten) mit seinen Eltern im Urlaub an der spanischen Mittelmeerküste. Am Strand tat er etwas, was Kinder aus Langeweile manchmal tun: Er buddelte ein Loch in den Sand. Dann kritzelte er seinen Namen, seine Telefonnummer und die Adresse auf ein Stück Zeitungspapier und schrieb dazu: „Wenn Sie dies hier finden, melden Sie sich bitte bei mir.“ „Ich steckte den Zeitungsausschnitt in eine Plastikflasche, die wir dabeihatten.“, erzählt Kunze. Jahrzehnte verstrichen. Dann, mehr als 30 Jahre, nachdem Martin Kunze die Flasche vergraben hatte – nahm ein spanischer Rentner Kontakt zu Kunzes Eltern auf, die noch immer an der alten Adresse lebten. Er sagte, er habe die Flasche gefunden. Für Martin Kunze, 50, Vater von fünf Kindern, war es eine Bestätigung. „Eine Art von Kommunikation über lange Zeiträume hinweg“, sagt er.
Man stelle sich vor, man wollte seine eigene Zeitkapsel zusammenstellen: Was würde man Menschen (oder Außerirdischen) in einer weit entfernten Zukunft mitteilen wollen? Welche Materialien könnten eine derart lange Zeit überdauern? Und wie könnte man zukünftige Wesen überhaupt zum Aufbewahrungsort dieser Zeitkapsel leiten?

Die Vorstellung von der Erde in einer Million Jahren hat Martin Kunzes Leben dauerhaft verändert. Vor etwa zehn Jahren las er das Buch des US-Wissenschaftsjournalisten Alan Weisman „Die Welt ohne uns - Reise über eine unbevölkerte Erde“. Es ist ein Gedankenexperiment darüber, wie schnell die vom Menschen geschaffene Welt ohne Menschen verfallen würde. Wichtige Erkenntnis des Buches: Gegenstände aus Keramik haben die größte Chance zu überdauern. Da kam Kunze eine Idee. Er lebte in der österreichischen Kleinstadt Gmunden, wo er als Töpfer originelle Vasen und Teller für Touristen herstellte. Und er hatte schon länger darüber nachgedacht, dass die schriftlichen Zeugnisse unserer Zivilisation mehr und mehr virtuellen Datenspeichern anvertraut werden.

Martin Kunze, der Initiator und Koordinator des Projekts Memory of Mankind„Früher oder später“, so Martin Kunze bei unserem ersten Treffen in Gmunden, „werden wir riesige Datenmengen löschen müssen. Aus rein wirtschaftlichen und ökologischen Gründen.“ Zu Beginn war Kunzes Idee eines die Zeiten überdauernden Archivs der Versuch, der Vergänglichkeit menschlichen Daseins und der drohenden radikalen Datenlöschung etwas entgegenzusetzen. „Wir sind eine Spezies von Sammlern und Bewahrern. Überall auf der Welt haben Menschen Spuren ihrer Existenz hinterlassen“, erzählt er mir. „Also überlegte ich: Warum hinterlassen wir nicht etwas Dauerhaftes?“

Das Projekt Memory of Mankind

Und so startete er 2012 in seiner Töpferwerkstatt das Projekt Memory of Mankind (MOM, deutsch: Gedächtnis der Menschheit). Auf die erste Keramiktafel gravierte er einen Gruß und die Erklärung, dass es sich „um ein Erhaltungsprojekt“ handle, dessen Ziel es sei, das Wissen über „unsere heutige Zivilisation vor der Auslöschung und dem kollektiven Vergessen“ zu bewahren. Die Datumsangabe ist in astronomischen Ereignissen ausgedrückt, weil man nicht sicher sein kann, dass Jahrtausende später die Finder des Archivs Zahlen lesen können. Außerdem gibt es ein Pictionary (Bildwörterbuch), das die heute verwendeten Buchstaben und Wörter erklärt.

Mehr als 600 Keramiktafeln wurden bereits hergestellt. Die Inhalte werden Kunze über die MOM-Homepage von jedermann zugeschickt, darunter sind Wissenschaftler, Experten ihres Fachs und von dem Projekt Faszinierte. Unter den Einsendungen finden sich Tagebucheinträge und Liebesbriefe, Zeitungsartikel und Doktorarbeiten zu ausgefallenen Themen, Blogs und Texte aller Art – alles, was den Betreffenden am meisten am Herzen liegt. „Das MOM-Projekt ist die erste Menschheitsgeschichte der Welt, die durch individuelle Beiträge der Basis entsteht“, so Kunze.

Zur sicheren Aufbewahrung der Keramiktafeln entschied er sich für einen nahe gelegenen Salzstock (Fotos links) mit einem fünf Meter hohen Hohlraum, anderthalb Kilometer tief in einem Berg. Die Geologie der Umgebung wird dafür sorgen, dass das Archiv im Laufe der Erdgeschichte allmählich von den Salzkristallen an die Oberfläche gehoben wird. Die Besitzer des Salzstocks waren von der Idee begeistert. Und nicht nur sie. Claudia Theune-Vogt, Professorin für Historische Archäologie an der Universität Wien, bot ihr Fachwissen darüber an, wie das MOM-Archiv zukünftigen Generationen den größten Nutzen bringen könnte. Der österreichische Klangkünstler und Soundforscher Thomas Grill nahm Kontakt zu Kunze auf, um mit ihm auszutüfteln, wie sich Klänge auf einer Keramiktafel schematisch wiedergeben lassen könnten.

Martin Kunze klopfte immer wieder bei Fachleuten wie Sprachwissenschaftlern, Anthropologen und Weltraumforschern an, um den Umfang seines Archivs und damit auch dessen Erfolgschancen zu vergrößern. Schon bald erhielt er Einladungen zu Konferenzen, hielt im Rahmen einer Innovationskonferenz einen Vortrag in Linz und eine Rede bei der FutureFest Conference in London. „Ich muss immer wieder betonen, dass dieses Projekt nicht aus einer Endzeitstimmung heraus initiiert wurde“, sagt Kunze.

Das Archiv im Salzbergwerk

An einem trüben Novembernachmittag fuhr ich mit Martin Kunze nach Hallstatt zum Bergwerk Salzwelten. In der Gegend wird bereits seit mehr als 7000 Jahren Salz abgebaut. Dank seiner Verwendungsmöglichkeit als Konservierungsmittel, Gewürz und Währung brachte das Salz der Region großen Wohlstand ein. Die Bergleute der bis heute betriebenen Mine winkten uns zur Standseilbahn durch. Am Schachtkopf schritten wir durch dichten Nebel zu einer Öffnung im Berg und nahmen auf einem kleinen Schienenfahrzeug Platz. Ein Bergarbeiter drückte einen Schalter, und ab ging es in die Dunkelheit. Schließlich erreichten wir eine erleuchtete Kaverne und stiegen ab.

Die Geschäftsführung der Salzwelten hat Kunze einen Bereich zur Verfügung gestellt, in dem sich mittlerweile rund 50 Kisten mit Keramiktafeln stapeln. Bergwerksbesichtigungen führen daran vorbei – dennoch könnte man sie glatt übersehen, wenn nicht eine Wandtafel darauf hinweisen würde, dass es sich hier um das „Memory of Mankind“-Projekt handelt. „Ein Hauch von Unsterblichkeit für jeden“, steht darauf zu lesen.

Es schien mir schwer vorstellbar, dass diese Kisten jemals gefunden werden könnten. Aber was spräche dagegen? Die Menschheitsgeschichte ist voll von Zeugnissen aus keramischem Material, sagt Kunze. Ohne sie wüssten wir heute wenig darüber, wie gern die Sumerer Bier tranken oder wie sich die Mathematik entwickelt hat. Kunze hob eine der Kisten aus gebranntem Ton herunter und stöberte durch die darin gelagerten Tafeln. Auf manchen waren Abbildungen zu sehen, auf anderen Texte in einer winzigen, kaum lesbaren Schriftgröße.

In Kunzes Werkstatt werden die digitalisierten Fotos und Illustrationen mit einer Spezialfarbe aufgedruckt – ähnlich wie bei einem herkömmlichen Laserdrucker. Ein eigens entwickelter keramischer Mikrofilm ermöglicht es, Texte in einer extrem verkleinerten Schrift auf die Tafeln einzugravieren. So lassen sich bis zu fünf Bücher mit je 400 Seiten auf einer einzigen Tafel unterbringen. Zehnfach vergrößert lassen sich die Texte aber leicht lesen.

Drei Kategorien von Informationen

Idealerweise, so Kunze, spiegeln die MOM-Tafeln drei unterschiedliche Informationskategorien wider: Die erste Kategorie enthält Leitartikel unterschiedlicher Standpunkte aus großen Zeitungen in aller Welt. Einige Medienunternehmen führen bestimmte Artikel bereits automatisch dem Archiv zu.

Die zweite Kategorie umfasst unter anderem wissenschaftliche Artikel, Kunstprojekte und Popsongs, bereitgestellt von Institutionen wie Universitäten, Unternehmen oder Vergabekommissionen.

Die dritte Kategorie lässt sich mit „persönlich“ überschreiben. Darunter fallen Geschichten und Beiträge, die jedermann einreichen kann. Auf der MOM-Homepage kann man in ein Onlineformular auch eigene Gedanken eingeben, die dann auf eine Keramiktafel übertragen werden. Ebenso kann man eine eigene Tafel individuell mit Texten und Bildern gestalten, mit der Option, sich ein Duplikat zusenden zu lassen. Diese beiden Optionen sind mit Kosten verbunden. Damit die Einreichungen aus aller Welt kommen können, ist der Preis einer individuell gestalteten Tafel an das Bruttoinlandsprodukt des jeweiligen Landes gekoppelt. Muss ein Bürger Malawis nur etwa zwei Euro zahlen, liegt der Preis für Schweizer bei gut 300 Euro. Das auf den Tafeln Dokumentierte reicht von heiter über ernst bis trivial.

Der Archivar fürchtet, dass das Projekt von manchen als „verrückte Idee eines durchgeknallten Künstlers“ abgetan werden könnte. Kritik nimmt er ernst, verbessert das Projekt ständig und versucht, die drei Informationskategorien auszubalancieren. „Gute Künstler und gute Wissenschaftler müssen jenseits ausgetretener Pfade wandeln. Sie müssen Verbindungen erkennen können und neue Theorien entwickeln. Ich sehe MOM als Projekt zwischen Kunst und Wissenschaft.“ Doch um all das umzusetzen, ist auch praktisches Handeln wichtig. Kunze erklärt, dass er mit Salzwelten „sehr verlässliche Absprachen“ getroffen hat. „Selbst wenn das Bergwerk einmal verkauft werden sollte, ist der nächste Besitzer dazu verpflichtet, das MOM für unbegrenzte Zeit an seinem Ort zu belassen“, so Kunze.

Damit intelligente Wesen der Zukunft das Archiv lokalisieren können, hat Martin Kunze Rundmarken aus gebranntem Ton entworfen – sogenannte Token. In die Oberfläche sind die Umrisse Europas eingeritzt, dazu zwei sich kreuzende Linien, deren Treffpunkt die Salzmine bei Hallstatt markiert. Die Rückseite zeigt die Umrisse des Hallstätter Sees und Würfel, die zum einen Salzkristalle, zum anderen das Salzbergwerk symbolisieren. Kunze übergibt den Token an jeden, der bei MOM mitwirkt. Zudem hat er mit der gemeinnützigen Organisation Arch Mission Foundation (AMF) vereinbart, Token im Sonnensystem zu verteilen. „Ich gehe davon aus, dass künftige Finder über die Technologie verfügen, die ursprüngliche Form des Sees zu ermitteln“, sagt Kunze.

Eine seiner Lieblingstafeln ist von der 14-jährigen Fanny, die eine individuelle Tafel als Geschenk zur Konfirmation bekommen hatte. Als Fanny bei einem Autounfall ums Leben kam, bat ihre Tante um ein Duplikat zur Erinnerung an das Mädchen. Dieses hatte seine Originaltafel mit dem Satz begonnen: „Ich wünsche allen Menschen in der Zukunft das Beste“.

An einem meiner letzten Abende bei Martin Kunze sagte ich ihm, dass seltsamerweise der Versuch, einen Moment der Menschheitsgeschichte trotz aller Hoffnungslosigkeit festhalten zu wollen, mir mehr Vertrauen in die Zukunft verleihe als die Auseinandersetzung mit dem Augenblick selbst. Er entgegnete: „In gewisser Weise hilft mir die Arbeit an diesem Projekt dabei, nicht zu resignieren. Wenn man sich einige aktuelle Entwicklungen anschaut, ordnet man sie in viel größere zeitliche Zusammenhänge ein.“ Er sei schlicht der Archivar der Informationsströme auf den Tafeln. Und er hoffe, dass sie eines fernen Tages unsere Geschichten erzählen werden, damit die Zukunft sich ein eigenes Urteil über uns bilden könne. Vielleicht wird in ferner Zukunft an einem Strand ein intelligentes Wesen einen Token finden, wie einst der spanische Rentner Martin Kunzes Flasche gefunden hat. Und mithilfe der Koordinaten den Weg zu dem Ort finden, an dem das Wissen über uns gespeichert ist. „Warum nicht?“, fragt Kunze. „Es braucht nur einen einzigen Finder.“

Beginnend mit der Ausgabe Juni 2019 archiviert das MOM auch das Magazin Reader’s Digest. Martin Kunze hat unter www.memory-of-mankind.com/de/1000books/ eine Website eingerichtet, unter der Sie Bücher nominieren können, die für Sie zu den 1000 wichtigsten Werken der Welt zählen und die dann ebenfalls auf keramischen Mikrofilm archiviert werden.

© Fotos: Portrait Martin Kunze: Daniel Lindskog; Fotos Salzbergwerk, Keramiktafeln und Rundmarke: Antony Lions


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