Zwei junge Schaf- und ZIegenhirten in Spanien halten ihre Tiere aus dem Arm.
© David Biasi
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Helden des Alltags

Die guten Hirten

Tiere hüten unter freiem Himmel: ein faszinierender, uralter Beruf – den es heute mehr denn je zu bewahren gilt.

Ausgabe: Juni 2019 Autor: Lia Granger

Es ist Ende Juni. In den sonnenverbrannten felsigen Hügeln nördlich von Granada in Südspanien hütet eine die 23-jährige Julia Abalos Reznk eine Herde von 170 schwarz glänzenden Ziegen. Julia, hoch aufgeschossen, mit Kurzhaarschnitt und ernstem Gesicht, macht den Eindruck, als hüte sie diese Tiere von Kindesbeinen an. Doch noch vier Monate zuvor lebte sie in Madrid, wo sie ein Studium zur Übersetzerin absolvierte. Als sich die Ziegen zu weit entfernen, ergreift sie die handgeflochtene Schleuder, die ihr von der Schulter baumelt, und platziert einen Stein in der Mitte. Sie lässt die Schleuder kreisen und den Stein genau im richtigen Moment fliegen, sodass er in hohem Bogen 100 Meter weit über die Herde segelt und vor den Tieren auf dem Boden aufschlägt. Vom Geräusch erschreckt, bewegt sich die Ziegengruppe in die entgegengesetzte Richtung – zurück zur Hüterin.

Beobachtet wird sie vom 62-jährigen wettergegerbten Schäfer Juan Antonio Jiménez Almagro, der die Gegend seit Jahrzehnten durchstreift. Der Gebrauch der Steinschleuder ist eine alte Hütetechnik, und Almagro ist stolz, dass er sie seiner Schülerin beigebracht hat. Es ist eine der Fertigkeiten, die Julia in der andalusischen Schäferschule im Süden Spaniens erlernt.

Schäferkurse zur Erhaltung der Landschaft und des Berufs

Die Kurse an der Schäferschule beginnen im März, und seit acht Jahren melden sich jährlich 15 bis 20 lernbegierige Interessenten dafür an. Der Unterricht dauert zehn Wochen; die Themen reichen von veterinärmedizinischem Fachwissen über Tierhaltung bis zur Buchführung. Die ersten fünf Wochen bleiben die Lernenden in einem landwirtschaftlichen Forschungszentrum in Granada, weitere fünf Wochen finden an jährlich wechselnden Orten in Spanien statt. Diesmal sind die Auszubildenden nach Cazalla de la Sierra gereist, eine Autostunde nördlich von Sevilla. Bestandteil dieses Kurses sind drei zehntägige Praktika bei den Tieren, in denen die Lehrlinge von erfahrenen Schäfern unterrichtet werden.

Ausbildung, Mahlzeiten und Unterkunft kosten die Schüler nichts: Das Programm wird aus Mitteln einer EU-Initiative finanziert, die ähnliche Kurse auch in Frankreich fördert. Die Schäferlehrlinge stammen zumeist aus kleinbäuerlichen Familien. Doch einige wie Julia Abalos Reznk tauschen das Stadtleben mit der Einsamkeit des Schäferdaseins. Die Anmeldung steht jedem offen, allerdings müssen die Bewerber eine realistische Vorstellung ihrer beruflichen Zukunft zeigen. Wer nicht aus einer Schäfer-Familie kommt, muss einen Geschäftsplan vorlegen. Denn es ist fast unmöglich, sich eine Existenz als Schäfer aufzubauen, ohne bereits über Land und Tiere zu verfügen.

Julia Abalos Reznk sitzt mit 15 Kursteilnehmern an den Computern eines Gemeindezentrums. Dozentin Carmen Leal Munoz deutet auf die an die Wand projizierte Kalkulationstabelle. „Klicken Sie hier, dann wird die Summe aufaddiert“, sagt sie, während ihre Schülerinnen und Schüler hypothetische Preise für Schafe in die sorgfältig erstellte Tabelle eingeben. Leal Munoz unterrichtet Betriebswirtschaft am landwirtschaftlichen Forschungs- und Ausbildungsinstitut Andalusiens. Die Tabellenkalkulation hat sie für Leute wie Julia erstellt, deren Existenzsicherung bald von jedem Liter Schafsmilch und jedem Kilo Ziegenfleisch abhängen wird. Schäfer in spe Mario Ballestín aus Granada schaut aufmerksam zu. Mit seinem Abschluss in Telekommunikation ist er einer der wenigen Kursteilnehmer ohne familiären Hintergrund im Schäferhandwerk. Doch er hat bereits fünf Jahre lang einem Schäfer assistiert. Mario Ballestíns Ziel ist es nun, nicht nur eine eigene Herde, sondern auch eigenes Land zu besitzen.

Am Nachmittag versammeln sich die Schüler im Innenhof eines örtlichen Lokals. „Die Milch- und Fleischpreise sind seit 25 Jahren nicht mehr gestiegen“, klagt Kursteilnehmer Cristobal Padilla Garcia, der aus einer Familie von Viehzüchtern kommt. Julia Abalos Reznk hört aufmerksam zu. Ihre Eltern sind Architekten. Ihre Liebe für das Landleben entdeckte sie erst, als sie nach ihrem Literatur- und Philosophiestudium in Paris und anschließendem Studium in Madrid nach Kolumbien ging. Dort arbeitete sie auf einem Bauernhof. Sie liebte die Arbeit und fühlte eine tiefe Verbundenheit mit den Tieren. „Früher gefiel mir die romantische Vorstellung, dass Zahlen in der Schäferei keine große Rolle spielen“, erzählt sie. Nun weiß sie, dass moderne Technologien und ihre betriebswirtschaftlichen Kenntnisse, die sie glaubte hinter sich lassen zu können, ihr beim Umsetzen ihres Traums von einer eigenen Käseherstellung nutzen können. Und bei der Arbeit unter freiem Himmel hofft sie Seelenfrieden zu finden.

Einige Tage später beginnt das letzte zehntägige Praktikum. Mario Ballestín und Julia Abalos Reznk haben sich für den Schäfer Almagro entschieden. Sie freuen sich darauf, mit ihm in der Natur zu sein und sein Wissen aufsaugen zu können. „Das hier ist Torvisco, Herbst-Seidelbast“, sagt Almagro und hält ein langes, schmales Blatt hoch. Die drei stehen vor seiner Melkhütte. Er reicht das Blatt an sie weiter. „Diese Pflanze hat natürliche antibiotische, antibakterielle und entzündungshemmende Eigenschaften.“ Er zeigt ihnen eine Flasche mit einer dunklen Flüssigkeit. „Das ist eine Mischung aus Olivenöl und Torvisco“, erklärt er. „Damit lassen sich Entzündungen behandeln, ohne dass man Antibiotika einsetzen muss.“

„Ich habe noch nie mit Schafen oder Ziegen gearbeitet“, sagt Abalos Reznk. „Diese Erfahrung zu machen, ist faszinierend. Ich muss das alles lernen.“ Die drei erreichen Almagros provisorische kleine Käserei, die er in einen Natursteinbruch eingebaut hat. Im kühlen Innern schauen die beiden ihrem Lehrer zu, wie er aus Ziegenmilch einen Käselaib herstellt. Die fertigen Laibe werden von Hand gewendet, damit sie gleichmäßig reifen. Das Endprodukt ist ein Biokäse, der in der Region verkauft wird.

Schafschur

Die Hochsommerhitze setzt langsam ein, und Almagros Schafe tragen schwer an ihrer Wolle. Zeit für die Schafschur. In der Scheune sehen die beiden Schüler zu, wie Almagros Sohn mit geübtem Griff ein Schaf auf den Rücken dreht, mit einer Hand dessen Hufe Fesseln greift und mit der anderen rasch einen Strick darum wickelt. Dann schaltet er die elektrische Schere ein und macht sich an die Arbeit. In wenigen Minuten steht das eben noch verfilzte Schaf wieder auf den Beinen und freut sich über seine Freiheit.

Abalos Reznk gelingt das nicht ganz so gut. Statt Sekunden braucht sie Minuten, bis sie die vier Läufe in einer Hand zusammengefasst hat. Auch kämpft sie damit, das Schaf am Boden zu halten, während sie mit der Schere den Körperkonturen des Tiers folgt. 25 Minuten später humpelt das Schaf voller blutiger Flecken, dort wo die Schere die Haut verletzt hat, davon. Nach acht Stunden sind die Schüler erschöpft, schweißgebadet und mit einem fettigen Film aus Staub und Schafwolle bedeckt. So wird es ihnen auch die nächsten drei Tage von morgens bis abends ergehen. „Das Leben eines Schäfers besteht aus vielen Stunden harter Arbeit“, gibt Almagro zu. Aber alles, was die Geschäftsführung betrifft, empfindet er als viel belastender: „Der Papierkram erschwert einem das Leben.“ Julia hört ihrem Lehrer zu, beobachtet die Tiere und lauscht dem Klang ihrer Glöckchen. Sie ist bereit, für solche Glücksmomente zu arbeiten. Junge Menschen wie sie können diesen alten Beruf davor bewahren, auszusterben.

 


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