Ein Fahrer gerät unter seinen Lkw. Anita Müller befreit ihn.
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Ein Fahrer gerät unter seinen Lkw. Anita Müller befreit ihn.

Als der Lkw auf vereister Straße ins Rutschen gerät und den Fahrer einklemmt, muss sie den Lkw starten und die Bremse lösen – aber wie?

Ausgabe: März 2019 Autor: Annette Lübbers

Es ist der 17. Januar vor einem Jahr. Anita Müller sitzt im Lehrerzimmer des Berufskollegs des TÜV Rheinland in Siegen, als die Direktorin der Schule den Kopf zur Tür hereinsteckt. „Kannst du gerade mal mit anpacken?“, fragt sie. „Da kommt der Lkw mit dem Papier!“ Kosmetiklehrerin Müller nickt. Es schneit, trotzdem geht die 45-Jährige ohne Jacke mit nach draußen. Das Abladen kann so lange ja nicht dauern.

Vor der Schule hat der Fahrer des Lkw auf der abschüssigen Straße gewendet und rangiert nun hin und her. Er will rückwärts in den Weg zur Schule einbiegen. Die Straße ist mit Schneematsch bedeckt. Müller sieht, wie die eingeschlagenen Reifen des Wagens ins Rutschen geraten. „Das schafft der nicht“, denkt sich die 45-Jährige und dreht sich zu ihrer Chefin um. Der Lkw-Motor verstummt – der Fahrer muss ihn ausgeschaltet haben. Gerade will Müller „Ich geh mal unser Streusalz holen!“ sagen, da sieht sie wie die Augen der Direktorin sich plötzlich vor Schreck weiten.

Müller dreht sich um und sieht: Der Fahrer des Lkw steht neben seinem Fahrzeug und begutachtet die vereiste Straße. Dass sich die schräg stehenden Reifen langsam, aber unaufhaltsam auf seine Füße zubewegen, scheint er zunächst nicht zu bemerken. Als ihm klar wird, in welcher Gefahr er schwebt, breitet er reflexartig die Arme aus. So als wolle er den Lkw mit den Händen stoppen. Dabei gerät er in Schieflage und stürzt.

Sie muss den Lkw erst starten – aber wie?

Müller spurtet los. Ihr Plan: „Ich presse mich gegen den Lkw und drücke mit meinem Fuß den Fuß des Mannes zur Seite.“ Sie packt den Fahrer unter den Armen und erkennt im selben Moment, dass sein Fuß bereits unter dem Reifen steckt. „Musst du in Auto gehen“, sagt der Fahrer in gebrochenem Deutsch. „Ruf die Feuerwehr und den Notarzt“, ruft Müller ihrer Chefin noch zu, dann lässt sie den Mann zu Boden gleiten und springt auf die Fahrertür zu. Die Kosmetiklehrerin ist gerade einmal 1,58 Meter groß, aber sie schafft es dennoch im ersten Anlauf, sich auf den Sitz zu ziehen.

„Musst du roten Knopf drücken“, ruft der eingeklemmte Mann. Das Lenkrad des Fahrzeugs lässt sich nur bei laufendem Motor bewegen. Müller saß noch nie in einem Lkw. Da sind Dutzende von Knöpfen, Hebeln und Schaltern. Sie findet die Handbremse nicht und drückt erst einmal die Fußbremse durch. „Fußbremse gedrückt. Was weiter?“, ruft sie.
„Schwarzer Kippschalter. Versuch Frau“, lautet die Antwort. Welcher Kippschalter? Müller kippt den ersten Schalter, der ihr ins Auge fällt und dreht den Schlüssel. Tatsächlich, der Motor springt an. Jetzt nur nichts Falsches tun. Sie schaut aus dem Fenster, während sie das Bremspedal gepresst hält. Rechts einschlagen oder links? Rechts.

Das verletzte Bein ist frei

„Sobald Ihr Bein frei ist, drehen Sie Ihren Körper da raus!“, ruft sie und schlägt das Lenkrad ein. Das Rad dreht sich. Wieder ein Blick aus dem Fenster. Das Bein ist frei. Die Helferin macht den Motor aus, springt auf die Straße, zieht den Verletzten weg vom Fahrzeug und ein Stück die Einfahrt hoch. Sie weiß, dass neben der Einfahrt dicke Steine unter dem Schnee liegen. Hastig wühlt sie ein paar frei, schleppt sie zum Lkw und verkantet sie unter den Rädern.

Dann zieht sie dem Verunglückten vorsichtig den Schuh aus. Zwischen den Zehen sickert ein wenig Blut hervor. Bis hinauf zum Knie schimmert das Bein in blau-lila-violetten Tönen. Der Fahrer beginnt, mit den Händen Schnee auf das verletzte Bein zu schaufeln. Müllers Chefin ist wieder da. Sie hat die Rettungskräfte alarmiert. „Ich jetzt Papier ausladen und weiterfahren“, sagt der Fahrer. „Nichts da, Sie sind verletzt. Sie brauchen einen Arzt“, erklärt Müller. Dann steht ein Polizist neben ihr. Auf der Straße parkt ein Rettungswagen. Zwei Sanitäter kommen mit einer Trage auf sie zu. „Dann erzählen Sie mal“, sagt der Polizist. „Und Ihre Ausweise benötige ich auch.“ „Jetzt nicht. Ich brauche erst mal einen Kaffee“, sagt Müller. „Sie auch?“

Der Polizist nickt. Müllers erster Weg aber ist der zur Toilette. Sie übergibt sich. Dann sitzt sie auf dem Boden und weint, minutenlang. Endlich beruhigt sich ihr Puls. Sie läuft ins Lehrerzimmer füllt zwei Tassen mit Kaffee und geht wieder hinaus. „So, jetzt können Sie Ihre Fragen stellen“, sagt sie zum Beamten. Eine Stunde später sitzt Müller bereits wieder an ihrem Schreibtisch im Lehrerzimmer. Und schon am nächsten Tag liefert der Chef der Speditionsfirma das Papier und bringt eine gute Nachricht mit: Der Mann, den Anita Müller gerettet hat, wird wieder ganz gesund.


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