Er rettet Leben
© David S. Bustamante
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aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Er rettet Leben

Óscar Camps hat im Mittelmeer Tausende Flüchtlinge vor dem Ertrinken bewahrt. Dafür erhält er die Auszeichnung „Reader’s Digest Europäer des Jahres 2019“

Ausgabe: Februar 2019 Autor: Sorrel Downer

Der Abend dämmert. Weit draußen auf dem Mittelmeer sinkt ein Schlauchboot. Es ist für 30 Personen ausgelegt, aber an Bord sind mehr als 100 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder. Mehrere sind bereits tot, andere liegen im Sterben, von den Abgasen des Außenbordmotors vergiftet. Das Boot ist schon zur Hälfte vollgelaufen und sinkt. Alle an Bord haben viel aufs Spiel gesetzt, um nach Europa zu kommen und sich ein neues, besseres Leben aufzubauen. Auf dem Boot gibt es keinen Kapitän, keinen Schutz vor Wind und Wetter, keine Nahrung, kein Wasser und vor allem keine Treibstoffreserven. Nun ziehen auch noch Sturmwolken auf, die Wellen schlagen höher – die Lage scheint aussichtslos.

Das Schlauchboot ist schon beinahe untergegangen, als ein Motorengeräusch ertönt. Ein anderes Boot nähert sich, Stimmen rufen Anweisungen: sitzen bleiben, Ruhe bewahren. „Das erste Gefühl, wenn man ein treibendes Boot ausmacht oder ein Notruf eingeht, ist Freude“, erklärt Óscar Camps. „Weil man weiß, dass man helfen kann. Die Probleme fangen an, sobald alle an Bord sind: Verletzte und Säuglinge, dazu technische Probleme, Platzmangel und kein aufnahmebereiter Hafen. Jeder Rettungseinsatz ist ein menschliches Drama. Niemand kann sagen, wie es ausgeht.“

Camps hat schon viele solcher Dramen miterlebt.

Er weiß ganz genau, wie hoch der Preis ist, den Flüchtlinge manchmal zahlen bei ihrem verzweifelten Versuch, Kriegen, Verfolgung und Armut zu entkommen. Als Gründer der gemeinnützigen Rettungsorganisation Proactiva Open Arms hat er in den vergangenen drei Jahren im Mittelmeer Männer, Frauen und Kinder vor dem Ertrinken bewahrt. Nach aktuellen Schätzungen hat die Organisation 59.395 Menschen das Leben gerettet.

Óscar Camps’ Liebe zum Meer begann früh.

Der heute 56-jährige vierfache Vater ist in der katalanischen Küstenstadt Badalona nördlich von Barcelona aufgewachsen. Von seinem Haus am Ende eines langen Strandes aus blickt er aufs Meer hinaus. Am anderen Ende des Strandes befinden sich die Büros von Proactiva. Dort liegen auch die Boote für die Rettungseinsätze. Camps war Anfang 20 und betrieb eine Autovermietung, als er einen Freund besuchen wollte und auf der Straße liegend vorfand. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte – er rührte sich nicht. Ich drückte auf alle Klingeln, doch niemand konnte helfen. Da packte ich ihn in mein Auto und brachte ihn ins Krankenhaus. Doch als wir ankamen, war er tot. Das hat mich sehr mitgenommen.“ Ein paar Tage später meldete er sich zu einem Kurs beim Roten Kreuz an, für das er danach sechs Jahre lang arbeitete. Dann gründete er das Wasserwacht-Unternehmen Proactiva, das inzwischen rund 600 Mitarbeiter an vier Standorten in Spanien beschäftigt. Camps konnte mit seinem Leben zufrieden sein, doch Anteilnahme und Pflichtgefühl gaben ihm noch einmal eine neue Richtung.

Am 2. September 2015 sank in der Ägäis ein Boot mit syrischen Flüchtlingen. Camps saß zu Hause vor dem Fernsehgerät, als eine Nachrichtensendung das Bild des ertrunkenen dreijährigen Alan Kurdi ausstrahlte. Sein Leichnam war an einen türkischen Strand gespült worden. „Mein Sohn war damals genauso alt – das ging mir durch und durch. Ich musste etwas tun. Ich schrieb an die spanische Regierung, die griechische Regierung, Hilfsorganisationen, Botschaften – einfach alle – und bot ihnen unsere Rettungsausrüstung und unsere Spezialisten an. Niemand antwortete“, berichtet Camps.

Daraufhin nahm er seine Ersparnisse und flog mit einem Mitarbeiter, Gerard Canals, auf die griechische Insel Lesbos. In jenem Jahr war sie zur Hauptdurchgangsstation für Menschen geworden, die vor Krieg, Gewalt und wirtschaft­licher Not aus dem Nahen Osten und Asien geflohen waren. Zigtausende landeten nach der kurzen, aber gefährlichen Überfahrt über die Ägäis auf der Insel. Hunderte ertranken bei dem Versuch. Als Camps und Canals auf Lesbos ankamen, fanden sie ein Chaos vor. „Jeden Tag kamen 2000 bis 3000 Flüchtlinge aus der Türkei. Keine der großen Hilfsorganisationen war vor Ort – nur ein paar Rucksacktouristen und eine kleine einheimische Organisation“, erzählt der Rettungsprofi. „Die Schlepper hatten den Flüchtlingen eingeschärft, die Schlauchboote vor der Landung aufzuschlitzen, sodass man sie damit nicht zurückschicken konnte“, berichtet Camps.

„Die Boote sanken, man konnte die Menschen 100 Meter vor der Küste verzweifelt um Hilfe rufen hören. Es war furchtbar“

Auf den Rat von Menschenrechtsaktivisten hin gründete Camps kurzerhand die Nichtregierungsorganisation Proactiva Open Arms, um auf Lesbos bleiben zu dürfen. Zwei weitere seiner Rettungsschwimmer kamen nach, später folgte ein ganzes Dutzend. Das Team wurde an der Nordküste eingesetzt. In jenem Winter landeten etwa 75.000 Flüchtlinge auf Lesbos. „Wir konzentrierten uns ganz auf das Meer und versuchten zu verhindern, dass Menschen ertranken. Sobald wir sie am Ufer abgesetzt hatten, schwammen wir wieder los. Wir schliefen wenig und aßen nicht regelmäßig, waren ständig durchnässt und überall aufgeschürft“, erzählt Camps. „Wir schwammen zu den havarierten Booten hinaus, konnten aber nicht alle Insassen retten.“ Als Óscar Camps sich an die Szenen erinnert, versagt ihm kurz die Stimme. „Ich musste in Sekunden entscheiden, wen ich retten würde. Ich ergriff zwei Kinder und ließ fünf Menschen zurück. Als ich wiederkam, waren nur noch zwei da. Was war mit den anderen? Wo waren die Eltern der Kinder?"

"Jede Handlung hat Konsequenzen – damit muss ich leben.“

Im März 2016 unterzeichnete die Europäische Union ein Abkommen mit der Türkei, leistete Zahlungen und machte politische Zugeständnisse, damit das Land seine Grenzen besser sicherte und Asylsuchende zurückhielt. Die Fluchtroute für Migranten nach Griechenland wurde gekappt.

Woanders spielten sich währenddessen neue menschliche Tragödien ab.

Durch den Bürgerkrieg in Libyen stieg die Zahl der Flüchtlinge und Asylsuchenden sprunghaft an, die nun die gefährlichere 480 Kilometer lange Strecke über das Mittelmeer von Libyen nach Italien wählten. Camps und sein Team brauchten Boote, um auf dieser Route helfen zu können. Dank Crowdfunding (Spendensammeln über das Internet) konnten sie drei beschaffen. „Wir haben aber nicht die Kapazität, größere Gruppen für längere Zeit an Bord zu behalten“, fährt Camps fort. „Wir müssen uns bei der italienischen Küstenwache melden und sie bitten, die Geretteten zu übernehmen oder uns zu gestatten, einen Hafen anzulaufen – und das kann Stunden oder Tage dauern. Die ganze Zeit über gehen weitere Notrufe ein. Ein überladenes Boot kann schnell sinken, wenn das Wetter umschlägt. Manchmal ist schon nichts mehr zu sehen, wenn wir die gemeldete Position erreichen.“ Gelingt die Rettung, stellt sich sofort die Frage: Wohin mit den Menschen?

Populisten machen Stimmung, deshalb sterben Menschen

Rechtsgerichtete populistische Parteien, die Immigration ablehnen, gewinnen in ganz Europa an Einfluss. Die südeuropäischen Staaten schließen ihre Häfen für Rettungsboote. Doch das alles hält die Menschen nicht davon ab, das Mittelmeer zu überqueren, um vor Kriegen, Armut oder Verfolgung zu fliehen. Es bedeutet aber, dass die Boote von Proactiva Open Arms abgewiesen werden. Deshalb sterben an Bord Menschen, die medizinische Hilfe gebraucht hätten. Das macht Camps wütend.

Im Rahmen eines Abkommens zwischen Italien und Libyen, das von der EU unterstützt, jedoch von den Vereinten Nationen verurteilt wird, fährt die libysche Küstenwache inzwischen Streife auf dem Meer und sperrt aufgegriffene Flüchtlinge in Lager. Im März 2018 drohten sie sogar, das Feuer zu eröffnen, wenn das Proactiva-Boot Open Arms nicht die Frauen und Kinder unter den 218 Menschen auslieferte, die es außerhalb libyscher Gewässer aufgenommen hatte. Die Mannschaft weigerte sich und fuhr nach Sizilien, wo man ihnen Menschenhandel vorwarf und ihr Boot beschlagnahmte.

„Ich habe schon in fünf Sprachen Todesdrohungen erhalten, weil ich Flüchtlinge rette“, sagt Camps. Doch er und sein Team werden auch weiterhin tun, was sie für richtig halten

Óscar Camps besitzt selbst ein kleines Boot. Wenn er Ruhe braucht, um nachzudenken, zieht er sich darauf zurück. „Wir erleben bei den Einsätzen sehr viel“, berichtet er. „Am Anfang habe ich oft geweint – am Telefon mit Freunden oder meiner Familie. Sobald wir merkten, wie sehr uns das emotional strapazierte, suchten wir uns Unterstützung.“ Inzwischen werden die Rettungsmannschaften von Psychologen betreut, die für Krisenmanagement und posttraumatische Belastungsstörungen ausgebildet sind.

Zwischen seinen Einsätzen führt Camps Gespräche über Flüchtlinge und Migration – mit Regierungschefs, Medien, Mitgliedern des Europäischen Parlaments und bereits zweimal mit dem Papst. Er berichtet über die Folgen politischer Entscheidungen für das Leben der Flüchtlinge, bittet um Hilfe, drängt zum Handeln.

Helfen in den Herkunftsländern

Bis die Regierungen eine tragfähige, europäische Lösung für die Unterbringung der Flüchtlinge finden, widmet sich Camps den Problemen, die die Menschen dazu bringen, sich auf die Reise zu machen. Proactiva Open Arms Africa arbeitet bereits mit Partnerorganisationen in Ghana und im Senegal zusammen. Sie informieren dort über die Gefahren der Flucht über das Mittelmeer und die bescheidenen Aussichten für Migranten in Europa. Zudem engagiert sich die Organisation für Bildungseinrichtungen und vermittelt Kompetenzen, die den Menschen in ihren Herkunftsländern ein besseres Leben ermöglichen.

Die Europäer müssen sich an Migration gewöhnen und lernen, mit anderen zusammenzuleben, so Camps. „Naturschutzorganisationen setzen sich für Wale ein oder kämpfen gegen die Überfischung, doch es gibt keine Gruppe, die auf See die Menschenrechte verteidigt. Wir möchten das ändern und in Ländern, in denen die Rechte missachtet werden, aktiv werden. Dort, wo Menschen sterben und es keine Ärzte oder Journalisten gibt, die darüber berichten.“ „Wir sind nur ein paar Rettungsschwimmer, die über soziale Medien Geld einwerben“, sagt Camps.

„Wenn wir mit so wenigen Mitteln so viel erreichen können – was könnten dann wohl 28 Regierungen bewirken?“

  Europäer des Jahres

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