Fahrer bewußtlos: Sönke Krützfeld stoppt schlingernden Audi
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Fahrer bewußtlos: Sönke Krützfeld stoppt schlingernden Audi

Sönke Krützfeld ist auf der A5 nach Marburg unterwegs. Da rast plötzlich ein Audi mit bewußtlosem Fahrer über Autobahn.

Ausgabe: Dezember 2016 Autor: Barbara Erbe

Es ist ein strahlender Julimorgen und Sönke Krützfeld – unterwegs auf der A5 nach Marburg – hat es eilig. Der Oberkirchenrat ist spät dran, denn vor dem Bad Homburger Kreuz war Stau, wie so oft. Dem 56-Jährigen ist klar: Zur Sitzung im Religionspädagogischen Institut in Marburg kommt er nur dann noch pünktlich, wenn er jetzt Gas gibt. Wie gut, dass sich die Verkehrsstockung gerade aufgelöst hat! Als routinierter Vielfahrer wählt Krützfeld den Fahrstreifen ganz links, gleich darauf zeigt sein Tacho 140 km/h. Es geht voran!

Ein dunkler Audi rast führerlos über die A5

Plötzlich schießt von einer Auffahrt ein dunkelblauer Audi schräg über alle vier Fahrspuren. Dann rast er – begleitet vom schrillen Hupkonzert empörter Autofahrer – nach ganz links außen und schneidet dabei auch den schwarzen Kleinwagen Krützfelds. Heftig tritt der Oberkirchenrat aufs Bremspedal und schimpft dabei laut: „Rücksichtsloser Raser!“ Der Audi, der jetzt direkt vor ihm ist, schrammt gegen die Betonwand, die die Autobahn vom Mittelstreifen und der Gegenfahrbahn trennt. Krützfeld traut seinen Augen kaum: Der Wagen vor ihm hebt ab, fliegt kurz durch die Luft und setzt einige Meter weiter wieder auf der Überholspur auf.

Am Steuer sitzt ein offenbar bewusstloser Fahrer

Geistesgegenwärtig bremst der Oberkirchenrat weiter ab und setzt den Warnblinker. Er sieht, wie der Audi noch mehrmals die Betonwand rammt und immer wieder auf die Überholspur zurückprallt. Und er sieht noch mehr: Der Kopf der Person am Steuer schwingt wie ein Pendel zwischen Kopfstütze und Seitenscheibe hin und her. „Herzinfarkt! Zuckerkoma! Auf jeden Fall eine Ohnmacht!“, schießt es Krützfeld durch den Kopf. „Das ist kein Raser – dieser Mensch ist bewusstlos!“

Mittlerweile schrammt der Audi konstant an der Betonwand entlang. Vorsichtig steuert Krützfeld seinen Wagen auf die Spur direkt rechts des Unfallfahrzeugs und fährt vor, bis beide Autos auf gleicher Höhe sind. Ein rascher Blick zur Seite. Am Steuer des Audis sitzt eine Frau. Ihr Kopf ist nach hinten gekippt, das Gesicht zeigt nach oben. Von der Gefahr, in der sie sich befindet, bekommt sie offenbar überhaupt nichts mit.

Eine gefährliche Linkskurve naht

Krützfeld kennt die Strecke wie seine Westentasche. Mit Schrecken denkt er an die Linkskurve, die sie gleich erreichen werden. Fährt der führerlose Audi dort geradeaus, wird er womöglich die Wagen auf den rechten Fahrstreifen rammen. „Das darf nicht passieren!“, denkt Krützfeld. „Du musst das Auto vorher stoppen!“

Sönke Krützfeld bringt den Audi mit seinem Kleinwagen zum Stehen

Er fasst sich ein Herz, beschleunigt noch einmal kurz und setzt sich mit seinem Wagen direkt vor den Audi. Dann geht er langsam vom Gas – so lange, bis der Audi mit leichtem Rumpeln auf sein Auto auffährt. Geschafft! Den führerlosen Wagen direkt im Rücken, bremst Krützfeld Stück für Stück weiter ab. Daran, dass nachkommende Fahrzeuge auf das eigenartige Gespann auffahren könnten, denkt er in diesem Augenblick nicht. Er ist ganz darauf konzentriert, den Wagen mit der bewusstlosen Frau am Steuer zum Stehen zu bringen.

Drei junge Männer sichern sein Manöver

So bemerkt er gar nicht, dass drei junge Männer sein mutiges Manöver gegen den nachfolgenden Verkehr sichern. Sie haben alles beobachtet, setzen sich direkt hinter das Gespann aus Unfallwagen und Retter und weisen alle anderen per Warnblinker auf die Gefahr hin. „Ihnen gebührt mein großer Dank“, betont Krützfeld heute. „Wären sie nicht da gewesen, hätte das alles ganz anders ausgehen können!“

Ein Lkw-Fahrer setzt den Notruf ab

Der Oberkirchenrat schafft es tatsächlich, beide Wagen zum Stillstand zu bringen. Er vergewissert sich noch, dass die Fahrerin des Audis unverletzt ist, dann sinkt er in sich zusammen. „Mein Kopf war völlig leer“, erinnert er sich. Er schafft es nicht einmal mehr, einen Notruf per Handy abzusetzen. Das übernimmt ein Lastwagenfahrer, der mit angeschalteter Warnblinkanlage rechts neben den Autos hergefahren ist und nun auf der Standspur hält.

Die Rettungskräfte übernehmen – alle sind unverletzt

Minuten später sind ein Rettungshubschrauber, drei Feuerwehrfahrzeuge und mehrere Polizeiautos vor Ort und sperren die Autobahn komplett. „Polizisten und Rettungskräfte waren genauso glücklich wie ich, dass bei dem ganzen Aufruhr niemand verletzt worden war“, erzählt Krützfeld.

In der Not zu handeln und dabei gelassen zu bleiben, das liegt ihm als Vater von acht Kindern zwischen neun und 27 Jahren im Blut: „Ich habe mit der Zeit ein Gespür dafür entwickelt, wo Gefahr lauert und wo ich nötig bin.“ Außerdem: „Bisher hat sich noch immer alles gut gefügt – mein ganzes Leben ist getragen von Gottvertrauen“, erklärt er. Der Frau, die im Auto ohnmächtig geworden war und die sich einige Tage später bei ihm bedankte, riet er allerdings, möglichst schnell die Ursache für ihre Bewusstlosigkeit klären zu lassen: „Das sollte nicht noch einmal passieren. Ich bin schließlich nicht immer unterwegs.“


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