Für das Leben meines Bruders
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Für das Leben meines Bruders

Bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, ist Francks einzige Hoffnung sein Zwillingsbruder Eric

Ausgabe: Dezember 2018 Autor: Lisa Fitterman

Der junge Mann lag auf der Station für Schwerbrandverletzte im Pariser Krankenhaus Saint-Louis im künstlichen Koma. Sein Körper war verkohlt, mit Blasen bedeckt und angeschwollen. 72 Stunden lang hatte der Professor für Plastische Chirurgie Maurice Mimoun versucht zu retten, was von der Haut übrig war. Er überflog den Patientenbogen und bereitete sich auf das Gespräch mit der Familie vor.

„Franck Dufourmantelle“ las der plastische Chirurg. „Geboren: 28. Dezember 1983. Alter 32. Verletzt bei einer chemischen Explosion am Arbeitsplatz. Schwere Verbrennungen am ganzen Körper außer an den Füßen und einem Teil des Beckens.“ Dr. Mimoun leitete eine Station, auf der die schwersten Verbrennungen im Land behandelt wurden; daher waren die restlichen Angaben für ihn leicht zu ergänzen. Eine menschliche Fackel innerhalb von Sekunden. Theoretisch war Franck schon dem Tod geweiht, bevor er mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Der Arzt betrat den Warteraum.

„95 Prozent von Francks Körperoberfläche sind verbrannt. Er hat nur noch wenig Haut, zu wenig, um ihn vor bakteriellen Infektionen oder einem Schockzustand zu schützen“, begann er. „Wir tun, was wir können, aber …“ Die Botschaft war eindeutig. Francks Freundin Clémentine Étrillard, eine Lehrerin, brach in Tränen aus. Doch sein Bruder Eric weigerte sich, das zu akzeptieren. „Franck darf nicht sterben“, brach es aus ihm heraus. „Das dürfen Sie nicht zulassen. Er ist mein Zwillingsbruder.“ Dr. Mimoun stutzte. „Sie sind Zwillinge?“, fragte er überrascht. „Eineiige Zwillinge?“ „Genau“, gab Eric zurück. „Francks Gesicht ist so geschwollen, darauf wäre ich nie gekommen“, sagte der Chirurg. „Dann gibt es Hoffnung. Bei eineiigen Zwillingen besteht die Möglichkeit einer Hauttransplantation. Wären Sie dazu bereit?“ „Wenn Franck dann eine Chance hat, auf jeden Fall“, sagte Eric.

Am 27. September 2016 ahnte der um zehn Minuten ältere Bruder Eric nichts Schlimmes, als sein Handy klingelte. Clém, die Freundin seines Bruders, war am Apparat und weinte. „Eric, Franck ist verunglückt. Eine Explosion, es sieht schlimm aus.“ Clém hatte Erics Lebensgefährtin Fanny Robert, die Mutter von Jules, dem acht Monate alten Sohn der beiden, bereits alarmiert. Fanny fuhr sie zum Gummiwerk in Moreuil 30 Kilometer südlich von Amiens, wo Franck lebte und arbeitete. Als sie ankamen, hob gerade der Hubschrauber ab, der Franck in das 138 Kilometer entfernte Pariser Krankenhaus brachte.

Will Eric die Schmerzen ertragen?

Dr. Mimoun saß am Schreibtisch und blickte Eric durch seine randlose Brille an. Der Chirurg erklärte, dass die besten Transplantate nach Verbrennungen von der unverbrannten Haut des Patienten selbst stammten – idealerweise von Körperteilen, die weniger sichtbar waren, wie Gesäß, Oberschenkel oder Kopfhaut. Ein Transplantat eines anderen Spenders wäre nur zur Überbrückung sinnvoll. „Doch Ihre Haut ist auch Francks Haut“, sagte der Chirurg. „Sie beide haben dieselbe DNA. Es wäre die bislang größte Hauttransplantation zwischen Zwillingen nach einer Verbrennung, aber Franck hätte eine Überlebenschance.“ Eric war auf der Stelle dazu bereit. Der Arzt musste sich aber zunächst davon überzeugen, dass Eric wusste, worauf er sich einließ. Es war Freitagabend, aber Eric wollte es schnell hinter sich bringen. Als Lebendorganspender musste die französische Agentur für Biomedizin ihre Zustimmung dazu erteilen. Die Genehmigung wurde sofort erteilt.

Die Haut wird transplantiert

Am Sonntag, dem 2. Oktober 2016, sechs Tage nach der Explosion, wurden Erics Kopfhaare abrasiert und ein Teil seines rechten Oberschenkels sorgfältig markiert. Montagmorgen wurden die Brüder in zwei aneinandergrenzende OP-Säle geschoben. Bei dieser Operation – der ersten von drei über einen Zeitraum von 44 Tagen – zog Dr. Mimoun einen Teil von Erics Kopfhaut ab. Er entnahm dünne Lagen der Oberhaut und der darunter liegenden Lederhaut samt Blutgefäßen, Nervenenden, Schweißdrüsen und Haarfollikeln. Nachdem der Chirurg die Wunde auf der Kopfhaut vernäht hatte, nahm er denselben Eingriff an Erics linkem Oberschenkel vor. Alles verlief reibungslos.
Diese Haut wurde nun auf Francks Körper gelegt. Nach vier Tagen wurden die Zwillinge erneut in den OP gerollt. Dieses Mal erhielt Franck Haut von Erics Rücken und dem anderen Oberschenkel. Später wollten Clém, Fanny und Eric wissen: „Funktioniert es?“ Zwei Wochen lang bat der Arzt sie immer wieder um Geduld. Dann kam ein zögerliches „Ja“. Doch Franck brauchte noch mehr von Erics Haut. Weitere Operationen an Francks steifen Gelenken und den Narben würden in den nächsten Monaten hinzukommen, dazu Physiotherapie und psychische Hilfe, um die Hölle zu überstehen, die ihn beim Aufwachen erwartete.

Der dritte Eingriff erfolgte am Donnerstag, dem 10. November. Inzwischen kannte Eric die Schmerzen, die ihn erwarteten. Zwischen den Operationen, bandagiert, den Infusionsständer neben sich her schiebend, besuchte er seinen Zwillingsbruder, so oft es ging. Er spielte Franck Hip-Hop und Rock vor und hoffte, dass die Musik in das Unterbewusstsein seines Bruders dringen würde. Oder er erzählte von früher, von ihren Lieblingsmannschaften, seinem eigenen Kampf gegen den Hodenkrebs fünf Jahre zuvor, bei dem Franck ihm Mut gemacht hatte.

Franck erwacht aus dem Koma

Nach etwa einem Monat im künstlichen Koma ließen die Ärzte Franck aufwachen. Völlig benommen von den Schmerzmitteln geriet er in Panik, als er die vielen Schläuche und Maschinen sah. „Lasst mich einfach sterben“, dachte er nur. Als er wieder aufwachte, sah er das Gesicht von Eric. Sein Bruder trug einen Kopfverband und ein Krankenhaushemd. „Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Franck mit heiserer Stimme. „Frag eher mal, was mit dir passiert ist“, meinte Eric. „Ich habe dir fast die Hälfte meiner Haut gegeben.“ „Das hast du für mich getan?“ Franck kamen die Tränen. „Das ist dasselbe, als hätte ich es für mich getan“, sagte Eric lächelnd und weinend zugleich.

Eric hat die Operationen gut überstanden - und Franck?

Mitte Dezember 2016 konnte Eric wieder arbeiten. Seine Haare waren gut nachgewachsen, die neue Haut zeigte ein dunkles Rot wie bei einem Ausschlag. Mithilfe der Physiotherapeuten arbeitete Franck im Krankenhaus seit seinem Aufwachen hart daran, Arme und Beine zu strecken und zu beugen, die seit vier Wochen nicht bewegt worden waren. Vor dem Unfall war er ein begeisterter Sportler gewesen, jetzt konnte Franck kaum die Finger krümmen. Doch er hielt durch. Im Februar 2017 berieten sich Ärzte und Therapeuten vor seinem Zimmer. Plötzlich stand er in der Tür, abgemagert, aber voller Hoffnung. Dann machte Franck konzentriert einige kleine, wacklige Schritte, die verdeutlichten, wie weit sich sein Zustand verbessert hatte. „Jetzt staunt ihr, was?“

Die Reha beginnt

Im März wurde er in ein Rehabilitationszentrum verlegt. Hier sah er sich zum ersten Mal in einem Spiegel. Er betrachtete seine knotigen, verkrümmten Gelenke, das hellrote, mit weißen Striemen durchzogene Narbengewebe, was von einem Ohr übrig geblieben war, dünne, einst muskulöse Arme und Beine. Er wurde depressiv. 180 Kilometer von zu Hause weg und allein – Clém und Eric arbeiteten wieder – war es manchmal leichter, einfach aufzugeben. „Was ist aus mir geworden? Was werden die Leute von mir denken?“, fragte er seinen Bruder bei einem der seltenen Wochenendbesuche. „Hör auf damit!“, sagte Eric streng. „Eins nach dem anderen. Die Leute werden denken, dass du stark und zielstrebig bist. Sie tun es jetzt schon.“
Franck strengte sich noch mehr an, bis er eines Tages im September wieder heim nach Moreuil durfte – zu Clém, Eric, Fanny und seinem zweijährigen Neffen Jules. Die Reha war noch nicht abgeschlossen, doch er konnte nun ambulant therapiert werden. Er absolvierte alles, von Beinpressen bis Badminton und Geschicklichkeitsübungen. Er bekam Massagen, damit seine Haut elastischer wurde. „Es ist wie ein 8-Stunden-Job“, sagte er scherzend zu Eric. „Ganz genau. Das ist jetzt deine Arbeit“, lautete die Antwort.

Die neue Normalität

Am Samstag, dem 17. März 2018, bereiteten Franck und Clém vormittags einen Brunch für Eric und Jules vor, die jeden Moment eintreffen sollten. Mit seinem speziell für ihn umgebauten Auto hatte Franck beim Bäcker Croissants und Pain au chocolat geholt; auf dem Tisch standen Orangensaft, Kaffee und Champagner bereit. „Meine neue Normalität – jeder Tag ist eine neue Herausforderung, jeder mit kleinen Siegen“, sagte er. „Mittlerweile kann ich in die Bäckerei gehen, ohne dass es mir etwas ausmacht, wenn die Leute mich anstarren.“ Jules stürmte herein und umarmte seinen Onkel. Eric kam strahlend hinterher, setzte sich neben den Bruder. Auch wenn Franck viel dünner war und ein Augenlid etwas herabhing, waren die beiden kaum voneinander zu unterscheiden – Zwillinge, jetzt mehr denn je ein Teil des anderen. „Am Anfang war es völlig verrückt, ich saß an deinem Bett, redete über alles, was mir in den Sinn kam, und ließ Musik laufen“, sagte Eric. „Das habe ich im Koma gehört!“, beteuerte Franck. Dann krempelte er den rechten Ärmel hoch und zeigte den Rest eines Tattoos auf seinem narbenübersäten Unterarm. In verblasster schwarzer Tinte stand da „Leben“. „Es ist das einzige Tattoo, das übrig geblieben ist. Das muss doch etwas zu bedeuten haben.“


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