Haus einer alten Dame in Flammen - Erdogan Pekkücük befreit sie
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Haus einer alten Dame in Flammen - Erdogan Pekkücük befreit sie

Eine alte Dame ist in Lebensgefahr.  Zum Glück ist ihr Nachbar Erdogan Pekkücükzur Stelle und rettet sie aus dem brennenden Gebäude.

Ausgabe: Juni 2017 Autor: Carmen Molitor

Als er den Brandgeruch bemerkt, ist Erdogan Pekkücük gerade dabei, Kirschen in dem kleinen Garten hinter seinem Haus zu pflücken. „Lasst uns Marmelade kochen“, hatte der heute 60-Jährige an jenem Morgen im Juli 2015 seiner Freundin und deren Tochter vorgeschlagen. Übers Wochenende sind die beiden bei ihm in Lülsdorf nahe Köln zu Besuch. Auch wenn es heiß ist, die Sonne brennt an diesem Sonntag nicht ganz so erbarmungslos vom Himmel wie an den Tagen zuvor. Eine gute Gelegenheit ein bisschen Gartenarbeit zu machen. Pekkücük pflückt die Früchte vom Kirschbaum, beschneidet Äste. Kurz geht er ins Haus, um etwas zu trinken.

Als er in den Garten zurückkommt, steigt ihm der beißende Geruch von verbranntem Plastik in die Nase. Pekkücük sieht sich suchend um. Über einem Haus in der Nachbarschaft steigt Rauch auf. Dort wohnt eine alte Dame, die der 60-Jährige flüchtig kennt. Er begreift sofort: Die Frau ist in Gefahr! Pekkücük läuft los. Durch seine Wohnung, dann ein kurzes Stück am Rheinufer entlang. „Alarmier’ die Feuerwehr!“, ruft er seiner Freundin noch zu. Als Pekkücük vor dem Gebäude ankommt, aus dem der Rauch dringt, steht die Haustür offen. Vorsichtig späht Pekkücük in das Haus. Der Brandherd scheint in der Küche zu sein, im langen Flur steht schwarzer Rauch.

Wo ist die Nachbarin?

Der 60-Jährige weiß, dass die alte Dame nach einem Schlaganfall nicht mehr gut laufen kann und auf einen Gehstock angewiesen ist. Laut ruft er nach ihr. Keine Antwort. Immer wieder ruft er ihren Namen. Dann endlich hört er ihre Stimme. „Hier bin ich, hier bin ich“, klingt es vom anderen Ende des Flures. Pekkücük bückt sich, um unter der Rauchwand hindurchzuschauen. Tatsächlich kann er die Beine seiner Nachbarin erkennen – in einigen Meter Entfernung. „Kommen Sie nach vorn!“, ruft er laut. „Ich schaffe das nicht“, hört er ihre verzweifelte Antwort. Der Helfer überlegt nicht lange. Er läuft ins Haus, hinein in den mit Rauch gefüllten Korridor.

 Erdogan Pekkücük war 40 Jahre lang Rettungsassistent bei den Johannitern in Köln.

Von einer Sekunde auf die andere aus dem Ruhe- in den Alarmzustand zu wechseln, ist Erdogan Pekkücük gewohnt. 40 Jahre lang war er Rettungsassistent bei den Johannitern in Köln. Sein erster Einsatz führte den damals 18-Jährigen als Katastrophenhelfer nach einem Erdbeben in die Türkei, das Land, aus dem seine Eltern stammen. Später begleitete er im Rückholdienst Menschen, die sich im Auslandsurlaub verletzt hatten oder schwer erkrankt waren und nach Hause transportiert werden mussten. Oft bedeutete dies 24-Stunden-Schichten im Dienst für Schwerkranke sowie Unfall- und Brand­opfer. Eine Aufgabe, die Pekkücük mit Herz und Seele erfüllte.

Aber der Dauerstress forderte seinen Tribut: Früh erlitt er einen Herzinfarkt, 2012 wurde eine Bypassoperation am Herzen notwendig. Seitdem ist der geschiedene Vater einer erwachsenen Tochter außer Dienst. Doch wie man im Brandfall richtig handelt, wenn es gilt, Menschenleben zu retten, hat er nicht vergessen. Pekkücük läuft geduckt durch den dichten Rauch. Dann ist er bei der alten Dame, die vor Aufregung zittert. „Kommen Sie, wir gehen jetzt mal hier raus“, sagt er und gibt seinen Worten die typische singende Klangfärbung der Rheinländer, um sie zu beruhigen. Die Frau ist groß und schwer. Pekkücük stützt sie und zieht sie zugleich so schnell es eben geht in Richtung der rettenden Haustür. Endlich haben sie es geschafft – sie sind im Freien, in Sicherheit! Auf der Straße haben sich inzwischen andere Nachbarn versammelt. Die Feuerwehr rückt gerade an. Als der mutige Retter sich umdreht, sieht er, dass die Flammen das komplette Haus erfasst haben. Er führt die Gerettete erst einmal in den Garten eines Nachbarn. Sie ist unverletzt, aber der Schock sitzt ihr in den Gliedern. 

Ihr Haus brennt den ganzen Tag weiter.

Immer wieder flammen Brandherde neu auf. Die Feuerwehr löscht bis in die Nacht. Die alte Dame verliert durch das Feuer, das vermutlich ein Kurzschluss am Mikrowellenherd ausgelöst hat, alles: Fotos, Kleidung, Geld, Sparbücher, Möbel. Dass sie mit dem Leben davongekommen ist, verdankt sie Er­dogan Pekkücük. Der bleibt den restlichen Sonntag über am Brandort, kümmert sich um die Feuerwehrleute, packt mit an. „Ich hatte gar keine Zeit, an meine Befindlichkeit zu denken“, erzählt er. Erst spät am Abend geht er nach Hause, setzt sich erschöpft und trinkt in Ruhe eine Cola.

Manchmal denkt er darüber nach, was gewesen wäre, wenn er nur ein paar Minuten später am Haus angekommen wäre. Oder die alte Frau nicht die Haustür zum Lüften geöffnet hätte, als sie den ersten Qualm entdeckte. Per E-Mail steht der ehemalige Rettungsassistent bis heute mit ihr in Kontakt. Nach dem ver­heerenden Brand war sie zunächst in ein Alten­heim in der Nähe ge­zogen und besuchte ihn noch ein paar Mal. Jetzt wohnt sie in Bayern, in der Nähe ihres Bruders.


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