Eine Gorillamutter mit ihrem Kind im Dschungel
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Helden des Alltags

Lasst die Gorillas leben!

Tief in den Wäldern Zentralafrikas setzt eine Gruppe von Wildtierärzten alles daran, Menschenaffen vor dem Aussterben zu bewahren.

Ausgabe: November 2019 Autor: Marcello Di Cintio

An einem Morgen im Januar 2018 gingen Emily Denstedt und ihre Kollegen von den Gorilla Doctors im Gänsemarsch durch das Dickicht des Bwindi-Nationalparks in Uganda, Afrika. Sie suchten Buzinza, die Matriarchin der Berggorillagruppe Rushegura, weil sie befürchteten, sie könnte sich den Arm gebrochen haben. Berggorillas ziehen viel umher und sind daher oft nicht leicht zu finden. Die Gorilla Doctors folgten Buzinzas Fährte nun schon den zweiten Tag. Dieses Mal hatten sie Glück. Nach wenigen Minuten Fußmarsch stießen sie auf das Gorillaweibchen und den Rest ihrer Familie – insgesamt fast 20 Tiere –, die sich auf einer Lichtung aufhielten. Buzinza saß auf dem Boden mit ihrem dreijährigen Jungen auf dem Rücken und kaute Blätter.

Die Gorilla Doctors sind eine internationale Gruppe von 25 Wildtierärzten, Biologen und Hilfskräften, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Berggorillas vor dem Aussterben zu bewahren. Die Nicht-Regierungsorganisation kümmert sich um die medizinische Versorgung der Tiere sowohl in diesem Wald als auch im nahen Virunga-Massiv. Dort erstrecken sich drei zusammenhängende Nationalparks im Grenzgebiet zwischen Uganda, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo.

Bedrohung Mensch

Berggorillas sind ständigen Bedrohungen durch den Menschen ausgesetzt, der ihren Lebensraum zerstört und wildert. Die Tiere sterben infolge von Bürgerkriegen und geraten in Fallen, die Jäger für Antilopen aufstellen. Außerdem können sie sich bei Menschen mit Atemwegserkrankungen anstecken. So hat sich die Population in den letzten 30 Jahren nicht vergrößert und lag immer bei höchstens 300 bis 400 Tieren. Wenn eine Art so stark gefährdet ist, zählt das Überleben jedes einzelnen Individuums. Eine derart kritische Situation erfordert umfassende Schutzmaßnahmen. Die Gorilla Doctors bewahren die Art, indem sie sich um jedes einzelne Tier kümmern. Derzeit werden 42 Gruppen mit an Menschen gewöhnten Gorillas tagsüber beobachtet, indem man ihnen durch den Wald folgt.

Zudem führen Tierärzte monatliche Gesundheitsprüfungen durch. Dabei werden Stuhlproben analysiert und die Gorillas auf sichtbare Anzeichen von Krankheiten oder Verletzungen untersucht. Dazu gehören beispielsweise Gewichtsabnahme, Atemprobleme oder ein verfärbtes Fell. Zeigt sich eines dieser Symptome bei einem Tier, berät das Ärzteteam, ob es eingreifen soll. „Maßnahmen ergreifen wir nur unter zwei Bedingungen“, erläutert Denstedt. „Zum einen, wenn Menschen für die Verletzungen verantwortlich sind, etwa wenn ein Gorilla in eine Falle geraten ist. Zum anderen, wenn wir der Ansicht sind, dass das Tier ohne Hilfe sterben würde.“ Die Gorilla Doctors befreien die Tiere aus Fallen und versorgen die durch diese verursachten Wunden. Abgesehen davon behandeln die Ärzte am häufigsten ernsthafte Atemwegsinfekte und Verletzungen, die durch Konflikte der Tiere untereinander entstehen. Die meisten dieser „Hausbesuche“ erledigen die vor Ort stationierten afrikanischen Tierärzte der Gorilla Doctors. Wenn jedoch Röntgen- oder Ultraschalluntersuchungen erforderlich sind, wird Denstedt hinzugezogen.

Ausschlaggebend für die Entscheidung, Buzinza zu behandeln, war dass Buzinza seit einigen Tagen den rechten Arm nicht benutzte. Normalerweise wäre eine solche Verletzung kein Grund für ein Eingreifen. Doch Buzinza schien es immer schlechter zu gehen. Das Team vermutete, dass es noch eine weitere Ursache geben musste. Falls sie starb, würde ihr Junges höchstwahrscheinlich auch sterben, da es noch gesäugt wurde.

Einsatz im Gorilla-Wald

Denstedt und Dr. Mike Cranfield, der damalige Co-Leiter der Gorilla Doctors, packten die medizinischen Hilfsmittel zusammen, die sie zur Behandlung von Buzinzas Arm brauchten, darunter Instrumente für eine mögliche Operation. Es dauerte eine Woche, bis ein tragbares Röntgengerät aus der Demokratischen Republik Kongo geliefert wurde. Dann stellten sie ein Team zusammen. Als sie Buzinza und ihr Junges am zweiten Tag der Suche gefunden hatten, lud einer der Tierärzte einen Betäubungspfeil in seine Luftpistole und schlich sich vorsichtig an Buzinza heran.

Buzinza zuckte zusammen, als der Pfeil sie traf. Sie brüllte, sackte aber schnell zu Boden. Ihr Junges schien weder durch den plötzlichen Schlaf der Mutter noch durch die Menschen, die zwischen den Bäumen hervortraten, beunruhigt zu sein. Das Kleine schaute den mit Mundschutz und Handschuhen bewehrten Ärzten ein paar Minuten lang zu, ehe es das Interesse verlor und weglief. Sie hätten Glück gehabt, meint Denstedt. Oftmals geraten Gorillababys in Panik und schreien, wenn ihre Mütter bewusstlos werden, was die ganze Gruppe in Aufruhr versetzen kann. Deshalb müssen die Jungen manchmal ebenfalls betäubt werden. Misstrauische Silberrücken (die erwachsenen männlichen Gorillas) können sogar noch mehr Probleme bereiten. Manchmal versuchen sie, ihre schlafenden Verwandten zu beschützen, und bedrohen die Tierärzte. Deshalb bilden Träger und Spurensucher einen schützenden Ring um die Tierärzte. An jenem Tag jedoch zeigte sich die gesamte Rushegura-Gruppe ebenso unbeeindruckt von den Ärzten wie Buzinzas Junges.

Obwohl Denstedt darin geschult ist, sich ganz auf ihre Arbeit zu konzentrieren, ist es für sie unmöglich, keine emotionale Bindung zu den Tieren aufzubauen. Die Tierärztin erzählt, dass sich junge Gorillas häufig an einen Spurensucher heranschleichen, dessen Bein berühren und dann wegrennen, als würden sie ein Spiel spielen. Da Gorillas Menschen nicht so nahe kommen sollen, imitieren die Spurensucher die Gorillasprache und „grunzen“ die Tiere an, damit sie den Unsinn sein lassen. Doch genau wie ungezogene Kinder ignorieren einige die Ermahnung und schleichen sich immer wieder an.

Beeindruckende Intelligenz

Manchmal scheinen die Gorillas sogar zu spüren, was die Ärzte beabsichtigen. Im September 2017 verfing sich das Jungtier Mayani n der Fangschlinge eines Wilderers. Spurensuchern gelang es, Mayani freizuschneiden. Trotzdem wurden die Gorilla Doctors gerufen, um ein Nylonseil zu entfernen, das eng um das Handgelenk des Jungtiers geschlungen war. Als das Einsatzteam einen Betäubungspfeil auf Mayani abschoss, wurden die Männchen der Gruppe aggressiv. Doch der dominierende Silberrücken gab seinen Artgenossen zu verstehen, dass sie ruhig bleiben sollten, bis das Ärzteteam die Schlinge entfernt hatte. „Tiere verfügen über eine Art von Intelligenz, die wir vielleicht niemals entschlüsseln werden“, so Denstedt. „Da bekommt man Gänsehaut.“

Während die Mitglieder von Buzinzas Gruppe weiterfraßen, hievte das Einsatzteam die schlafende Gorilladame auf eine Plane und untersuchte sie. Am verletzten Arm des Gorillas bemerkte Denstedt eine entzündete Bisswunde. Die Tierärztin vermutet, dass Buzinza sich mit einem anderen Mitglied der Gruppe gerauft hatte. Sie spülte die Wunde aus. Anschließend wurde Buzinzas verletzter Arm geröntgt. Auf dem Bild bestätigte sich, dass kein Bruch vorlag. Stattdessen litt Buzinza an einer Knochenmarkentzündung, verursacht durch eine Infektion infolge des Bisses. „Das ist ein äußerst kritischer Zustand“, erklärt Denstedt. Ohne Behandlung würde Buzinza wohl an einer Blutvergiftung sterben. Die Behandlung dauerte etwa eine Stunde. Die Gorilla Doctors verabreichten Buzinza Injektionen mit Antibiotika, Vitaminen und entzündungshemmenden Mitteln. Anschließend gaben sie ihr ein Mittel gegen das Anästhetikum und sahen zu, wie sie langsam zu sich kam. Als die Gorilladame in der Lage war, sich sicher zu bewegen, ließen sie Buzinza allein, damit sie zu ihrer Familie zurückkehren konnte.

Was die Schutzmaßnahmen bewirken

Die intensiven Schutzmaßnahmen der Gorilla Doctors zeigen Wirkung. Eine Studie aus dem Jahr 2011 ergab, dass habituierte Gorillagruppen, die veterinärmedizinisch behandelt wurden, doppelt so hohe Bestandszuwächse verzeichneten wie Gruppen, die sich selbst überlassen waren. Insgesamt nimmt die Population wieder zu. 2016, bei der letzten Zählung der Berggorillas im Virunga-Massiv, wurden mehr als 600 Tiere erfasst – das sind 124 mehr als 2010. Zusammen mit den geschätzten 400 Tieren im Bwindi-Nationalpark ist die Population der Berggorillas damit erstmals über 1000 gestiegen. Im November 2018 stufte die Weltnaturschutzunion IUCN den Status der Berggorillas von „stark gefährdet“ auf „gefährdet“ herab – ein weiteres Zeichen für den Erfolg. Buzinza wurde in den folgenden fünf Wochen von Spurensuchern und Tierärzten weiter beobachtet und mit Antibiotikapfeilen behandelt. Allmählich erholte sie sich. „Wir haben keine Röntgenaufnahmen des Armes nach der Behandlung, sodass ich nicht weiß, wie der Knochen jetzt aussieht, aber Buzinza geht es deutlich besser“, berichtet Denstedt. „Sie kann sogar wieder klettern.“ Buzinzas Behandlung bleibt ein Ansporn für Denstedt und erinnert sie daran, was sie und die Gorilla Doctors bewirken können.


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