Konstanze Henschel
© Jens Nieth
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Helden des Alltags

Pfarrerin geht dazwischen: keine Gewalt gegen Frauen!

Ein Mann schlägt auf eine Frau ein. Pfarrerin Konstanze Hentschel geht dazwischen.

Ausgabe: März 2020 Autor: Annette Lübbers

Konstanze Hentschel freut sich auf einen schönen Abend. Zusammen mit ihrem Mann will die Pfarrerin und Krankenhausseelsorgerin aus Hamm erst in ihrem Lieblingslokal Pizza essen und danach im Kino einen Film ansehen. Das Ehepaar stellt seinen Wagen auf einem Parkplatz in der Dortmunder Nordstadt ab, schlendert dann die Münsterstraße hinunter. Kinder spielen auf dem breiten Bürgersteig, vor einem Eiscafé sitzen Männer und trinken Kaffee. Ein paar Schritte weiter steht eine etwa 20 Jahre alte Frau mit einer Zigarette in der Hand auf einem Blumentrog. Sie trägt enge Jeans und ein buntes Oberteil und unterhält sich mit einer Gleichaltrigen. Sie gestikuliert lebhaft, immer wieder bricht sie in lautes Lachen aus. „Na, die haben aber Spaß, die zwei“, denkt sich die Pfarrerin und bummelt mit ihrem Mann an den fröhlichen jungen Frauen vorbei.

Weit sind die Hentschels noch nicht gegangen, als hinter ihnen ein gellender Schrei ertönt. Eine Frau, die wenige Meter vor den Hentschels geht, fährt blitzschnell herum. Konstanze Hentschel sieht wie die Frau die Augen aufreißt, dann sprintet sie schon an ihnen vorbei, in die Richtung, aus der sie und ihr Mann gekommen sind. Alarmiert wendet sich auch das Ehepaar um. Die junge Frau mit der Zigarette steht jetzt nicht mehr auf dem Blumentrog, sondern an einer Hauswand. Und sie wird von einem Mann bedrängt: Er ist um die 30, hat schütteres Haar und trägt Hose und Pullover – beides sauber und adrett. Gerade holt er mit der Rechten aus, schlägt der jungen Frau seine geballte Faust ins Gesicht. Blut spritzt, die Angegriffene bricht zusammen!

Der Täter tritt auf die Frau ein

Die Pfarrerin hat genug gesehen: „Ich dulde keine Gewalt gegen Frauen“, schreit sie laut und läuft los. Ihr Mann folgt ihr. Nach 28 Jahren Ehe weiß der Feuerwehrmann, dass in einer solchen Situation nichts und niemand seine Frau aufhalten kann. Derweil tritt der Täter auf sein Opfer ein. Wieder und wieder. Dann beugt er sich hinunter, schlägt erneut mit der Faust zu. Die Passantin, die als Erste reagiert hat, erreicht den Tatort. Sie versucht, die junge Frau unter dem Angreifer hervorzuziehen. Vergeblich. Stattdessen prügelt der Mann nun auch auf sie ein.

Dann ist Konstanze Hentschel da. Sie packt den Tobenden an der Schulter. Reißt ihn hoch. „Sie lassen sofort diese Frauen los und hauen ab! Ich dulde keine Gewalt gegen Frauen“, schreit sie ihn an. Ein, zwei Sekunden ist der Schläger noch ganz auf seine Opfer fokussiert, aber dann blickt er Hentschel doch ins Gesicht. Wut und Aggression verzerren seine Züge. Kurz scheint er zu überlegen, ob er sich nun auch mit ihr anlegen soll. Doch etwas an der Pfarrerin scheint ihn einzuschüchtern. Ist es der wütende Blick der 54-Jährigen? Der Angreifer weicht zurück. Hentschel folgt ihm. Und mit jedem Schritt, den sie vorwärts geht, geht der Mann einen zurück. Plötzlich steht ein älterer Mann neben dem Täter und redet beruhigend auf ihn ein. Hentschel versteht die Sprache nicht, aber die Gefahr scheint gebannt. Sie dreht sich um. Die Angegriffene und die Frau, die ihr zu Hilfe gekommen ist, haben sich aufgerappelt. Der jungen Frau läuft Blut aus der Nase und von der Lippe. Einige männliche Passanten sind stehen geblieben. Einer von ihnen sagt: „Wir haben die Polizei  gerufen. Die müsste gleich hier sein.“

„Können Sie den Täter identifizieren?“

Fast unbemerkt schiebt der ältere Herr den Täter in Richtung eines Schmuckladens. Kaum sind die beiden darin verschwunden, fährt ein Streifenwagen vor. Zwei Beamte steigen aus und beginnen die beiden Frauen zu befragen, die Opfer der Attacke wurden. Dann trifft auch der Rettungswagen ein. „Wunderbar“, sagt Konstanze Hentschel zu ihrem Mann, der die ganze Zeit – unbemerkt von ihr – als Verstärkung hinter seiner Frau gestanden hat. „Dann können wir ja jetzt endlich Pizza essen gehen.“ Die beiden sind nur wenige Schritte gegangen, als einer der beiden Polizisten hinter ihnen hereilt. „Können Sie den Täter identifizieren?“, fragt er. „Die Männer in dem Laden widersprechen einander.“ Natürlich kann Konstanze Hentschel das.

Nach dem Essen trifft das Ehepaar auf der Straße die beiden misshandelten Frauen wieder. Ob diese dort auf sie gewartet haben oder die Polizei eben erst mit der Befragung fertig geworden ist, weiß Konstanze Hentschel nicht. Die Blessuren in den Gesichtern der beiden Frauen sind deutlich zu sehen. „Ich danke Ihnen sehr“, sagt die junge Frau, „ohne Sie wäre es wohl noch viel schlimmer geworden.“ Konstanze Hentschel winkt ab. „Das habe ich gern getan. Mir ist es einfach wichtig, dass wir einander würde- und respektvoll behandeln“, erklärt sie.

Warum der Täter die junge Frau angegriffen hat, ob Täter und Opfer in einer Beziehung zueinander standen, hat Hentschel nie erfahren. Was ihr zu Ohren kam, empört die Mutter von drei erwachsenen Kindern allerdings noch heute. „Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren wegen fehlenden öffentlichen Interesses eingestellt.“


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