Raubüberfall! Blitzschnell reagiert
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Raubüberfall! Blitzschnell reagiert

Ein Räuber überfällt eine Tankstelle. Zwei Freunde stellen ihn.

Ausgabe: Mai 2018 Autor: Annette Lübbers

Bülent Gökçeoglu hat es eilig. Vor ein paar Stunden hat der Kfz-Mechatroniker aus der westfälischen Stadt Schwerte einen Anruf seiner Freundin erhalten. Nach einem Autounfall wurde sie ins Krankenhaus in Siegen eingeliefert – etwa 100 Kilometer von Schwerte entfernt. Doch in der Werkstatt, in der Gökçeoglu arbeitet, war so viel zu tun, dass der 21-Jährige nicht sofort losfahren konnte. Erst gegen 18.30 Uhr bricht er auf. Der Tank seines Kleinwagens ist fast leer, deshalb führt Gökçeoglu erster Weg zur Tankstelle. Wie immer wählt er die direkt hinter der Unterführung beim Schwerter Bahnhof. Und wie fast immer stellt er sein Auto an die Zapfsäule Nummer drei. Deren Anzeige zeigt gerade fünf Euro, als Gökçeoglu sieht, wie ein Mann in einem schwarzen Strickpullover aus dem Verkaufsraum der Tankstelle kommt. Im Laufschritt, und doch seltsam unsicher auf den Beinen.

Im Rennen zieht sich der Mann etwas Dunkles vom Kopf.

„Seltsam“, denkt Gökçeoglu. „Was ist denn mit dem los?“ Zwei, drei Sekunden später erscheint die Verkäuferin in der Tür. Aufgeregt ringt sie die Hände. „Hilfe! Das ist ein Überfall“, ruft sie. Gökçeoglu kennt die Frau von seinen regelmäßigen Einkäufen hier. Panik liegt in ihrer Stimme. Vor wenigen Augenblicken noch hat der Täter sie mit einem Messer bedroht! Jetzt rennt er an der Waschstraße vorbei, biegt dann in einen schmalen Weg hinter der Tankstelle. Gökçeoglu zögert keinen Augenblick und sprintet hinterher.

Auf der anderen Straßenseite kommt in diesem Moment Yunus Emre Aydin vorbei.

Der 19-Jährige ist auf dem Weg zum Döner-Restaurant der Familie, um seinen Vater abzulösen. Seit der Grundschule ist Aydin mit Gökçeoglu befreundet. Er sieht, wie sein Freund überstürzt die Tanksäule verlässt. „Da stimmt doch was nicht. Was ist da los?“, denkt er und bleibt stehen. Inzwischen ist der Fliehende auf dem schmalen Weg bei einem alten Mountainbike angekommen. Ob das Fahrrad zufällig hier am Maschendrahtzaun lehnt oder ob der Mann es als Fluchtfahrzeug abgestellt hat, wird Gökçeoglu nie erfahren. Er weiß auch nicht, dass der Räuber bewaffnet war und das Messer eben erst ins Gras hat fallen lassen.

Der Räuber schwingt sich aufs Fahrrad

Gerade als der große, kräftige Mann – Bülent Gökçeoglu schätzt ihn auf etwa 100 Kilogramm – sich aufs Fahrrad schwingt, holt der 21-Jährige ihn ein. Wild mit den Armen rudernd schlägt der Mann nach ihm. Gökçeoglu hat früher Kampfsport betrieben. Er schlägt zurück. Der Mann strauchelt, fällt vom Fahrrad, kommt wieder hoch, drängt sich an Gökçeoglu vorbei, ruft: „Du kriegst mich nicht.“ Dann rennt er zurück zur Straße, sprintet in den Tunnel der Eisenbahnunterführung. Dicht gefolgt von Gökçeoglu.
Als die beiden wieder in Yunus Emre Aydins Sichtfeld auftauchen, eilt dieser seinem Freund zu Hilfe. Er spurtet los, quer über die Straße in den Tunnel. Zufällig kommt in diesem Moment gerade kein Auto – ungewöhnlich auf der stark befahrenen Straße. Beim Versuch über die Leitplanke zu springen, stürzt der Räuber. Gökçeoglu hat ihn! Auch Aydin ist nun da. Er packt den Mann von hinten. Alkoholdunst steigt ihm in die Nase. „Lasst mich. Ich hab doch gar nichts gemacht“, jammert der Räuber. „Doch, hast du!“, erwidert Gökçeoglu grimmig. Er ist wütend. Schließlich wollte er längst auf der Autobahn sein.

Gemeinsam ziehen die beiden Freunde den Mann auf die Füße.

Sie schieben ihn zurück zur Tankstelle. Dort fährt gerade ein Polizeiauto auf den Hof. Zwei Beamte springen heraus. Aydin und Gökçeoglu lassen den Dieb los. Jetzt muss sich die Polizei um ihn kümmern. Ein zweiter Streifenwagen fährt vor. Die beiden Freunde geben ihre Personalien an, dann geht Bülent Gökçeoglu schnell noch in die Tank­stelle und bezahlt seinen Sprit. Gegen 19 Uhr ist er endlich auf dem Weg nach Siegen ins Krankenhaus. Glücklicherweise stellt sich dort heraus, dass seine Freundin beim Unfall am Nachmittag mit dem Schrecken davongekommen ist.

Am nächsten Tag, dem 10. Okto­ber 2017, wird Gökçeoglu auf die Polizeiwache gerufen, um den Tat­hergang zu Protokoll zu geben.
Dort erfährt er auch, dass der Täter ursprünglich bewaffnet war. „Wie kann man einen anderen Menschen mit einem Messer bedrohen, um an Geld zu kommen? Und dazu noch eine Frau!“, sagt der mutige Retter und schüttelt den Kopf. „Ich würde jederzeit wieder helfen!“

 


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